Archive for the ‘Geisteswissenschaften’ Category

Buchgeschichte und Aufklärung

Dienstag, August 3rd, 2010

Ab 1723 ist eine Aufsehen erregende Buchreihe erschienen: Religious Ceremonies of the World in sieben Bänden. Nicht zum ersten Mal wurde die unterschiedliche Religionspraxis zum Thema gemacht, zum ersten Mal aber in dieser hohen Qualität. Es sind nun zwei Bücher erschienen, die sich ausschließlich mit dieser Buchreihe beschäftigen:

Lynn Hunt; Margaret C. Jacob; Wijand Mijnhardt: The Book That Changed Europe. Picart and Bernard’s Religious Ceremonies of the World (Harvard University Press)

Lynn Hunt; Margaret C. Jacob; Wijand Mijnhardt: Bernard Picart and the First Global Vision of Religion (Getty Research Institute)

Anthony Grafton schrieb eine ausführliche Rezension für die New York Review of Books (kostenpflichtig).

Literaturwissenschaft und Naturwissenschaften

Mittwoch, April 14th, 2010

Seit vielen Jahren gibt es einige Literaturwissenschaftler, die sich ernsthaft mit den Naturwissenschaften und deren Methoden auseinandersetzen. In meiner Dissertation versuchte ich, das Thema aufzuarbeiten. In den letzten Jahren nahm dieser Trend an Bedeutung zu wie dieser Artikel in der New York Times zeigt:

At a time when university literature departments are confronting painful budget cuts, a moribund job market and pointed scrutiny about the purpose and value of an education in the humanities, the cross-pollination of English and psychology is a providing a revitalizing lift.

Jonathan Gottschall, who has written extensively about using evolutionary theory to explain fiction, said “it’s a new moment of hope” in an era when everyone is talking about “the death of the humanities.” To Mr. Gottschall a scientific approach can rescue literature departments from the malaise that has embraced them over the last decade and a half. Zealous enthusiasm for the politically charged and frequently arcane theories that energized departments in the 1970s, ’80s and early ’90s — Marxism, structuralism, psychoanalysis — has faded. Since then a new generation of scholars have been casting about for The Next Big Thing.

The brain may be it. Getting to the root of people’s fascination with fiction and fantasy, Mr. Gottschall said, is like “mapping wonderland.”

Sir Kenneth Dover

Montag, März 22nd, 2010

Als angesehener Kenner des antiken Griechenland prägte Kenneth Dover die Forschung über viele Jahre. Er verstarb kürzlich.  Im Guardian war ein ausführlicher Nachruf zu lesen.

Neues aus dem Qumran Wadi

Mittwoch, Februar 24th, 2010

Ein dänischer Archäochemiker (das gibt es wirklich) hat anscheinend eine Methode gefunden, die berühmten Schriftrollen genauer zu datieren. Das berichtet Politiken. Die Archäologie ist das Feld, wo Natur- und Geisteswissenschaften derzeit am engsten zusammenarbeiten. Es findet sich dort auch ein Link zu einem zwölfminütigen Audio-Interview zum Thema.

MRR und Musil

Sonntag, November 2nd, 2003

Wer glaubt, Naturwissenschaftler verstünden zwangsläufig weniger von Literatur als prominente Literaturkritiker, greife zum Oktoberheft von “Spektrum der Wissenschaft”. Darin findet sich auf Seite 16 ein Artikel des Physikers Michael Springer*, in dem dieser Musil gegen MRR in Schutz nimmt:

Reißwolf Reich-Ranicki hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihn an der Literatur einzig deren Unterhaltungswert interessiert. Dieses populistische Dogma bläht die Segel seiner enormen Popularität, treibt ihn aber auf seine alten Tage auch in gefährliche Untiefen. Literatur muss [darf!; CK] nicht immer nur unterhaltsam das bestätigen, was wir schon wussten. Sie darf auch experimentieren, neue Formen erproben, die Welt etwa mit Forscheraugen sehen. Wem diese Anstrengung, die sich zur Unterhaltungsliteratur ähnlich verhält wie die Grundlagenforschung zum marktreifen Produkt, allzu mühsam ist, der muss davon nichts lesen. Wer aber solche Literatur aus dem Kanon der Moderne verbannen möchte, der richtet sich als Kritiker selbst.

