Archive for the ‘Gegenwartsliteratur’ Category

Karl-Markus Gauß

Samstag, August 28th, 2010

Im Wald der Metropolen (Paul Zsolnay Verlag)

Das Ungewöhnliche am neuen Buch des Karl-Markus Gauß zeigt sich bereits daran, dass es kaum möglich ist, passende Notizen-Kategorien dafür zu finden. Ohne Zweifel handelt es sich um ein herausragendes Werk der Gegenwartsliteratur. Es ist aber so dicht versehen mit interessanten Einsichten zur europäischen Kultur- und Literaturgeschichte, um nur zwei Gebiete zu nennen, dass sich die zusätzliche Klassifikation als Sachbuch ebenfalls aufdrängt.

Gauß ist seit vielen Jahren als reisender Berichterstatter über entlegene (mittel)europäische Kulturen und Regionen bekannt. Er rückt das scheinbar Ferne so in den Blick des Lesers, dass sich überraschende Bezüge zur eigenen Gegenwart herstellen. Das Periphere und Randständige rückt plötzlich ins Zentrum und man erkennt, wie oberflächlich und ärmer Europa ohne diese Minderheiten wäre.

Im Wald der Metropolen geht Gauß nun einen großen Schritt weiter: Er verknüpft die auf seinen Reisen gemachten Erlebnisse und Einsichten mit autobiographischen Aspekten, kulturgeschichtlichen Begebenheiten, literarischen Portraits und weiteren Zutaten zu einer neuen Buchform. Zumindest wäre mir kein vergleichbares Werk bekannt. Die Besonderheit liegt auch in der vielschichtigen Verknüpfung der einzelnen Ebenen. Auf den ersten Blick besteht das Buch aus zahlreichen mehrseitigen Abschnitten. Schon bei der ersten Lektüre stellt man aber fest, dass die einzelnen Teile wie Takte in einer Komposition funktionieren. Sie gehen nicht nur inhaltlich meist elegant ineinander über und sind quer durch das Buch durch wiederkehrende Motive und Themen strukturell verbunden, auch stilistisch gibt es einen sehr engen Zusammenhalt. Jede Digression ist sorgfältig eingefügt.
Gleichzeitig wird - wie bei einem Mosaik - durch die einzelnen Bausteine eine umfassende Geschichte erzählt, die auf einer viel abstrakteren Ebene spielt als es zuerst den Anschein hat. Gauß liefert dem Leser Anhaltspunkte für eine Kulturgeschichte (Mittel-)Europas samt deren Einbettung in einen größeren historischen Kontext, indem er teils höchst entlegene, teils bekanntere Begebenheiten erzählt. Er liefert systematische Denkanstöße, die sich im Bewusstsein des Lesenden zu einer europäischen Geschichte formen können, wenn er seine eigenen Kenntnisse mit einbezieht. Gauß schmeichelt seinen Lesern, indem er sie implizit für so intelligent erklärt, dass sie seinem Anliegen auch ohne didaktische Fingerzeige zu folgen vermögen.

Trotz dieses Überbaus liest sich das Buch unterhaltsam und geistreich: man muss ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Speziell auf ihre Kosten kommen auch Liebhaber literarischer Raritäten. Gauß liefert eine Fülle von anregenden literarischen Portraits. Einige kannte ich nur dem Namen nach, andere gar nicht. Schon während der Lektüre habe ich Antiquariate nach diversen Titeln durchstöbert und auch einige bestellt. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt sich auf dreihundert Buchseiten unterbringen läßt.

Daniel Kehlmann

Sonntag, Juli 11th, 2010

Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten (Rowohlt)

Die Vermessung der Welt machte Daniel Kehlmann zu einer Literaturberühmtheit. Mich hat der Roman damals enttäuscht, wie man hier nachlesen kann.

Es ist Kehlmann hoch anzurechnen, dass er seiner historischen Erfolgsformel nicht treu geblieben ist, und für sein neues Buch ein komplett anderes literarisches Konzept wählte: Er schrieb einen Episodenroman. Wer dabei an berühmte filmische Beispiele wie Short Cuts denkt, liegt mit dieser Analogie nicht falsch. Dem Autor ist ein Kunststück auf mehreren Ebenen gelungen. Die neun Geschichten spannen einen weiten Bogen über die Gegenwart. Neben den unvermeidlichen Verwicklungen des modernen Beziehungslebens in und außerhalb des Büro-Biotops, verschlägt es den Leser auch nach Lateinamerika, Zentralasien und Afrika. Das ist ein willkommener Kontrapunkt zur sonst in der deutschsprachigen Literatur so beliebten Nabelschau. Das populäre Identitätsthema wird aus Richtung der modernen Medien aufgerollt.

Die Episoden sind so unterhaltsam, dass sich die kunstvolle literarische Verknüpfung zwischen ihnen nicht als störende Virtuosität in den Vordergrund schiebt. Eine Balance, mit der sich viele Schriftsteller sonst schwer tun, zumal noch eine weitere Ebene dazu kommt, die der Metafiktionalität. Der Protagonist in einer der Geschichten, Autor Leo Richter, treibt quer durch den Roman ein raffiniertes Spiel. Romanfiguren fangen mit dem Erzähler über ihre Zukunft zu diskutieren an. Kehlmann betreibt diese nicht erst seit Calvino beliebten narrativen Kunststücke mit demselben ironischen Augenzwinkern mit dem er diverse Sprachstile einsetzt.

Diese ästhetische Überfrachtung hätte böse enden können. Es zeigt das Können des Literaten Kehlmann, dass der Roman trotzdem “funktioniert”. Die Frage, ob die Geschichten strukturell so eng miteinander verknüpft sind, dass man sie als “Roman” bezeichnen kann, stellt sich bei der Lektüre mehrmals. Vom Ende her gesehen, kann man diese Frage aber getrost bejahen.

Meine Einwände gegen den Roman sind nicht ästhetischer Art, sondern richten sich gegen einige Ungenauigkeiten im Inhalt. Denn, wie es der Zufall will, war ich selbst ausführlich in Zentralasien unterwegs (Reisebericht) und arbeite bei einem Mobilfunkunternehmen. So wird einem in Zentralasien, einer trotz der sowjetischen Zeit sehr islamisch geprägten Region, nicht ständig Schweinsbraten mit Mayonnaise serviert. Die in dem Roman servierte Mobilfunktechnik wiederum steht auf ebenso wackeligen Beinen, wie die dort beschriebenen Tätigkeiten. Diese Beispiele ließen sich vermehren.

