Archive for the ‘Film’ Category

Schwerkraft

Sonntag, August 1st, 2010

Filmcasino 25.7.
Regie: Maximilian Erlenwein

Es ist ein Aussteiger-Film der besonderen Art. Frederik Feinermann ist erfolgreicher Bankangestellter. Abgesehen von den üblichen Beziehungsproblemen führt er ein normales Leben. Das ändert sich schlagartig als sich einer seiner Kunden vor seinen Augen erschießt. Frederik hatte ihm einen Kredit angedreht, obwohl er wußte, dass der Arbeitslose ihn nie würde zurückzahlen können.

Als er Vince Holland wieder trifft, einen alten Bekannten, der die letzten Jahre im Gefängnis saß, entscheidet er sich, dessen “Lehrling” zu werden. Sie räumen nicht nur die Wohnungen seiner Bankkunden aus. Garniert ist das mit einer Schuld-und-Sühne-Geschichte mit Vince im Mittelpunkt.

Interessant ist, dass der Film zwischen allen Genres schwebt. Elemente der Komödie wechseln mit denen des Dramas, wobei letztere dominieren. Farblich ist der Film in blau/grauen metallischen Tönen gehalten. Erlenwein hat sich bei den filmischen Mitteln ausgetobt und mehr Ideen in den Film gepackt als eigentlich notwendig gewesen wäre. Aber bei Erstlingswerken ist das ein “klassischer” Fehler. Erlenwein drehte bisher vor allem Kurzfilme und einen Dokumentarfilm.

Tutta la vita davanti

Sonntag, Juni 20th, 2010

Filmcasino 20.6.

Regie: Paolo Virzí

Im Mittelpunkt der Handlung steht Marta, die eben ihr Philosophiestudium abgeschlossen hat, und nun eine Stelle sucht. Sie wird Teil des vieldiskutierten Prekariats und landet erst einmal in einem Callcenter. Vermittelt wurde sie dorthin von einem jungen Mitglied des weiblichen Proletariats, um dessen Tochter sich Marta kümmert, und deren Milieu ebenfalls reflektiert wird.

Der Film zeigt in einem rasanten Tempo die Abstrusitäten des prekären Arbeitsalltags inklusive der peinlichen Motivationsmethoden verkaufsorientierter Firmen. Diese Art der Firmenkultur wird zur Kenntlichkeit überspitzt dargestellt.

Das ist meist hochgradig komisch. Schwächen hat der Film, wenn er Ausflüge ins Tragische unternimmt. So ist der Mord am Ende ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Je flotter die Komödie abläuft, desto stärker die Szenen.

Insgesamt zeichnet der Film, wie alle guten Komödien, ein düsteres Bild der Gesellschaft. Der jungen Generation geht es schlecht, egal ob man von ganz unten kommt oder “summa cum laude” ein Studium abschloss. Bekanntlich ist das inzwischen ein europaweites Phänomen. Martas Freund nimmt deshalb das Angebot einer amerikanischen Universität an. In Italien hätte er als theoretischer Physiker keine Chance gehabt.

Welcome

Montag, Mai 24th, 2010

Filmcasino 24.5.

Regie: Philippe Lioret

Der Film über den siebzehnjährigen irakischen Jungen Bilal, der nach einem viertausend Kilometer langen Fußmarsch in Calais landet, und von dort aus illegal weiter nach London will, löste in Frankreich eine heftige Debatte aus. Zeigt er doch einfühlsam die Kehrseite des europäischen Wohlstandes, nämlich die Abschottung der EU gegen Flüchtlinge.

Die Strategie, solche anonymen Strukturen durch das Herausgreifen eines individuellen Schicksals anschaulich zu machen, funktioniert auch in Welcome ausgezeichnet. Lioret zeigt die Reaktion des französischen Staates auf das “Problem”: Er stellt Hilfe unter Strafe. Humanität ist staatlich verboten. Das ist das ethische Dilemma im Zentrum, veranschaulicht durch den Schwimmlehrer Simon, der durch die Unterstützung Bilals in die Mühlen der Justiz gerät.

