Archive for the ‘Film’ Category

Joel and Ethan Coen: A Serious Man

Sonntag, Februar 7th, 2010

Filmcasino 24.1.

Mit ihrem neuen Film ist in den beiden Brüdern ein beachtlicher Wurf gelungen. Im Mittelpunkt steht der junge jüdische Physikprofessor Larry Gopnik, dessen Leben aus mehreren Gründen in die Krise gerät. Nicht nur will ihn seine Gattin verlassen, ein Student versucht ihn außerdem für eine gute Note zu bestechen. Die Karriere ist gefährdet. Sein exzentrischer Bruder Arthur ist bei ihm eingezogen und macht die Situation noch komplizierter.

Im Mittelpunkt steht allerdings die (autobiographische?) Auseinandersetzung mit dem jüdischen Milieu und vor allem der jüdischen Religion. Das wird schon zu Beginn klar: Der Film eröffnet mit einer komplett in Jiddisch gehalten Szene in einem Shtetl in der irrationale Kompenenten im Weltbild seiner Vorfahren in Szene gesetzt werden. Larry Gopnik sucht im Laufe seiner Lebenskatastrophe Rat bei diversen Rabbis, was zu einer ebenso komischen wie bitterbösen Abrechnung mit diesem Religionstheater gerät.

Die Schauspieler sind grandios gewählt und konfrontieren den Zuseher mit furiosen Skurilitäten. Der beste Film der Brüder seit vielen Jahren und eine uneingeschränkte Empfehlung.

Woody Allen

Samstag, Januar 2nd, 2010

Whatever Works (2009)

Zweimal sah ich den neuen Film und bin mir inzwischen sicher, dass es sich um den besten Allen-Film seit Deconstructing Harry (1997) handelt. Die scharfe Misanthropie des Boris Yellnikoff ist mehrfach gebrochen. Er wirkt einerseits nicht als das brilliante Genie, das er zu sein vorgibt. Andererseits ist er näher an psychisch-klinischen Zuständen wie die Figuren in anderen Filmen. Das bricht die bitterbösen Monologe etwas, die nüchtern betrachtet näher an der Wahrheit sind, als es die meisten Menschen gerne hätten. Woody Allen scheint nach den letzten Filmen seine Schaffenskrise endlich überwunden zu haben, die ersten Filme der Dekade waren vergleichsweise schwach.
Es ist sicher richtig, dass er mit Whatever Works keine neuen Wege beschreitet, sondern seine alten Themen einmal mehr variiert. Dies aber auf hohem Niveau.

I Claudius (BBC Verfilmung)

Montag, Dezember 14th, 2009

Nach der Lektüre von I Claudius lag es nahe, mir auch noch die dreizehnteilige Verfilmung anzusehen, welche die BBC 1976 ausstrahlte, und die auf DVD erhältlich ist.

Zu Beginn dauert es einige Zeit bis man sich daran gewöhnt hat, dass die römischen Celebritäten alle im wunderbarsten britischen Theaterenglisch sprechen. Nimmt man diese Rezeptionshürde, bekommt man historische Unterhaltung auf hohem Niveau präsentiert. Das Drehbuch hält sich eng an Robert Graves Roman, der sich wiederum nicht immer an die historische Fakten hält (halten kann!) bzw. Vermutungen zu historischen Tatsachen befördert. Legitim, wenn man einen Roman schreibt, aber man sollte es beim Ansehen doch im Hinterkopf behalten.

Die geschilderten Ereignisse über mehrere Generationen hinweg kommen einer TV Adaptierung entgehen: Intrigen, Giftmorde, Bösewichte und Helden sind hinreichend unterhaltsam. Schauspielerisch ist das bestes klassisches britisches Theater und schon deshalb sehenswert. I Claudius war eine der erfolgreichsten von der BBC je produzierten Serien. Anspruchsvoller Stoff und Erfolg schließen sich also nicht aus, liebe Intendanten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Lars von Trier: Antichrist

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

Filmcasino 22.11.

