Aus dem Notizen-Archiv: Islam
August 31st, 2010Bemerkung zum Islam (1) (2001)
Bemerkung zum Islam (2) (2001)
Bart Ehrman
August 30th, 2010God’s Problem. How the Bible Fails to Answer Our Most Important Question - Why We Suffer (HarperOne)
Über Bart Ehrman schrieb ich an dieser Stelle schon öfters, ist er doch einer der lesenswertesten Relgionskritiker und Bibelwissenschaftler (im richtigen Sinn des Wortes). In God’s Problem nimmt er sich des in der Tat größten Problems an, das nicht nur die christliche Religion dem denkenden Menschen stellt: Wie passt das monotheistische Gottesverständnis mit dem Leiden auf der Welt zusammen? Die Theodizee steht also im Mittelpunkt.
Ehrman beleuchtet das Problem und die traditionellen Erklärungen aus vielen Perspektiven. Er beschäftigt sich besonders ausführlich mit den diversen Rechtfertigungsversuchen des Leidens im Alten und Neuen Testament. Davon gibt es eine ganze Reihe und für den Bibelfesten ist es keine Überraschung, dass diese widersprüchlich sind. Nebenbei ist das Buch auch eine Art Weltanschauungs-Biographie, da Ehrman keinen Hehl daraus macht, dass es nicht zuletzt das Theodizeeproblem war, das ihn vom Glauben abbrachte. Zusätzlich zu seiner in anderen Büchern ausführlich dokumentierten Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments.
Wer sich für Religionskritik interessiert und nachlesen will, wie klassische theologische Erklärungen hier ins Leere laufen, der wird God’s Problem mit Gewinn lesen.
Karl-Markus Gauß
August 28th, 2010Im Wald der Metropolen (Paul Zsolnay Verlag)
Das Ungewöhnliche am neuen Buch des Karl-Markus Gauß zeigt sich bereits daran, dass es kaum möglich ist, passende Notizen-Kategorien dafür zu finden. Ohne Zweifel handelt es sich um ein herausragendes Werk der Gegenwartsliteratur. Es ist aber so dicht versehen mit interessanten Einsichten zur europäischen Kultur- und Literaturgeschichte, um nur zwei Gebiete zu nennen, dass sich die zusätzliche Klassifikation als Sachbuch ebenfalls aufdrängt.
Gauß ist seit vielen Jahren als reisender Berichterstatter über entlegene (mittel)europäische Kulturen und Regionen bekannt. Er rückt das scheinbar Ferne so in den Blick des Lesers, dass sich überraschende Bezüge zur eigenen Gegenwart herstellen. Das Periphere und Randständige rückt plötzlich ins Zentrum und man erkennt, wie oberflächlich und ärmer Europa ohne diese Minderheiten wäre.
Im Wald der Metropolen geht Gauß nun einen großen Schritt weiter: Er verknüpft die auf seinen Reisen gemachten Erlebnisse und Einsichten mit autobiographischen Aspekten, kulturgeschichtlichen Begebenheiten, literarischen Portraits und weiteren Zutaten zu einer neuen Buchform. Zumindest wäre mir kein vergleichbares Werk bekannt. Die Besonderheit liegt auch in der vielschichtigen Verknüpfung der einzelnen Ebenen. Auf den ersten Blick besteht das Buch aus zahlreichen mehrseitigen Abschnitten. Schon bei der ersten Lektüre stellt man aber fest, dass die einzelnen Teile wie Takte in einer Komposition funktionieren. Sie gehen nicht nur inhaltlich meist elegant ineinander über und sind quer durch das Buch durch wiederkehrende Motive und Themen strukturell verbunden, auch stilistisch gibt es einen sehr engen Zusammenhalt. Jede Digression ist sorgfältig eingefügt.