Wer nun befürchtet, der Film sei politische Propaganda, liegt falsch. Lioret erzählt eine einfühlsame Geschichte und verzichtet auf plakative Szenen. Die filmischen Mittel sind ästhetisch nicht aufregend, passen aber gut zum ruhigen narrativen Duktus. Dass Bilals Flucht durch eine Liebesgeschichte motiviert ist, führt zu einem stärkeren sentimentalen Grundton als eigentlich notwendig wäre.

Welcome ist berührend und regt zum Nachdenken an. Klare Empfehlung.

Trailer (leider auf Deutsch)

Billy Wilder

Sonntag, Mai 2nd, 2010

Bei siebenundzwanzig Filmen führte Billy Wilder Regie. Sechsundzwanzig davon sah ich mir in den letzten Monaten in chronologischer Reihenfolge an, viele nicht zum ersten Mal. Ein Urteil über sein Lebenswerk fällt nicht leicht. Man stellt schnell fest, dass Wilders Talent in erster Linie auf der Narration beruht. Er kann brilliant filmisch Geschichten erzählen. Ich würde sogar soweit gehen, ihn als literarischen Regisseur zu bezeichnen. Damit will ich Billy Wilder das Prädikat eines Filmkünstlers natürlich nicht absprechen. Er beherrscht das klassische Filmhandwerk in Perfektion. Ästhetische Innovation hat ihn freilich nie interessiert. So ist sein vorletzter Film Fedora (1978) zwar raffiniert, was die Behandlung der unterschiedlichen Zeitebenen angeht, aber ansonsten gibt es zu seinem Klassiker Sunset Boulevard (1950) ästhetisch keine nennenswerten Unterschiede. Ganz so, als hätte es die Nouvelle Vague oder andere Formen des Autorenkinos nie gegeben. Sogar ein erzkonservativer Filmemacher wie Woody Allen hat mit Stardust Memories (1980) einmal in diese Richtung experimentiert. Billy Wilder nie.

Seine besten Filme, zu denen ich neben Sunset Boulevard auch Some Like it Hot (1959) und The Apartment (1960) zähle, verbinden eine (nicht immer) komische Handlung mit einem subtilen Kommentar zu wichtigen Lebensfragen. Am gelungsten ist diese Symbiose in The Apartment. Wilder erzählt die Verwicklungen des von Jack Lemmon gespielten Versicherungsangestellten C.C. Baxter, der seine Junggesellen-Wohnung regelmäßig höhergestellten Kollegen für Seitensprünge überläßt. Literarisch und filmisch ist das blendend erzählt. Gleichzeitig reflektiert der Film aber das seltsame Leben eines kleinen Angestellten in Manhattan. Die Monotonie und Anonymität seiner Arbeit, die Schlichtheit des Unterhaltungsangebots etc. Man nehme beispielsweise die Szene, wo Baxter aus der Arbeit kommt, ein frühes Fertiggericht vor dem Fernseher konsumiert und verständnislos durch die Kanäle zappt, wo in erster Linie Werbung zu sehen ist. Der Film hat viele kleine Widerhaken und trotz des Happy Ends ist man am Ende überzeugt, alles andere als eine seichte Komödie gesehen zu haben.

Komödien sind das Genre, das Billy Wilder am besten beherrscht. Das schließt gute Dramen wie The Lost Weekend (1945) nicht aus, wo er die Abgründe eines Alkoholiker-Lebens filmisch analysiert. Seine Kalte-Kriegs-Klamotte One, Two, Three (1961) zählt zu den komischsten Filmen, die ich kenne. Gleichzeitig macht er sich über die Hysterie des Kalten Krieges lustig, was zu dieser Zeit dringend nötig und mutig war. Wer gute “klassische” Filme mag, kommt an Billy Wilder nicht vorbei. Er wird aber mehr als Erzähler denn als Ästhetiker in die Filmgeschichte eingehen.

Precious

Dienstag, April 6th, 2010

Filmcasino 5.4.

Regie: Lee Daniels

Die Meinungen zu Precious gehen weit auseinander. Eine politisch löbliches Milieustudie sehen die einen, während die anderen sich über einen rassistischen Sozialporno empören. Man muss kein Aristotelianer sein, um festzustellen: Keine dieser extremen Ansichten ist richtig. Als Kunstwerk ist der Film gescheitert. Regelmäßig werden kitschige Tagtraumszenen eingeblendet, die aus Sicht der jungen “Heldin” zwar authentisch sein mögen, aber die ästhetische Statik eines Milieufilms arg ins Wanken bringen. Die Filmmusik hilft auch nicht weiter. Sie schwankt zwischen pathetischem Kitsch, schwarzer Folklore und musikalischer Ironie.

