Archive for the ‘Hörbuch’ Category

The Art of Reading

Montag, November 23rd, 2009

So lautet der Titel eines neuen Kurses der Teaching Company. An bibliomanen Themen naturgemäß interessiert, hörte ich die 12h in den letzten beiden Wochen an. Mein Urteil ist zwiespältig. Wenn jemand gut Englisch kann und sich bisher kaum mit Fragen wie Erzählperspektive, Charaktere, Metafiktionalität etc. beschäftigte, bietet Prof. Timothy Spurgin einen passablen Einstieg an. Zwar hätte ich mir mehr formale Wissensvermittlung und weniger angewandte Hermeneutik gewünscht, aber das muss man wohl in Kauf nehmen.

Teaching Company / Literaturkurse

Samstag, November 14th, 2009

Es ist bekannt, dass ich ein großer (großer!) Freund der Teaching Company bin. Ich erinnere an meine entsprechende Empfehlung.

Leider (leider!) sind die Literaturkurse dort fast durch die Bank schlecht. Bisher habe ich mehrere Anläufe gemacht und war jedes Mal sehr enttäuscht. Jüngstes Beispiel ist Classic Novels: Meeting the Challenge of Great Literature von Prof. Arnold Weinstein. Es handelt sich bei jedem Roman um eine hermeneutische Nacherzählung des Inhalts samt diversen Assoziationen dazu. “Hermeneutik” ist dafür wohl schon zu hoch gegriffen. Das war auch bei Books That Have Made History: Books That Can Change Your Life nicht anders.

Meiner Empfehlung muss ich also eine Warnung nachreichen. Diese bezieht sich aber ausschließlich auf die Kurse über Bücher.

Robert Graves

Sonntag, September 20th, 2009

I Claudius

Der Untergang der römischen Republik und der Beginn der Kaiserzeit zählt zu den spannendsten Episoden der antiken Geschichte. Obwohl Graves historischer Roman, einer der erfolgreichsten des letzten Jahrhunderts, hier schon lange liegt, bedurfte es als konkreten Anlass der Lektüre von Thelens fulminantem Buch. Robert Graves ist einer der Protagonisten und schrieb I Claudius auf Mallorca.

Ich “las” den Roman als Hörbuch. Handwerklich ist der Text exzellent geschrieben, Graves beherrscht das Genre. So ist der historische Hintergrund sehr gut recherchiert. Auch die Erzählperspektive ist klug gewählt. Als fiktive Autobiographie angelegt berichtet Claudius, Sohn des Drusus, von den Vorkommnissen. Laut Überlieferung hat dieser Claudius tatsächlich eine (verloren gegangene) Autobiographie verfasst und als “behinderter” Außenseiter und Intellektueller gibt das der Erzählung einen ansprechenden Blickwinkel.

Die Handlung besteht aus den bekannten historischen Ereignissen und wird von Graves mit vielen Vor- und Rückblenden erzählt, was sein Buch über die üblichen Konventionen der Unterhaltungsliteratur deutlich heraushebt. Ich habe das sehr gerne gehört und kann dieses historische Vergnügen empfehlen. Allerding sollte man I Claudius nicht mit einem Fachbuch verwechseln. Augustus Gattin Livia wird von Graves (wie von den historischen Quellen) zu einer römischen Lady Macbeth stilisiert. Die neuere Forschung sieht das wesentlich differenzierter, wenn man Prof. Garrett G. Fagan glauben darf. Auch sonst gibt er Vermutungen der antiken Historiker gerne als (literarisch wirkungsvolle) “Fakten” aus. Sehe mir jetzt noch die viele Stunden dauernde BBC Verfilmung aus den siebziger Jahren an.

Empfehlungen (10): Teaching Company - die besten Kurse

Freitag, Mai 1st, 2009

Die Teaching Company habe ich hier schon einmal im Allgemeinen empfohlen. An dieser Stelle will ich nun konkreter werden und einige der Kurse auflisten, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Ich habe die meisten als Audioversionen gehört, mit Ausnahmen wie Kunstgeschichte und ein paar anderen.

Vorab noch der Hinweis: Die Listenpreise erscheinen relativ hoch. Es geht aber jeder Kurs regelmäßig “On Sale” und wird dann für einen Bruchteil des Listenpreises angeboten.