* Link führt zu einer kurzen Artikelvorschau

Renaissance und Aufklärung

Montag, Juni 9th, 2003

Eine neue Biographie über Lorenzo de Medici ist ebenso anzuzeigen [Perlentaucher] wie eine geistesgeschichtliche Studie über “Elektrizität in der deutschen Aufklärung” [Perlentaucher].

  • Ingeborg Walter: Der Prächtige. Lorenzo de Medici und seine Zeit (C.H. Beck TB)
  • Oliver Hochadel: Öffentliche Wissenschaft. Elektrizität in der deutschen Aufklärung
  • Anthropologie online

    Dienstag, Mai 20th, 2003

    Das Palomar College (Kalifornien) hat eine Reihe gelungener Tutorials online. Besonders empfehlenswert sind die umfangreichen Linklisten.

    Darwinian Storytelling

    Samstag, März 1st, 2003

    Der epistemologisch Vorbelastete weiß, es gibt nichts erkenntnisfördernderes als fundierte Kritik von Theorien, die einem interessant erscheinen, wie etwa die neuen von der Evolutionstheorie ausgehenden psychologischen Modelle.

    Das moderne Evolutionskonzept bietet tatsächlich eine Fülle von Einsichten in verschiedene Fragestellungen. Steven Pinker stellte diese in den Mittelpunkt seines neuen Buchs, “The Blank Slate: The Modern Denial of Human Nature”. Er schadet seine Sache eher als er ihr nützt, meint H. Allen Orr* in seinem ausgezeichneten Artikel in der New York Review of Books Nr. 3/2003. Seine Kritik ist im besten Sinne analytisch, hier ein Beispiel:

    Take this statement: “History and culture, then, can be grounded in psychology, which can be grounded in computation, neuroscience, genetics, and evolution.” This is one of Pinker’s big conclusions. But it might mean several very different things. One is that culture is made from minds which are made from neurons which are made by genes. This is undeniable. Another is that culture is made from minds that have been hardwired by genes to have certain contents—to think certain thoughts, say—a stronger claim. Yet another is that culture is made from minds that have been shaped by natural selection to think certain thoughts because those thoughts maximized the number of children ancestral thinkers had on the savanna and so gave them an evolutionary advantage over those who did not think such thoughts. This claim is stronger still.

    This ambiguity comes in handy. If Pinker senses doubt about a strong version of his claims, he can adroitly slip into a defense of a weak version. Are you feeling uneasy about the notion that culture can be reduced to neurons and genes? But surely you admit that “culture relies on neural circuitry that accomplishes the feat we call learning”? Surely you acknowledge that “culture could not exist without mental faculties that allow humans to create and learn.” Well, of course you do.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Encyclopaedia Britannica: Historische Artikel

    Mittwoch, Februar 19th, 2003

    In der letzten Zeit lese ich wieder verstärkt in der Britannica, die sich als Enzyklopädie vom großen Brockhaus unter anderem dadurch unterscheidet, dass man in der Macropaedia viele Artikel in Buchlänge zu buchstäblich allen Wissensgebieten findet.
    Die Britannica ersetzt also eine kleine Bibliothek. Der kürzlich von mir gelesene Artikel über die “Roman Civilization”, entspricht etwa 250 Buchseiten und ist von einer Qualität, die man zwischen zwei Buchdeckeln erst nach längerem Suchen finden würde. Geschrieben von mehreren Spezialisten wirkt er stilistisch trotzdem einheitlich und erweist sich (im Gegensatz zum “normalen” Lexikonartikel) als hervorragend lesbar.

    Es ist nicht in erster Linie die Sachkompetenz der Verfasser, auf welche die außergewöhnliche Qualität dieser Artikel beruhen, sondern der regelmäßige Wechsel der Perspektiven. Kondensierte erzählte Geschichte, oft wohltuend pointiert wiedergegeben, wechselt mit abstrakter Einordnung des Geschehens in weltgeschichtliche Zusammenhänge, wobei kulturelle und ökonomische Faktoren nicht zu kurz kommen.