Gleichzeitig wird - wie bei einem Mosaik - durch die einzelnen Bausteine eine umfassende Geschichte erzählt, die auf einer viel abstrakteren Ebene spielt als es zuerst den Anschein hat. Gauß liefert dem Leser Anhaltspunkte für eine Kulturgeschichte (Mittel-)Europas samt deren Einbettung in einen größeren historischen Kontext, indem er teils höchst entlegene, teils bekanntere Begebenheiten erzählt. Er liefert systematische Denkanstöße, die sich im Bewusstsein des Lesenden zu einer europäischen Geschichte formen können, wenn er seine eigenen Kenntnisse mit einbezieht. Gauß schmeichelt seinen Lesern, indem er sie implizit für so intelligent erklärt, dass sie seinem Anliegen auch ohne didaktische Fingerzeige zu folgen vermögen.
Trotz dieses Überbaus liest sich das Buch unterhaltsam und geistreich: man muss ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Speziell auf ihre Kosten kommen auch Liebhaber literarischer Raritäten. Gauß liefert eine Fülle von anregenden literarischen Portraits. Einige kannte ich nur dem Namen nach, andere gar nicht. Schon während der Lektüre habe ich Antiquariate nach diversen Titeln durchstöbert und auch einige bestellt. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt sich auf dreihundert Buchseiten unterbringen läßt.
Gerd Haffmans über Samuel Pepys
August 15th, 2010Im Februar berichtete ich in einer Notiz über das ambitionierte Projekt, die berühmten Tagebücher des Samuel Pepys (1633-1703) erstmals komplett auf Deutsch herauszugeben. Links auf Detailinformationen über die Ausgabe finden sich dort.
Anläßlich des bevorstehenden Erscheinungstermins, äußert sich Gerd Haffmans nun in einem ausführlichen Gespräch mit dem Buchmarkt über die Hintergründe dieser Edition:
Bitte, wer mit Bändchen wie “Tafeln mit Goethe”, “Kegeln mit Kant” oder “Nicht-ganz-bei-Trost bei Bohlen“ sein Genüge findet, dem reicht vielleicht “Peepen mit Pepys”, das kann er nämlich auch. Nein, erst der ganze Pepys erzählt den Roman seines Lebens. Mit dieser Einsicht in mehr wuchs die Lust aufs Ganze. Was dieses Tagebuch so einzigartig macht, ist
erstens die einmalige, zuweilen geradezu grausame Ehrlichkeit, zweitens die Regelmäßigkeit und Dauer: kein Tag ohne Eintrag – und das zehn Jahre lang, und schließlich das hemmungslose Mitteilungsbedürfnis eines intelligenten, wachen und vergleichsweise vorurteilslosen Autors.
Bibliothek: Neuzugänge
August 11th, 2010Slaters neue Dickens-Biographie wird von den Rezensenten sehr gelobt. Von Karl-Markus Gauß lese ich alle Bücher. Bei Castiglione hat mich die deutsche Ausgabe seines berühmten Renaissance-Klassikers interessiert. Das Buch über John Milton soll die interessante Beschäftigung mit diesem Klassiker fortsetzen.
John Milton (1608-1674)
August 7th, 2010Paradise Lost. Zweisprachig. (2001)
Areopagitica. A speech for the liberty of unlicensed printing to the parliament of England. Zweisprachig. (2001)
Paradise Lost erschien 1667 und ist einer der englischen Klassiker. Milton setzte sich ein unbescheidenes Ziel: Die Darstellung des Sündenfalls samt Vertreibung aus dem Paradies in einem Großepos. Damit stellte er sich in die Tradition von Dantes Göttlicher Komödie. Es geht nichts über ein gesundes Selbstbewusstsein unter Autoren!
Angelegt ist das Epos in zwölf Büchern und bezieht auch die Vorgeschichte des Sündenfalls mit ein: Den Sturz Satans hinab in die Hölle nach einer großen Himmelsschlacht sowie das Schmieden und Ausführen seines Racheplans. Satan ist es, der Paradise Lost in erster Linie zu einer faszinierenden Lektüre macht. Milton schuf mit dieser Figur einen der großen Bösewichte der Weltliteratur. Er tritt in die Fußstapfen der fulminanten Widerlinge bei Shakespeare, wo in erster Linie Iago zu nennen ist. Ohne dessen nihilistische Monologe könnte man sich die rhetorisch brillanten Boshaftigkeiten von Miltons Satan kaum vorstellen. Ist Iagos Rachefeldzug dadurch motiviert, dass er sich von Othello zurückgesetzt fühlte, war bei Satan die Bevorzugung des Christus durch Gott das ausschlaggebende Motiv für die Rebellion. Satan dominiert das Epos literarisch auf vielen Ebenen, weshalb das Bonmot des Romantikers William Blake gar nicht so weit aus der Luft gegriffen ist, Milton sei “of the Devil’s party without knowing it” gewesen.
