Archive for the ‘Geschichte’ Category

Karl-Markus Gauß

Samstag, August 28th, 2010

Im Wald der Metropolen (Paul Zsolnay Verlag)

Das Ungewöhnliche am neuen Buch des Karl-Markus Gauß zeigt sich bereits daran, dass es kaum möglich ist, passende Notizen-Kategorien dafür zu finden. Ohne Zweifel handelt es sich um ein herausragendes Werk der Gegenwartsliteratur. Es ist aber so dicht versehen mit interessanten Einsichten zur europäischen Kultur- und Literaturgeschichte, um nur zwei Gebiete zu nennen, dass sich die zusätzliche Klassifikation als Sachbuch ebenfalls aufdrängt.

Gauß ist seit vielen Jahren als reisender Berichterstatter über entlegene (mittel)europäische Kulturen und Regionen bekannt. Er rückt das scheinbar Ferne so in den Blick des Lesers, dass sich überraschende Bezüge zur eigenen Gegenwart herstellen. Das Periphere und Randständige rückt plötzlich ins Zentrum und man erkennt, wie oberflächlich und ärmer Europa ohne diese Minderheiten wäre.

Im Wald der Metropolen geht Gauß nun einen großen Schritt weiter: Er verknüpft die auf seinen Reisen gemachten Erlebnisse und Einsichten mit autobiographischen Aspekten, kulturgeschichtlichen Begebenheiten, literarischen Portraits und weiteren Zutaten zu einer neuen Buchform. Zumindest wäre mir kein vergleichbares Werk bekannt. Die Besonderheit liegt auch in der vielschichtigen Verknüpfung der einzelnen Ebenen. Auf den ersten Blick besteht das Buch aus zahlreichen mehrseitigen Abschnitten. Schon bei der ersten Lektüre stellt man aber fest, dass die einzelnen Teile wie Takte in einer Komposition funktionieren. Sie gehen nicht nur inhaltlich meist elegant ineinander über und sind quer durch das Buch durch wiederkehrende Motive und Themen strukturell verbunden, auch stilistisch gibt es einen sehr engen Zusammenhalt. Jede Digression ist sorgfältig eingefügt.
Gleichzeitig wird - wie bei einem Mosaik - durch die einzelnen Bausteine eine umfassende Geschichte erzählt, die auf einer viel abstrakteren Ebene spielt als es zuerst den Anschein hat. Gauß liefert dem Leser Anhaltspunkte für eine Kulturgeschichte (Mittel-)Europas samt deren Einbettung in einen größeren historischen Kontext, indem er teils höchst entlegene, teils bekanntere Begebenheiten erzählt. Er liefert systematische Denkanstöße, die sich im Bewusstsein des Lesenden zu einer europäischen Geschichte formen können, wenn er seine eigenen Kenntnisse mit einbezieht. Gauß schmeichelt seinen Lesern, indem er sie implizit für so intelligent erklärt, dass sie seinem Anliegen auch ohne didaktische Fingerzeige zu folgen vermögen.

Trotz dieses Überbaus liest sich das Buch unterhaltsam und geistreich: man muss ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Speziell auf ihre Kosten kommen auch Liebhaber literarischer Raritäten. Gauß liefert eine Fülle von anregenden literarischen Portraits. Einige kannte ich nur dem Namen nach, andere gar nicht. Schon während der Lektüre habe ich Antiquariate nach diversen Titeln durchstöbert und auch einige bestellt. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt sich auf dreihundert Buchseiten unterbringen läßt.

James Cleugh

Samstag, Juli 31st, 2010

Die Medici. Macht und Glanz einer europäischen Familie (Serie Piper, Restposten)

Als Vorbereitung meiner Toskana-Reise im Mai las ich auch James Cleughs Sammelbiographie über die Familie Medici. Das Buch setzt Ende des 13. Jahrhunderts ein und endet Mitte des 18. Jahrhunderts. Wobei der Schwerpunkt selbstverständlich auf der Renaissance liegt. Nach 500 eng bedruckten Seiten mit vielen Abbildung (leider alle schwarz-weiß), ist man gut informiert. Aber man legt die Monographie ohne Abschiedsschmerz aus der Hand. Cleugh gibt seinen gewaltigen Stoff solide und wohlgeordnet wieder. Ohne Zweifel beherrscht er das Metier des Sachbuchautors. Allerdings wird einem nichts darüber hinaus geboten. Weder reflektiert er die Historiographie, deren Teil er ist, noch stößt man auf stilistische Glanzleistungen. Kurz, es ist eine denkbar uninspirierte Angelegenheit. Trotzdem hat mich Cleugh mit einem umfassenden historischen Wissen für meine Reise ausgestattet, so dass ich von der Lektüre nicht abraten will.

