Joel and Ethan Coen: A Serious Man

Februar 7th, 2010

Filmcasino 24.1.

Mit ihrem neuen Film ist in den beiden Brüdern ein beachtlicher Wurf gelungen. Im Mittelpunkt steht der junge jüdische Physikprofessor Larry Gopnik, dessen Leben aus mehreren Gründen in die Krise gerät. Nicht nur will ihn seine Gattin verlassen, ein Student versucht ihn außerdem für eine gute Note zu bestechen. Die Karriere ist gefährdet. Sein exzentrischer Bruder Arthur ist bei ihm eingezogen und macht die Situation noch komplizierter.

Im Mittelpunkt steht allerdings die (autobiographische?) Auseinandersetzung mit dem jüdischen Milieu und vor allem der jüdischen Religion. Das wird schon zu Beginn klar: Der Film eröffnet mit einer komplett in Jiddisch gehalten Szene in einem Shtetl in der irrationale Kompenenten im Weltbild seiner Vorfahren in Szene gesetzt werden. Larry Gopnik sucht im Laufe seiner Lebenskatastrophe Rat bei diversen Rabbis, was zu einer ebenso komischen wie bitterbösen Abrechnung mit diesem Religionstheater gerät.

Die Schauspieler sind grandios gewählt und konfrontieren den Zuseher mit furiosen Skurilitäten. Der beste Film der Brüder seit vielen Jahren und eine uneingeschränkte Empfehlung.

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Februar 6th, 2010

Wiener Staatsoper 2.2.

Dirigent: Peter Schneider
nach einer Inszenierung
von: Otto Schenk

Feldmarschallin: Soile Isokoski
Baron Ochs: Kurt Rydl
Octavian: Michaela Selinger
Faninal: Oskar Hillebrandt
Sophie: Daniela Fally

Den Rosenkavalier könnte man als anspruchsvolle Antwort auf die zahlreichen Wiener Operetten bezeichnen. Musikalisch eine spannende Mischung aus moderner Klangsprache und vielen Anklängen an Melodien, die als klassisch “Wienerisch” gelten. Auch die Komplexität der Charaktere ist, bei allem Komödiantentum, weitaus größer als im Genre üblich ist, etwa bei der Marschallin. Deren ausführliche Kontemplation über die Vergänglichkeit wäre ein weiteres Beispiel für die Sonderstellung des Werks.

Musikalisch war der Abend erstklassig. Die Sängerinnen und Sänger agierten durchgehend auf hohem Niveau. Das erstreckte sich speziell bei Michaela Selinger und Kurt Rydl auch auf die schauspielerische Seite. Das Wiener Staatsopernorchester unter Peter Schneider hielt tapferer mit als an manchem anderen Abend.

Der Haken: Die Inszenierung wurde offenbar aus einem Opernmuseum importiert. Otto Schenks naturalistisches Bühnengeschehen ist nicht ohne Charme und Komik. Man hat aber trotzdem ständig das ungute Gefühl, ästhetisch im falschen Jahrhundert zu sitzen.

“Egyptology News”

Februar 2nd, 2010

So nennt sich nicht nur ein empfehlenswertes Blog zum Thema, sondern der Titel passt auch zu einer nützlichen Zusammenstellung von Quellen über das antike Ägypten eben dort.

Gelesen im Januar

Februar 1st, 2010
  • Michail Lermontow: Ein Held unserer Zeit (Suhrkamp)
  • Adalbert Stifter: Der Kondor; Der Hochwald (Aufbau Bibliothek)
  • Montaigne: Von der Kunst, das Leben zu lieben (Büchergilde Gutenberg)
  • André Thiele: Eine Welt in Scherben. Essays & Historien (VAT)
  • John M. Bowers: Western Literary Canon in Context (TTC Audio Lectures, 18h)
  • Adalbert Stifter: Die Mappe des Urgroßvaters (Aufbau Bibliothek)
  • Michail Lermontow

    Januar 31st, 2010

    Ein Held unserer Zeit (Suhrkamp)

    Lermontow hätte wohl einer der großen russischen Klassiker werden können, wäre er nicht schon mit 26 Jahren bei einem Duell ums Leben gekommen. Sein berühmtestes Buch erschien ein Jahr vor seinem Tod 1840 und übte einen großen Einfluss auf die russische Literatur aus.