Strukturell sind die zwölf Bücher sehr geschickt angelegt. Nach einer kurzen Einleitung setzt die Handlung unmittelbar nach dem Höllensturz ein und gibt Satan damit schnell die Gelegenheit, sich rhetorisch in Szene zu setzen. Es folgt eine Höllenvollversammlung auf der die weitere Vorgehensweise kontrovers diskutiert wird. Auch vom Gerücht, dass es eine neue weitere Welt gäbe, wird gesprochen. Die Entscheidung: Satan soll sich alleine als Kundschafter auf den Weg machen, um die Topographie der neuen Lage zu studieren. Anfang des dritten Buches debattieren Gott und sein Sohn die Situation, danach darf der Leser Satan auf seinem Erkundungsgang begleiten. Milton beschreibt die Geographie der einzelnen Stationen ähnlich anschaulich wie Dante seine Höllenkreise, wenn auch weniger ausführlich. Vor dem Paradies angelangt setzt er nach kurzem Zögern seinen bösen Plan in Bewegung, der hinreichend bekannt ist, um ihn hier nicht wiederholen zu müssen. Angemerkt sei aber, dass Milton das dürre biblische Gerüst kongenial mit literarischer Wirklichkeit ausstopft.
Verglichen mit Satan verblassen Adam und Eva als literarische Figuren. An Miltons Darstellung der Eva werden nicht nur Frauen heute keine große Freude mehr haben. Sie können sich aber mit dem dümmlichen Gehabe Adams leicht trösten. Ab dem fünften Buch greift Milton zu umfangreichen Rück- und Vorblenden, die er so souverän und ästhetisch durchdacht einsetzt, dass mir vor Paradise Lost kein ähnlich perfekt konstruiertes nachantikes Werk bekannt wäre. Als Mittel zum Zweck dienen meist eingeschobene Erzählungen, die Adam aufklären oder trösten sollen.
Wer sich für Klassiker der Weltliteratur interessiert, sollte das Epos auf jeden Fall auf seine Leseliste setzen.
Als Abrundung und um Milton besser kennenzulernen, las ich noch dessen Schrift gegen die damals in England geplante Buchzensur. Es ist die erste Antizensur-Publikation dieser Art. Wer nur Paradise Lost kennt, könnte bei oberflächlicher Lektüre auf die Idee kommen, Milton sei ein bigotter Mensch. Nun war er zwar ein überzeugter Protestant mit teils sehr unorthodoxen Ansichten, aber gleichzeitig auch einer der großen Liberalen seiner Zeit. Wortreich führt er in der Areopagitica aus, welche schädlichen Folgen die Zensur auf das geistige Leben Englands hätte. Er argumentiert gegen sie aus unterschiedlichsten Perspektiven, von der Unpraktikabilität der Implementierungen angefangen über die Notwendigkeit “seinen Feind” kennen zu müßen bis hin zu historischen Präzedenzfällen. Auch patriotisches Gedankengut wird bemüht. Sehr amüsant zu lesen ist seine Empörung über Platons staatsphilosophische Ansichten, die bekanntlich ein Verbot der Literatur beinhalten.
Milton scheint eine sehr interessante Persönlichkeit gewesen zu sein. Eine Biographie ist bereits bestellt.
Klimawandel
August 4th, 2010Als Skeptiker verfolgt man die Klimawandel-Debatte insofern aufmerksam als man nicht einer Hysterie aufsitzen will, die so gerne von den Medien geschürt wird. Nicholas Stern scheint mir aber gute Argumente bei der Hand zu haben, warum man politisches Handeln in dieser Frage nicht mehr auf die lange Bank schieben soll:
At the same time, we must recognize that predictions must be in terms of risks, uncertainties, and probabilities. There is uncertainty about future emissions, about the possibilities of absorption of greenhouse gases by the land, forests, and oceans, about the magnitude of warming from changes in greenhouse gas levels, and about the effects on local climates around the world. The issue for policy is how to manage risk, taking account of strong scientific evidence that the risks are potentially very large. These are not small probabilities of something nasty, but large probabilities of something catastrophic.