James Cook und die Entdeckung der Südsee

Donnerstag, Juni 3rd, 2010

Museum für Völkerkunde 23.5.

In einer ungewöhnlich umfangreichen Ausstellung würdigt das Museum für Völkerkunde das Lebenswerk des James Cook. Mit seinen Entdeckungsfahrten leistete dieser bekanntlich mehr für die Aufklärung als so mancher Schreiberling des 18. Jahrhunderts. Dieser geistesgeschichtliche Aspekt wird in der Ausstellung gestreift, hätte aber ausführlicher berücksichtigt werden können.

Der Fokus der Ausstellung liegt, der Institution entsprechend, auf den ethnologischen Erkenntnissen der Reisen. Die entdeckten Völker werden durch zahlreichee Exponate gewürdigt. Ergänzt wird die Schau durch gelungene multimediale Darstellungen der drei Reiserouten sowie einer ebensolchen Erläuterung der Breiten- und Längengrade.

Georg Forsters Rolle bei der zweiten Reise kommt auch nicht zu kurz. So sind nicht wenige seiner ästhetisch ansprechenden Zeichnungen von Flora und Fauna zu sehen.

Das Ergebnis ist rundherum gelungen. Es ist eine der umfangreichsten Ausstellungen, die ich bisher in Wien sah. Man sollte also etwas Zeit mitbringen (bis 13.9.)

Friedrich Weissensteiner

Montag, April 5th, 2010

Die großen Herrscher des Hauses Habsburg. 700 Jahre europäische Geschichte (Serie Piper)

Ich wollte mein Wissen um die Habsburger auffrischen und bin bei meiner Recherche auf das Buch des Hofrats (!) Friedrich Weissensteiner gestoßen. Es enthält vierzehn kaiserliche Portraits von Rudolf von Habsburg, dem Begründer der Dynastie, zu Karl I. der nach dem ersten Weltkrieg abdanken musste. Diese biographischen Skizzen sind solide geschrieben, was leider das Beste ist, das man vom dem Buch sagen kann. Es stellt zwar die wesentlichen Informationen zusammen, ist aber sonst denkbar uninspiriert. Es gibt keine Abwechslung, keine methodischen Überraschungen, kurz es fehlt an Geist. Weissensteiner ist sicher ein Kenner der Materie und hat enorm viel Material verarbeitet. Das Ergebnis ist aber leider ein höchst durchschnittliches Sachbuch.

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Sonntag, März 21st, 2010

Belvedere 14.3.

Philosoph? So mag sich mancher angesichts des Untertitels der Ausstellung im Unteren Belvedere fragen, die dem Bauherrn dieses schönen architektonischen Ensembles gewidmet ist. In den einschlägigen Philosophiegeschichten jedenfalls ist Prinz Eugen zurecht nicht vertreten, was die Kuratoren der Schau aber offenbar nicht stört.

Wobei wir gleich beim Schwachpunkt des Projekts angekommen wären: Es handelt sich um eine Huldigung. Kritische Aspekte der Biographie wie etwa Prinz Eugens Umgang mit Aufständischen werden höchstens am Rande gestreift. Die Räume sind überwiegend chronologisch angeordnet. Dort finden sich Gemälde, die dem familiären und historischen Umkreis zeigen, sowie viele Devotionalien, die mit dem Prinzen in Verbindung zu bringen sind. Das ist alles “state of art”, birgt aber keinerlei Überraschung.

Das ändert sich, wenn man die Orangerie betritt, welche zwei Schwerpunkte hat: Prinz Eugens Gemäldegalerie und dessen Bibliothek. Die ursprüngliche Hängung der Gemälde wurde an die Wand gemalt und die noch vorhandenen Bilder aus der Sammlung an den korrekten Stellen angebracht, während die fehlenden von Zeichnungen repräsentiert werden. Das gibt einen schönen Eindruck über die damalige Anordung der Bilder.

