Archive for the ‘Fundstück’ Category

Montaigne über Bücher

Freitag, Januar 22nd, 2010

[Der Umgang mit Büchern] weicht mir auf meiner ganzen Lebensbahn nicht von der Seite und steht mir allenthalben zu Diensten. Er tröstet mich im Alter und in der Einsamkeit. Er entlastet mich von der Bürde des öden Müßiggangs und hält mir zu jeder Stunde unerwünschte Gesellschaft vom Leib. Er stumpft die stechenden Schmerzen, falls sie nicht übermächtig sind. Um einen lästigen Gedanken loszuwerden, brauche ich bloß zu den Büchern zu greifen - sie befreien mich davon, indem sie mich sogleich voll in Anspruch nehmen. […]

(Aus: Von der Kunst, das Leben zu lieben)

“Wie man ließt”

Sonntag, Dezember 20th, 2009

Christoph Martin Wieland beschreibt in dieser hübschen Anekdote die Tücken der Rezeption aus Sicht des Autors.

Ein Auszug:

Das Unglük, obenhin, unverständig, ohne Geschmak, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden - oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken - oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglüklich gespielt, oder sonst ein Mangel an Lebensgeistern hat - oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lectüre unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schikt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht - das Unglük, so gelesen zu werden, ist nach der Meynung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des National-Luxus ausmacht) sich und die armen ausgesezten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloßgestellt sehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glük zu sagen, wenn unter den Zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man ließt (und wenn’s auch nur ein Madrigal wäre) sein völliges Recht anzuthun.

Bernhard / Unseld / Fritz

Sonntag, Dezember 6th, 2009

Lieber Doktor Unseld, vor meiner Abreise aus Österreich habe ich noch einen Blick auf Ihre verlegerische Katastrophe geworfen; was Sie da auf über 3000 Seiten drucken und erscheinen haben lassen, ist die grösste verlegerische Peinlichkeit, die mir bis jetzt bekannt ist [Marianne Fritz, »Dessen Sprache du nicht verstehst«]. Über 3000 Seiten proletarischen stumpfsinnigen Müll mit dem Bombasmus eines Jahrhundertereignisses zu drucken und zu binden, gehört tatsächlich in das Buch der Rekorde: als Stupiditätsrekord.

[…]

Hätten Sie doch anstatt den Unsinn von Frau Fritz, nur eine dreitausend Blätter lange Klopapierrolle gedruckt und unter dem Suhrkampsignet herausgegeben, Sie wären auch damit ins Buch der Rekorde gekommen.

lieber herr bernhard, ich habe gestern ihren brief vom 20. november erhalten. fuer mich ist eine schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten

Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, »nicht mehr können«, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.

Also, wenn das nicht gut ist.

Zwischen den Briefen liegen ein paar Jahre…

Quelle: Vorabdruck in der ZEIT

Über aktuelle Ersatz-Religionen

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

Theories of modernization are not scientific hypotheses but theodicies - narratives of providence and redemption - presented in the jargon of social science. The beliefs that dominated the last two decades were residues of the faith in providence that supported classical political economy. Detached from religion and at the same time purged of the doubts that haunted its classical exponents, the belief in the market as a divine ordinance became a secular ideology of universal progress that in the late twentieth century was embraced by international institutions.

[…]

Despite its claim of scientific rationality, neoliberalism is rooted in a teleological interpretation of history as a process with preordained destination, and in this as in other respects it has a close affinity with Marxism.

John Gray: Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia S. 105ff.

Naturalistische Bibliomanie

Mittwoch, August 5th, 2009

Laura. […] Sehen Sie, er hat mitunter die ausgefallensten Ideen - die er ja als Gelehrter von mir aus ruhig haben könnte, wenn dadurch nicht die Existenz der ganzen Familie gefährdet wäre. So hat er zum Beispiel eine Manie, alles mögliche zu kaufen.

Der Arzt. Das klingt bedenklich. Was kauft er denn?

Laura. Ganze Kisten voll Bücher, die er nie liest.

Der Arzt. Nun, daß ein Gelehrter Bücher kauft, ist noch nicht weiter schlimm.

Laura. Sie glauben nicht, was ich sage?

August Strindberg: Der Vater

Über Nabokov

Montag, Juli 20th, 2009

Nabokov’s fiction is always becoming propaganda on behalf of good noticing, hence on behalf of itself. There are beauties that are not visual at all, and Nabokov has poorish eyes of those. How else to explain his dismissal of Mann, Camus, Faulkner, Stendhal, James? He judges them, essentially, for not being stylish enough, and for not being alert enough.