To deny the urgency of strong action in the face of all the evidence is unscientific, irrational, and dangerous. It is unscientific because it dismisses sound science and evidence built over a long period. It is irrational because such denial would require more than just querying some aspects of the science. It would require great confidence both that the scientific findings are wrong and that the risks are small, since the consequences of being mistaken in assuming that the science is right or that it is wrong would be very different.
Acting as if the scientific evidence were wrong would lead us to concentrations of carbon dioxide carrying immense risks if the science were right. Acting as if the scientific findings were right might lead us to excessive investment in developing low-carbon technologies and protecting forests if the findings turned out to be wrong; but these actions are nevertheless likely to have very substantial other benefits in energy security, energy efficiency, biodiversity, and so on. Finally, denying the urgency of strong action is dangerous because the process by which emissions become concentrated has a ratchet effect, and delay in action results in higher concentrations and a more difficult “starting point.”
There is much more scientific work to do, and many uncertainties are likely to remain, but the evidence is overwhelming that the risks are large and that delay will be dangerous. The weight of this theory and evidence is no doubt why those who deny that greenhouse gases cause climate change have to resort to tactics similar to those used a few decades ago to dispute the impact of smoking on health. One such tactic is to find one or two weak or erroneous scientific papers among the many thousands of good ones and use them as an implied smear on all the rest. Another is to make use of the irrational argument that the remaining uncertainties imply that the best hypothesis is to assume that the risks are negligible. Another is to try to deliberately confuse trends and cycles. There will be cycles and random events but the underlying trend is strong. And as in the case of smoking, there are powerful vested interests ready to fund the sowing of the seeds of doubt.
(Quelle: New York Review of Books No. 11/2010)
Buchgeschichte und Aufklärung
August 3rd, 2010Ab 1723 ist eine Aufsehen erregende Buchreihe erschienen: Religious Ceremonies of the World in sieben Bänden. Nicht zum ersten Mal wurde die unterschiedliche Religionspraxis zum Thema gemacht, zum ersten Mal aber in dieser hohen Qualität. Es sind nun zwei Bücher erschienen, die sich ausschließlich mit dieser Buchreihe beschäftigen:
Lynn Hunt; Margaret C. Jacob; Wijand Mijnhardt: The Book That Changed Europe. Picart and Bernard’s Religious Ceremonies of the World (Harvard University Press)
Lynn Hunt; Margaret C. Jacob; Wijand Mijnhardt: Bernard Picart and the First Global Vision of Religion (Getty Research Institute)
Anthony Grafton schrieb eine ausführliche Rezension für die New York Review of Books (kostenpflichtig).
Neulich im MUMOK
August 2nd, 2010The Moderns: Revolutions in Art and Science 1890-1935 (bis 23.1.)
Brigitte Kowanz: Now I see (bis 3.10.)
Man sollte meinen, in einer Kulturstadt wie Wien wäre hinlänglich Kompetenz vorhanden, um den Bezügen zwischen Naturwissenschaften und der modernen Kunst nachzugehen. Weit gefehlt! Die Ausstellung The Moderns strotzt vor Oberflächlichkeiten und Halbwahrheiten. Selbst Falschheiten findet man, etwa wenn auf einer Texttafel zu Einsteins spezieller Relativitätstheorie schnurstracks zu seiner berühmten Formel übergegangen wird. Die paar Zeilen zu Nietzsche sind zur Hälfte mit Biographischem gefüllt, als ob inzwischen nicht das letzte Schulkind wüßte, dass der Arme am Ende dem Wahnsinn verfallen ist. Man hätte die wenigen Zeilen vielleicht besser mit geistesgeschichtlicher Substanz angereichert, die über einige Schlagwörter hinausgehen.