Antike:

History of Ancient Egypt
Ancient Greek Civilization
Peloponnesian War
History of Ancient Rome
Emperors of Rome
Rome and the Barbarians

Geschichte:

Big History. The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
Foundations of Western Civilization I & II
Italian Renaissance
War, Peace, and Power: Diplomatic History of Europe, 1500–2000
History of the United States, 2nd Edition

Kunst:

A History of European Art
Great Artists of the Italian Renaissance

Literatur:

Masterpieces of Ancient Greek Literature
Dante’s Divine Comedy

Musik:

Bach and the High Baroque
Great Masters: All 10 Great Masters (Set)
How to Listen to and Understand Great Music
How to Listen to and Understand Opera
Operas of Mozart

Naturwissenschaften:

Einstein’s Relativity and the Quantum Revolution: Modern Physics for Non-Scientists, 2nd Edition
Nature of Earth: An Introduction to Geology
Origins of Life
Understanding the Human Body: An Introduction to Anatomy and Physiology

Philosophie:

Great Minds of the Western Intellectual Tradition, 3rd Edition
Plato, Socrates, and the Dialogues
Plato’s Republic
Machiavelli in Context

Religionswissenschaft:

Old Testament
Historical Jesus
The New Testament
Lost Christianities: Christian Scriptures and the Battles over Authentication

Ein beispielhaftes Hörbuch

Freitag, April 3rd, 2009

Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften” [2005]

Die Zweifler am Sinn von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im allgemeinen und an deren Kulturauftrag im besonderen, sollten einen genauen Blick auf den “Remix” des “Mann ohne Eigenschaften” werfen: In zweieinhalb Jahren verwandelten über vierzig Mitwirkende Musils Prosawerk in eine zwanzigstündige Hörbuchfassung. Wer nun denkt, der ORF wollte mit dieser geistreichen Initiative für einen österreichischen Autor einen wohltuenden Kontrapunkt zur geisttötenden Dauersportberieselung oder zur politischen Hofberichterstattung setzen, wird schnell eines Besseren belehrt. (1)

Dem Bayerischen Rundfunk, genauer der Abteilung “Hörspiel und Medienkunst” gebührt Anerkennung für diese Edition. Der Hörverlag publiziert das Ergebnis in einer gewichtigen Kassette, die nicht nur 20 CDs enthält, sondern auch ein siebenhundertseitiges Begleitbuch.

Diese beeindruckenden Rahmendaten wären nun völlig belanglos, hätten sie nicht zu einem überzeugenden künstlerischen Ergebnis geführt. Ästhetisch gelungene Hörbuchfassungen sind allerdings keine Seltenheit. Lohnte sich dieser gewaltige Aufwand, wenn am Ende “nur” ein zufriedenstellende Romanvertonung stünde? Der “MoE Remix” enthält jedoch eine höchst ungewöhnliche Komponente: er ist editionsphilologisch hochgradig interessant. Der MoE ist bekanntlich einer der berühmtesten unvollendeten Romane der Weltliteratur. Der Nachlass zu dem Buch beträgt etwa 6500 Manuskriptseiten. Die bisher in Buchform veröffentlichten Teile des Nachlasses sind (was Auswahl, Anordnung und Kommentierung angeht) unbefriedigend. Warum dies so ist, erläutert Walter Fanta (Robert-Musil-Institut Klagenfurt) ausführlich im Begleitband. Fanta ist als maßgeblicher Herausgeber der noch unpublizierten “Kommentierten digitalen Gesamtausgabe Robert Musil” (2) einer der besten Kenner der Materie. Er erarbeitete die Textauswahl, welche für den akustischen Nachlassteil herangezogen wurde. Zwei weitere Produktionsprinzipien ergänzen den philologischen Ansatz: Oberstes Gebot war Texttreue. Eingriffe in den Text waren tabu. Schließlich wird jede Textpassage mit einer gesprochenen, präzisen Stellenangabe versehen. Zwei Beispiele: “Zu den Lindner-Kapiteln. Schmierblatt Aufbau (1933/1934)” oder “Beim Rechtsanwalt. Kapitelgruppenentwurf (1928) und Kapitelentwurf (1933/1934)”.