Lars von Trier polarisiert. Sein neuer Film steht in der Tradition der von Ingmar Bergman inszenierten düsteren Ehekatastrophen. Er hebt diese aber auf eine neue, apokalyptische Stufe. Der kleine Sohn kommt durch einen Unfall ums Leben, während sich das Ehepaar im Bett vergnügt. Die Mutter verfällt in eine schwere Depression, der Vater versucht sie zu therapieren, denn er ist Psychotherapeut.
Die beiden ziehen sich in eine einsame Waldhütte zurück, wo das psychische Horrordrama seinen stetigen Lauf nimmt. Hervorzuheben ist, dass die Natur als Projektionsfläche des Bösen dient. Das hebt sich wohltuend von den verlogenen Wald-und-Berg-Idyllen des Mainstreams ab. “Nature is Satan’s church” wird das an einer Stelle pointiert zusammengefasst.

Sehenswert ist der Film vor allem aus einem Grund: Seine Filmsprache ist individuell, radikal und originell. So viel Kunstwillen gibt es im europäischen Film nur noch selten. Trier bedient sich eines breiten Spektrums an filmischen Mitteln. Er ist nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch rücksichtslos.

Diese Radikalität läuft zwar Gefahr, dass sie ab und an ungewollt ins Komische umkippt, speziell wenn man einige seiner thematischen Obsessionen hinzu nimmt (die Frau, das leidende Wesen). Aber diesem Balanceakt war radikale Ästhetik immer ausgesetzt.

Buster Keaton: Der General

Dienstag, März 24th, 2009

Filmcasino 22.3.

Nach City Lights ein weiterer Stummfilm mit Live Musik im Rahmen des 10. Akkordeonfestivals. Exzellent begleitet diesmal von Sasha Shevchenko. Keaton gilt neben Chaplin als der beste Stummfilm-Komiker und “Der General” zeigt, dass dieser Ruf durchaus berechtigt ist. Er schuf eine einzigartige Filmkunstfigur, die mit ihrem ständig ernsten Gesicht an berühmte Clowns erinnert.

Nach seiner Entstehung 1926 floppte der Film in den amerikanischen Kinos. Erst 1962 wurde er während einer Tour Keatons in Frankreich und Deutschland wieder entdeckt und gilt seitdem als wichtiger Bestandteil des Stummfilmkanons. Die Handlung irritiert insofern als die Guten des Films die während des Amerikanischen Bürgerkriegs die Sklaverei verteidigenden Südstaaten sind. Ihnen hilft Keatons Alter Ego durch handfeste Abenteuer mit seiner Lok “Der General”, die er waghalsig in diversen Verfolgungsjagden hinter die feindlichen Linien fährt, seine Freundin rettet und schließlich zum “Kriegshelden” mutiert. Die Kriegshandlung ist auf mehreren Ebenen ironisch gebrochen und die Erfolge verdanken sich nicht selten positiven Zufällen eines Tolpatsches.

Keatons Umgang mit “großer” Technik ist zurecht berühmt. Seine Interaktion mit der Lok ist fulminant inszeniert. Für die damalige Zeit dürften auch die Spezialeffekte kaum zu überbieten gewesen sein. Diese beiden Stummfilme haben jedenfalls in mir den Wunsch geweckt, ein Stummfilm-Projekt zu starten und mehr von diesem guten Stoff (wieder) anzusehen.

Abschließend sei noch bemerkt, dass überraschenderweise auch Playstation-Kids neunzig Minuten lang durch einen Buster Keaton exzellent zu unterhalten sind.

Kleine Fische

Samstag, März 21st, 2009

Filmcasino 20.3.

Der Diagonale Eröffnungsfilm ist auch in Wien zu sehen. Regisseur Marco Antoniazzi erzählt die Geschichte zweier Brüder, die sich in Wien nach dem Tod ihres Vaters nach langen Jahren wiedersehen. Die Übernahme des kleinen, ebenso antiquierten wie unrentablen Fischgeschäfts der Familie führt nach einigen Nebenwegen zur gegenseitigen Annäherung.
Der Film ist nicht unsympathisch, ich würde ihm aber nicht das Prädikat “charmant” verleihen wie die Diagonale-Intendantin Barbara Pichler. Die schauspielerische Leistung ist sehr gut, aber für eine Komödie hat “Kleine Fische” deutlich zu wenig Tempo. Dieses behäbige Fortschreiten ist dem Genre nicht förderlich. Angesichts der geschilderten Familienkonstellation samt diversen Lebenslügen könnte man sogar so weit geht, diese Kategorisierung überhaupt in Frage zu stellen. Kein Pflichttermin.