Prinz Eugens Büchersammlung war einer der Grundstöcke der Österreichischen Nationalbibliothek. Leihgaben zeigen eine repräsentative Auswahl. Es sind eine Menge schöner und schön illustrierter Bücher dabei, was alleine den Ausstellungsbesuch rechtfertigt. Erwähnt sei, dass Prinz Eugen den Schwerpunkt auf naturwissenschaftliche Schriften legte. Das zeigt wie vielseitig interessiert er war. So meinte er hübsch auf die Zeit seiner Pensionierung angesprochen: “(…) und ich besitze einen hinreichenden Vorrath guter Bücher, um mich nicht zu langweilen.”

Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren

Sonntag, Januar 24th, 2010

Der Galiani Verlag hat ein mutiges Buch verlegt: Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren.

Mutig ist das Konzept, versammelt es doch aus diversen Klassikern Berichte über wichtige historische Ereignisse. Herodot über Ägypten, Plinius über den Ausbruch des Vesuvs bis hin zu Enzensbergers Ach Deutschland aus dem Jahr 2000. Mutig ist ebenfalls Format und Preis: Der großformatige Wälzer kostet 85 Euro. Man bekommt aber sehr viel Buch für den Betrag. Eine ausführlichere Rezension folgt.

Archäologische Entdeckungen 2009

Samstag, Dezember 12th, 2009

Das Archaeological Institute of America hat wie jedes Jahr die Top 10 Discoveries of 2009 zusammengestellt. Plausible Auswahl.

Karl der Kühne

Freitag, Dezember 4th, 2009

Kunsthistorisches Museum 29.11.

Dem ambitionierten Herzog von Burgund ist diese gelungene Ausstellung gewidmet. Durch die enge Verbindung mit den Habsburgern waren eine Reihe von passenden Kunstwerken bereits in Wien vorhanden. Ergänzt werden sie durch die “Burgunderbeute”, die quasi erstmals ausserhalb der Schweiz zu sehen ist.

Karl der Kühne ist nicht nur durch seine Rolle beim Aufstieg der Habsburger interessant. Er gründete z.B. seine Herrschaftsmythologie ungewöhnlicherweise auf antike Stoffe. Die Ausstellung ist abwechslungsreich gestaltet und setzt multimediale Inhalte zur Erläuterung nicht nur der komplexen dynastischen Zusammenhänge ein. Die Exponate sind plausibel ausgewählt und an dieser Stelle seien besonders die vielen alten Bücher erwähnt. Die Buchmalerei alleine lohnte den Besuch. (Bis 10.1.)

Karl der Kühne im Kunsthistorischen Museum

Freitag, November 27th, 2009

Die NZZ hat einen sehr informativen Artikel über die aktuelle Ausstellung im KHM veröffentlicht.

Historische Karten

Dienstag, November 17th, 2009

Ich wollte auch auf diese kartographische Fundgrube verweisen, aber Giesbert Damaschke war schneller.

Dominique Vivant Denon

Sonntag, November 8th, 2009

Im Blog der New York Review of Books ist ein Beitrag über Dominique Vivant Denon, dem ersten Direktor des Louvre und seine Zeichnungen, die während Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 anfertigte.

Annäherungen an die Ferne

Montag, September 21st, 2009

Geographische Kostbarkeiten aus der Österreichischen Nationalbibliothek (6.9.)

Im Prunksaal hat die Nationalbibliothek eine sehr feine Ausstellung für Bibliophile zusammengestellt, die auch bei Reise- und Geographiefreunden großen Anklang finden sollte. Sie zeigt, geordnet nach den Kontinenten, den Fortschritt des geographischen Wissens über die Jahrhunderte alter Bücher. Das ist einerseits sehr interessant, da man viel über das Weltwissen der damaligen Zeit erfährt, andererseits ästhetisch höchst ansprechend, da diese Karten und Illustrationen die Buchkunst von der besten Seite zeigt. Sollte man keinesfalls versäumen! (Bis 8.11.)

WBG bringt neue “Weltgeschichte”

Donnerstag, Mai 14th, 2009

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft kündigt die Veröffentlichung einer neuen Weltgeschichte an. Untertitel: “Eine globale Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert.” Sechs Bände sind geplant. Details dazu hier.