Zu Beginn wirkte auf mich alles hochgradig unauthentisch. Langsam findet man sich in die (missglückte) Erzählweise und wird dann regelmäßig von den oben beschriebenen Einschüben wieder herausgerissen. Was die Handlung angeht, wird dem Leser eine Unterschichtstragödie geboten mit allem, was den Bobo wohlig erschauern läßt: Gewalt, Inzest, Dummheit in diversen Abstufungen. Das wirkt an manchen Stellen tatsächlich sozialpornographisch. Nur die Hauptfigur Precious wird hier behutsamer behandelt.

Warum der Film gescheitert ist, erkennt man am besten, wenn man ihn mit anderen Milieufilmen vergleicht. Man nehme den großartigen Aki Kaurismäki, der das Kunststück schafft, Unterschichtdramen zu erzählen ohne die Protagonisten zu denunzieren. Das ist große Filmkunst. Precious dagegen ist ein peinlicher Versuch des Mainstreamkinos sich diesem Thema zu nähern. Man kann Oprah Winfrey nur raten, sich wieder auf Bücher zu konzentrieren, anstatt sich an politisch wohlgemeinten Filmproduktionen zu versuchen.

Tulpan

Dienstag, April 6th, 2010

Filmcasino 23.3.

Regie: Sergei Dvortsevoy

Der Film ist so ungewöhnlich, dass er auf alle Fälle eine Notiz verdient. Es war mein erster kasachischer Film, und ich war wohl der einzige im spärlich besetzten Kinosaal, der schon einmal in Kasachstan unterwegs war. Die Handlung ist folkloristisch, und zwar im besten Sinn des Wortes. In langsamen Bildern wird das (harte) Hirtenleben in der kasachischen Steppe ästhetisch aufgearbeitet. Der junge Asa kommt von der Marine zurück in die Jurte seiner Eltern und träumt von einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb in der Steppe. Voraussetzung für diese Selbständigkeit wäre eine Heirat. Doch es herrscht eklatanter Frauenmangel und die ins Auge gefasste Tulpan verweigert sich.

Das geschilderte Leben in und außerhalb der Jurte wirkt kulturell sehr authentisch, und das ist auch die größte Stärke des Films. Das moderne Kasachstan kommt freilich nur als Projektionsfolie der Protagonisten vor.

Joel and Ethan Coen: A Serious Man

Sonntag, Februar 7th, 2010

Filmcasino 24.1.

Mit ihrem neuen Film ist in den beiden Brüdern ein beachtlicher Wurf gelungen. Im Mittelpunkt steht der junge jüdische Physikprofessor Larry Gopnik, dessen Leben aus mehreren Gründen in die Krise gerät. Nicht nur will ihn seine Gattin verlassen, ein Student versucht ihn außerdem für eine gute Note zu bestechen. Die Karriere ist gefährdet. Sein exzentrischer Bruder Arthur ist bei ihm eingezogen und macht die Situation noch komplizierter.

Im Mittelpunkt steht allerdings die (autobiographische?) Auseinandersetzung mit dem jüdischen Milieu und vor allem der jüdischen Religion. Das wird schon zu Beginn klar: Der Film eröffnet mit einer komplett in Jiddisch gehalten Szene in einem Shtetl in der irrationale Kompenenten im Weltbild seiner Vorfahren in Szene gesetzt werden. Larry Gopnik sucht im Laufe seiner Lebenskatastrophe Rat bei diversen Rabbis, was zu einer ebenso komischen wie bitterbösen Abrechnung mit diesem Religionstheater gerät.

Die Schauspieler sind grandios gewählt und konfrontieren den Zuseher mit furiosen Skurilitäten. Der beste Film der Brüder seit vielen Jahren und eine uneingeschränkte Empfehlung.