Chaplin: City Lights

Freitag, März 6th, 2009

Filmcasino 1.3.

Eine Stummfilm-Matinee im Rahmen des 10. Akkordeonfestivals, d.h. mit Livemusikbegleitung. “City Lights” ist mit “Great Dictator” mein Lieblingsfilm von Chaplin. Er vereint viele Vorzüge seines Filmschaffens: Komik (der Boxkampf!), intelligente, bis ins Detail ausgetüffelte Choreographie, Sozialkritik in Kombination mit zum Teil melodramatischem Stummfilmpathos, exzellente schauspielerische Leistungen.
1931 lief “City Lights” während der Depression in den amerikanischen Kinos und man kann sich die Wirkung des Films auch heute noch gut vorstellen. Einerseits tröstend durch Humor und mit der humanen Botschaft, dass Solidarität helfen kann. Andererseits erkenntnisfördernd, in dem die soziale Realität verfremdet gespiegelt wird. Die musikalische Livebegleitung war grandios. Lothar Lässer am Akkordeon und Robert Lepenik an der Gitarre unterlegten den Film mit einer nuancierten Tonkulisse (von schrägen Tönen für Dialoge bis hin zu klassisch “emotionaler” Filmmusik). Ein höchst erfreulicher Filmnachmittag, resultierend in dem Vorsatz, wieder mehr Stummfilme anzusehen.

Gus Van Sant: Milk

Sonntag, März 1st, 2009

Filmcasino 27.2.

Van Sant mischt sich mit diesem Film heftig in die aktuelle amerikanische Debatte um die Rechte von Homosexuellen ein. Man erinnert sich, dass es im Herbst in Californien gleichzeitig mit der Wahl Obamas ein Plebiszit gab, welches die Homoehe in dem angeblich so liberalen Bundesstaat widerrief. Ganz so, als könne es über Menschenrechte Mehrheitsentscheidungen geben.

Der Film zeigt einen wichtigen Teil der Vorgeschichte dieser Bürgerrechtsbewegung. Im Zentrum steht Harvey Milk, der es im San Francisco der siebziger Jahre zum Stadtrat brachte und damit der erste bekennende Schwule in einem politischen Amt war. Van Sant zeichnet den Aufstieg Milks zu dieser Position und den Kampf seiner Minderheit gegen die Diskriminierung in seinem neuen Film. Cinematographisch gekonnt inszeniert, mit zahlreichen Schnitten zwischen echten und “falschen” Dokumentaraufnahmen erzählt er den entscheidenden Teil von Milks Biographie bis zum Attentat.

Das geht nicht ohne Pathos ab, wobei Pathos im Kino nicht notwendigerweise schaden muss, schon gar nicht, wenn es um eine gute politische Sache geht. Wie wenig sich in den letzten vierzig Jahren in dieser Frage verändert hat, zeigen die aktuellen Ereignisse leider überdeutlich.

Sean Penn legt eine furiose schauspielerische Leistung hin. Van Sant zeigt mit “Milk” einmal mehr, dass er zu den interessanteren Regisseuren des amerikanischen Kinos zählt.

Bergman: Sehnsucht der Frauen (1952)

Freitag, Februar 20th, 2009

Filmmuseum 19.2.

Ein für Bergman ungewöhnlicher Episodenfilm, da er auch komödiantische Elemente enthält. Es werden drei Geschichten in unterschiedlicher Tonlage geschildert. In der letzten Episode verbringt ein Ehepaar zwangsweise eine Nacht in einem Lift, was sehr amüsant geschildert wird. Bergman hätte also auch mehr gute Komödien machen können, wenn er nur gewollt hätte.

Laurent Cantet: Die Klasse (F 2008)

Montag, Januar 26th, 2009

Filmcasino 25.1.

Die Goldene Palme, welche der Film letztes Jahr in Cannes bekam, ist sicher gerechtfertigt. Der Film erzählt (wobei “erzählt” für den Dokumentarstil wohl nicht das richtige Adjektiv ist) das Leben einer Schulklasse während eines Schuljahres. Wer nun an “Club der toten Dichter” denkt, liegt aber ganz falsch. Die Schule ist nämlich in einem der berühmten Banlieus von Paris angesiedelt, und die 13-15jährigen Schüler in der Klasse sind ein wilder multikultureller Haufen. Kein romantisch-kitischiger Internatsfilm also, sondern eine beeindruckende Milieustudie.