Ohne an dieser Stelle weiter ins Detail gehen zu können, lässt sich konstatieren, dass mit dem “MoE Remix” die derzeit beste Bearbeitung des Nachlasses für ein größeres Lesepublikum vorliegt. Dass dies ein Hörbuch leisten muss - immerhin ist der komplette Text des “Remix” im Begleitbuch abgedruckt -, stellt dem Rowohlt Verlag kein gutes Zeugnis aus. Während andere Verlage wie S. Fischer ihre wichtigen Autoren in großen Editionen publizieren (z.B. die exzellente Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe), wird das Werk Robert Musils von Rowohlt seit vielen Jahren sträflich vernachlässigt. Leider kann Robert Musil nicht mehr wie kürzlich Wilhelm Genazino von Rowohlt zu Hanser wechseln …

Die literaturwissenschaftlich plausible Textauswahl bildet nun die Basis für das von Katarina Agathos und Herbert Kapfer entwickelte ästhetische Konzept. Angesichts des riesigen Umfangs des MoE mussten waren weitläufige Streichungen unvermeidlich. Ein Kriterium für diese Eliminationen war, dass die zentralen Erzählstränge gut repräsentiert bleiben (Parallelaktion, Ulrich/Agathe, Walter/Clarisse, Moosbrugger u.a.). Obwohl wichtige essayistische Stellen enthalten sind, kommt die abstrakte Ebene des Romans zugunsten der “Action” etwas zu kurz. Das schadet dem Ergebnis aber nur bedingt.

Die zwanzig Hörstunden teilen sich in etwa zehn Stunden Präsentation des bereits zu Lebzeiten veröffentlichten “kanonischen” Textes und in zehn Stunden Vertonung des Nachlass samt diverser Kommentare von Musilkennern.

Eine prominente und klug ausgewählte Schauspielerriege liest unter der Regie von Klaus Buhlert den Text. Willkürlich herausgegriffen seien Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Josef Bierbichler und Ignaz Kirchner. Dabei werden nicht nur die Figuren von unterschiedlichen Akteuren gelesen, sondern auch personenbezogene Passagen des Erzählers.

Über Musils Text legt sich zusätzlich eine Kommentarschicht, da Beiträge von Musilforschern (Walter Fanta, Karl Corino) und -kennern (Roger Willemsen, Alexander Kluge) den Primärtext ergänzen. Auch Elfriede Jelinek ist ausführlich zu hören, wenn sie ihre literarische Auseinandersetzung mit dem Moosbruggerstoff vorträgt.

Diese ästhetische Vorgehensweise passt gut zu Musils offener Ästhetik, und nach zwanzig Hörstunden bleibt ein abgerundeter Gesamteindruck zurück.

Etwas bremsen muss man allerdings den Enthusiasmus, der im Begleitbuch anklingt: Endlich läge nun eine adäquate neue Ausgabe für ein größeres Leserpublikum vor, heißt es da. Eine Auflagenhöhe von 1000 Stück und der Preis von 150 Euro dürften diesem hehren Ziel ebenso entgegenstehen wie die starken Textkürzungen.

Trotzdem ist der “MoE Remix” nicht nur Freunden Musils zu empfehlen. Wer bisher vor der Lektüre der zwei dicken Bände zurückschreckte, kann sich hier einen ersten Eindruck von den Qualitäten des Romans verschaffen. Wer danach nicht zu den Büchern oder zu Wolfram Bergers Komplettlesung greift, dem ist literarisch ohnehin nicht mehr zu helfen.

(1) Es hatte auch eine Weile gedauert, bis man sich am Küniglberg dazu durchringen konnte, die Komplettlesung des MoE durch Wolfram Berger in Ö1 auszustrahlen. Die mutigen Redakteure wählten den idealen Sendeplatz: Jeden Tag um 00:08. Bergers Lesung ist übrigens wohlfeil für 26 Euro im MP3-Format beim Zweitausendeins-Versand erhältlich.

(2) Als Erscheinungstermin der digitalen Edition wird 2007 genannt.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Remix. DHV - Der Hörverlag, München 2004 ISBN , CD, 149,00 EUR

Literatur und Kritik Nr. 397/398, September 2005

Edward Larson: Evolution

Samstag, Februar 21st, 2009

The Remarkable History of a Scientific Theory

Larsons kleine Wissenschaftsgeschichte der Evolutionstheorie hörte ich in einer ungekürzten Fassung als Hörbuch. Präzise und kompetent erzählt Larson die Geschichte dieser wissenschaftlichen Revolution. Er fängt vor Darwin an, geht naturgemäß ausführlich auf dessen Leben und Werk ein, hält sich aber nicht zu lange im 19. Jahrhundert auf. Die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts werden ebenfalls ausführlich geschildert, inklusive der wichtigen Rolle der Molekulargenetik und Statistik bei der Fortentwicklung der Evolutionstheorie.