Man könnte nun einwenden, ein so ambitioniertes Projekt könne ja nur an der Oberfläche kratzen. Man hätte aber zumindest an einigen Stellen exemplarisch in die Tiefe gehen können. Was man wissenschaftsgeschichtlich über die moderne Physik kolportiert, wird wissenschaftstheoretisch nicht reflektiert. Es wird jeweils die banalste Interpretationsmöglichkeit verwendet, also gedankliche Kurzschlüsse wie: Quantenphysik - Unschärfe - Beobachter - Abschied von der wissenschaftlichen Objektivität. Als ob es den handelnden Personen nicht um eine Beschreibung der Wirklichkeit gegangen wäre und als ob man Naturwissenschaften betreiben könnte, ohne das Ideal der Wahrheit im Hinterkopf zu behalten. Bücherregale zu diesem Thema wurden vollgeschrieben, aber offenbar von den Kuratoren nicht einmal angelesen.
Die den diversen wissenschaftlichen Themen wie “Energie” zugeordneten und ausgestellten Kunstwerke sind entweder mehr oder weniger willkürlich verteilt oder auch fragwürdig zugeordnet, etwa wenn man neue Raumkonzepte mit kubistischen Gemälden illustriert. Deren Formen ja meist mit euklidischer Geometrie gut beschreibbar wären und deren Zweidimensionalität in diesem Zusammenhang auch deplatziert ist.
Übrig bleiben die sehenswerten ausgestellten alten wissenschaftlichen Gerätschaften und die Kunstwerke, die auch ohne dem konzeptuellen Rahmen einen Besuch lohnen. Bedauerlich, dass eines der bekannteren Wiener Museen hier nicht zu mehr intellektuellem Niveau in der Lage war.
Die Lichtinstallationen der Brigitte Kowanz auf der anderen Seite sind sehr sehenswert. Ihr Ansatz ist originell, mit den Mitteln des Lichts auch semantische Fragestellungen zu reflektieren und Bezüge zur konkreten Poesie herzustellen. Gleichzeitig setzt sie ihr Konzept sehr ansprechend um, da die meisten ihrer Arbeiten das Prädikat “schön” im wörtlichen Sinn verdienen. Eine intelligente Augenweide.
Sir Walter Scott
August 2nd, 2010Der Economist stellt das neue Buch Stuart Kellys vor: Scott-land: The Man who Invented a Nation:
SIR WALTER SCOTT was a phenomenon. A poet whose first long poem, published in 1805, was such a success that he received an unprecedented advance of 1,000 guineas for his second, he was offered the post of poet laureate at the age of 42. At the time, an agricultural labourer would have earned about 40 guineas a year, yet Scott declined the honour, and turned to writing novels. These he produced at speed and in quantity: 27 in 18 years, compared with Charles Dickens’s 16 in 34, or George Eliot’s seven in 17. Many of Scott’s works were hugely popular; the first in the “Waverley” series, published anonymously, sold out in two days. He made a fortune from them, built a fairy-tale castle called Abbotsford in the Scottish Borders and, after his death in 1832, was commemorated in central Edinburgh by a colossal monument that would not have looked out of place on the launching pad of a 19th-century Cape Canaveral. […]
Mr Kelly suggests his real interest is not the author’s life but his afterlife, not the phenomenon itself, as it were, but the epiphenomenon. Yet his book is part biography, part literary criticism, part exploration of Scottish identity. It is also part journey of self-discovery. The bite-sized chapters jump from scholarly discussion of Scott’s works to apparently pointless descriptions of the author’s experiences in queues for cashpoints, references to current television shows, marginal figures like Jeffrey Archer and Alastair Campbell, and chatty stuff about his dad. The confusion of aims raises doubts about the seriousness of the endeavour, reinforced by the absence of footnotes and the inclusion of only a most inadequate index.
Gelesen im Juli
August 1st, 2010Schwerkraft
August 1st, 2010Filmcasino 25.7.
Regie: Maximilian Erlenwein
Es ist ein Aussteiger-Film der besonderen Art. Frederik Feinermann ist erfolgreicher Bankangestellter. Abgesehen von den üblichen Beziehungsproblemen führt er ein normales Leben. Das ändert sich schlagartig als sich einer seiner Kunden vor seinen Augen erschießt. Frederik hatte ihm einen Kredit angedreht, obwohl er wußte, dass der Arbeitslose ihn nie würde zurückzahlen können.