    Als dritte Ebene kommt noch die Forschungsperspektive hinzu. Anstatt eine Theorie zu vertreten, werden divergierende Forschungsauffassungen präsentiert, womit der Leser en passent einen Einblick in die Kontroversen des Fachgebiets erhält.
    Es dürfte also kaum bessere Möglichkeiten geben, sich mit den historischen Grundlagen einer Epoche oder eines Landes vertraut zu machen, als die Macropaedia. Das gilt selbstverständlich auch für viele andere Wissensgebiete, weshalb die Britannica in keiner Bibliothek fehlen sollte!

    Erwähnt sei noch, dass der Artikel über “Greek Civilization” etwa 90 Buchseiten länger ist als der über die römische, eine plausible Schwerpunktsetzung, wie ich meine.

    Die Geschichte der Kindheit

    Sonntag, Februar 16th, 2003

    In den sechziger Jahren vertrat Philippe Ariès sehr erfolgreich die These, dass die Kindheit eine moderne Erfindung sei, frühestens seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar. Diese Auffassung wurde schnell historischer common sense, obwohl man die “Falschheits-Wahrscheinlichkeit” so undifferenzierter Behauptungen schon damals hätte erkennen können.

    Eamon Duffy beschäftigt* sich in der New York Review of Books Nr. 20/2002 mit mehreren aktuellen Büchern, die diese These durch eine Fülle von Material widerlegen, etwa “Medieval Children” von Nicholas Orme (Yale University Press):

    All of Ariès’s central contentions about medieval children, Orme thinks, are demonstrably false, from the alleged lack of affection between medieval parents and children to the absence of a distinctive culture of childhood, with special games, literature, clothing and toys […] the book is an almost overwhelming refution of Ariès, demonstrating by the use of a wide range of the surviving medieval material the deep continuities of the human experience of youth and growth.

    Worauf Duffy in seinem Aufsatz nicht eingeht, was aber eine Erwähnung verdient, ist die Tatsache, dass die Verbreitung einer so fragwürdigen These wie die des Ariès nur in einer geisteswissenschaftlichen Kultur möglich ist, welche die Ergebnisse der Naturwissenschaften völlig ignoriert. Die Evolutionsbiologie weiß seit langem um die Besonderheit der Eltern-Kind-Beziehung, weshalb die Theorie des französischen Historikers schon auf biologischer Ebene unhaltbar ist.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Popper und die analytische Philosophie

    Freitag, Dezember 27th, 2002

    In den letzten Jahren ist der Wiener Kreis verstärkt in den Blick der philosophiehistorischen Forschung gerückt. Das ist sehr erfreulich, handelt es sich dabei doch um eine der spannendsten intellektuellen Unternehmungen des letzten Jahrhunderts. Anstatt der sonst weit verbreiteten philosophischen Vorgehensweise (habilitierter Guru sammelt mit esoterischen Wortspenden Schüler um sich, die seine Lehre dann mit esoterischen Wortspenden weiter tragen), wurde in dem Kreis rund um Moritz Schlick ernsthaft versucht, mit rationalen Methoden zu neuen philosophischen Theorien zu gelangen, inspiriert durch den Aufschwung der Naturwissenschaften und in bester Tradition der Aufklärung. In schnellen Abstand wurden diese Theorien kritisch auseinandergenommen und durch bessere Varianten ersetzt, das kann man z.B. rund um die Entwicklung eines Verifikationskriteriums verfolgen oder an Poppers Kritik am Positivismus klassischer Prägung.

    Malachi Haim Hacohen rückt diese Zeit in den Mittelpunkt ihrer umfangreichen neuen Studie: Karl Popper: The Formative Years, 1902-1945: Politics and Philosophy in Interwar Vienna (Cambridge University Press).

    Colin McGinn nimmt dieses Buch zum Anlass, Poppers Theorien unter die Lupe zu nehmen* (The New York Review of Books Nr. 18/2002). Dabei würdigt er einerseits Popper als brillanten Skeptiker, hält seine Wissenschaftstheorie allerdings für praxisfern, was er u.a. am Thema Induktion ausführt:

    The simple fact is that induction is deeply embedded in science and common sense, and there is no convincing reason why we should declare it irrational. A adequate account of scientific method qould recognize both verification and falsification as necessary procedures, not insist in one at the expense of the other. And there is something contrived and artificial about setting up an opposition here: for falsifying a statement is equivalent to verifying its negation.