Auch die fehlgeleiteten Übertragungen der Theorie auf gesellschaftliche Phänomene in Form des Sozialdarwinismus und der eugenischen Bewegungen kommen nicht zu kurz.

Ein kompetentes Buch zum Thema, allerdings ohne intellektuelle Überraschungen.

Robert Musil: MoE Remix zum Download

Sonntag, Januar 4th, 2009

Meine ausführliche Rezension zu diesem interessanten Projekt findet sich unter dem Titel “Ein beispielhaftes Hörbuch” hier und auf koellerer.de. Erfreulich, dass der Bayerische Rundfunk die Folgen nun auch zum Download anbietet.

David Christian: Big History

Sonntag, Dezember 7th, 2008

Big History: The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
(TTC Audio Lectures; 24h)

Normalerweise schreibe ich keine Kurzrezensionen über die zahlreichen Vorlesungen der von mir sehr geschätzen Teaching Company, obwohl fast jede einen ausführlichen Artikel verdient hätte. Die 48 “Lectures” über Big History erfordern jedoch unbedingt eine Ausnahme. Es handelt sich dabei um eine neue historische Schule in den Staaten, die quer zu den üblichen akademischen Gepflogenheiten steht. Anstatt sich im historischen Detail zu vergraben, was ja durchaus legitim ist, setzt man hier eine Brille mit möglichst weiter Brennweite auf: Nichts weniger als die Beschreibung der Geschichte des Universums und der Menschheitsgeschichte ist das Ziel. Man knüpft an die Tradition der Weltgeschichtsschreibung an, ergänzt diese aber um naturgeschichtliche Fakten.
Das klingt nun nach Größenwahn, aber Christian zeigt, wie kongenial man dieses Konzept umsetzen kann. Er beginnt mit dem Urknall, setzt mit Entstehung der Sterne und der chemischen Elemente fort, bis er schließlich nach der Entstehung des Sonnensystems und der Erde bei der Entstehung des Lebens landet. Der Abstraktionsgrad wird mit jeder Stufe kleiner bis er schließlich bei der Zukunft ankommt, der die letzten beiden Vorträge gewidmet sind.
Das Ergebnis könnte man als eine moderne Schöpfungsgeschichte im Anschluss an die vielen Geschichten der Alten verstehe, eine Geschichte allerdings, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. “Big History” stellt sich bewusst in diese narrative Tradition und es bleibt zu hoffen, dass diese “Erzählung” an den amerikanischen Colleges oft unterrichtet wird, und als Gegenpol zu dem religiösen Unsinn fungiert, mit dem dort so viele Köpfe vollgestopt sind.

Janet Browne

Samstag, November 29th, 2008

Darwin’s Origin of Species: A Biography. (Books That Changed the World). Audiobook

Der Reihenname ist etwas irreführend. Zwar schreibt Janet Browne einiges rund um Darwins berühmtes Buch, im wesentlichen handelt es sich aber um eine Einführung in Leben und Werk Darwins und damit in die Evolutionstheorie. Sie macht das nicht schlecht und man bekommt eine ganz brauchbare Begleitlektüre. Enthusiastische Reaktionen auf das Buch wären aber übertrieben.

Darwin

Samstag, November 29th, 2008

The Voyage of the Beagle. Audiobook, ca. 15h

Im Rahmen meines kleinen Darwin-Projekts hörte ich im Oktober ungekürzt und im Original diesen Reisebericht. Bekanntlich befuhr Darwin ab 1831 als junger Mann, nachdem er den Widerstand seines Vaters überwunden hatte, als “naturalist” an Bord der H.M.S. Beagle Teile der neuen Welt. Während dieser Reise reifte in ihm die Evolutionshypothese, die später dann nicht nur die Welt der Wissenschaft revolutionierte.
Im Vergleich zu “Origins of Species”, von denen hier ja schon die Rede war, ist “The Voyage of the Beagle” eine im konventionellen Sinn unterhaltsamere Lektüre, bekommt man zu den zahlreichen botanischen, zoologischen und geologischen Beobachtungen doch auch noch Reiseabenteuer und exotische Schauplätze mit serviert.
Naturgemäß ist es sehr spannend, dem jungen Darwin beim Denken & Beobachten geistig über die Schulter zu sehen. Im Umgang mit der nativen Bevölkerung der Neuen Welt findet man einerseits Empörung über die gängigen üblen Praktiken, andererseits ist auch sehr unbekümmert von “savages” die Rede. Sklaverei wird scharf abgelehnt.
An dem Buch wird jeder seine Freude haben, der sich für Wissenschaftsgeschichte und/oder Reiseliteratur interessiert.