Wilhelm Genazino

Sonntag, Februar 21st, 2010

Falsche Jahre. Roman (Hanser)

Dieser Roman erschien 1979 und schloss die Abschaffel-Trilogie ab. Nach Teil 1 und Teil 2 fällt auf, dass Falsche Jahre auf dem Land spielt. Unser Protagonist unterzieht sich dort einer Kur. Als Großstadtmensch kann er mit der Natur nichts anfangen und diese Landabneigung ist ein amüsantes Grundthema des Buches:

Abschaffel war bisher nur einmal im Wald spazieren gewesen. Die Natur langweilte ihn. In den Bergen gab es nichts als schattige Wege. Es war ihm bis jetzt nicht möglich gewesen, zu diesen Bergen eine brauchbare Einstellung zu finden. [S. 414]

Er versucht seine Beobachtungsgabe auf das Dorf nahe der Klinik anzuwenden, ist ob des sich bietenden Materials aber ebenfalls enttäuscht. Seine Therapiesitzungen nutzt Genazino geschickt, um am Ende der Trilogie wichtige Episoden aus Abschaffels Kindheit nachzuholen.

Die drei Romane sind alle sehr gut zu lesen und zeigen bereits früh die Stärken Genazinos. Es wird ein Rätsel des Literaturbetriebs bleiben, warum sein Durchbruch weitere zwanzig Jahre benötigte. Verdiente hätte er ihn schon mit seiner Abschaffel-Trilogie.

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Sonntag, Januar 17th, 2010

Briefwechsel (Suhrkamp)

Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molly“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
„Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

[erscheint in Literatur und Kritik]

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Samstag, Januar 9th, 2010

Burgtheater 8.1.

Der Suhrkamp Verlag stellte gestern im Burgtheater den im Dezember veröffentlichten Briefwechsel zwischen Autor und Verleger vor. Der Abend startete mit einer Einführung des Lektors Raimund Fellinger. Es sei an dieser Stelle diplomatisch angemerkt, dass Lektoren nicht notwendigerweise rhetorisch fesselnde Vorträge auf Theaterbühnen halten. Es folgte mit einer weiteren, deutlich prägnanteren Einführung Martin Huber, Mitherausgeber und Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs.

Im Zentrum des Abends stand freilich die szenische Lesung aus dem Briefwechsel. Gert Voss las Unseld und Peter Simonischek Bernhard. Sie konnten angesichts des Umfangs der Korrespondenz nur einen kleinen Teil zu Gehör bringen, nämlich 30 von 524 Briefen. Diese waren aber plausibel ausgewählt, nicht zuletzt in Hinblick auf ihren Unterhaltungswert. Ein vergnüglicher Abend, an dem naturgemäß die gesamte Bernhard-Gemeinde des Landes teilnahm.

Thomas Bernhard

Dienstag, Dezember 29th, 2009

Beton (Suhrkamp)

Mehr eine längere Erzählung als ein Roman wird Beton üblicherweise den längeren Prosawerken Bernhards zugeordnet. Es ist 1982 erschienen und auf den ersten Blick ein klassischer Bernhard-Text. Ein monomaner Geistesmensch, Musikwissenschaftler, arbeitet seit vielen Jahren vergeblich an einer Arbeit über Mendelssohn-Bartholdy. Dieses Scheitern, die möglichen Gründe dafür und die üblichen Idiosynkrasien werden in einem langen Monolog ausgebreitet.

Interessanterweise wird dieses Schema im letzten Teil des Buches durchbrochen. Dieser spielt in Palma auf Mallorca und unser Geistesmensch begegnet einer jungen Frau, die ihm ihr tragisches Schicksal erzählt. Der monomane Selbstbezug der Bernhardschen Prosa wird damit durchbrochen und Beton erhält dadurch eine realistischere Note als andere seiner Werke. Bin mir nicht sicher, ob das der Erzählung nicht formal mehr schadet als es ihr inhaltlich von Nutzen ist.

Bernhard / Unseld / Fritz

Sonntag, Dezember 6th, 2009

Lieber Doktor Unseld, vor meiner Abreise aus Österreich habe ich noch einen Blick auf Ihre verlegerische Katastrophe geworfen; was Sie da auf über 3000 Seiten drucken und erscheinen haben lassen, ist die grösste verlegerische Peinlichkeit, die mir bis jetzt bekannt ist [Marianne Fritz, »Dessen Sprache du nicht verstehst«]. Über 3000 Seiten proletarischen stumpfsinnigen Müll mit dem Bombasmus eines Jahrhundertereignisses zu drucken und zu binden, gehört tatsächlich in das Buch der Rekorde: als Stupiditätsrekord.

[…]

Hätten Sie doch anstatt den Unsinn von Frau Fritz, nur eine dreitausend Blätter lange Klopapierrolle gedruckt und unter dem Suhrkampsignet herausgegeben, Sie wären auch damit ins Buch der Rekorde gekommen.

lieber herr bernhard, ich habe gestern ihren brief vom 20. november erhalten. fuer mich ist eine schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten

Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, »nicht mehr können«, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.

Also, wenn das nicht gut ist.

Zwischen den Briefen liegen ein paar Jahre…

Quelle: Vorabdruck in der ZEIT

Die Bücherlisten der New York Times

Samstag, Dezember 5th, 2009

Alle Jahre wieder wählt die Redaktion der New York Times die 100 Notable Books of 2009 aus. Außerdem wagemutig sogar die 10 Best Books of 2009.

Briefwechsel zwischen Bernhard und Unseld

Freitag, Dezember 4th, 2009

Nach mehrmaligen Verzögerungen bekam ich eben diesen spannenden Briefwechsel als Rezensionsexemplar. Werde für Literatur und Kritik eine ausführlichen Artikel darüber schreiben.