    Es trägt in den modernen Editionen keinen Untertitel Roman. Angesichts der ebenso lockeren wie raffinierten Struktur des Buches eine plausible Entscheidung. Im Mittelpunkt steht der junge Offizier Pecorin, der im Kaukasus stationiert ist. Er eröffnet den Reigen “böser” Romanfiguren in der russischen Literatur. Nicht nur verschuldet er den Tod mehrerer Personen, er treibt auch eine Art menschliche Sozialexperimente mit den Gefühlen seiner Mitmenschen. Das Motiv scheint existenzielle Langeweile zu sein. Naturgemäß waren Teile der Intellektuellenzirkel in Petersburg und Moskau empört, während andere Lermontow als Literaturstar feierten.

    Verblüffend ist die Erzählperspektive (besser: -perspektiven). Pecorin wird von drei Erzählern beleuchtet. Zuerst erzählt der Stabshauptmann Maksim Maksimic dem fiktiven Herausgeber der Texte die Geschichte wie sich Pecorin in die sechszehnjährige Tochter eines tscherkessischen Fürsten verliebt, ihre Entführung organisiert, was schließlich im Tod des Mädchens und ihres Vaters endet. Dann tritt Pecorin selbst kurz auf und der Herausgeber beobachtet die herablassende Art wie er seinen ehemaligen Freund und Mentor Maksim behandelt. Der Hauptteil besteht aber aus Tagebuchaufzeichnungen Pecorins, die seinen komplexen Charakter natürlich am besten beleuchten und deren letzter Teil, das “Sozialexperiment”, die Hälfte des Buches einnimmt.

    Eine ebenso erfreuliche wie literaturgeschichtlich interessante Lektüre.

    Der neue Kindler

    Januar 30th, 2010

    Roman Bucheli hat sich für die NZZ die Neuauflage von Kindlers Literaturlexikon angesehen. Er bewertet das Großprojekt in seiner Rezension als eine “verlegerische, editorische und wissenschaftliche Grosstat”.

    Michelangelo

    Januar 27th, 2010

    Lebensberichte, Briefe, Gespräche, Gedichte (Manesse)

    Für eine wirklich intensive Beschäftigung mit der Kunstgeschichte fehlt mir leider die Zeit. Zwar besuchte ich inzwischen die wichtigsten Museen der Welt, aber man bräuchte für dieses weite Feld ähnlich viel Muße wie für die Beschäftigung mit der Weltliteratur.

    So greife ich mir als Notbehelf gerne zentrale Figuren der Kunstgeschichte heraus, um mich mit ihnen etwas ausführlicher zu beschäftigten. Pars-pro-toto-Ansatz als Notwehr gewissermaßen. Neben Rembrandt ist Michelangelo einer der Auserwählten.

    Dieser bei Manesse erschienene Band eignet sich ausgezeichnet dazu, sich einen Eindruck von der Persönlichkeit Michelangelos zu machen. Neben Auszügen aus den beiden wichtigsten zeitgenössischen Quellen (Condivi und Vasari) enthält er eine umfangreiche Briefauswahl. Sie zeigen Michelangelo von verschiedenen Seiten. Im Umgang mit seiner Familie, in Verhandlungen mit seinen Auftraggebern etc. Die Spannbreite seiner Verhaltensweisen ist enorm. Er kann hart und zornig werden, wenn es um seine Kunst geht. Er kann aber auch so überraschend bescheiden sein, dass es aus heutiger Sicht wie bestürzende Selbstunterschätzung wirkt.

    Es sind auch Auszüge aus Francisco de Hollandas Gesprächen über die Malerei abgedruckt. In ihnen äußert sich Michelangelo auch zu ästhetischen Fragen, etwa über die niederländische Malerei:

    Die Niederländer malen recht eigentlich, um das äußere Auge zu bestechen, entweder durch Dinge, die gefallen, oder durch solche, von denen man nichts Schlechtes sagen kann, wie Heilige oder Propheten. Oder sie malen Gewänder, Maßwerk, grüne Felder, schattige Bäume, Flüsse und Brücken und was sie ‘Landschaften’ nennen, und viele Figuren da und dort, und wiewohl dies alles gewissen Augen wohlgefällt, so fehlt darin in Wahrheit doch die echte Kunst, das rechte Maß und das rechte Verhältnis, die Auswahl und die klare Verteilung im Raum, und schließlich sogar Inhalt und Kraft. Doch malt man in anderen Gegenden vielleicht schlechter als in den Niederlanden. [S. 306f.]

    Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren

    Januar 24th, 2010

    Der Galiani Verlag hat ein mutiges Buch verlegt: Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren.

    Mutig ist das Konzept, versammelt es doch aus diversen Klassikern Berichte über wichtige historische Ereignisse. Herodot über Ägypten, Plinius über den Ausbruch des Vesuvs bis hin zu Enzensbergers Ach Deutschland aus dem Jahr 2000. Mutig ist ebenfalls Format und Preis: Der großformatige Wälzer kostet 85 Euro. Man bekommt aber sehr viel Buch für den Betrag. Eine ausführlichere Rezension folgt.

    Alle Notizen seit 2001 übertragen

    Januar 24th, 2010

    Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Umstellung der Notizen auf das Blogformat sind jetzt alle Einträge hier zu finden. Es ging im Jahr 2001 los und es sammelten sich inzwischen 1.970 Notizen an.

    ORF Radio-Symphonieorchester Wien

    Januar 23rd, 2010

    Konzerthaus 23.1.

    Dirigent: Bertrand de Billy
    Violine: Patricia Kopatchinskaja

    Richard Strauss: Till Eulenspiegels lustige Streiche op. 28 (1894-1895)
    Henri Dutilleux: L’arbre des songes / Konzert für Violine und Orchester (1985)
    Henri Dutilleux: Sur le même accord / Nocturne für Violine und Orchester (2002)
    Edgard Varèse: Amériques (1918?-1921/1927)

    Live hatte ich das ORF Radio-Symphonieorchester schon lange nicht mehr gehört. Angesichts dieses fulminanten Konzertabends ein Fehler. Kaum kommt es vor, dass ich einen Komponisten nicht kenne. So war ich sehr gespannt auf die beiden Violinwerke von Henri Dutilleux. Wäre man boshaft, könnte man sie als “Mainstream Neue Musik” bezeichnen. Man hörte die üblichen Klangfarben, die Musik ist aber ein gutes Stück von der Avantgarde entfernt. Das ist nun kein ästhetisches Verbrechen und Patricia Kopatchinskaja interpretierte den Solopart mit Verve.

    Varese klang beinahe provokanter und man kann sich die Zu-Mutung vorstellen, welche das Stück für das zeitgenössische Publikum darstellte. Nach dem ersten Weltkrieg konnte ein ernstzunehmender Komponist natürlich keine Operetten mehr schreiben. Vareses Musik erinnert an Mahlers monumentale Musik ergänzt durch das Chaos eines Weltkriegs.

    Strauss’ Till Eulenspiegel wurde als opulenter Auftakt gegeben, war aber das uninteressanteste Stück des Abends.

    Bibliothek: Neuzugänge

    Januar 23rd, 2010

    Die wichtigste Neuveröffentlichung steht an erster Stelle: Die neue digitale Musiledition. Kam als Rezensionsexemplar ins Haus. Wessel und Lawall waren Sonderangebote der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Montaigne und Mandeville schließen einmal mehr peinliche Bibliothekslücken. Die beiden Vasaris ergänzen eine bereits vorhandene Ausgabe und werden eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung meiner Toskana-Studienreise spielen.

  • Walter Fanta; Klaus Amann; Carl Corino (Hrsg.): Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe (musil institut)
  • Günther Wessel: Von einem, der daheim blieb, die Welt zu entdecken. Die Cosmographia des Sebastian Münster oder wie man sich vor 500 Jahren die Welt vorstellte. (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
  • Sarah Lawall (General Editor): The Norton Anthology of World Literature. Beginnings to A.D. 100 (W.W. Norton & Company)
  • Angelika Corbineau-Hoffmann: Kleine Literaturgeschichte der Großstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)
  • Montaigne: Tagebuch einer Reise durch Italien (insel taschenbuch)
  • John Mandeville: Vom heiligen Land ins ferne Asien. 1322-1356 (Edition Erdmann)
  • André Thiele: Eine Welt in Scherben. Essays & Historien (VAT)
  • Michael Töteberg (Hrsg.): Film-Klassiker (metzler kompakt)
  • Giorgio Vasari (Hrsg.): Lebensläufe (Manesse)
  • Giorgio Vasari (Hrsg.): Lives of the Painters, Sculptors and Architects. Volume 1 (Everyman’s Library)
  • Giorgio Vasari (Hrsg.): Lives of the Painters, Sculptors and Architects. Volume 2 (Everyman’s Library)
  • Montaigne über Bücher