David Quammen

Montag, Oktober 13th, 2008

The Reluctant Mr. Darwin. An Intimate Portrait of Charles Darwin and the Making of His Theory of Evolution. Audiobook

Im Zuge meines kleinen Darwin-Projekts stieß ich auf dieses kleine Buch, das in bester angelsächsischer populärwissenschaftler Tradion eine Einführung in Darwins Leben und Werk bietet. Keine spektakuläre publizistische Leistung, aber doch ein solider Titel, dessen Lektüre (in meinem Fall Anhören) durchaus lohnt.
Quammen konzentriert sich - mit biographischen Rückblenden - auf die Zeit der Entstehung der Evolutionstheorie. Darwins berühmte Reise auf der Beagle klammert er explizit aus. Man erfährt viel über die Vorläufer von Darwins Theorie, seine Lebensumstände, seine zum Teil skurrilen Experimente und natürlich auch über die Entstehung und Inhalt seiner berühmten Theorie. Auch die Verlagsseite der Angelegenheit (Verleger, Auflagen, Text) kommt dabei nicht zu kurz. Empfehlenswerter Begleiter zur Lektüre von “The Origins of Species”.

Ilja Trojanow

Sonntag, September 7th, 2008

Der Weltensammler. Roman
(Hörbuch, 7 CDs)

Obwohl ich mir vor längerer Zeit das Buch kaufte, habe ich mir nun die Hörbuch-Fassung angehört. Trojanow schrieb einen beinahe klassischen Abenteuerroman, in dessen Mittelpunkt der britische Offizier Sir Richard Burton (1821-1890) steht, berühmt für seine waghalsigen Reiseaktiviäten. So besuchte er als Moslem getarnt Mekka.
Diese Episode kommt im Buch natürlich an prominenter Stelle vor, ebenso sein Aufenthalt in Indien oder die Suche nach den Nilquellen in Afrika. Jeder Reisefreund wird an der Lektüre seine Freude haben. Es ist (in vergleichsweise konventionellem Rahmen) gut geschrieben, wenn auch die Erzählperspektive nicht immer überzeugen kann (wenn etwa jemand Details berichtet, die er unmöglich kennen kann). Der struktuelle Aufbau ist mit großer Liebe zum Detail ausgeführt.
Fazit: Sehr gute Unterhaltung auf hohem Niveau für Freunde der Reiseliteratur.

Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray [2.]

Sonntag, Juni 15th, 2008

Hörbuch; ungekürzt im Original

Es ist mindestens 15 Jahre her als ich diesen Roman zum ersten Mal las. Ich hatte ihn als gutes Leseerlebnis in Erinnerung. Höchste Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks, wozu ich ein Hörbuch wählte. Nun ist es schon ein ästhetisches Vergnügen, dieses wohlgeformte Englisch in schönstem hochnäsigen Oxford English vorgelesen zu bekommen. Das wäre aber nicht hinreichend, um die Faszination des Werks zu erklären, das ab sofort in meinem Klassiker-Privatkanon einen prominenten Platz einnimmt.
Der Roman ist ebenso geistreich wie provokant. Lord Henry, der als Verführer maßgeblich zum Untergang des Dorian Gray beiträgt, ist wohl die Figur der englischen Literatur, die Mephisto am ähnlichsten ist: Scharfzüngig, brillant, die Schwächen der Menschen durchschauend, amoralisch, nicht unsympathisch. Gleichzeitig der literarische Prototyp eines Vertreters der sogenannten Dekadenz der Jahrhundertwende.
Wilde versteht es meisterhaft an die große englische Tradition des realistischen Erzählens anzuknüpfen, indem er vom Adelssalon bis zum Londoner East End authentisch zu berichten vermag. Diesen Realismus mit einem märchenhaften Symbolismus überzeugend zu verbinden, ist die große Leistung dieses Buchs. Dorian Gray erkauft sich bekanntlich ewige Jugend und moralische (optische) Makellosigkeit dadurch, dass sein Portrait für ihn altert und seine Laster abbildet. Wilde eröffnet durch dieses Motiv einen großen Resonanzraum zu zahlreichen Werken der Weltliteratur und schafft damit eine Art modernen Mythos für seine Zeit. Faszinierend.