Als er Vince Holland wieder trifft, einen alten Bekannten, der die letzten Jahre im Gefängnis saß, entscheidet er sich, dessen “Lehrling” zu werden. Sie räumen nicht nur die Wohnungen seiner Bankkunden aus. Garniert ist das mit einer Schuld-und-Sühne-Geschichte mit Vince im Mittelpunkt.
Interessant ist, dass der Film zwischen allen Genres schwebt. Elemente der Komödie wechseln mit denen des Dramas, wobei letztere dominieren. Farblich ist der Film in blau/grauen metallischen Tönen gehalten. Erlenwein hat sich bei den filmischen Mitteln ausgetobt und mehr Ideen in den Film gepackt als eigentlich notwendig gewesen wäre. Aber bei Erstlingswerken ist das ein “klassischer” Fehler. Erlenwein drehte bisher vor allem Kurzfilme und einen Dokumentarfilm.
James Cleugh
Juli 31st, 2010Die Medici. Macht und Glanz einer europäischen Familie (Serie Piper, Restposten)
Als Vorbereitung meiner Toskana-Reise im Mai las ich auch James Cleughs Sammelbiographie über die Familie Medici. Das Buch setzt Ende des 13. Jahrhunderts ein und endet Mitte des 18. Jahrhunderts. Wobei der Schwerpunkt selbstverständlich auf der Renaissance liegt. Nach 500 eng bedruckten Seiten mit vielen Abbildung (leider alle schwarz-weiß), ist man gut informiert. Aber man legt die Monographie ohne Abschiedsschmerz aus der Hand. Cleugh gibt seinen gewaltigen Stoff solide und wohlgeordnet wieder. Ohne Zweifel beherrscht er das Metier des Sachbuchautors. Allerdings wird einem nichts darüber hinaus geboten. Weder reflektiert er die Historiographie, deren Teil er ist, noch stößt man auf stilistische Glanzleistungen. Kurz, es ist eine denkbar uninspirierte Angelegenheit. Trotzdem hat mich Cleugh mit einem umfassenden historischen Wissen für meine Reise ausgestattet, so dass ich von der Lektüre nicht abraten will.
Aus dem Notizen-Archiv: Sokrates
Juli 27th, 2010Inzwischen sind hier mehr als 2000 Notizen aus neun Jahren versammelt. Deshalb werde ich ab sofort in unregelmäßigen Abständen auf einige ausgewählte aus dem Archiv hinweisen, auf das sie neue Leser finden.
Sokrates enzyklopädisch (2001)
Tony Judt
Juli 25th, 2010Ill Fares The Land (The Penguin Press)
Seit vielen Jahren schätze ich den Historiker Tony Judt als Publizisten, der mir vor allem durch seine Artikel in der New York Review of Books bekannt ist. Seit einiger Zeit leidet er an einer seltenen Nervenkrankheit, so dass man sein jüngstes Buch unfreiwillig auch als eine Art politisches Vermächtnis liest.
Judt beschreibt den verbesserungswürdigen Zustand des Gesellschaftssystem in den westlichen Staaten. Sein Fokus liegt auf den USA und sein Anliegen ist nicht zuletzt Ideologiekritik. So stellt er ausführlich da, dass viele neoliberale Auffassungen, die bis vor kurzem in den USA den Status von quasireligiösen Weisheiten beanspruchten, vor nur wenigen Jahrzehnten selbst für Konservative unvorstellbar gewesen wären. Er untermauert dies mit ausgewählten Statistiken, die belegen, dass im Gegensatz zu den Jahren nach den zweiten Weltkrieg viele ökonomische Faktoren für die breite Mehrheit der Bevölkerung rückgängig sind. Die Überzeugung früherer Generationen, dass es den Kindern einmal besser gehen werde, sei bereits seit einiger Zeit empirisch nicht mehr belegbar.