    Januar 22nd, 2010

    [Der Umgang mit Büchern] weicht mir auf meiner ganzen Lebensbahn nicht von der Seite und steht mir allenthalben zu Diensten. Er tröstet mich im Alter und in der Einsamkeit. Er entlastet mich von der Bürde des öden Müßiggangs und hält mir zu jeder Stunde unerwünschte Gesellschaft vom Leib. Er stumpft die stechenden Schmerzen, falls sie nicht übermächtig sind. Um einen lästigen Gedanken loszuwerden, brauche ich bloß zu den Büchern zu greifen - sie befreien mich davon, indem sie mich sogleich voll in Anspruch nehmen. […]

    (Aus: Von der Kunst, das Leben zu lieben)

    Literatur der Frühen Neuzeit

    Januar 21st, 2010

    Die deutschsprachige Literatur zwischen 1500 und 1700 wird heute fast nur noch von Germanisten gelesen. Das ist schade, da die frühneuhochdeutschen Prosaromane wie Fortunatus nicht unamüsant sind.

    Kai Bremer hat nun eine neue Einführung geschrieben, die zumindest nach dieser Rezension “überzeugend” ist.

    Wilhelm Raabe

    Januar 20th, 2010

    Horacker (insel taschenbuch)

    Raabe wird heute leider viel zu wenig gelesen. So sind denn viele wichtige seiner Bücher auch gar nicht mehr lieferbar. Dabei zählt er zu den raffiniertesten und hintergründigsten deutschen Autoren des 19. Jahrhunderts. Speziell sein Spätwerk sei empfohlen.

    Horacker erschien 1876. Zu Beginn setzt Raabe ironisch weltgeschichtliche Ereignisse in Bezug auf die Provinzposse, die er zu schildern anhebt. Zwei Lehrer, der alte Konrektor Eckerbusch und sein Zeichenlehrer Windwebel, brechen zu einem beschaulichen Waldspaziergang auf. Dort treffen sie auf den angeblichen Schwerverbrecher Cord Horacker, der seit Wochen Tagesgespräch im Provinzkaff Gänsewinckel ist. Mord und Totschlag werden ihm nachgesagt. In Wirklichkeit ist Horacker ein neunzehnjähriger aus Liebe entlaufener Fürsorgezögling, der aus Hunger einen Topf Schmalz gestohlen hat.

    Der kleine Roman liest sich auf der Oberfläche biedermeierlich. Man merkt auch bei diesem Werk schnell, dass Raabe seinen Jean Paul gelesen hat. Hinter dieser sprachlichen Scheinidylle übt er aber beissende Gesellschaftskritik. Das fängt bei der hysterischen Verbreitung von Gerüchten an und hört mit dem Bloßstellen spießiger sozialer Konventionen nicht auf. Werde in den nächsten Monaten noch einige seiner Bücher lesen.

    Kenia / Afrika

    Januar 19th, 2010

    Jeffrey Gettleman zeichnet in der New York Review of Books No. 1 ein düsteres Bild von der politischen Lage in Kenia und behandelt das Land pars pro toto für den Kontinent:

    According to the United Nations, the average Kenyan makes $777 a year. Yet members of Kenya’s parliament are among the highest paid in the world, with a compensation package of $145,565 (most of it tax-free). That is 187 times more than the country’s average income and would be the equivalent of an American congressman making $8.5 million a year. And this is simply what is earned legally.

    Kenya is notorious for corruption, from scandals cooked up in the president’s office involving fake companies and hundreds of millions of dollars, to police officers on the street who have a fondness for stopping drivers, inventing new traffic laws, and whispering the magic words kitu kidogo, which in Kiswahili means “a little something.” This is the land of a little something, where no senior officials have ever been punished for graft. Just a few months ago, a drought-induced famine steadily spread toward Kenya from neighboring Ethiopia and Sudan, threatening millions of lives in a lush, bountiful country that should be able to feed itself and more; but at the same time, several top Kenyan politicians were implicated in a scheme to illegally sell off millions of pounds of the country’s emergency grain reserves, at obscene profits.