Woody Allen

Samstag, Januar 2nd, 2010

Whatever Works (2009)

Zweimal sah ich den neuen Film und bin mir inzwischen sicher, dass es sich um den besten Allen-Film seit Deconstructing Harry (1997) handelt. Die scharfe Misanthropie des Boris Yellnikoff ist mehrfach gebrochen. Er wirkt einerseits nicht als das brilliante Genie, das er zu sein vorgibt. Andererseits ist er näher an psychisch-klinischen Zuständen wie die Figuren in anderen Filmen. Das bricht die bitterbösen Monologe etwas, die nüchtern betrachtet näher an der Wahrheit sind, als es die meisten Menschen gerne hätten. Woody Allen scheint nach den letzten Filmen seine Schaffenskrise endlich überwunden zu haben, die ersten Filme der Dekade waren vergleichsweise schwach.
Es ist sicher richtig, dass er mit Whatever Works keine neuen Wege beschreitet, sondern seine alten Themen einmal mehr variiert. Dies aber auf hohem Niveau.

I Claudius (BBC Verfilmung)

Montag, Dezember 14th, 2009

Nach der Lektüre von I Claudius lag es nahe, mir auch noch die dreizehnteilige Verfilmung anzusehen, welche die BBC 1976 ausstrahlte, und die auf DVD erhältlich ist.

Zu Beginn dauert es einige Zeit bis man sich daran gewöhnt hat, dass die römischen Celebritäten alle im wunderbarsten britischen Theaterenglisch sprechen. Nimmt man diese Rezeptionshürde, bekommt man historische Unterhaltung auf hohem Niveau präsentiert. Das Drehbuch hält sich eng an Robert Graves Roman, der sich wiederum nicht immer an die historische Fakten hält (halten kann!) bzw. Vermutungen zu historischen Tatsachen befördert. Legitim, wenn man einen Roman schreibt, aber man sollte es beim Ansehen doch im Hinterkopf behalten.

Die geschilderten Ereignisse über mehrere Generationen hinweg kommen einer TV Adaptierung entgehen: Intrigen, Giftmorde, Bösewichte und Helden sind hinreichend unterhaltsam. Schauspielerisch ist das bestes klassisches britisches Theater und schon deshalb sehenswert. I Claudius war eine der erfolgreichsten von der BBC je produzierten Serien. Anspruchsvoller Stoff und Erfolg schließen sich also nicht aus, liebe Intendanten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Lars von Trier: Antichrist

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

Filmcasino 22.11.

Lars von Trier polarisiert. Sein neuer Film steht in der Tradition der von Ingmar Bergman inszenierten düsteren Ehekatastrophen. Er hebt diese aber auf eine neue, apokalyptische Stufe. Der kleine Sohn kommt durch einen Unfall ums Leben, während sich das Ehepaar im Bett vergnügt. Die Mutter verfällt in eine schwere Depression, der Vater versucht sie zu therapieren, denn er ist Psychotherapeut.
Die beiden ziehen sich in eine einsame Waldhütte zurück, wo das psychische Horrordrama seinen stetigen Lauf nimmt. Hervorzuheben ist, dass die Natur als Projektionsfläche des Bösen dient. Das hebt sich wohltuend von den verlogenen Wald-und-Berg-Idyllen des Mainstreams ab. “Nature is Satan’s church” wird das an einer Stelle pointiert zusammengefasst.

Sehenswert ist der Film vor allem aus einem Grund: Seine Filmsprache ist individuell, radikal und originell. So viel Kunstwillen gibt es im europäischen Film nur noch selten. Trier bedient sich eines breiten Spektrums an filmischen Mitteln. Er ist nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch rücksichtslos.

Diese Radikalität läuft zwar Gefahr, dass sie ab und an ungewollt ins Komische umkippt, speziell wenn man einige seiner thematischen Obsessionen hinzu nimmt (die Frau, das leidende Wesen). Aber diesem Balanceakt war radikale Ästhetik immer ausgesetzt.

Buster Keaton: Der General

Dienstag, März 24th, 2009

Filmcasino 22.3.

Nach City Lights ein weiterer Stummfilm mit Live Musik im Rahmen des 10. Akkordeonfestivals. Exzellent begleitet diesmal von Sasha Shevchenko. Keaton gilt neben Chaplin als der beste Stummfilm-Komiker und “Der General” zeigt, dass dieser Ruf durchaus berechtigt ist. Er schuf eine einzigartige Filmkunstfigur, die mit ihrem ständig ernsten Gesicht an berühmte Clowns erinnert.