Christopher Hitchens: God is not Great. How Religion Poisons Everything.

Sonntag, Dezember 16th, 2007

(Gehört als Audiobook.)

Twelve, gebunden (Amazon Partnerlink)

Der dritte atheistische Besteller (nach Richard Dawkins und Sam Harris) der letzten Zeit, konnte mich am wenigsten überzeugen. Hitchens trägt zwar die bekannten validen Argumente gegen religiöse Dummheiten zusammen, zeichnet sich aber negativ durch zu viel Selbstverliebtheit aus. Seine autobiographischen Exkurse wirken oft mehr eitel als erhellend. Wer nur ein Buch zum Thema lesen will, sollte also nicht zu diesem greifen. Nebenbei sei bemerkt, dass Hitchens ein vergleichsweise schlechter Vorleser ist. Ich hörte mir seine Gesamtlesung als Audiobook an.

Sam Harris: End of Faith

Donnerstag, Juli 26th, 2007

Hörbuch (Amazon Partnerlink)

Harris ist wie Richard Dawkins ebenfalls ein Vertreter des “New Atheism” und hat mit “End of Faith” einen Bestseller geschrieben. Es handelt sich wohl um das schärfste religionskritische Buch handeln, das seit längerer Zeit erschienen sind. Harris sieht Religion als eines der größten gesellschaftlichen Probleme an, und dürfte damit (speziell in den USA) den Finger in eine offene Wunde legen. Harris nähert sich dem Religionsproblem aus verschiedenen Perspektiven: sozial, geschichtlich und politisch. Der Fokus seiner Kritik richtet sich auf den Islam, er lässt aber keinen Zweifel daran, dass es ihm um die Religion an sich geht. So versetzt ihn auch der Einfluss von christlichen Fundamentalisten auf die amerikanische Öffentlichkeit in eine kampfeslustige Stimmung.

Harris ist besonders gut darin, den Anachronismus des religiösen Weltbildes zu veranschaulichen. In allen (!) Bereichen des menschlichen Lebens gab es in den letzten 2500 Jahren Fortschritte. Nur was die Religion angeht, scheine diese in einer Zeitblase zu existieren. Das intellektuelle Niveau, vor allem in Hinblick auf Erkenntnistheorie (Wie unterscheidet man Glaube und Wissen?) und Ethik (Wie beurteilt man Handlungen?), sei nicht vom Fleck gekommen. Versetzte man einen gebildeten Christen aus dem 14. Jahrhundert plötzlich in die Gegenwart: Er hätte in allen Bereichen größte Defizite und Verständnisprobleme. Nur beim Thema Religion würde er sich sofort zu Hause fühlen.

Wenn sich Harris in philosophische Gefilde wagt, würde man sich dagegen oft mehr Professionalität wünschen. Für jemanden, der in Stanford Philosophie studierte, behandelt er viele Fragen doch sehr nonchalant. So plädiert er für eine Art wissenschaftliche Ethik, ohne auch nur mit einem Wort das viel diskutierte Sein-Sollen-Problem zu erwähnen, das solchen Bemühungen im Wege steht. Am schwächsten ist das Buch, wenn politische Themen im engeren Sinn anstehen. So verteidigt er die amerikanische Außenpolitik samt ihrer Militanz und sieht keine Alternative zu gezielten Militärinterventionen. Verachtete er nicht so sehr die Religion in der Politik, klänge er manchmal wie ein klassischer Neokonservativer.

Ich würde Harris trotzdem als klassischen Aufklärer bezeichnen: Er vertritt seine Meinung scharf und kompromisslos. Seine Religionskritik ist fulminant. Zur Lektüre empfohlen.

Robert Harris: Imperium. Novel

Donnerstag, Juni 21st, 2007

Random House Audio, abridged (Amazon Partnerlink)

Prinzipiell ist mir der Gedanke sympathisch, dass man mit antiken Themen Bestseller schreiben kann. Die Thematik war auch ausschlaggebend, mir das Buch anzuhören. Seltsamerweise “stört” es mich weniger, Unterhaltungsliteratur zu hören als zu lesen. Das Thema des Romans ist die Karriere von Cicero, was im ersten Moment erfrischend exotisch wirkt. Man versteht aber schnell, dass Harris hier eine gute Buchidee hatte: Ciceros leben lässt sich ausgezeichnet als “Anwaltsroman” inszenieren. So jagt ein spannender Prozess den nächsten, garniert mit zahlreichen politischen Intrigen. Man verfolgt die Handlung sehr aufmerksam, auch wenn man bereits weiß, wie sich diese Angelegenheiten historisch entwickelten.