Cantet fängt die Konflikte und den Schulalltag sehr realistisch ein, mit Verständnis für die schwierige Situation der Schüler (und der Lehrer) und ist denkbar weit von einem Sozialporno entfernt. Der Film spielt praktisch ausschließlich in Schulräumlichkeiten, so dass für der Alltag der Betroffenen nur indirekt reflektiert wird. Die Laien-Schauspieler sind sehr authentisch. Eine Empfehlung.

Terry Gilliams verfilmt “Don Quijote”

Samstag, Januar 24th, 2009

Ex-Monthy-Python Gilliams gibt nicht auf. Seit Jahren will er Cervantes “Don Quijote” verfilmen, nun scheint es endlich so weit zu sein. Einen so vielschichtigen Roman auf die Kinoleinwand zu bringen, dürfte aber selbst für Gilliams schwierig bis unmöglich werden. Mehr dazu hier.

Mein halbes Leben

Samstag, Januar 17th, 2009

Filmcasino 16.1.

Regie: Marko Doringer

Lange schon ist ein österreichischer Film nicht mehr so enthusiastisch sowohl von der Kritik als auch vom Publikum aufgenommen worden. Marko Doringer hat einen Film “für die Dreißigjährigen” gedreht. Ergebnis ist eine autobiographische Dokumentation, die formal an den Ich-Erzähler in Romanen erinnert. Viele Einstellungen sind so gehalten, als würde man durch die Augen Doringers auf die Welt sehen. Das hebt die seltenen Momente, in denen er selbst zu sehen ist, dramaturgisch geschickt hervor.

Will man die Literaturanalogie beibehalten, so wäre es ein kleiner Episoden-Roman. Doringer zieht die Bilanz seines dreißigjährigen Leben, konfrontiert sich und andere (seine Eltern!) mit diversen Erwartungshaltungen. Im Zentrum aber stehen alte Freundinnen und Freunde, die er mit seiner Kamera besucht, um herauszufinden, wie weit sie in diesem Lebensabschnitt bereits gelangt sind. Dabei gelingt im ein seltenes Kunststück: Die Portraits sind ehrlich, manchmal durchaus auch peinlich für die Betroffenen, auf deren Kosten sich das Publikum amüsieren darf. Trotzdem überschreitet er nie die Grenze zum Denunziatorischen (das Geschäftsmodell eines Ulrich Seidl), womit ihm ein ästhetisch außergewöhnlicher Balanceakt gelingt.

Das Ergebnis ist ein komisches, tiefgründiges, formal interessantes Generationenportrait. Ein sehenswerter Film, mit der ironischen Pointe, dass die Thematisierung seiner Erfolgslosigkeit nun sein großer Erfolg geworden ist.

Vicky Cristina Barcelona

Samstag, Januar 3rd, 2009

Burgkino 2.1.09

Regie: Woody Allen

Woody Allen ist der einzige Regisseur von dem ich alle Filme nicht nur kenne, sondern sogar den Anspruch einer gewissen Kennerschaft erhebe. Beginn dieser Bekanntschaft waren seine großen Filmen aus den siebziger und achtziger Jahren, die ich nach wie vor gerne sehe. Inspirierte Meisterwerke, welche den “Tiefsinn” des europäischen Autorenkinos mit der Unterhaltsamkeit amerikanischer Filme verbinden und gleichzeitig mit einem beachtlichen literarischen und intellektuellen Niveau erfreuen. Als Beispiele seien “Hannah and Her Sisters” (1986) und “Crimes and Misdemeanors” (1989) genannt.
Der letzte Film auf diesem Niveau war “Deconstructing Harry” (1996). Alle Filme danach waren nicht schlecht, unterhaltsam, gut gemacht, bleiben aber merklich hinter seinen besten Produktionen zurück.
Auch sein jüngster Film macht hier keine Ausnahme. Im Mittelpunkt stehen die Liebesverwirrungen zweier junger Amerikanerinnen in Barcelona im Künstlermilieu. Woody Allen variiert hier nicht ungekonnt viele seiner alten Motive neu, aber man wird den Eindruck nicht los, als würde er diese Filme am Fließband produzieren. Das wirkt handwerklich solide ausgeführt, aber uninspiriert. Ein “echter” Woody-Allen-Film im neuen Jahrtausend steht also immer noch aus.