Philip Roth

Mittwoch, Dezember 2nd, 2009

The Humbling (Houghton Mifflin)

Roth setzt mit The Humbling die Reihe seiner kleinen Romane fort. Korrekter sollte man eigentlich von einer Erzählung sprechen, zumal das Buch keine Gattungsbezeichnung trägt. Im Mittelpunkt steht Simon Axler, ein prominenter Theaterschauspieler aus New York in seinen Sechzigern, der plötzlich in eine tiefe Schaffenskrise fällt:

He lost his magic. The impulse was spent. He’d never failed the theater, everything he had done had been strong and successful, and then the terrible happened: he couldn’t act. (S. 1)

Axler fällt in ein tiefes schwarzes Loch. Nach vier Wochen in der Psychiatrie zieht er sich auf sein einsames Landhaus zurück, wo er über Monate an seiner Depression laboriert. Eine heftige sexuelle Beziehung mit einer jüngeren Frau reisst ihn aus dieser Lethargie heraus. Damit wäre Roth einmal mehr bei seinem Standardstoff der letzten Schaffensjahre angelangt. Die Geschichte nimmt allerdings ein böses Ende …

Die Erzählung ist realistisch im besten Sinn. Runde Charaktere, sprechende Details. Die scheinbar schlichten Sätze enthalten menschliche Abgründe. Trotzdem fällt es von den besten Büchern Roth ab. Jedes Jahr ein neues Buch ist vielleicht zu viel des Guten. Diese Jahresmanie scheint in New York weit verbreitet zu sein, man denke nur an die Filme des Woody Allen.

P.S. Wer eine wirkliche ausführliche Rezension will, bekommt diese in der New York Review of Books.

Herta Müller

Sonntag, November 1st, 2009

Herztier. Roman (rororo)

“Herta who?” war der “running gag” nach der Verkündigung des Literaturnobelpreises in der angelsächsischen Welt. Im deutschsprachigen Raum war Herta Müller in literarischen Kreisen auch vorher schon eine feste Größe. Ich selbst hatte nur Herztier in meiner Bibliothek stehen. Hatte es damals auch gelesen, konnte mich aber kaum daran erinnern. Kein gutes Zeichen.

In den letzten Tagen las ich den Roman also ein zweites Mal. Zweifellos handelt es sich um einen Text, der ästhetisch hochgradig bewusst gestaltet ist. Herta Müller schreibt Literatur im engeren Sinn. Jedes Wort, jedes Bild ist klug ausgewählt. Metaphern und andere strukturellen Elemente ziehen sich durch den Roman und tauchen an passenden Stellen immer wieder auf. Kurz: Sie kann schreiben, was man nicht von allen bisherigen Literaturnobelpreisträgern behaupten kann.

Der Roman beschreibt in kurzen Abschnitten mit wechselnder Chronologie die Ereignisse rund um eine kleine Dissidenten-Studentengruppe in Rumänien und deren Verfolgung. Die Atmosphäre ist düster wozu auch die distanzierte Sprache gekonnt beiträgt. Der Literaturwissenschaftler in mir war während der Lektüre also durchaus zufrieden, der Leser in mir war allerdings zunehmend enttäuscht. Die zweite Hälfte las sich allzu vorhersehbar.

Für ein qualifiziertes Urteil über Herta Müller müsste ich noch mehrere ihrer Bücher lesen, wozu mich aber Herztier nicht wirklich motivierte.

Richard Kapuscinski

Mittwoch, September 23rd, 2009

Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren. (Serie Piper)

Die Kategorisierung “Sachbuch” und “Gegenwartsliteratur” zeigt schon, dass es sich um ein ungewöhnliches Buch handelt. Kapuscinski braucht man nicht mehr vorzustellen, seine Arbeit als polnischer Korrespondent in Afrika ist inzwischen legendär. Seit 1958 war er mehr als vierzig Jahre auf dem Kontinent unterwegs, entwickelte sich zu einem exzellenten Kenner, begleitete oft “live” als viele Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten.

Es ist jedoch nicht nur diese Kennerschaft, welche den Ruf Kapuscinskis begründete, sondern seine literarische Begabung. Afrikanisches Fieber zeigt diese Erzählkunst, ein Verdienst, an dem Martin Pollack als Übersetzer natürlich nicht unbeteiligt ist. In 29 kurzen Kapiteln wird uns Lesern Afrika von allen Seiten näher gebracht. Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit Menschen (von Slumbewohnern bis zu Regierungschefs), aus denen kulturelle, mentale und politische Informationen extrapoliert werden. Kapuscinski referiert nicht, er zeigt uns den Kontinent.

Eine bessere, spannendere und informativere Hinführung läßt sich nicht denken. Der ideale Gegenpol zur verkürzten medialen Berichterstattung in den reichen Ländern. Die Geschichte Ruandas bis zum Völkermord etwa ist ein verstörend fulminanter Text. Wenn Weltliteratur sich neben ästhetischer Brillanz vor allem dadurch auszeichnet, das grundsätzliche Aspekte des Menschseins hinterfragt werden, darf man Afrikanisches Fieber jederzeit in diese prestigeträchtige Schublade legen.

Martin Amanshauser

Samstag, August 15th, 2009

Die ersten beiden Romane Martin Amanshausers [1998]

Zwei Bücher innerhalb eines Jahres vorzulegen ist für einen jungen Autor eine beachtliche Leistung, vor allem wenn es sich um die ersten beiden Titel, also den eigentlichen Beginn einer literarischen Laufbahn handelt. Der Erstling Martin Amanshausers, Im Magen der Hyäne, ist auch kein normales Debut, sondern ein origineller “Wiener Stadtkrimi”, makaber und grotesk in bester Wiener Tradition. Ratlos hingegen läßt einen sein zweiter - besser wohl: erster - Roman Erdnußbutter zurück.

In seinem ersten Buch nimmt Amanshauser den Leser und die Leserin fürsorglich bei der Hand und führt sie in die dunklen Abgründe der Stadt, dorthin wo Eingeweide in Plastiksackerln transportiert werden, und das skrupellose Billasyndikat vergammelte Embryonen in Fleischkrapferl verarbeitet. In eine Welt, in der ein intelligentes Ozonöferl und die Rasenmäher Christi, eine katholische Sekte, ihr Unwesen treiben und Semmelschmierapparate gesucht werden.