    McGinn gelingt es, einige der bekannten Probleme von Poppers Induktionstheorie pointiert zusammenzufassen. Trotzdem übersieht er, den Hauptvorteil des Falsifikationsverfahrens: Dieses kombiniert radikale rationale (Selbst)kritik erkenntnistheoretisch mit den Naturwissenschaften als zuverlässigste Wissens-bringer.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Russische Kulturgeschichte

    Donnerstag, Dezember 26th, 2002

    Wenn man diversen Rezensionen glauben darf, legte Orlando Figes mit Natasha’s Dance. A Cultural History of Russia (Metropolitan Books/Penguin/Picador) eine brauchbare Kulturgeschichte Russlands vor.

    Dass die Literatur des 19. Jahrhunderts dabei nicht zu kurz kommt, deutet schon der Titel an, der auf eine Szene aus “Krieg und Frieden” anspielt.

    Klaus Bringmann: Geschichte der römischen Republik

    Montag, Dezember 23rd, 2002

    “Von den Anfängen bis Augustus”

    C.H.Beck: Historische Bibliothek

    Auf knapp 430 Seiten gibt Bringmann, ein emeritierter Frankfurter Althistoriker, einen konzisen Überblick über die römische Geschichte bis zum Aufstieg des Augustus. Die fünf Kapitel setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Das erste ist dem Aufstieg Roms in Italien gewidmet, das zweite dehnt die Perspektive dann auf die Mittelmeerländer (und darüber hinaus) aus.

    Das zentrale dritte Kapitel ist der Krise der Republik und deren Ursachen gewidmet. Letztere sieht Bringmann in diversen strukturellen Unzulänglichkeiten, die dann - kombiniert mit der Reformunfähigkeit der Aristokratie - zum Untergang der Republik führen.

    Manches würde man sich ausführlicher dargestellt wünschen. Hervorzuheben ist die breit kommentierte Bibliographie der wissenschaftlichen Literatur zum Thema. Ein sehr solides Buch zum Thema.

    Charles Rosen über T.W. Adorno

    Samstag, Dezember 21st, 2002

    Rosen darf wohl ohne viel Übertreibung zu den wichtigsten Musikgelehrten des letzten Jahrhunderts gezählt werden, spannend also, was er über Adornos musiktheoretische Werke zu sagen hat. Sein langer Essay ist in der New York Review of Books Nr. 16/2002 nachzulesen (“Should We Adore Adorno?”*).

    Die wenigen Komplimente an der Oberfläche sollten einen nicht täuschen: Rosen kritisiert Adorno, berechtigterweise möchte man ergänzen, auf der ganzen Linie. Seine simplistische Gegenüberstellung von Schönberg und Strawinsky sei von kulturellen Stereotypen beeinträchtigt. Danach weist Rosen akribisch nach, wie fehlerhaft Adornos Beethovendeutung ist, des Komponisten also, mit dem sich Adorno am meisten beschäftigte:

    What Adorno sees as discontinuity in the late style ist in fact a more powerful integration on a larger scale, one that can reconcile the most brutal contrasts. What causes him to misrepresent the character of the late work is his too easy identification of convention with objectivity and original expression with subjectivity. This relegates the conventional to the inexpressive, but the musical conventions have in fact an expressive charge of their own and the art of the composer lies in knowing how to release that charge with the greatest effect. Adorno perceives the importance of the convention in the work of elderly artists like Beethoven and Goethe, but he does not see the power of the most banal aspects of the musical and poetic languages […]

    Verquere Sprache ist sehr oft ein Zeichen für eben solches Denken: An ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen :-)

    Ein Denker wie Rosen hat mit diesem dunklen Geschwafel selbstverständlich auch seine Schwierigkeiten:

    Under Adorno’s hands, many of the terms so frequently repeated begin to lose a great part of their meaning. He himself makes a fetish of “fetishism”, as well as of “bourgouis”, “subjecitivity”, “regressive”, and “infantile”, and other words, which tend to become vacous when applied so mechanically and uncritically.

