Archive for the ‘Bibliomanie’ Category

Karl-Markus Gauß

Samstag, August 28th, 2010

Im Wald der Metropolen (Paul Zsolnay Verlag)

Das Ungewöhnliche am neuen Buch des Karl-Markus Gauß zeigt sich bereits daran, dass es kaum möglich ist, passende Notizen-Kategorien dafür zu finden. Ohne Zweifel handelt es sich um ein herausragendes Werk der Gegenwartsliteratur. Es ist aber so dicht versehen mit interessanten Einsichten zur europäischen Kultur- und Literaturgeschichte, um nur zwei Gebiete zu nennen, dass sich die zusätzliche Klassifikation als Sachbuch ebenfalls aufdrängt.

Gauß ist seit vielen Jahren als reisender Berichterstatter über entlegene (mittel)europäische Kulturen und Regionen bekannt. Er rückt das scheinbar Ferne so in den Blick des Lesers, dass sich überraschende Bezüge zur eigenen Gegenwart herstellen. Das Periphere und Randständige rückt plötzlich ins Zentrum und man erkennt, wie oberflächlich und ärmer Europa ohne diese Minderheiten wäre.

Im Wald der Metropolen geht Gauß nun einen großen Schritt weiter: Er verknüpft die auf seinen Reisen gemachten Erlebnisse und Einsichten mit autobiographischen Aspekten, kulturgeschichtlichen Begebenheiten, literarischen Portraits und weiteren Zutaten zu einer neuen Buchform. Zumindest wäre mir kein vergleichbares Werk bekannt. Die Besonderheit liegt auch in der vielschichtigen Verknüpfung der einzelnen Ebenen. Auf den ersten Blick besteht das Buch aus zahlreichen mehrseitigen Abschnitten. Schon bei der ersten Lektüre stellt man aber fest, dass die einzelnen Teile wie Takte in einer Komposition funktionieren. Sie gehen nicht nur inhaltlich meist elegant ineinander über und sind quer durch das Buch durch wiederkehrende Motive und Themen strukturell verbunden, auch stilistisch gibt es einen sehr engen Zusammenhalt. Jede Digression ist sorgfältig eingefügt.
Gleichzeitig wird - wie bei einem Mosaik - durch die einzelnen Bausteine eine umfassende Geschichte erzählt, die auf einer viel abstrakteren Ebene spielt als es zuerst den Anschein hat. Gauß liefert dem Leser Anhaltspunkte für eine Kulturgeschichte (Mittel-)Europas samt deren Einbettung in einen größeren historischen Kontext, indem er teils höchst entlegene, teils bekanntere Begebenheiten erzählt. Er liefert systematische Denkanstöße, die sich im Bewusstsein des Lesenden zu einer europäischen Geschichte formen können, wenn er seine eigenen Kenntnisse mit einbezieht. Gauß schmeichelt seinen Lesern, indem er sie implizit für so intelligent erklärt, dass sie seinem Anliegen auch ohne didaktische Fingerzeige zu folgen vermögen.

Trotz dieses Überbaus liest sich das Buch unterhaltsam und geistreich: man muss ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Speziell auf ihre Kosten kommen auch Liebhaber literarischer Raritäten. Gauß liefert eine Fülle von anregenden literarischen Portraits. Einige kannte ich nur dem Namen nach, andere gar nicht. Schon während der Lektüre habe ich Antiquariate nach diversen Titeln durchstöbert und auch einige bestellt. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt sich auf dreihundert Buchseiten unterbringen läßt.

Buchgeschichte und Aufklärung

Dienstag, August 3rd, 2010

Ab 1723 ist eine Aufsehen erregende Buchreihe erschienen: Religious Ceremonies of the World in sieben Bänden. Nicht zum ersten Mal wurde die unterschiedliche Religionspraxis zum Thema gemacht, zum ersten Mal aber in dieser hohen Qualität. Es sind nun zwei Bücher erschienen, die sich ausschließlich mit dieser Buchreihe beschäftigen:

Lynn Hunt; Margaret C. Jacob; Wijand Mijnhardt: The Book That Changed Europe. Picart and Bernard’s Religious Ceremonies of the World (Harvard University Press)

Lynn Hunt; Margaret C. Jacob; Wijand Mijnhardt: Bernard Picart and the First Global Vision of Religion (Getty Research Institute)

Anthony Grafton schrieb eine ausführliche Rezension für die New York Review of Books (kostenpflichtig).