Gomorrah

Sonntag, September 28th, 2008

Filmcasino 26.9.
Regie: Matteo Garrone

Mehr als eine Million Exemplare gingen weltweit von Roberto Savianos Buch über die Camorra in Neapel über die Ladentische. Eine Verfilmung war also nur eine Frage der Zeit. Garrone hat sich für einen interessanten Ansatz entschieden, er hat einen klassischen Episodenfilm daraus gemacht. Er erzählt fünf unterschiedliche Geschichten aus dem Alltag der Camorra. Von einem Teenager, der in die Szene abgleitet, zwei junge Burschen, welche ihre Provokationen des Bezirks-Clan letztendlich mit dem Tod bezahlen, illegale Giftmüll-Entsorgung …
Es wirkt alles sehr authentisch und man bleibt verblüfft über die Zustände im Süden eines der wichtigsten EU-Länder zurück, auch wenn man eigentlich vorher schon “abstrakt” wusste, wie es dort läuft. Besonders “malerisch” setzt Garrone die heruntergekommenen Wohnblöcke ins Bild, die einen an Entwicklungsländer denken lassen.

Analyse bietet der Film keine, er konfrontiert die Zuseher “nur” mit diesen unglaublichen Verhältnissen und will wach rütteln. Eine große Empörung verspürt man am Ende jedoch nicht, was aber weniger am Film liegt, sondern daran, dass man inzwischen einfach abgestumpft ist, angesichts der Vielzahl des Empörenswerten.

Woody Allen über Ingmar Bergman

Sonntag, August 12th, 2007

Das kurze Interview findet sich hier.

Babel

Samstag, Januar 6th, 2007

Filmcasino 5.1.
Regie: Alejandro González Iñárritu

Lange schon sah ich keinen Film mehr, der Aktualität und Kunstverstand so ausgezeichnet zu verbinden weiß wie “Babel”. Ausgangspunkt der Handlung sind zwei marokkanische Hirtenjungen, die ein Gewehr ausprobieren, in dem sie aus großer Entfernung auf einen Touristenbus schießen. Eine Amerikanerin wird getroffen und das Skript “Terrorattentat” beginnt. Mit der Ästhetik des avancierten Episodenfilms bindet Iñárritu alle “Betroffenen” in seinen Film ein. Da ist der japanische Jagdtourist, der das Gewehr einem marokkanischen Guide schenkte und dessen taubstumme Tochter. Da ist die mexikanische Nanny der Kinder der Angeschossenen, die diese mit nach Mexiko auf eine Hochzeit nehmen muss. Eine Reise mit tragischen Folgen.

Der Film zeigt die globalen Auswirkungen eines Jungenstreichs. Iñárritu bedient sich dabei raffinierter filmischer Erzähltechniken, die er furios einsetzt. Die Chronologie wird immer wieder unterbrochen. Bildmächtig bekommt der Betrachter die heutige Welt exemplarisch präsentiert: Die Sahara, die Stadtlandschaft Tokios, der mexikanische Hochzeitstrubel.

Besser kann man das ausgelutschte Globalisierungsthema nicht umsetzen. Dabei verzichtet Iñárritu klugerweise darauf, dass “Terrorthema” zu sehr auszuschlachten. Die globale Medienhysterie wird nur am Rande angedeutet, Entscheidendes findet, wie so oft bei guter Kunst, im Kopf des Rezipienten statt. Diesen Film sollte man sich nicht entgehen lassen.

Woody Allen: Match Point

Donnerstag, August 3rd, 2006

Filmcasino 29.12.

Es ist lange her, dass ein neuer Film von Woody Allen so einhellig gelobt wurde. Sein bestes Werk seit fünfzehn Jahren sei es und unterscheide sich deutlich von seinen anderen Filmen. Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Sein bester Film seit “Deconstructing Harry” (1997) ist er ohne Zweifel. Auch ist die Stimmung düsterer als in seinen Komödien, allerdings übersehen viele Kritiker, dass sich das umfangreichen Oeuvre des Regisseurs nicht auf Komödien beschränkt. Man denke beispielsweise “Another Woman” (1988). Andererseits beschäftigte die “Schuld und Sühne” Thematik Woody Allen bereits in vielen Filmen, am bekanntesten in dem ausgezeichneten “Crimes and Misdemeanors” (1989).