Doch langsam und der Reihe nach. Auslöser der mörderischen Geschichte ist ein in der U-Bahn - absichtlich? - liegengelassenes Krimiheft mit dem ominösen Titel “Der Panegyriker - Ein blutiger Krimi aus Wien in 23 Bezirken”. Darin findet der Ich-Erzähler Martin A. einen Zettel mit der Aufforderung, die 23 Kapitel einzeln im Abstand von einer Woche zu lesen und sich an die jeweiligen Schauplätze des Krimis zu begeben. Damit ist man auch schon mit der Struktur von Amanshausers Roman vertraut, denn natürlich gliedert er sich ebenfalls in 23 Abschnitte, die den Wiener Bezirken entsprechen. Unser Held bricht also auf, um den Panegyriker zu suchen, einen Wiener Miniatur-Mabuse, dessen blutige Spuren sich durch Wien ziehen. Von Bezirk zu Bezirk folgt Martin A. nun diesem Dämon und gerät von einem makaberen Abenteuer ins nächste, nicht ohne den Lesenden en passant ausführlich mit seiner Einstellung zum Leben im allgemeinen und zu Schinkensemmerln im besonderen bekannt zu machen.

Amanshauser schwelgt in düster-grotesken Bildern, etwa wenn sein Romanheld das Kellerabteil seiner Wohnung betritt: “Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit … da liegen Rattenkadaver in allen Größen, in deren Eingeweiden silbrig glänzende Fledermäuse hocken, die mit schmatzenden Schnabelgeräuschen brettljausnen. Wenn Hieronymus Bosch eine Ratte gewesen wäre, er hätte hier gute Motive gefunden.” Auch Amanshauser findet viele originelle Motive, und treibt seinen Roman von einem spektakulären Höhepunkt zum nächsten, indem er virtuos mit Kolportageelementen spielt. Aber er beläßt es nicht dabei, sondern veranstaltet einen wahren Wirbel mit trivialen Versatzstücken, ohne selbst jedoch ins Triviale abzugleiten. Denn durch den ironischen Grundton und den überbordenden schwarzen Humor werden diese Elemente ausreichend stark verfremdet. Nimmt man noch die Passagen hinzu, die unmerklich ins Surreale und Phantastische hinübergleiten, hat man die wichtigsten Erzählstrategien erfaßt. Fast wäre ich versucht, dem Roman das Etikett “postmodern” anzuhängen, wenn dieses Modewörtchen nicht durch inflationären Gebrauch schon beinahe bedeutungslos geworden wäre. Passend illustriert ist der Band von Dr. Schaupe, ein Pseudonym, hinter dem sich laut Klappentext ein Wiener Grafiker verbirgt.

Amanshauser hat also einen handwerklich sehr soliden Krimi vorgelegt, der wegen seines abgründigen Humors keineswegs eine so düstere Stimmung hervorruft, wie das die erwähnten Motive vielleicht erwarten lassen. Das Buch liest sich im Gegenteil sehr unterhaltend und stellt auch gar nicht den Anspruch, sich mit den Werken anderer literarischer Erforscher seelischer Abgründe, wie Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek, vergleichen zu wollen.

Wendet man sich nun nach diesem durchaus originellen Wurf seinem in diesem Herbst erschienen Roman Erdnußbutter zu, ist die Enttäuschung groß. Erwarten konnte man ein einfallsreiches und schlüssiges ästhetisches Konzept, denn in Amanshausers “Wiener Stadtkrimi” funktionieren die gewählten Erzählstrategien ja ausgezeichnet. Für sein zweites Buch hat er nun jedoch zu einer Art des vorsichtigen Recyclings dieser erzählerischen Mittel gegriffen, anstatt ein neues literarisches Konzept zu suchen, das immanent ebenso schlüssig wäre, wie das für seinen Wiener Stadtkrimi.

Es handelt sich auch diesmal um eine Kriminalgeschichte. Erzählt wird sie aus der Perspektive eines “abgesandelten” Wiener Studenten, der nach ein paar Tagen Obdachlosigkeit von Belenski und dessen amerikanischen Freund “Oklahoma”, zwei zwielichtigen Typen, mietfrei in einer schäbigen WG untergebracht wird. Philanthropische Motive hinter dieser Tat zu erwarten, wäre selbstverständlich naiv, und schon bald wird der neue Mitbewohner von Lydia, deren Beziehung zum Drahtzieher Belenski ihm anfänglich unbekannt ist, zu kleineren dubiosen Aufträgen herangezogen. Sie nimmt ihn zu einer größeren Aktion mit nach Salzburg, geheime Skizzen sollen übergeben werden. Aus einer eifersüchtigen Laune heraus vertauscht er die Dokumente mit einem alten Profil-Heft und löst damit eine Kettenreaktion aus, die mehrere Morde nach sich zieht. Der zweite Handlungsstrang beginnt in Salzburg und schildert die Erlebnisse Ninettes, die dort nach ihrem geisteswissenschaftlichen Studium als Guide arbeitet, und es beruflich mit verdächtigen Asiaten zu tun bekommt, von denen sich einige gegen Ende, nachdem sich die beiden Handlungsstränge vorhersehbar vereinigt haben, als Mafiosi entpuppen.

Nachzutragen bleibt noch, daß der Roman formal am Handlungsende (Kapitel Null) beginnt, mit unserem Studenten und Ninette in einer toskanischen Villa und zwei Leichen in der Tiefkühltruhe. Die Geschichte führt dann langsam auf dieses Finale zu.