Empfehlungen (10): Teaching Company - die besten Kurse

Freitag, Mai 1st, 2009

Die Teaching Company habe ich hier schon einmal im Allgemeinen empfohlen. An dieser Stelle will ich nun konkreter werden und einige der Kurse auflisten, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Ich habe die meisten als Audioversionen gehört, mit Ausnahmen wie Kunstgeschichte und ein paar anderen.

Vorab noch der Hinweis: Die Listenpreise erscheinen relativ hoch. Es geht aber jeder Kurs regelmäßig “On Sale” und wird dann für einen Bruchteil des Listenpreises angeboten.

Antike:

History of Ancient Egypt
Ancient Greek Civilization
Peloponnesian War
History of Ancient Rome
Emperors of Rome
Rome and the Barbarians

Geschichte:

Big History. The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
Foundations of Western Civilization I & II
Italian Renaissance
War, Peace, and Power: Diplomatic History of Europe, 1500–2000
History of the United States, 2nd Edition

Kunst:

A History of European Art
Great Artists of the Italian Renaissance

Literatur:

Masterpieces of Ancient Greek Literature
Dante’s Divine Comedy

Musik:

Bach and the High Baroque
Great Masters: All 10 Great Masters (Set)
How to Listen to and Understand Great Music
How to Listen to and Understand Opera
Operas of Mozart

Naturwissenschaften:

Einstein’s Relativity and the Quantum Revolution: Modern Physics for Non-Scientists, 2nd Edition
Nature of Earth: An Introduction to Geology
Origins of Life
Understanding the Human Body: An Introduction to Anatomy and Physiology

Philosophie:

Great Minds of the Western Intellectual Tradition, 3rd Edition
Plato, Socrates, and the Dialogues
Plato’s Republic
Machiavelli in Context

Religionswissenschaft:

Old Testament
Historical Jesus
The New Testament
Lost Christianities: Christian Scriptures and the Battles over Authentication

New York Big City & Zauber der Ferne

Sonntag, März 22nd, 2009

Street Photography & Imaginäre Reisen im 19. Jahrhundert
Wien Museum 21.3.

Seit Wolfgang Kos das Wien Museum übernommen hat, gibt es dort regelmäßig sehr interessante Ausstellungen. Im Moment sind es gleich zwei: Eine Fotographie-Ausstellung über New York und eine kulturgeschichtliche Ausstellung über “virtuelles” Reisen im vorletzten Jahrhundert.

New York Fotos! Viele davon sind Ikonen geworden. “Big City” versucht einen Überblick über die Entwicklung dieses Genres zu geben, von den vierziger bis in die frühen achtziger Jahre, von Walker Evans bis Helen Levitt. Die Fotos sind alle sehr sehenswert und konzentrieren sich auf diejenigen New Yorker, die nicht in der Park Avenue wohnen. Man bekommt ebenfalls einen guten Eindruck, wie sich die Fotographie ästhetisch über die Jahrzehnte entwickelte, bis hin zu formalen Experimenten. Die Avantgarde ist allerdings nicht vertreten. Besonders beeindruckend fand ich die Portraits von Charles Traub, von denen eine Auswahl hier zu sehen ist.  Den einzigen Vorwurf, den man dem Kurator Gilles Mora machen könnte: Es hätten gerne mehr Fotos sein können.

Im Erdgeschoß findet sich eine ebenso kuriose wie spannende Schau über imaginäre Reisen. Wie wurden die Wiener des 19. Jahrhunderts mit Informationen über ferne Länder versorgt? Diese Ausstellung versucht eine Antwort darauf zu geben. Man sieht sowohl die technischen Möglichkeiten (Laterna Magica, Guckkästen) als auch Bilder, Filme, Plakate und vieles mehr zum Thema. Sehr originell und absolut empfehlenswert. Allerdings nur noch bis zum 29.3. zu sehen.

Frances Wood

Mittwoch, März 11th, 2009

Entlang der Seidenstraße. Mythos und Geschichte

In vier Wochen werde ich schon “Entlang der Seidenstraße” unterwegs sein, weshalb ich diesen textreichen Bildband als Vorbereitung las. Frances Wood ist Kuratorin des British Museum und eine Expertin, was die Geschichte Zentralasiens angeht, speziell der östlicheren Gegenden. In ihrem Buch versucht sie der Vielfalt des Themas gerecht zu werden. In einer Fülle von Kapiteln werden diverse Aspekte abgehandelt, darunter die wichtigsten geschichtlichen Stationen, wirtschaftliche, religiöse und politische Zusammenhänge bis in das 20. Jahrhundert hinein. Die Forschungsreisenden und deren Expeditionen stellen einen Schwerpunkt dar.