Harris erzählt Ciceros Leben (bis zum Erreichen des Konsulats) aus der Ich-Perspektive seines Sekretärs Tiro. Literarisch ist der Roman nicht verdienstvoll: Er ist extrem konventionell erzählt (Dialoge, Beschreibungen), wenn auch handwerklich auf hohem Niveau. Inhaltlich scheint er gut recherchiert zu sein, soweit ich das beurteilen kann, ohne eine Experte für das römische Justizwesen zu sein. Trotzdem klingt es oft sehr nach einem amerikanischen Prozess, wenn von “jury” oder “cross examination” die Rede ist.

Literarisch also keine Empfehlung. Wer aber ein paar Stunden gute Unterhaltung sucht und sich für die Antike interessiert, macht damit keinen Fehler. Mir zumindest hat der Roman große Lust darauf gemacht, wieder ein paar Reden Ciceros zu lesen. Andere Werke von ihm will ich mir eigentlich auch schon seit Jahren vornehmen …

Empfehlungen (6): The Teaching Company

Sonntag, Februar 25th, 2007

Diese Entdeckung zähle ich zu meinen wichtigsten der letzten Jahre, gibt sie mir doch die Möglichkeit “nebenbei” einer Menge interessanter Dinge anzuhören oder Bekanntes aufzufrischen. Wie extensiv ich das inzwischen machen, sieht man an meiner Lese- und Hörliste.

Die Teaching Company bietet als Geschäftsmodell Vorlesungen zum Kauf bzw. Laden an. Dazu werden didaktisch begabte amerikanische Professoren gebeten, über ihre Spezialgebiete zu sprechen. Viele dieser Kurse sind achtzehn Stunden und länger und erreichen damit die Länge einer “echten” Univeranstaltung.
Inzwischen gibt es Hunderte von Themen, über die man sich am besten auf der Webseite der TTC einen Überblick verschafft. Der Schwerpunkt liegt auf klassischem Bildungsgut, weshalb erfreulicherweise auch die Antike nicht zu kurz kommt. Man hat die Wahl zwischen Audio/MP3 und DVD Versionen. Meist reicht Audio aus, nur bei Themen wie Kunstgeschichte oder Anatomie sollte man naturgemäß nicht im Dunkeln tappen. Die regulären Preise sind sehr hoch, es wird aber jeder Kurs einmal pro Jahr zum “Sales Price” angeboten und dadurch signifikant billiger.

Im Gegensatz zu ihren deutschsprachigen Kollegen, sind angelsächsische Lehrende meist rhetorisch sehr begabt: Man hört ihnen gerne und mit Spannung zu. Ich höre diese Kurse meist nebenbei, auf dem Weg zur Arbeit, auf Reisen, bei diversen Routinetätigkeiten etwa, und komme so auf durchschnittlich eineinhalb Stunden pro Tag.

Zu einigen der Lehrenden baut man regelrecht eine intellektuelle Beziehung auf. Brillant und geistreich ist etwa alles, was Robert Greenberg über Klassische Musik zu sagen hat. Bart Ehrman leuchtet gedankenreich und kritisch die Zeit des Neuen Testaments aus. Bob Brier ist ein erstklassiger Referent über das Alte Ägypten. Robert Hazen hat mit “Joy of Science” eine beachtliche Einführung in naturwissenschaftliches Denken vorgelegt.

Bis auf wenige Ausnahmen (”Buddhism”) sind mir bisher keine Kurse untergekommen, die nicht hörenswert gewesen wären. Wie so oft ist es sehr schade, dass es nichts Vergleichbares auf Deutsch gibt.

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman

Freitag, Januar 5th, 2007

Universal Music, Hörbuch, 5 CDs (Amazon Partnerlink)

Es gibt manche Bücher, die ich aus “Metainteresse” lese, weil so viel über sie geredet und geschrieben wird. Kehlmanns Roman zählt zu diesen, auch wenn ich ihn genaugenommen gehört habe. Kompetent gelesen von Ulrich Matthes.