    The front pages of Kenya’s biggest papers alternated between pictures of the well-coiffed politicians incredulously denying the charges and people in the hinterland with their rib cages exposed. None of this is secret. There have been countless studies of corruption, thousands of headlines about it, and intense scrutiny of Kenya from the World Bank and organizations like Transparency International, which recently ranked Kenya the most corrupt nation in East Africa. A survey done a few years ago indicated that the average urban Kenyan pays sixteen bribes a month.
    […]

    Leider ist der Artikel nur kostenpflichtig online lesbar.

    “Literaturjournalismus bei Amazon und Co.”

    Januar 18th, 2010

    Die aktuelle Ausgabe von Literaturkritik.de hat unter anderem obigen Schwerpunkt.

    Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

    Januar 17th, 2010

    Briefwechsel (Suhrkamp)

    Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

    Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

    Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

    Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

    Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

    Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
    Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

    Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

    Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

    Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
    Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molly“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

    Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
    „Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
    Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

    Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
    Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

    Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

    Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

    Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

    Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

    [erscheint in Literatur und Kritik]

    “Anna Karenina” der beste Roman aller Zeiten?

    Januar 15th, 2010

    Das behauptet jedenfalls Orhan Pamuk. Tolstois Meisterwerk ist sicher eine diskutable Wahl, wenn man davon aussieht, dass die Festlegung auf einen einzigen Roman natürlich sinnlos ist. Ich selbst würde wohl Don Quijote nominieren, würde ich mich auf ein so sinnloses Spiel einlassen.

    Bibliothek: Neuzugänge

    Januar 15th, 2010

    Die ersten zwei amerikanischen Klassiker waren noch nicht in adäquaten Ausgaben in meiner Bibliothek. Nach der tollen Lektüre von Die Insel des zweiten Gesichts musste natürlich auch Thelens zweites Hauptwerk her. Die dicke Geschichte des 19. Jahrhunderts war ein Geschenk. Angeblich ein neues Standardwerk.

  • Alexis de Tocqueville: Democracy in America (Everyman’s Library)
  • Henry D. Thoreau: Walden (Houghton Mifflin)
  • Albert Vigoleis Thelen: Der schwarze Herr Bahßetup (Claasen)
  • Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts (C.H. Beck)
  • Rüdiger Wehner, Walter Gehring: Zoologie. 23. Auflage (Thieme)
  • Shakespeare: Antonius und Cleopatra

    Januar 14th, 2010

    Burgtheater 10.1.

    Regie: Stefan Pucher
    Antonius: Wolfram Koch
    Julius Cäsar/Octavius Cäsar: Alexander Scheer
    Lepidus: Marcus Kiepe
    Pompejus: Peter Knaack
    Enobarbus: Oliver Masucci
    u.a.

    Es ist schon eine Kunst, so viele schlechte Shakespeare-Inszenierungen zu produzieren wie das Burgtheater in den letzten Jahren. Stefan Pucher reiht sich würdig in diese Reihe ein. Zugegeben: Antonius und Cleopatra ist ein schwieriges Stück. Mehr als 40 Szenen, die im gesamten Mittelmeerraum spielen, mit vielen Protagonisten und einer komplexen Geschichte. Auf der anderen Seite böte es die Möglichkeit, zahlreiche aktuelle Bezüge aufzugreifen, etwa die Okzident/Orient-Thematik.

    Pucher inszeniert das Stück mit großem Aufwand. Ständig werden riesige Wagen auf der Bühne bewegt. Cleopatras Gefährt ist mit zwei Elefanten verziert. Das ist wohl ebenso ironisch gemeint wie die Anspielungen auf die monumentalen Historienschinken aus Hollywood. Hinter dieser oberflächlichen Umtriebigkeit herrscht aber geistige Leere. Es wirkt nicht so als hätte Pucher das Stück verstanden. Die Szenen reihen sich ohne intellektuelle Verknüpfung aneinander. Die Theatereffekte verpuffen. Auch das modernen Inszenierungen gewogene Publikum ist peinlich berührt. Die Kostüme sind ebenfalls von peinlicher Sinnlosigkeit.

    Ich habe das Burgtheater in der Pause verlassen. Laut Kritikerkollegen sollte die zweite Hälfte ja noch wesentlich schlimmer werden als die erste.