Über die Rolle des Schweinsbratens in der Literatur…

Samstag, Juli 17th, 2010

oder: Wie wichtig sind Details in Romanen?

Anlässlich unseres Twitter-Projekts im Theater Reichenau, entspann sich eine Diskussion, inwiefern die Korrektheit von Details für die Qualität von Literatur von Bedeutung sei. In 140-Zeichen-Tweets ließ sich diese Frage nicht ausdiskutieren, deshalb hier einige Gedanken dazu.

Über das Verhältnis von Fiktion und Realität wurden viele Bücher geschrieben. Neben viel Geschwurfel sind auch einige sehr instruktive darunter, nicht nur, aber vor allem von semiotischer und strukturalistischer Seite. Wie wichtig die Bodenhaftung von Literatur in der Wirklichkeit ist, hängt natürlich in erster Linie vom Genre ab. Viel Freiheit genießen hier Gattungen wie das Märchen oder Genres wie Fantasy. Ähnliches gilt für experimentelle Literaturformen aller Art. Hier können selbst logische “Grundgesetze” außer Kraft gesetzt werden, wie Harald Fricke in seinem vorzüglichen literaturtheoretischen Standardwerk Norm und Abweichung ausführlich demonstrierte.

Anders bei der Literatur, die man (etwas naiv) gerne als “realistisch” bezeichnet. Romane, welche man diesem Genre gerne zuschlägt, sind beispielsweise Gesellschafts- oder Zeitromane. Fontanes Effi Briest wäre ein prominentes Beispiel, Dickens Oliver Twist ein weiteres. Überhaupt kann man die meisten berühmten Romane des 19. Jahrhunderts in diese große Schublade packen. Die Erwartungshaltung der Leser ist bei diesen Büchern, dass sich der Autor an gewisse implizite Gesetzmäßigkeiten hält. Hätte Thomas Mann in einer seiner Erzählungen den Eiffelturm in München aufgestellt, hätten das seine Leser vermutlich nicht goutiert.

Wie funktioniert Literatur? Der Autor gibt seinem Leser semantische Markierungen mit auf den Weg, mit deren Hilfe sich der Leser seine fiktionale Welt zusammenbastelt. Das Ergebnis sieht je nach den kognitiven Voraussetzungen des Lesers unterschiedlich aus. Ein zeitgenössischer Thomas-Mann-Leser, der noch nie etwas von Paris gehört hätte, und auch München nicht gut kennt, würde sich durch einen Eiffelturm im Zentrum nicht gestört fühlen. Deshalb konstruiert man für solche Analysen besser eine Art “idealen Leser”, den man mit genügend Wissen ausstattet, damit eine hinreichend “mächtige” fiktionale Welt entstehen kann.

Auslöser unserer kleinen Debatte war der in Kehlmanns Ruhm in Zentralasien ständig servierte Schweinsbraten (siehe meine Rezension). Die meisten Leser Kehlmanns werden Zentralasien nicht kennen und dürften sich deshalb von dieser “falschen Wirklichkeit” nicht weiter gestört führen. Wer aber je diese Gegend bereiste, für den zerbröselt diese Fiktion, und er wird aus seinem realistischen Lesemodus heraus gerissen. In der Moderne übrigens ein durchaus gängiges narratives Verfahren.

Nun stellt sich spätestens hier die Frage: Ist Kehlmanns Ruhm “realistische” Literatur? Die Metafiktionalität spräche doch eigentlich gegen ein so “naives” Verständnis des Textes? Dieser Einwand greift aber zu kurz. Alle Geschichten des Romans setzen sich augenscheinlich intensiv mit der Gegenwart auseinander. Was hat der Autor nicht alles hinein gepackt: Aktive Sterbehilfe in der Schweiz, die Unerträglichkeit des Kulturinstitutstourismus, unsichere Fluglinien, Zwang zu unlogischen Flugbuchungen, inkompetente Call-Center-Angestellte, entführte Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Kulturkritik an schlechten Filmen durch Massenproduktion, korrupte afrikanische Minister, frustrierte Ex-Pats in Lateinamerika, indolente Beamte eines zentralasiatischen Staates, die Verseuchung des Buchmarkts mit esoterischen Publikationen…