James Wood: How Fiction Works

Lesen und Lebensalter

Donnerstag, Juli 16th, 2009

This tutoring is dialectical. Literature make us better noticers of life; we get to practice on life itself; which in turn makes us better readers of detail in literature; which in turn makes us better readers of life. And so on and on. You have only to teach literature to realize that most young readers are poor noticers. I know from my own old books, wantonly annotated twenty years ago when I was a student, that I routinely underlined for approval details and images and metaphors that strike me now as commonplace, while I serenely missing things that now seem wonderful. We grow, as readers, and twenty-year-olds are relative virgins. They not yet read enough literature to be taught by it how to read it.

James Wood: How Fiction Works

Über die Lesesucht

Donnerstag, Juli 9th, 2009

Die Universität Giessen stellte erfreulicherweise Eine Warnung vor den Gefahren der Lesesucht (1821) ins Netz.

Kleiner Auszug:

Die Lesesucht ist eine unmäßige Begierde,
seinen eigenen, unthätigen Geist mit den
Einbildungen und Vorstellungen Anderer aus
deren Schriften vorübergehend zu vergnügen.
Man lieset, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern,
sondern um zu lesen; man lieset das Wahre und das Falsche
prüfungslos durch einander, ohne Wißbegier, sondern
mit Neugier. Man lieset und vergißt. Man gefällt sich in
diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüßiggang, wie in
einem träumenden Zustande.

Buch-Anleitung

Dienstag, Juli 7th, 2009

Gustave Flaubert

Dienstag, Juni 30th, 2009

Novelists should thank Flaubert the way poets thank spring: it all begins again with him. There is really a time before Flaubert and a time after him. Flaubert decisively established what most readers and writers think of as modern realist narration, and this influence is almost too familiar to be visible. We hardly remark of good prose that it favors the telling and brillant detail; that it privileges a high degree of visual noticing; that it maintains an unsentimental composure and knows how to withdraw, like a good valet, from superfluous commentary; that it judges good and bad neutrally; that it seeks out the truth, even at the cost of repelling us; and that the autor’s fingerprint on all this are, paradoxically, traceable but not visible. You can find some of this in Defoe or Austen or Balzac, but not all of it until Flaubert.

James Wood: How Fiction Works

Biblische Werte

Freitag, Mai 1st, 2009

There is not one word in the Bible in praise of intelligence.

Bertrand Russell

Über das Heiraten

Mittwoch, April 29th, 2009

Ich bin Junggeselle geblieben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, daß wir gar nicht selbst zu heiraten brauchen, wenn wir verheiratete Freunde haben. Es ist, als heirate man gewissermaßen die Frauen aller seiner guten Freunde mit, ließe sich mit den Freunden von den Frauen scheiden und würde mit den Freunden von den Frauen betrogen - wenn man nicht selbst zufällig selbst der Betrüger seines Freundes ist.

Joseph Roth, Triumph der Schönheit

Leben und Literatur

Sonntag, April 26th, 2009

Sie glauben gar nicht, welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist.

Joseph Roth, Triumph der Schönheit

Robert-Musil-Zitate (11)

Freitag, April 24th, 2009

Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.

Robert-Musil-Zitate (10)

Freitag, April 3rd, 2009

Viel von sich zu reden gilt als dumm. Dieses Verbot wird von der Menschheit auf eigentümliche Weise umgangen: durch den Dichter!

Robert-Musil-Zitate (9)

Dienstag, März 31st, 2009

… beinahe kein Mensch liest heute noch, jeder benützt den Schriftsteller nur, um in der Form von Zustimmung oder Ablehnung auf eine perverse Weise seinen eigenen Überdruß an ihm abzustreifen.

Robert-Musil-Zitate (8)

Donnerstag, März 26th, 2009

Irgendwie geht Ordnung in das Bedürfnis nach Totschlag über.

Robert-Musil-Zitate (7)

Montag, März 23rd, 2009

Heimatkunst: Das ist das Vereinsbanner der Leute, die das Wimmerl im eigenen Gesicht erhabener dünkt als der Monte Rosa auf Schweizer Gebiet. Es gibt sie bei allen Nationen; ich fühle nicht mit ihnen, was sie aber nicht gehindert hat, sich wie ein Ausschlag in sämtlichen Landesfarben zu verbreiten.

Robert-Musil-Zitate (7)

Freitag, März 20th, 2009

In Paris soll man z.B. heute schon bestimmte Theaterkritiker kaufen können, bei uns muß man noch mit ihnen befreundet sein, was oft viel unangenehmer ist.

Skeptisches Fundstück

Dienstag, März 17th, 2009

All religions are founded on the fear of the many and the cleverness of the few.
Stendhal