Es wäre wenig sinnvoll, eine ausführlichere Inhaltsangabe zu liefern, denn die oben skizzierte Handlung ist selbstverständlich nur der Kern, um den sich eine Reihe von mehr oder weniger abseitigen Geschichten und Figuren ranken. Letztere zeichnen sich durch eine bestechende Eindimensionalität aus, vom Alt-Hippie über Vertreter der “Schönes-Wochenende-Gesellschaft” bis hin zum Salzburger Schnürlregen wird kaum ein Klischee ausgelassen (”Der alte Hecht war ein übler Nazi, die Mutter lieb und dumm.”). Immanent hat das durchaus eine gewisse erzählerische Konsequenz, wird das Geschehen doch ausschließlich aus der Perspektive eines jungen Studenten berichtet, der sich selbst ständig über seine Gedankenarmut beklagt, die sich dann - trotz der offensichtlichen Koketterie dieses Topos - tatsächlich in den Schilderungen des Romans niederschlägt. Deshalb ist auch das Personenregister am Ende des Romans sinnlos, man wird über “Armstrong, Luis” ebensowenig etwas Bemerkenswertes aus dem Buch erfahren, wie über “Warhol, Andy”. Das ist zweifellos ironisch gemeint, kann aber trotzdem nicht überzeugen. Im direkten Zusammenhang mit der Erzählperspektive steht auch die Sprache, ein schnoddriger und flapsiger Erzählton, der für kurze Zeit originell wirkt, aber nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, einem fast 350 Seiten langen Roman ein solides sprachliches Fundament zu geben. Einmal gewählt muß dieser Ton von Amanshauser auf Gedeih und Verderb bis zum Ende durchgehalten werden, was die Charakterisierungsmöglichkeiten der übrigen Figuren stark einschränkt. Ninette beispielsweise wird ebenfalls in diesem Stil beschrieben, sogar dann, wenn ihre Gedanken und Gefühle aus der Innenperspektive geschildert werden. Sie “denkt” also trotz des völlig verschiedenen Bildungshintergrundes im selben Ton wie der Ich-Erzähler. Das wirkt auf den Leser einerseits unglaubwürdig, und ist andererseits eine Hauptursache der erwähnten eindimensionalen Charakterzeichnung. Diese setzt sich manchmal aber auch ins Inhaltliche fort. Daß eine studierte Fremdenführerin im Jahr 1998 schwarze Fahnen am Großen Festspielhaus mit dem Tode Karajans in Verbindung bringt, ist nur ein unstimmiges Detail, deren Summe dem Roman aber merklich schadet. Ihm wäre überhaupt ein aufmerksameres Lektorat zu wünschen gewesen: Daß etwa ein Kommentar über das Aufschreiben der Geschichte (Erzählzeit) versehentlich in die Zeitebene der Geschichte (erzählte Zeit) rutscht (S. 164) wäre ein leicht zu korrigierender Flüchtigkeitsfehler gewesen.

Bei der Lektüre hat man den Eindruck, daß sich Amanshauser - ganz anders als bei seinem Erstling - nicht entscheiden konnte, welches Buch er eigentlich schreiben wollte. Einen unterhaltsamen Krimi oder doch eher eine Krimiparodie? Während viele Motive auf parodistische Intentionen hindeuten, sprechen nicht nur gesellschaftskritische Exkurse wieder dagegen. Einen kritischen Gegenwartsroman, verpackt in eine originelle Geschichte? Dafür sprächen die zahlreichen politischen Anspielungen (sogar die Affäre Rosenstingl findet noch Erwähnung) und die Schilderung ausgewählter kultureller Milieus. In diesem Fall müßte sich Amanshauser aber an den Werken seiner Kollegen messen lassen, etwa dem mit großem Kunstverstand geschriebenen Debütroman Wie man‘s nimmt von Norbert Niemann, der in ganz anderen literarischen Regionen angesiedelt ist. Aber ein derartiger Vergleich soll ihm an dieser Stelle erspart bleiben.

Martin Amanshauser: Im Magen einer kranken Hyäne. Wiener Stadtkrimi. Wien/München: Deuticke Verlag 1997. 152 Seiten, broschiert. öS 198.-

Martin Amanshauser: Erdnußbutter. Roman. Wien/München: Deuticke Verlag 1998. 352 Seiten. öS 248.-

[Literatur und Kritik Nr. 329/330, November 1998; © Christian Köllerer]

Jonathan Littell

Dienstag, April 28th, 2009

Littells Roman “Die Wohlgesinnten” gehört zu den meist diskutierten Romanen der letzten Jahre. In Frankreich mit Preisen überhäuft, in Deutschland meist als Naziporno verrissen, polarisierte seine ebenso empathielose wie ausführliche Beschreibung diverser Grausamkeiten und sexueller Perversionen Kritiker und Leser. Ich entschied mich damals gegen eine Lektüre.

Mit etwas Abstand legt nun der Altphilologie David Mendelssohn die wohl beste Analyse des Romans vor. Geschrieben für die New York Review of Books No. 5 unterscheidet er zwei strukturelle Hauptstränge, die er dann unterschiedlich bewertet:

The Kindly Ones comprises two large structural elements intended to explore these questions. The first is the historical/documentary plot—that is to say, the meticulous chronological recreation of Maximilien Aue’s wartime career from 1941 to 1945, which allows us to track Germany’s career, too: from the mass graves in eastern Poland and the Ukraine, following Operation Barbarossa, to Babi Yar and Kiev, to the Caucasus, and thence (after he irritates a senior officer who punishes him by sending him to the front) to the disaster at Stalingrad, then back to Berlin where he becomes a favorite of Himmler and Eichmann; then a stint in Paris which allows him to catch up with friends from his student days, collaborators who, like many of the characters, are real historical figures (Robert Brasillach, Lucien Rebatet); then a posting to Auschwitz in 1943, and finally, the fall of Berlin itself, which finds the Zelig-like Aue in Hitler’s bunker. This itinerary allows Max to be both eyewitness to and participant in the atrocities—and, because this narrator is an educated, reasonable-seeming man, allows the reader some access to the mentality of a perpetrator.

The second element is the mythic/sexual: that is, the entirety of the Oresteia story, superimposed on the primary narrative and consisting both of flashbacks to Max’s earlier life and events transpiring in the wartime present, which establishes him as a latter-day Orestes. He is obsessed with his soldier father’s disappearance at the end of the Great War, and with what he sees as the unforgivable betrayal of his father by his “odious bitch” mother (”It’s as if they had murdered him…. What a disgrace! For their shameful desires!”). He has an unnatural closeness to his Electra-like twin sister, Una (which turns out to be incestuous—a nod to Chateaubriand, one of the many French novelists who preside over Littell’s text; the sibling incest theme is, too, a notorious element in the work of the 12th century German bard Hartmann von Aue, whose name Littell has borrowed for his hero). He kills his mother and her second husband (in a scene closely modeled on Greek myth, including the mother’s desperate baring of her breast to her axe-wielding son). He is pursued relentlessly by agents of punishment—in this case, a pair of rather noirish detectives given the suggestive names of Weser and Clemens (”Be-er” and “Merciful”). All this is overlaid with increasingly elaborately narrated sexual fantasies and activities, culminating in an onanistic orgy at his sister’s abandoned house as the Russians enter Pomerania.