Durch eingestreute Kuriosa - wer weiß schon, dass der Hamster aus der Wüste Gobi stammt - bekommt die Lektüre auch einen gewissen Unterhaltungswert. Frances Wood hat eine gründliche Einführung  vorgelegt. Einige Themenbereiche hätte sie gerne noch ausführlicher behandeln können (die Antike beispielsweise). Die zahlreichen Fotos sind gut ausgewählt. Wer sich also für dieses Eck der Erde interessiert oder auch eine Reise dorthin plant, wird an diesem Bildband seine Freude haben.

Lexikon des Mittelalters als Sonderausgabe

Donnerstag, Januar 29th, 2009

Die normale Ausgabe kostet knapp 2000 Euro, unerschwinglich für die Privatbibliothek. Sehr erfreulich also, dass die Wissenschaftliche Buchgesellschaft jetzt eine gebundende Sonderausgabe für 299.- anbietet.

Ruth Klüger

Montag, Dezember 8th, 2008

weiter leben. Eine Jugend. dtv

Jeden November wird in Wien ein von der Stadt und diversen Unternehmungen gesponsertes Gratis-Buch verteilt, das nicht nur in den Buchhandlungen aufliegt. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Ruth Klügers beeindruckende Autobiographie, in der sie Ihre jüdische Kindheit im nazistischen Wien und Ihre Aufenthalte in Konzentrationslager schildert. Auch wenn das Buch von denen, die es wirklich nötig hätten (also jene, welche Wien bei jeder Wahl mit rassistischen Plakaten vollkleben) sicher nicht gelesen werden wird, war das eine gute Entscheidung.
Klügers Text gehört inzwischen zu den Klassikern des Genres. Das ist nicht zuletzt der dialogischen rhetorischen Strategie des Werks zu verdanken. Sie hält immer wieder inne, bezieht den Leser nicht nur in Ihre Zweifel und Bedenken über das Geschriebene ein, sondern adressiert ihre Leser und mögliche Reaktionen auf das Geschriebene immer wieder direkt.

David Christian: Big History

Sonntag, Dezember 7th, 2008

Big History: The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
(TTC Audio Lectures; 24h)

Normalerweise schreibe ich keine Kurzrezensionen über die zahlreichen Vorlesungen der von mir sehr geschätzen Teaching Company, obwohl fast jede einen ausführlichen Artikel verdient hätte. Die 48 “Lectures” über Big History erfordern jedoch unbedingt eine Ausnahme. Es handelt sich dabei um eine neue historische Schule in den Staaten, die quer zu den üblichen akademischen Gepflogenheiten steht. Anstatt sich im historischen Detail zu vergraben, was ja durchaus legitim ist, setzt man hier eine Brille mit möglichst weiter Brennweite auf: Nichts weniger als die Beschreibung der Geschichte des Universums und der Menschheitsgeschichte ist das Ziel. Man knüpft an die Tradition der Weltgeschichtsschreibung an, ergänzt diese aber um naturgeschichtliche Fakten.
Das klingt nun nach Größenwahn, aber Christian zeigt, wie kongenial man dieses Konzept umsetzen kann. Er beginnt mit dem Urknall, setzt mit Entstehung der Sterne und der chemischen Elemente fort, bis er schließlich nach der Entstehung des Sonnensystems und der Erde bei der Entstehung des Lebens landet. Der Abstraktionsgrad wird mit jeder Stufe kleiner bis er schließlich bei der Zukunft ankommt, der die letzten beiden Vorträge gewidmet sind.
Das Ergebnis könnte man als eine moderne Schöpfungsgeschichte im Anschluss an die vielen Geschichten der Alten verstehe, eine Geschichte allerdings, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. “Big History” stellt sich bewusst in diese narrative Tradition und es bleibt zu hoffen, dass diese “Erzählung” an den amerikanischen Colleges oft unterrichtet wird, und als Gegenpol zu dem religiösen Unsinn fungiert, mit dem dort so viele Köpfe vollgestopt sind.

Kinder in der Antike

Freitag, Dezember 5th, 2008

Die eben erschienene Ausgabe der Antiken Welt geht in einigem sehr interessanten Artikeln diesem Thema nach.