Nach seiner Entstehung 1926 floppte der Film in den amerikanischen Kinos. Erst 1962 wurde er während einer Tour Keatons in Frankreich und Deutschland wieder entdeckt und gilt seitdem als wichtiger Bestandteil des Stummfilmkanons. Die Handlung irritiert insofern als die Guten des Films die während des Amerikanischen Bürgerkriegs die Sklaverei verteidigenden Südstaaten sind. Ihnen hilft Keatons Alter Ego durch handfeste Abenteuer mit seiner Lok “Der General”, die er waghalsig in diversen Verfolgungsjagden hinter die feindlichen Linien fährt, seine Freundin rettet und schließlich zum “Kriegshelden” mutiert. Die Kriegshandlung ist auf mehreren Ebenen ironisch gebrochen und die Erfolge verdanken sich nicht selten positiven Zufällen eines Tolpatsches.

Keatons Umgang mit “großer” Technik ist zurecht berühmt. Seine Interaktion mit der Lok ist fulminant inszeniert. Für die damalige Zeit dürften auch die Spezialeffekte kaum zu überbieten gewesen sein. Diese beiden Stummfilme haben jedenfalls in mir den Wunsch geweckt, ein Stummfilm-Projekt zu starten und mehr von diesem guten Stoff (wieder) anzusehen.

Abschließend sei noch bemerkt, dass überraschenderweise auch Playstation-Kids neunzig Minuten lang durch einen Buster Keaton exzellent zu unterhalten sind.

Kleine Fische

Samstag, März 21st, 2009

Filmcasino 20.3.

Der Diagonale Eröffnungsfilm ist auch in Wien zu sehen. Regisseur Marco Antoniazzi erzählt die Geschichte zweier Brüder, die sich in Wien nach dem Tod ihres Vaters nach langen Jahren wiedersehen. Die Übernahme des kleinen, ebenso antiquierten wie unrentablen Fischgeschäfts der Familie führt nach einigen Nebenwegen zur gegenseitigen Annäherung.
Der Film ist nicht unsympathisch, ich würde ihm aber nicht das Prädikat “charmant” verleihen wie die Diagonale-Intendantin Barbara Pichler. Die schauspielerische Leistung ist sehr gut, aber für eine Komödie hat “Kleine Fische” deutlich zu wenig Tempo. Dieses behäbige Fortschreiten ist dem Genre nicht förderlich. Angesichts der geschilderten Familienkonstellation samt diversen Lebenslügen könnte man sogar so weit geht, diese Kategorisierung überhaupt in Frage zu stellen. Kein Pflichttermin.

Chaplin: City Lights

Freitag, März 6th, 2009

Filmcasino 1.3.

Eine Stummfilm-Matinee im Rahmen des 10. Akkordeonfestivals, d.h. mit Livemusikbegleitung. “City Lights” ist mit “Great Dictator” mein Lieblingsfilm von Chaplin. Er vereint viele Vorzüge seines Filmschaffens: Komik (der Boxkampf!), intelligente, bis ins Detail ausgetüffelte Choreographie, Sozialkritik in Kombination mit zum Teil melodramatischem Stummfilmpathos, exzellente schauspielerische Leistungen.
1931 lief “City Lights” während der Depression in den amerikanischen Kinos und man kann sich die Wirkung des Films auch heute noch gut vorstellen. Einerseits tröstend durch Humor und mit der humanen Botschaft, dass Solidarität helfen kann. Andererseits erkenntnisfördernd, in dem die soziale Realität verfremdet gespiegelt wird. Die musikalische Livebegleitung war grandios. Lothar Lässer am Akkordeon und Robert Lepenik an der Gitarre unterlegten den Film mit einer nuancierten Tonkulisse (von schrägen Tönen für Dialoge bis hin zu klassisch “emotionaler” Filmmusik). Ein höchst erfreulicher Filmnachmittag, resultierend in dem Vorsatz, wieder mehr Stummfilme anzusehen.

Gus Van Sant: Milk

Sonntag, März 1st, 2009

Filmcasino 27.2.