Kurz: Der Roman ist vollgepackt mit praller “Wirklichkeit” und bezieht sein “oberflächliches” Funktionieren in erster Linie aus dieser Ebene. Der “ideale Leser” erwartet bei den meisten dieser Geschichten, dass die Fakten stimmen. Gegen Ende wird das zwar mit dem Unprofor-Fehler metafiktional aufgelöst, bei den anderen Geschichte ist diese Distanz aber semantisch “unterdeterminiert”. Es gibt zu wenige Signale selbst für den “idealen Leser”, dass ihm eine relativierende, antirealistische Lesart aufgedrängt würde.

Womit wir wieder beim fiktionalen Schweinsbraten angelangt wären. Die Wirkung der Geschichte beruht darauf, dass Maria in einem exotischen Land verloren geht. Ein emotionaler Effekt stellt sich für den Leser nur dann ein, wenn er in einem realistischen Erzählmodus liest. Läse er die Geschichte im metafiktionalen Modus, gäbe es keine Empathie für Maria. Die Geschichte würde nicht “funktionieren”. Der falsche Schweinsbraten zwingt einen wohl informierten Leser aus dem realistischen Lesemodus heraus und zerstört die literarische Wirkung ohne dass er einen ästhetischen Mehrwert dadurch hätte.

Buchbranche und Ebooks

Sonntag, Mai 2nd, 2010

Ken Auletta stellt ihrem erfreulich ausführlichen Artikel im New Yorker die Frage: “Can the iPad topple the Kindle, and save the book business?”. Er berichtet auch ausführlich über den Preis- und Machtkampf, den sich Apple, Amazon und die Verleger zum Thema Ebooks liefern. Schwerpunkt ist die amerikanische Buchbranche, aber der Artikel ist insgesamt sehr aufschlussreich.

Interessant auch die Passage über die Zukunft des Verleger-Autoren-Verhältnisses:

Amazon seems to believe that in the digital world it might not need publishers at all. In December, the Simon & Schuster author Stephen Covey sold Amazon the exclusive digital rights to two of his best-sellers, “The 7 Habits of Highly Effective People” and “Principle-Centered Leadership.” The books were sold on Amazon by RosettaBooks, and Covey got more than half the net proceeds. One publisher said, “What it did for us was confirm that Amazon sees itself as much as a competitor as a retailer. They have aspirations to be a publisher.”

A close associate of Bezos puts it more starkly: “What Amazon really wanted to do was make the price of e-books so low that people would no longer buy hardcover books. Then the next shoe to drop would be to cut publishers out and go right to authors.” Last year, according to several literary agents, a senior Amazon executive asked for suggestions about whom Amazon might hire as an acquisitions editor. Its Encore program has begun to publish books by self-published authors whose work attracts good reviews on Amazon.com. And in January it offered authors who sold electronic rights directly to Amazon a royalty of seventy per cent, provided they agreed to prices of between $2.99 and $9.99. The offer, one irate publisher said, was meant “to pit authors against publishers.”

Grandinetti concedes that Amazon has tried to make more direct deals with authors: “We’re constantly looking for ways we can do something more efficiently.” He suggested that this was nothing new. “There’s a long history of booksellers in the publishing business,” he said, mentioning Barnes & Noble. Major publishers, he points out, all sell books directly to consumers on their Web sites. “It seems like they’re in our business, so it’s a strange argument to worry about this in the other direction,” he said. But publishers’ sales through their own Web sites are negligible, and though Barnes & Noble’s publishing program antagonized publishers, it did not threaten a wholesale devaluation of their products. O’Reilly believes that publishers have good reason to be anxious. “Amazon is a particularly farsighted, powerful, and ruthless competitor,” he says. “I don’t think we’ve seen a business this competitive in the tech space since Microsoft.”

“The Ultimate Reader”

Samstag, April 10th, 2010

Der passende Titel für eine ausführliche Besprechung der beiden neuen Bücher des Bibliomanen Alberto Manguel: The Library at Night und A Reader on Reading.