Ein zweiter Gedankenbogen des Buches ist eine Rehabilitierung des Staates in wirtschaftlichen Angelegenheiten. Am Beispiel der britischen Eisenbahnen oder der Londoner Tube führt Judt die Unwirtschaftlichkeit und Asozialität vieler dieser Projekte vor Augen. Er plädiert für einen Staat, der sich um ausgewählte Belange seiner Bürger kümmert, ohne sich unnötig in deren Leben einzumischen. Aus europäischer Perspektive liest sich das alles wenig aufregend, denn trotz diverser Privatisierungsdummheiten ist es das Modell des europäischen Sozialstaates, das Judt seinen Lesern in den USA elaboriert näher bringen will.
Besonders erhellend sind seine Analysen über die soziointellektuellen Hintergründe von Friedrich von Hayek und Konsorten. Ill Fares The Land ist vor allem deshalb eine interessante Lektüre, weil es das vage Unwohlsein, das viele mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation empfinden, analysiert und in Worte fasst. Nennenswerte revolutionäre Einsichten findet man in dem Band nicht. Aber auch das ist eine gute Nachricht. Man könnte die Situation in vielen Ländern schon mit vergleichsweise kleinen Schritten verbessern. Eine Revolution wäre dazu gar nicht notwendig. Man müßte nur einige Konsequenzen ziehen, die bei einer nachdenklichen Betrachtung der Lage auf der Hand lägen.
Bibliothek: Neuzugänge
Juli 19th, 2010Kehlmanns Ruhm besorgte ich mir wegen des unten beschriebenen Twitter-Projekts. An der neuen Dante-Übersetzung Hartmut Köhlers kam ich selbstverständlich nicht vorbei. Dieser Rosendorfer wurde mir dringend von Bonaventura empfohlen. Zu Buch über Shakespeare mehr in dieser Notiz.
“Astrologie ist Unsinn”
Juli 18th, 2010So betitelt Astronom Florian Freistetter seinen lesenswerten Artikel über einen der größten Aberglauben unserer Zeit. Wer sich für Naturwissenschaften interessiert, sollte seine Beiträge regelmäßig lesen.
Sophia Tolstoy
Juli 18th, 2010Alexandra Popoff schrieb eine neue Biographie über Sophia Tolstoy, an der die Nachwelt bekanntlich kaum ein gutes Haar gelassen hat. In ihrer Rezension meint die New York Times:
What separates this biography from others is Popoff’s access to a trove of unpublished material, including a memoir and countless letters that have been locked away in a vault in Moscow. The memoir, in particular, adds rich detail to what has long been known about Sophia Tolstoy from her brilliant diaries, which were translated into English in the mid-1980s. We learn, for instance, that because her father had sired several children out of wedlock, Sophia feared she herself might not be legitimate. (To prove otherwise, she forced him to produce her birth certificate.) After learning more about her early years, one suspects that in marrying Tolstoy she was reproducing some unhappy but familiar family dynamics.
Über die Rolle des Schweinsbratens in der Literatur…
Juli 17th, 2010oder: Wie wichtig sind Details in Romanen?
Anlässlich unseres Twitter-Projekts im Theater Reichenau, entspann sich eine Diskussion, inwiefern die Korrektheit von Details für die Qualität von Literatur von Bedeutung sei. In 140-Zeichen-Tweets ließ sich diese Frage nicht ausdiskutieren, deshalb hier einige Gedanken dazu.
Über das Verhältnis von Fiktion und Realität wurden viele Bücher geschrieben. Neben viel Geschwurfel sind auch einige sehr instruktive darunter, nicht nur, aber vor allem von semiotischer und strukturalistischer Seite. Wie wichtig die Bodenhaftung von Literatur in der Wirklichkeit ist, hängt natürlich in erster Linie vom Genre ab. Viel Freiheit genießen hier Gattungen wie das Märchen oder Genres wie Fantasy. Ähnliches gilt für experimentelle Literaturformen aller Art. Hier können selbst logische “Grundgesetze” außer Kraft gesetzt werden, wie Harald Fricke in seinem vorzüglichen literaturtheoretischen Standardwerk Norm und Abweichung ausführlich demonstrierte.