Van Sant mischt sich mit diesem Film heftig in die aktuelle amerikanische Debatte um die Rechte von Homosexuellen ein. Man erinnert sich, dass es im Herbst in Californien gleichzeitig mit der Wahl Obamas ein Plebiszit gab, welches die Homoehe in dem angeblich so liberalen Bundesstaat widerrief. Ganz so, als könne es über Menschenrechte Mehrheitsentscheidungen geben.

Der Film zeigt einen wichtigen Teil der Vorgeschichte dieser Bürgerrechtsbewegung. Im Zentrum steht Harvey Milk, der es im San Francisco der siebziger Jahre zum Stadtrat brachte und damit der erste bekennende Schwule in einem politischen Amt war. Van Sant zeichnet den Aufstieg Milks zu dieser Position und den Kampf seiner Minderheit gegen die Diskriminierung in seinem neuen Film. Cinematographisch gekonnt inszeniert, mit zahlreichen Schnitten zwischen echten und “falschen” Dokumentaraufnahmen erzählt er den entscheidenden Teil von Milks Biographie bis zum Attentat.

Das geht nicht ohne Pathos ab, wobei Pathos im Kino nicht notwendigerweise schaden muss, schon gar nicht, wenn es um eine gute politische Sache geht. Wie wenig sich in den letzten vierzig Jahren in dieser Frage verändert hat, zeigen die aktuellen Ereignisse leider überdeutlich.

Sean Penn legt eine furiose schauspielerische Leistung hin. Van Sant zeigt mit “Milk” einmal mehr, dass er zu den interessanteren Regisseuren des amerikanischen Kinos zählt.

Bergman: Sehnsucht der Frauen (1952)

Freitag, Februar 20th, 2009

Filmmuseum 19.2.

Ein für Bergman ungewöhnlicher Episodenfilm, da er auch komödiantische Elemente enthält. Es werden drei Geschichten in unterschiedlicher Tonlage geschildert. In der letzten Episode verbringt ein Ehepaar zwangsweise eine Nacht in einem Lift, was sehr amüsant geschildert wird. Bergman hätte also auch mehr gute Komödien machen können, wenn er nur gewollt hätte.

Laurent Cantet: Die Klasse (F 2008)

Montag, Januar 26th, 2009

Filmcasino 25.1.

Die Goldene Palme, welche der Film letztes Jahr in Cannes bekam, ist sicher gerechtfertigt. Der Film erzählt (wobei “erzählt” für den Dokumentarstil wohl nicht das richtige Adjektiv ist) das Leben einer Schulklasse während eines Schuljahres. Wer nun an “Club der toten Dichter” denkt, liegt aber ganz falsch. Die Schule ist nämlich in einem der berühmten Banlieus von Paris angesiedelt, und die 13-15jährigen Schüler in der Klasse sind ein wilder multikultureller Haufen. Kein romantisch-kitischiger Internatsfilm also, sondern eine beeindruckende Milieustudie.

Cantet fängt die Konflikte und den Schulalltag sehr realistisch ein, mit Verständnis für die schwierige Situation der Schüler (und der Lehrer) und ist denkbar weit von einem Sozialporno entfernt. Der Film spielt praktisch ausschließlich in Schulräumlichkeiten, so dass für der Alltag der Betroffenen nur indirekt reflektiert wird. Die Laien-Schauspieler sind sehr authentisch. Eine Empfehlung.

Terry Gilliams verfilmt “Don Quijote”

Samstag, Januar 24th, 2009

Ex-Monthy-Python Gilliams gibt nicht auf. Seit Jahren will er Cervantes “Don Quijote” verfilmen, nun scheint es endlich so weit zu sein. Einen so vielschichtigen Roman auf die Kinoleinwand zu bringen, dürfte aber selbst für Gilliams schwierig bis unmöglich werden. Mehr dazu hier.

Mein halbes Leben

Samstag, Januar 17th, 2009

Filmcasino 16.1.

Regie: Marko Doringer

Lange schon ist ein österreichischer Film nicht mehr so enthusiastisch sowohl von der Kritik als auch vom Publikum aufgenommen worden. Marko Doringer hat einen Film “für die Dreißigjährigen” gedreht. Ergebnis ist eine autobiographische Dokumentation, die formal an den Ich-Erzähler in Romanen erinnert. Viele Einstellungen sind so gehalten, als würde man durch die Augen Doringers auf die Welt sehen. Das hebt die seltenen Momente, in denen er selbst zu sehen ist, dramaturgisch geschickt hervor.