Wilhelm Genazino

Sonntag, Februar 22nd, 2009

Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman

Genazino hat seit längerer Zeit seinen literarischen Stil gefunden: Er schreibt kurze Romane, in denen seine Helden aus hellsichtiger Beobachterperspektive ihrem Alltagsleben gegenübertreten. Die Ich-Erzähler schildern ihren oft abstrusen Alltag, der pointenreich beobachtet wird. Das ergibt einen sentenzenreichen Stil, der sehr amüsant zu lesen ist. Einige Zitate waren hier bereits als Fundstücke zu sehen.

Auch der neue Roman ist hier keine Ausnahme. Eine intelligente und unterhaltsame Lektüre, auch wenn ich ihn nicht mehr so hinreissend fand als frühere Bücher. Das mag aber auch daran liegen, dass Genazino keine ästhetischen Überraschungen bietet und eine Art Gewöhnungseffekt eingetreten ist.

Die Hauptfigur des Romans ist ein promovierter Philosoph, der es mangels besserer Berufsaussichten zum Geschäftsführer einer Großwäscherei bringt, diese “Lebensstellung” allerdings verliert und schließlich in der Psychiatrie landet.

Eine Leseempfehlung.

Belletristisches Fundstück

Samstag, Februar 21st, 2009

Ich hatte gerade mein Philosophiestudium beendet, fand weder innerhalb noch außerhalb der Universität eine Stellung, die meinem Bildungsgrad entsprach, mußte aber Geld verdienen […]

Mit einem gewissen Galgenhumor wurde ich Ausfahrer in einer Wäscherei. Der Mann, der mich damals einstellte, war der Inhaber der Wäscherei, der noch nie etwas von der Krise der Universität und vom Niedergang des Aufstiegsversprechens durch Bildung gehört hatte. Sie sind doch Doktor, rief er aus und wollte mich eine Weile nicht einstellen, weil er mich für hoffnungslos überqualifiziert hielt.

Natürlich bin ich überqualifiziert, sagte ich, deswegen bin ich aber doch nicht unfähig.

Wilhelm Genazino, Das Glück ins glücksfernen Zeiten

Literarisches Fundstück

Sonntag, Februar 15th, 2009

Jeder Mensch sollte das Recht haben, sich in der zweiten Hälfte des Tages von der ersten zu erholen.

Wilhelm Genazino, Das Glück ins glücksfernen Zeiten

“Österreichische Literatur 1945 - 1998″

Freitag, Februar 13th, 2009

Über die neue Studie Klaus Zeyringers [1999]

In den letzten Jahren sind eine Reihe von Publikationen erschienen, die der Frage nachgehen, wie eine österreichische Literaturgeschichte auszusehen habe. Doch der Theorie folgte wenig Praxis, weshalb die umfangreiche Studie Klaus Zeyringers, Österreichische Literatur 1945 - 1998. Überblicke, Einschnitte, Wegmarken eine wichtige Lücke füllt. Zwar gibt es seit 1995 mit Wendelin Schmidt-Denglers Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990 einen Band, der einen ähnlichen Zeitraum abdeckt. Diese Vorlesungen sind zwar oft instruktiv, können aber eine Literaturgeschichte nicht ersetzen. Außerdem legt Zeyringer den Schwerpunkt auf die Literatur der neunziger Jahre, die bei Schmidt-Dengler nicht mehr berücksichtigt wird.

Damit ist bereits ein wichtiger Aspekt der neuen Publikation angesprochen, nämlich der Versuch, Literaturgeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart fortzuschreiben. Obwohl sich die Germanistik inzwischen seit drei Jahrzehnten verstärkt mit der Gegenwartsliteratur auseinander setzt, ist gerade für die Literaturgeschichtsschreibung Gegenwartsbezug immer noch keine Selbstverständlichkeit. Das Buch ist in fünf größere Abschnitte gegliedert, deren erster die theoretische und methodische Rechtfertigung des Projektes liefert. Literaturgeschichte ist für Zeyringer nur als ein prinzipiell revisionsbedürftiges Projekt wissenschaftlich haltbar. An mehreren Stellen plädiert er dafür, den überlieferten Kanon kritisch zu reflektieren, obwohl er selbst naturgemäß nicht um die kanonisierten Autorinnen und Autoren der Nachkriegsliteratur herumkommt. Überzeugend sind seine Argumente, warum eine spezifisch österreichische Literaturgeschichtsschreibung nötig ist, indem er die unterschiedlichen Kontexte der österreichischen und deutschen Literatur herausstellt, die für ein genaues literarhistorisches Verständnis notwendigerweise berücksichtigt werden müßten. Ignoriert man diese Kontextbezogenheit von Literatur, führt das nicht selten zu absurden Ergebnissen, was Zeyringer anhand vieler Beispiele belegen kann. Das “Österreichische” seiner Literaturgeschichte ist also ausschließlich technischer Natur: Es geht ihm um die Verknüpfung literaturwissenschaftlicher, kultur- und sozialgeschichtlicher Arbeitsweisen, die es ermöglichten, Literatur in der Wechselbeziehung zu der gesellschaftlichen Realität in einem staatlichen und in einem historisch-regionalen Kommunikations-Zusammenhang darzustellen. Den sogenannten “österreichischen Mythos” will er demnach nicht weiterschreiben, sondern kritisch analysieren.