Anders bei der Literatur, die man (etwas naiv) gerne als “realistisch” bezeichnet. Romane, welche man diesem Genre gerne zuschlägt, sind beispielsweise Gesellschafts- oder Zeitromane. Fontanes Effi Briest wäre ein prominentes Beispiel, Dickens Oliver Twist ein weiteres. Überhaupt kann man die meisten berühmten Romane des 19. Jahrhunderts in diese große Schublade packen. Die Erwartungshaltung der Leser ist bei diesen Büchern, dass sich der Autor an gewisse implizite Gesetzmäßigkeiten hält. Hätte Thomas Mann in einer seiner Erzählungen den Eiffelturm in München aufgestellt, hätten das seine Leser vermutlich nicht goutiert.
Wie funktioniert Literatur? Der Autor gibt seinem Leser semantische Markierungen mit auf den Weg, mit deren Hilfe sich der Leser seine fiktionale Welt zusammenbastelt. Das Ergebnis sieht je nach den kognitiven Voraussetzungen des Lesers unterschiedlich aus. Ein zeitgenössischer Thomas-Mann-Leser, der noch nie etwas von Paris gehört hätte, und auch München nicht gut kennt, würde sich durch einen Eiffelturm im Zentrum nicht gestört fühlen. Deshalb konstruiert man für solche Analysen besser eine Art “idealen Leser”, den man mit genügend Wissen ausstattet, damit eine hinreichend “mächtige” fiktionale Welt entstehen kann.
Auslöser unserer kleinen Debatte war der in Kehlmanns Ruhm in Zentralasien ständig servierte Schweinsbraten (siehe meine Rezension). Die meisten Leser Kehlmanns werden Zentralasien nicht kennen und dürften sich deshalb von dieser “falschen Wirklichkeit” nicht weiter gestört führen. Wer aber je diese Gegend bereiste, für den zerbröselt diese Fiktion, und er wird aus seinem realistischen Lesemodus heraus gerissen. In der Moderne übrigens ein durchaus gängiges narratives Verfahren.
Nun stellt sich spätestens hier die Frage: Ist Kehlmanns Ruhm “realistische” Literatur? Die Metafiktionalität spräche doch eigentlich gegen ein so “naives” Verständnis des Textes? Dieser Einwand greift aber zu kurz. Alle Geschichten des Romans setzen sich augenscheinlich intensiv mit der Gegenwart auseinander. Was hat der Autor nicht alles hinein gepackt: Aktive Sterbehilfe in der Schweiz, die Unerträglichkeit des Kulturinstitutstourismus, unsichere Fluglinien, Zwang zu unlogischen Flugbuchungen, inkompetente Call-Center-Angestellte, entführte Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Kulturkritik an schlechten Filmen durch Massenproduktion, korrupte afrikanische Minister, frustrierte Ex-Pats in Lateinamerika, indolente Beamte eines zentralasiatischen Staates, die Verseuchung des Buchmarkts mit esoterischen Publikationen…
Kurz: Der Roman ist vollgepackt mit praller “Wirklichkeit” und bezieht sein “oberflächliches” Funktionieren in erster Linie aus dieser Ebene. Der “ideale Leser” erwartet bei den meisten dieser Geschichten, dass die Fakten stimmen. Gegen Ende wird das zwar mit dem Unprofor-Fehler metafiktional aufgelöst, bei den anderen Geschichte ist diese Distanz aber semantisch “unterdeterminiert”. Es gibt zu wenige Signale selbst für den “idealen Leser”, dass ihm eine relativierende, antirealistische Lesart aufgedrängt würde.
Womit wir wieder beim fiktionalen Schweinsbraten angelangt wären. Die Wirkung der Geschichte beruht darauf, dass Maria in einem exotischen Land verloren geht. Ein emotionaler Effekt stellt sich für den Leser nur dann ein, wenn er in einem realistischen Erzählmodus liest. Läse er die Geschichte im metafiktionalen Modus, gäbe es keine Empathie für Maria. Die Geschichte würde nicht “funktionieren”. Der falsche Schweinsbraten zwingt einen wohl informierten Leser aus dem realistischen Lesemodus heraus und zerstört die literarische Wirkung ohne dass er einen ästhetischen Mehrwert dadurch hätte.