Will man die Literaturanalogie beibehalten, so wäre es ein kleiner Episoden-Roman. Doringer zieht die Bilanz seines dreißigjährigen Leben, konfrontiert sich und andere (seine Eltern!) mit diversen Erwartungshaltungen. Im Zentrum aber stehen alte Freundinnen und Freunde, die er mit seiner Kamera besucht, um herauszufinden, wie weit sie in diesem Lebensabschnitt bereits gelangt sind. Dabei gelingt im ein seltenes Kunststück: Die Portraits sind ehrlich, manchmal durchaus auch peinlich für die Betroffenen, auf deren Kosten sich das Publikum amüsieren darf. Trotzdem überschreitet er nie die Grenze zum Denunziatorischen (das Geschäftsmodell eines Ulrich Seidl), womit ihm ein ästhetisch außergewöhnlicher Balanceakt gelingt.

Das Ergebnis ist ein komisches, tiefgründiges, formal interessantes Generationenportrait. Ein sehenswerter Film, mit der ironischen Pointe, dass die Thematisierung seiner Erfolgslosigkeit nun sein großer Erfolg geworden ist.

Vicky Cristina Barcelona

Samstag, Januar 3rd, 2009

Burgkino 2.1.09

Regie: Woody Allen

Woody Allen ist der einzige Regisseur von dem ich alle Filme nicht nur kenne, sondern sogar den Anspruch einer gewissen Kennerschaft erhebe. Beginn dieser Bekanntschaft waren seine großen Filmen aus den siebziger und achtziger Jahren, die ich nach wie vor gerne sehe. Inspirierte Meisterwerke, welche den “Tiefsinn” des europäischen Autorenkinos mit der Unterhaltsamkeit amerikanischer Filme verbinden und gleichzeitig mit einem beachtlichen literarischen und intellektuellen Niveau erfreuen. Als Beispiele seien “Hannah and Her Sisters” (1986) und “Crimes and Misdemeanors” (1989) genannt.
Der letzte Film auf diesem Niveau war “Deconstructing Harry” (1996). Alle Filme danach waren nicht schlecht, unterhaltsam, gut gemacht, bleiben aber merklich hinter seinen besten Produktionen zurück.
Auch sein jüngster Film macht hier keine Ausnahme. Im Mittelpunkt stehen die Liebesverwirrungen zweier junger Amerikanerinnen in Barcelona im Künstlermilieu. Woody Allen variiert hier nicht ungekonnt viele seiner alten Motive neu, aber man wird den Eindruck nicht los, als würde er diese Filme am Fließband produzieren. Das wirkt handwerklich solide ausgeführt, aber uninspiriert. Ein “echter” Woody-Allen-Film im neuen Jahrtausend steht also immer noch aus.

Gomorrah

Sonntag, September 28th, 2008

Filmcasino 26.9.
Regie: Matteo Garrone

Mehr als eine Million Exemplare gingen weltweit von Roberto Savianos Buch über die Camorra in Neapel über die Ladentische. Eine Verfilmung war also nur eine Frage der Zeit. Garrone hat sich für einen interessanten Ansatz entschieden, er hat einen klassischen Episodenfilm daraus gemacht. Er erzählt fünf unterschiedliche Geschichten aus dem Alltag der Camorra. Von einem Teenager, der in die Szene abgleitet, zwei junge Burschen, welche ihre Provokationen des Bezirks-Clan letztendlich mit dem Tod bezahlen, illegale Giftmüll-Entsorgung …
Es wirkt alles sehr authentisch und man bleibt verblüfft über die Zustände im Süden eines der wichtigsten EU-Länder zurück, auch wenn man eigentlich vorher schon “abstrakt” wusste, wie es dort läuft. Besonders “malerisch” setzt Garrone die heruntergekommenen Wohnblöcke ins Bild, die einen an Entwicklungsländer denken lassen.

Analyse bietet der Film keine, er konfrontiert die Zuseher “nur” mit diesen unglaublichen Verhältnissen und will wach rütteln. Eine große Empörung verspürt man am Ende jedoch nicht, was aber weniger am Film liegt, sondern daran, dass man inzwischen einfach abgestumpft ist, angesichts der Vielzahl des Empörenswerten.