Der zweite Abschnitt bietet eine umfassenden Überblicksdarstellung über den gesamten Zeitraum und wäre allein schon den Kauf des Buches wert. Zeyringer gelingt es auf gut 150 Seiten nicht nur die wichtigsten Linien der österreichischen Literatur aus der Fülle des Materials überzeugend herauszuarbeiten, sondern darüber hinaus auch, eine umfassende Geschichte des Literaturbetriebs zu verfassen. Erstmals hat damit eine größere Leserschaft die Möglichkeit, sich unter anderem über Buchmarkt und Verlagswesen, die ästhetischen Frontstellungen der Autorenverbände (P.E.N., Grazer Autorenversammlung) sowie über die Entwicklung der “Literaturpolitik” zu informieren. Im nächsten Abschnitt, Überblicke, nähert sich der Autor seinem Gegenstand paradigmatisch aus verschiedenen Perspektiven. Am Beispiel Handkes, Brandstetters und Artmanns wird so die Auseinanderseetzung mit und gegen starre Sprachformeln thematisiert. Ein Kapitel beschäftigt sich mit dem überraschend häufigen Eis-Schnee-Motiv in der Prosa der späten siebziger Jahre, ein anderes mit dem symbolbefrachteten Motiv der Natur, man denke nur an die Romane Thomas Bernhards. Betrachtungen über die Lyrik Peter Turrinis und über die kritischen Dialektgedichte von Christine Nöstlinger, Annemarie Regensburger und Anna Nöst schließen diesen Teil der Studie.

Drei große Kapitel, in denen neuere Entwicklung jeweils gattungsbezogen beschrieben werden - Lyrik, Dramatik, Prosa -, stehen im Mittelpunkt des nächste Abschnitts, während der das Buch abschließende Teil einige speziellere Fragestellungen aufgreift, wie die intertextuelle Bernhard-Rezeption oder das Frankreich-Bild in der österreichischen Literatur. Dieser kurze Überblick sollte deutlich machen, daß es sich bei Zeyringers Studie, mit Ausnahme des zweiten Abschnitts, um keine tradtionelle Art der Literaturgeschichtsschreibung handelt, sondern daß er versucht, sich seinem Gegenstand paradigmatisch aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Trotzdem gelingt es ihm, wesentliche Teile der österreichischen Nachkriegsliteratur abzudecken, und es wäre nicht nur deshalb wenig sinnvoll, nach vermißten Literaten Ausschau zu halten. Interessanter ist meiner Meinung nach, Zeyringers literaturwissenschaftliche Konzeption und seine theoretischen Ansprüche an deren praktischer Umsetzung zu überprüfen.

Bei der Lektüre des Buches stößt man nämlich regelmäßig auf höchst polemische Passagen, die eher einem fulminanten literaturkritischen Verriß als einer literaturwissenschaftlichen Darstellung gleichen. So kann Josef Haslingers “Kolportage-Roman ‚Opernball‘” als “Primus in der Taferlklasse der Ästhetik gelten”, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Mir geht es hier wohlgemerkt nicht darum, ob diese Urteile zutreffend sind - die meisten sind es -, sondern inwiefern diese oft pamphletartig anmutenden Stellen literaturwissenschaftlich gerechtfertigt werden können, zumal sich Zeyringer explizit eine solche Vorgehensweise konzediert: Eine Überprüfung des Kunstanspruchs “müßte doch die Literaturwissenschaft besser leisten können als die schnelle Tageskritik” (S. 485). Wobei noch anzumerken wäre, daß er sich trotzdem sehr oft, teils zustimmend, teils ablehnend, auf Rezensionen bezieht.

In seinen theoretischen Überlegungen nimmt Zeyringer zu einigen Aspekten des literarischen Wertens Stellung. So kritisiert er berechtigterweise an dem Germanisten Wolfgang Kayser, daß dessen literarischer Maßstab nach 1945 zum Prügel geworden sei und das Benno von Wiese seine Wertmaßstäbe nicht offen legte. Zeyringer bezieht hier eine stark subjektivistische Position, wenn er schreibt ,der “Literaturbegriff sei Konvention” (S. 23), sowie, daß man ein ästhetisch begründetes System aus diversen Werken herauslesen könne, wenn man nur einigermaßen geschickt sei. Literaturwissenschaftlich lassen sich für diese Position plausible Argumente finden. S.J. Schmidt hat etwa in Die Selbstorganisation des Sozialsystems Literatur im 18. Jahrhundert (1989) die Entstehung der ästhetischen Konventionen detailliert beschrieben. Aber wenn literarische Wertung völlig subjektiv ist, woher nimmt Zeyringer dann die Rechtfertigung für seine oft sehr unerbittlichen Urteile, die ebenfalls an einen Prügel denken lassen?

In der Frage der ästhetischen Wertung kann man zwei Extrempositionen einnehmen. Die eine legt (fast) alle ästhetischen Werte in das Objekt der Kunstbetrachtung, der kompetente Betrachter (Leser) braucht sie dort nur noch aufzufinden. Die andere legt den ästhetischen Gehalt völlig in das Bewußtsein des Wahrnehmenden. Seine Einstellung sei es, welche die ästhetischen Eigenschaften des Objekts hervorbringe. Im ersten Fall sind die ästhetischen Werte also objektiv im Kunstwerk verankert, im zweiten “ereignet” sich das Kunstwerk im Kopf des Rezipienten. Da für Zeyringer der Literaturbegriff konventioneller Natur ist, vertritt er offenbar letztere Auffassung.

Ergänzt wird diese ästhetische Haltung durch seine Forderung nach einem erweiterten Literaturbegriff, also die Berücksichtigung beispielsweise von Trivialliteratur. Das ist einerseits eine Selbstverständlichkeit für eine Literaturgeschichtsschreibung, die sich auch als Sozialgeschichte versteht. Andererseits führt das im konkreten Fall zu Spannungen mit Zeyringers sonstigen Wertmaßstäben. Denn er läßt im allgemeinen keinen Zweifel daran, daß er der literarischen Moderne und Avantgarde sehr positiv gegenübersteht: “Wenn Literatur nicht glatte Fassaden vortäuschen soll, sondern die Risse und Brüche aktueller Realitäten, Bilder, Identitäten, Bewußtseinszustände künstlerisch fruchtbar machen will, dann muß sie entsprechende Techniken, Konzeptionen, Sprachprogramme entwerfen, die eben die Möglichkeiten geben, in Tiefen der Wirklichkeiten, der Wahrnehmung, des Bewußtseins zu dringen und die mitzuteilen.” (S. 206) Diese Feststellung ist sehr treffend und verdient es, so ausführlich zitiert zu werden. Allerdings stellt man sich die Frage, wie sie beispielsweise mit dem Versuch Walter Gronds zu vereinbaren ist, der mit wenig plausiblen Argumenten versucht, Simmel als Vorreiter der Postmoderne zu salonfähig zu machen, was von Zeyringer ausführlich und kritiklos referiert wird (S. 147). Andererseits wird Christian Ransmayrs Roman Morbus Kitahara als “Erinnerungs-Kitsch” heftig kritisiert oder Robert Menasses Schubumkehr vorgeworfen, daß dessen Geschichte nur Kulisse bleibe. Beide Romane sind literarisch wesentlich anspruchsvoller als die Simmels, so daß es inkonsistent ist, die “Rehabilitierung” von dessen Büchern zu fordern und gleichzeitig wesentlich gelungenere Werke ästhetisch zu verdammen.