John Gross schreibt unter anderem:

Writing of this kind, it need hardly be said, is often highly personal, and there are many points at which The Library at Night might best be classified as autobiography. For it is not just about libraries in general, but also about a specific library—the one Manguel has had built to house his own books (some 30,000 of them) in the village in the Loire valley where he has made his home in recent years, after growing up in Buenos Aires, living in Europe, and then becoming a Canadian citizen. The building itself was constructed around the ruined wall of a fifteenth-century stone barn, and he gives a loving account of its taking shape. (It is easy to imagine his thrill when he found that the local masons referred to the large stones they used as majuscules— capital letters—and the smaller ones as minuscules— lower-case letters.) He ruefully recalls the problems that were involved in trying to find the best order in which to arrange the books, and is reminded of his first attempts to organize those he owned into groups and subgroups, when he was a boy of seven or eight in Buenos Aires. […]

At almost every turn The Library at Night offers something of interest. Along with the anecdotes and the telling quotations, there are deft character sketches—of Melvil Dewey of the Dewey Decimal Classification System, for instance, or Antonio Panizzi, the political exile from Italy who became the most renowned of the British Museum’s librarians (he ended his days as Sir Anthony) and who presided over the creation of the museum’s domed Reading Room in its full Victorian glory. (Manguel doesn’t overlook less glorious aspects of the Reading Room’s history—tales of the fearsome “Museum flea” that infested it in pre-Panizzi times, or Thomas Carlyle’s complaint about the number of “people in a state of imbecility” who were granted admission: “I have been informed that there are several in that state who have been sent there by their friends to pass away the time.”)

“Publishing: The Revolutionary Future”

Samstag, Februar 27th, 2010

Jason Epstein analysiert in seinem Artikel für die aktuelle New York of Review of Books (Nr. 4), welche Auswirkungen der digitale Wandel auf die Buchbranche haben wird:

The transition within the book publishing industry from physical inventory stored in a warehouse and trucked to retailers to digital files stored in cyberspace and delivered almost anywhere on earth as quickly and cheaply as e-mail is now underway and irreversible. This historic shift will radically transform worldwide book publishing, the cultures it affects and on which it depends. Meanwhile, for quite different reasons, the genteel book business that I joined more than a half-century ago is already on edge, suffering from a gambler’s unbreakable addiction to risky, seasonal best sellers, many of which don’t recoup their costs, and the simultaneous deterioration of backlist, the vital annuity on which book publishers had in better days relied for year-to-year stability through bad times and good. The crisis of confidence reflects these intersecting shocks, an overspecialized marketplace dominated by high-risk ephemera and a technological shift orders of magnitude greater than the momentous evolution from monkish scriptoria to movable type launched in Gutenberg’s German city of Mainz six centuries ago. […]

The resistance today by publishers to the onrushing digital future does not arise from fear of disruptive literacy, but from the understandable fear of their own obsolescence and the complexity of the digital transformation that awaits them, one in which much of their traditional infrastructure and perhaps they too will be redundant. Karl Marx wrote of the revolutions of 1848 in his Communist Manifesto that all that is solid melts into air. His vision of a workers’ paradise was of course wrong by 180 degrees, the triumph of wish over experience. What melted soon solidified as industrial capitalism, a paradise for some at the expense of the many. But Marx’s potent image fits the publishing industry today as its capital-intensive infrastructure—presses, warehouses stacked with fully returnable physical inventory, its retail market constrained by costly real estate—faces dissolution within a vast cloud in which all the world’s books will eventually reside as digital files to be downloaded instantly title by title wherever on earth connectivity exists, and printed and bound on demand at point of sale one copy at a time by the Espresso Book Machine[1] as library-quality paperbacks, or transmitted to electronic reading devices including Kindles, Sony Readers, and their multiuse successors, among them most recently Apple’s iPad. The unprecedented ability of this technology to offer a vast new multilingual marketplace a practically limitless choice of titles will displace the Gutenberg system with or without the cooperation of its current executives. […]

Seiner plausiblen Prognose nach wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Epstein betont die Chancen dieser Entwicklung, anstatt in eine kulturpessimistische Tirade zu verfallen.