    Hinter dieser Sprache versteckt sich weniger Originalität als gemeinhin angenommen wird:

    His intelligence, nevertheless, was derivative rather than original. One important influence on Adorno not mentioned by his admirers because it is no longer intellectually respectable: the Oswald Spengler of the once-famous “Decline of the West”. Like Spengler, he preferred intuition to empirical research and theory to empirical description.

    Kein Wunder, dass Adorno derzeit wieder so hoch in Mode ist.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Die Besiedlung Südamerikas

    Sonntag, November 24th, 2002

    Die klassische Hypothese besagt, dass gegen Ende der letzten Eiszeit (13.000 - 9000 v. Chr.) der amerikanische Kontinent über die Beringstraße besiedelt wurde und sich die Menschen langsam auf dem Landweg nach Südamerika bewegten.

    Neuere archäologische Forschungen bezweifeln dies. Im Süden Perus (Quebrada de los Burros) wurden zahlreiche Belege für vergleichsweise hoch entwickelte (Fischer)boote gefunden. Die naheliegende Schlussfolgerung: Die amerikanischen Ureinwohner könnten mit diesen Booten auch die Küsten entlang gefahren sein und den Kontinent wesentlich schneller besiedelt haben als bisher angenommen. Nachzulesen ist das in Spektrum der Wissenschaft 11/2002 (Klaus-Dieter Linsmeier: Fischer in der Wüste*. S. 56ff.)

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    Nigel Spivey: Greek Art

    Samstag, November 23rd, 2002

    Phaidon Art & Ideas (Amazon Partnerlink)

    Als Nachbereitung meiner Griechenland-Reise zog ich diesen Band - erschienen in der sehr empfehlenswerten Art & Ideas Reihe - aus dem Regal. Spivey gibt einen umfassenden, kompetenten und (bei kunsthistorischen Büchern besonders wichtig) jargonfreien Überblick über die antike griechische Kunst. Der behandelte Zeitraum erstreckt sich von der prähistorischen bis in die hellenistische Zeit.

    Dem Reihenkonzept gemäß wird (relativ) ausführlich auf den historischen und geistesgeschichtlichen Kontext eingegangen, so dass man mit einer Reihe von schon Bekannten rechnen muss, wenn man im antiken Griechenland schon etwas zu Hause ist. (Was der peloponnesische Krieg war sollte man eigentlich doch wissen :-)) Trotzdem lohnt sich die Lektüre sehr, Spivey geht mit einem erfrischenden Blick an die Kunstwerke heran und stellt viele plausible Bezüge her (etwa zwischen Theater und Kunst). Alle behandelten Werke sind in sehr schönen Reproduktionen abgebildet, in der Kunstliteratur auch keine Selbstverständlichkeit.

    Evolution und Religion

    Samstag, November 2nd, 2002

    Jared Diamond, den ich für einen der brillantesten lebenden Historiker halte, und dessen intelligente Studie “Arm und Reich. Über das Schicksal menschlicher Gesellschaften” (“Guns, Germs and Steel”) ich dringend zur Lektüre empfehle, hat in der vorletzten Ausgabe der New York Review of Books (17/2002) eine Abhandlung von David Sloane Wilson rezensiert*, die dieser unter dem Titel “Darwin’s Cathedral: Evolution, Religion, and the Nature of Society” publizierte.

    Seine These formuliert Wilson folgendermaßen:

    Something as elaborate - as time-. energy. and thought-consuming - as religion would not exist if it didn’t have secular utility. Religions exist primarily for people to achieve together what they cannot achieve alone. The mechanisms that enable religious groups to function as adaptive units include the very beliefs and practices that make religion appear enigmatic to so many people who stand outside of them.