Literarisches Leitmotiv von “Match Point” ist Dostojewksijs berühmter Roman über Schuld und Sühne. Er wird an mehreren Stellen auch explizit zitiert. Auch sonst gibt es eine Reihe von literarischen Anspielungen und schon der Handlungsrahmen, ein armer Tennislehrer aus der Provinz landet in der High Society samt erotischen Verwicklungen, erinnert an Balzac oder Stendhal. Im Gegensatz zu Dostojewskij gibt es bei Allen jedoch kein “happy end”, was den Film sehr pessimistisch enden läßt.

Die musikalische Hintermalung ist noch einer Erwähnung wert. Sehr passend bedient sich Allen hier Opernmusik um die Leidenschaften auf der Leinwand zu illustrieren. Darunter viele historische Aufnahmen (Caruso!). Eine stimmige Angelegenheit.

Brokeback Mountain

Sonntag, März 12th, 2006

Filmcasino 11.3.
Regie: Ang Lee

Dass diese traurige Geschichte über schwule Cowboys im bigotten amerikanischen Mittelwesten provoziert, überrascht nicht. Die Begleitberichterstattung der letzten Wochen rief einem ausführlich die teilweise gewaltätige Homophobie der amerikanischen Provinz vor Augen.

Thematisch hat sich Ang Lee mit diesem Mainstreamfilm also durchaus Verdienste erworben, auch wenn er dort, wo er aufklärisch wirken könnte, meist nicht gesehen werden kann. Für meinen urbanen Geschmack gibt es allerdings deutlich zu viele Lagerfeuer, Flüsse, Schafe, Berge, Gewitter und andere romantische Ingredienzien, welche Lee (zugegebenermaßen) visuell hübsch ins Bild bringt.

Die schauspielerische Leistung ist durchgehend auf hohem Niveau.

Lars von Trier: Manderlay

Mittwoch, Dezember 28th, 2005

Filmcasino 27.12.

Es handelt sich um den zweiten Teil der Trilogie, welche mit “Dogville” begonnen hat. Lars von Trier setzt das innovative ästhetische Konzept des Erstlings fort. Der Film wird in einem Kunstraum gedreht. Die Orte sind artifiziell auf dem Boden durch entsprechende Beschriftungen gekennzeichnet. Die Innenräume kann man sehen, Wände und Türen sind fiktiv. Trotz dieser hohen Künstlichkeit gewöhnt man sich sehr schnell an das Setting und der Film wirkt erstaunlich lebensnah. Ein cinematographisch höchst interessanter Effekt.

Kritiker waren Lars von Trier teilweise “plumpen Antiamerikanismus” vor. Tatsächlich gibt es Elemente, welche diese Bewertung als gerechtfertigt erscheinen lassen. Andererseits werden die psychologischen Abgründe von Rasusmus und Skalverei sehr differenziert ausgeleuchtet. Der Film erzählt die Entwicklung einer 70 Jahre zu spät von der Sklaverei befreiten Baumwollplantage, die nun in Eigenregie der ehemaligen Sklaven betrieben wird. Grace, Protagonistin in “Dogville” und die Tochter eines Gangsterbosses will die Sklaven in die Freiheit führen. Ironischerweise mit Unterstützung einer Handvoll väterlicher Gangster. Ihr guter Wille führt jedoch zu einer Reihe von zweifelhaften Wirkungen samt einem überraschenden Ende.

Kebab Connection

Freitag, Mai 6th, 2005

Filmcasino 30.4.
Regie: Anno Saul
Drehbuch: Fatih Akin, Ruth Toma, Jan Berger
Ibo: Denis Moschitto
Titzi: Nora Tschirner
Ahmet: Hasan Ali Mete
Kirianis: Adnan Maral
die Italienerin: Sibel Kekilli

Eine witzige “Multikulti-Komödie”, die in Hamburg spielt und die das deutsch-türkische Missverständnispotenzial mit viel Selbstironie auf die Leinwand bringt. Angereichert mit Anspielungen auf Filmklassiker und (qua Schauspielunterricht) Shakespeares Romeo und Julia.
Kein filmisches Schwergewicht, aber besser als Akins pathosschwangeres Werk “Gegen die Wand”.