Ich sehe die Ebook-Technologie als willkommene Ergänzung zum “klassischen” Buch. Für viele Anwendungsfälle werden Ebooks ihre Vorläufer auf Papier ablösen: Nachschlagewerke, Fachbücher, Gebrauchsliteratur. Die iTunes-Generation wird ihre Harry Potters und Grishams ohne Berührungsängste am Display lesen.

Das gedruckte Buch wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Wie auch in der Vergangenheit werden die Kulturpessimisten nicht Recht behalten, die mit erhobenem Zeigefinger altklug und neudumm gegen neue Technologien predigen.

“Wie man ein Buch liest“

Dienstag, Februar 23rd, 2010

Mit dieser Einführung in das Lesen von “Great Books” ist Mortimer Adler Mitte des letzten Jahrhunderts ein Bestseller gelungen. Ist nun auf Deutsch wieder erhältlich und Literaturkritik.de hat es rezensiert.

Montaigne über Bücher

Freitag, Januar 22nd, 2010

[Der Umgang mit Büchern] weicht mir auf meiner ganzen Lebensbahn nicht von der Seite und steht mir allenthalben zu Diensten. Er tröstet mich im Alter und in der Einsamkeit. Er entlastet mich von der Bürde des öden Müßiggangs und hält mir zu jeder Stunde unerwünschte Gesellschaft vom Leib. Er stumpft die stechenden Schmerzen, falls sie nicht übermächtig sind. Um einen lästigen Gedanken loszuwerden, brauche ich bloß zu den Büchern zu greifen - sie befreien mich davon, indem sie mich sogleich voll in Anspruch nehmen. […]

(Aus: Von der Kunst, das Leben zu lieben)

“Literaturjournalismus bei Amazon und Co.”

Montag, Januar 18th, 2010

Die aktuelle Ausgabe von Literaturkritik.de hat unter anderem obigen Schwerpunkt.

“Anna Karenina” der beste Roman aller Zeiten?

Freitag, Januar 15th, 2010

Das behauptet jedenfalls Orhan Pamuk. Tolstois Meisterwerk ist sicher eine diskutable Wahl, wenn man davon aussieht, dass die Festlegung auf einen einzigen Roman natürlich sinnlos ist. Ich selbst würde wohl Don Quijote nominieren, würde ich mich auf ein so sinnloses Spiel einlassen.

“Wie man ließt”

Sonntag, Dezember 20th, 2009

Christoph Martin Wieland beschreibt in dieser hübschen Anekdote die Tücken der Rezeption aus Sicht des Autors.

Ein Auszug:

Das Unglük, obenhin, unverständig, ohne Geschmak, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden - oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken - oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglüklich gespielt, oder sonst ein Mangel an Lebensgeistern hat - oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lectüre unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schikt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht - das Unglük, so gelesen zu werden, ist nach der Meynung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des National-Luxus ausmacht) sich und die armen ausgesezten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloßgestellt sehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glük zu sagen, wenn unter den Zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man ließt (und wenn’s auch nur ein Madrigal wäre) sein völliges Recht anzuthun.

Die Bücherlisten der New York Times

Samstag, Dezember 5th, 2009

Alle Jahre wieder wählt die Redaktion der New York Times die 100 Notable Books of 2009 aus. Außerdem wagemutig sogar die 10 Best Books of 2009.

Google Books

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

Robert Darnton berichtet in der aktuellen New York Review of Books ausführlich über den Stand des Rechtsstreits rund um die Verwertung der bisher digitalisierten zehn Millionen Bücher. Er bringt dabei eine öffentliche digitale Bibliothek als Alternative ins Gespräch:

The most ambitious solution would transform Google’s digital database into a truly public library. That, of course, would require an act of Congress, one that would make a decisive break with the American habit of determining public issues by private lawsuit. The legislation would have to settle ancillary problems—how to adjust copyright, deal with orphan books, and compensate Google for its investment in digitizing—but it would have the advantage of clearing up a messy legal landscape and of giving the American people what they deserve: a national digital library equal to the needs of the twenty-first century. But it is not clear how Google would react to such a buyout.

Lesekomfort

Dienstag, Dezember 1st, 2009

So heißt ein Onlineshop, der sich auf Lesezubehör spezialisiert an. Sympathisch.