Es ist schade, daß Zeyringer seine Fülle kluger literaturtheoretischer Bemerkungen, wie die eben zitierte, durch die beschriebene subjektivistische Ästhetikauffassung selbst als konventionell entkräftet. Vernünftiger wäre es meiner Ansicht nach, einen Mittelweg zu finden, dahingehend, daß man zwar die Rolle des Rezipienten bei der Kunstbetrachtung entsprechend würdigt, ohne deshalb jedoch dem Objekt der Anschauung vor vornherein alle ästhetischen Eigenschaften abzusprechen. Die Annahme gewisser ästhetischer Strukturen im Objekt führt nicht zwangsläufig zu einer starren ästhetischen Werthaltung, schlösse aber eine wenig erstrebenswerte Beliebigkeit des Wertens aus. Eine solche gemäßigte Theorie wäre eine wesentlich solidere Basis für die zahlreichen apodiktischen Wertungen Zeyringers gewesen.

Auch wenn von einem wissenschaftstheoretischen Standpunkt aus Zeyringers massive Wertungen und der angeschlagene Ton (”Im Literarischen Quartett grinsen die Werbekönige von ihren Trumpfkarten…” (216)) nur schwer zu rechtfertigen sein dürften, so sind seine literarischen Urteile doch von einer treffenden Klarsichtigkeit. Der interessierte Leser braucht sich also von den vorgetragenen literaturwissenschaftlichen Einwänden nicht irritieren zu lassen. Zeyringers Buch über die österreichische Nachkriegsliteratur ist derzeit konkurrenzlos und wird es vermutlich auch noch einige Zeit bleiben. Eine Pflichtlektüre für alle, die sich für österreichische Literatur interessieren.

Klaus Zeyringer: Österreichische Literatur 1945-1998. Überblicke, Einschnitte, Wegmarken. 640 Seiten. Innsbruck: Haymon 1999

[Literatur und Kritik Nr. 337/338, September 1999; © Christian Köllerer]

Thomas Bernhard

Dienstag, Januar 27th, 2009

Meine Preise Eine Bilanz. (Suhrkamp)

Mit großem Getöse hat Suhrkamp die erste Veröffentlichung aus Bernhards Nachlass auf den Buchmarkt gebracht. Bernhard schrieb die Texte vermutlich um 1980 und bereitete diese 1989 zur Veröffentlichung vor. Man könnte sie als Verlängerung seiner autobiographischen Schriften sehen, da er die Preisverleihungen immer zum Anlass nimmt, auch etwas über den biographischen Kontext zu erzählen, in dem sie stattfinden.

Bernhard tritt uns so entgegen, wie wir ihn kennen und schätzen: Brillant, bösartig, komisch. Dabei schont er auch sich selbst nicht, betont er doch regelmäßig, dass es ihm bei den Preisen meist nur um die damit verbundene Geldsumme ging:

Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck. Ich verachtete die, die die Preise vergaben, aber ich wies die Preise nicht strikt zurück. Es war alles widerwärtig, aber am widerwärtigsten empfand ich mich selbst.
[S. 100f.]

Das liest sich alles sehr unterhaltsam und reiht sich würdig in Bernhards Oeuvre ein. Eine ausführliche Rezension für “Literatur und Kritik” wird folgen, wenn denn endlich der Briefwechsel zwischen Unseld und Bernhard erscheint, der längst überfällig ist.

Uwe Johnson (4)

Sonntag, Januar 25th, 2009

Jahrestage. Band 4. Suhrkamp Taschenbuch

Gut ein Jahr haben mich die “Jahrestage” beschäftigt, da ich die vier Bände im Abstand von einigen Monaten las. Den ersten Band beendete ich noch skeptisch, erschien mir das Projekt doch eine Reihe formaler Mängel zu haben, speziell die Kombination der Tagebuchform mit den verschiedenen Handlungsebenen erschien zu gekünstelt. Mein Enthusiasmus stieg ab dem zweiten Band jedoch an und erreicht gegen Ende seinen Höhepunkt. Einmal mehr bestätigt sich, dass der vielgescholtene Kanon eine so schlechte Arbeit nicht leistet, wenn er Werke wie die “Jahrestage” als unverzichtbar vorschlägt.

Tatsächlich gehört diese Tetralogie, in der Suhrkamp Taschenbuch Ausgabe knapp 1900 kleinbedruckte Seiten, zu den Höhepunkten der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Die strukturelle und inhaltliche Dichte ist verblüffend, und man muss schon zu sehr bekannten Namen greifen, um einen vergleichbaren fiktionalen Kosmos zu finden. Die Realitätsdichte des Romans ist verblüffend und macht in Kombination mit der strukturellen Brillanz die hohe literarische Qualität des Textes aus.

Ich habe die Tetralogie zwar sorgfältig gelesen, aber das ist bei weitem nicht genug, diese ausreichend zu würdigen. Man müsste sie mehrmals lesen, alleine um allen Handlungssträngen adäquat folgen zu können, da ist von Feinheiten der Komposition noch gar nicht die Rede. Kurz: Zu einer sachgemäßen Würdigung fühle ich mich nach dieser ersten Lektüre gar nicht im Stande.

Die “Jahrestage” haben jedenfalls das Zeug, wie andere Meisterwerke der Weltliteratur, ein Leseleben dauerhaft zu begleiteten.