    Diamond ist voll des Lobes über das Buch (und gute Bücher über Religion gibt es nicht so viele):

    Discusscions of these subjects tend to be partisan, oversimplified, and riddled with misstatements. A great virtue of Wilson’s book is the scrupulous fairness with which he treats controversial matters. He is careful to define concepts, to asses both their range of applicability and their limitations, and to avoid posturing, misrepresentations, exaggerated claims, and cheap rhetoric devices. Thus, Wilson’s book is more than just an attempt to understand religion. Even to readers with no interest in either religion or science [wo gibt es denn so etwas? :-); CK] his book can serve as a model of how to discuss controversial subjects honestly.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Anthropologie und Kunstgeschichte

    Samstag, Oktober 19th, 2002

    Spannend wird es, wenn ein Doyen der Anthropologie (Clifford Geertz) ein Buch über “primitive” Kunst eines Doyens der Kunstgeschichte (E.H. Gombrich) kritisiert* (The New York Review of Books 14/2002). Bekanntlich kann Gombrich mit gewissen avantgardistischen Kunststilen wenig anfangen, passen diese doch nur schlecht in seine Theorie des Fortschritts der bildenden Kunst.

    Ähnlich schwierig erklärbar ist aus seiner Perspektive die Vorliebe für “primitive” Kunst. In “A Preference for the Primitive: Episodes in the History of Western Taste and Art” [Paperback/Hardback] setzt er sich mit diesem Thema auseinander. Geertz freilich kann er damit nicht überzeugen.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Virtuelle Kurse am MIT

    Dienstag, Oktober 15th, 2002

    Ein Projekt, das hoffentlich viele Nachahmer findet [“Der Standard”]

    Pierre Bayle und deutschen Sozialdarwinisten

    Sonntag, August 25th, 2002

    Es gibt nur einen Grund für diese gewagte Überschrift, nämlich dass sich zu beiden Themen zwei lesenswerte Aufsätze im aktuellen Journal of the History of Ideas (2/2002) finden.

    Pierre Bayle (1647-1706), dem aufgeklärten Zeitgenossen als prominenter Frühaufklärer bekannt, steht im Mittelpunkt der Abhandlung von Thomas M. Lennon. Der stellt sich die Frage: “Did Bayle Read Saint-Evremond?”

    Die Antwort darauf läßt Rückschlüsse darüber zu, ob Pierre Bayle ein Atheist war oder nicht - eine immer wieder zentrale Frage im intellektuellen Prominentenklatsch des 18. Jahrhunderts.

    Charles de Marguetel de St. Denis, sieur de Saint-Evremond, war als Atheist notorisch und Bayle hat sich an mehreren Stellen auf ihn bezogen.

    The upshot of the overall argument here would be that Balye should be taken at face value in his profession of faith, or at least that one line of argument for not doing so [ein Zitat in bezug auf Saint-Evremond] ist highly questionable. But if the argument restores the credibility of Bayle’s profession of religious faith, it threatens the credibility of his philosophical position. [S. 235]

    Ceterum censeo, dass eine komplette Neuübersetzung von Bayle’s “Dictionnaire historique et critique” längst überfällig ist.

    In Darwinism and Death: Devaluing Human Life in Germany 1859-1920 zeigt Richard Weikart einen gespenstischen Reigen an sozialdarwinistischer Menschenverachtung. Viele (nicht alle!) deutsche Darwinisten hatten offenbar David Hume nicht genau gelesen (Sein-Sollen-Problem) und zogen aus ihrer Interpretation der Evolutionstheorie weitreichende ethische Schlussfolgerungen, etwa dass Euthanasie biologisch wünschenswert wäre.

    In sum, many leading Darwinian biologists and popularizers in the late nineteenth and early twentieth centuries led the attack on existing moral standards, on body-soul dualism, and so on the sanctity of human life. [S 343]

    Gerne verdrängt wird die Tatsache, dass in diesem argumentativen Umfeld auch für die Abtreibung Stellung bezogen wurde:

    Eugenics provided important impetus for those promoting the legalization of abortion. Most of the leading abortion advocates - Helene Stöcker, Adele Schreiber, Henriette Fürth, Grete Meisel-Hess, Oda Olberg, and others - were avid Darwinian materialists who saw abortion not only as an opportunity to improve the conditions of women, but also as a means to improve human race and contribute to evolutionary progress. [S. 341]

    Natürlich spricht das nicht gegen eine Befürwortung von Abtreibung heute, aber man sollte sich dieser Zusammenhänge immer bewusst sein.