The Art of Reading

Montag, November 23rd, 2009

So lautet der Titel eines neuen Kurses der Teaching Company. An bibliomanen Themen naturgemäß interessiert, hörte ich die 12h in den letzten beiden Wochen an. Mein Urteil ist zwiespältig. Wenn jemand gut Englisch kann und sich bisher kaum mit Fragen wie Erzählperspektive, Charaktere, Metafiktionalität etc. beschäftigte, bietet Prof. Timothy Spurgin einen passablen Einstieg an. Zwar hätte ich mir mehr formale Wissensvermittlung und weniger angewandte Hermeneutik gewünscht, aber das muss man wohl in Kauf nehmen.

Über Bücher und Insektenleichen

Sonntag, Oktober 18th, 2009

Anlässlich der Buchmesse beschreibt Hans Zippert in der FAZ sehr hübsch die Nöte mit seiner Bibliothek:

Eine oberflächliche Inspektion ergab, dass ich über etwa 31,3 Meter Bücher verfüge, die, aneinandergelegt, nicht ganz bis zum Mond reichen würden. Sie würden nicht mal bis Offenbach reichen, wo man allerdings auch keine Bücher liest. […]

Mein Regal sah ohne Bücher und Insektenleichen sehr gut aus, es hatte etwas Verheißungsvolles, in die Zukunft Weisendes. Statt mich darüber zu freuen, packte ich die Kisten aus und begann den Inhalt wieder einzusortieren. Dabei nahm ich jedes Buch in die Hand, schaute es mit sorgenvollem Blick an, hielt es aus dem Fenster, blätterte es auf und schüttelte es hektisch. Möglich, dass wichtige Buchstaben oder Sätze dabei herausgefallen oder ganze Handlungsstränge durcheinandergeraten sind. Trotzdem muss man so mit Büchern verfahren, wenn man nicht will, dass sie völlig verstauben und anfangen, muffig zu riechen. […]

Besonders unangenehm kann die Zweireihigkeit werden, wenn man Besuch von einem Schriftsteller bekommt. Ich erinnere mich noch heute, wie Robert Gernhardt zwischen Suppe und Hauptgang vor meiner Bibliothek stand. Natürlich nicht ganz plump vor dem Buchstaben „G“, das wäre auch für ihn peinlich gewesen. Er äußerte sich lobend über meinen umfangreichen Bestand an Büchern von Alexander Lernet-Holenia, der insgesamt 31 Werke umfasst. Aber er hatte natürlich die Goebbels-Bücher registriert und auch die Goldt-Titel und vergeblich seine eigenen Werke gesucht, die alle nach hinten verbannt waren, worauf ich ihn dann notgedrungen hinweisen musste. Darauf bemerkte er vielsagend: „Soso, in der zweiten Reihe . . .“, und da schwang bei aller Ironie auch ein Hauch von Kränkung mit. […]

Annäherungen an die Ferne

Montag, September 21st, 2009

Geographische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek (6.9.)

Im Prunksaal hat die Nationalbibliothek eine sehr feine Ausstellung für Bibliophile zusammengestellt, die auch bei Reise- und Geographiefreunden großen Anklang finden sollte. Sie zeigt, geordnet nach den Kontinenten, den Fortschritt des geographischen Wissens über die Jahrhunderte alter Bücher. Das ist einerseits sehr interessant, da man viel über das Weltwissen der damaligen Zeit erfährt, andererseits ästhetisch höchst ansprechend, da diese Karten und Illustrationen die Buchkunst von der besten Seite zeigt. Sollte man keinesfalls versäumen! (Bis 8.11.)

Der neue Kindler

Sonntag, September 20th, 2009

In Zeiten der untergehenden Großlexika wagt es der Metzler Verlag eine Neuauflage des Kindler Literaturlexikons auf den Markt zu bringen. 1950 Euro bis Ende des Jahres. Absurderweise kostet die Online-Ausgabe nicht weniger.

Volker Weidermann schrieb für die FAZ eine ausführliche Rezension.

Viele Fehler in Google Books

Donnerstag, September 10th, 2009

Mit der bibliographischen Qualität scheint es Google bei der Buch-Digitalisierung nicht genau zu nehmen berichtet Heise.

E-Book Reader werden populärer

Sonntag, August 30th, 2009

Der Economist berichtet über den aktuellen Stand der Dinge in seiner neuen Ausgabe.