Wie wohl hinreichend bekannt, beschreibt das Buch die kontrastreichen Biographien von Alexander Humbold und Carl Friedrich Gauß. Beide herausragende Wissenschaftler mit einem großen Interesse an der “Vermessung der Welt”. Gauß reiste als begegnadeter Mathematiker kaum, ein klassischer Stubengelehrter, wohingegen Humboldt als Weltreisender seiner wissenschaftlichen Leidenschaft nachgeht.

Das ist eine nette Idee für einen historischen Roman und zu Beginn liest er sich auch durchaus unterhaltsam. Danach nahm mein Interesse aber aus zwei Gründen rapide ab. Erstens ist der Text künstlerisch nicht sehr ergiebig. Genau und unterhaltsam erzählt, ja, aber unter dieser glatten Oberfläche gibt es wenig ästhetische Substanz. Substanz gibt es auch nur wenig in intellektueller Hinsicht, womit der zweite Grund schon genannt ist. Brav zählt Kehlmann etwa die mathematischen Geniestreiche Gauß’ auf, ohne sie jedoch ausreichend zu reflektieren. Man denke nur daran, welche geistigen Funken Robert Musil aus dem Thema der Mathematik geschlagen hat. Auch sonst wird der zeitgenössische Stoff brav vorhersehbar abgearbeitet. Sogar die vielzitierten Zahnschmerzen haben ihren Auftritt.

Kein großes Kunstwerk also, aber ein doch ganz unterhaltsames Buch. Für richtige Leser nur bedingt geeignet.

Philip Roth: Jedermann

Sonntag, November 5th, 2006

Hörbuch, 4 CDs (Amazon Partnerlink)

Der Tenor der Kritiken ließ nichts Gutes erwarten. Erfreulicherweise stellte sich das schnell als falsch heraus. Roth hat einen vorzüglichen kleinen Roman geschrieben, in dessen Mittelpunkt düstere Themen stehen: Alter, Tod und ein verpfuschtes Durchschnittsleben.

“Das Alter ist ein Massaker” heißt es an einer Stelle und das könnte gut als Motto über den Buch stehen. Die Handlung setzt bei der Beerdigung des Protagonisten ein, um bald durch wohl komponierte Rückblenden prägende Lebensstationen dieses Antihelden zu beschreiben. Wenige Sätze reichen, um die Kindheit des Jungen plastisch vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. In chirurgischen Schnitten ziehen diese Episoden an uns vorbei, in deren Mittelpunkt meist ein Krankheitserlebnis steht. Anstatt Maler zu werden, landet “Everyman” in der Werbebranche. Als er am Ende seines Lebens endlich zu malen beginnt, folgt die schmerzliche Erkenntnis, dass er ein unbegabter Dilettant ist.

Roth zeigt das Leben als sinnlose, medizinische Abwärtsspirale, in dem kein Platz für Hoffnung oder dauerhafte Beziehungen bleibt. Kurz: Er rückt der menschlichen Existenz ohne metaphysische Verbrämungen auf den Leib. Diese Radikalität ist eine der großen Stärken des Textes, der einmal mehr bestätigt, dass Literatur ein prädestiniertes Medium ist um diese großen Fragen adäquat zu behandeln. Peter Fitz’ Lesekunst bringt den Text vorbildlich zu Gehör.

Lob des Hörbuchs

Freitag, März 31st, 2006

Vor mehr als einem Jahr fing ich an, mich regelmäßig Hörbüchern zuzuwenden. Als Abspielgerät verwende ich mein Mobiltelefon mit integriertem MP3 Player (512 MB), d.h. ich höre vor allem unterwegs und in anderen “Leerlaufzeiten”. Im Sommer letzten Jahres entdeckte ich dann die hier schon mehrmals gepriesene Teaching Company, die im großen Stil vorzüglich gemachte Vorlesungen auch als “Hörbucher” anbietet. Themen sind überwiegend im klassischen Bildungskanon angesiedelt, aber es gibt auch Natur- und Wirtschaftswissenschaftliches. Die einzelnen Vorlesungen sind zwischen sechs und zweiundvierzig Stunden lang und in einzelne “Lectures” von dreißig oder fünfundvierzig Minuten aufgeteilt.

Im Moment höre ich beispielsweise die zweiundvierzig Stunden lange, von mehreren Professoren gehaltene VL über die History of the United States, wo ich bisher rund um das 19. Jahrhundert einiges Neue erfahren konnte.

Mein Alltag wurde dadurch gewissermaßen revolutioniert. Meine Geduld ist inzwischen grenzenlos. Es spielt keine Rolle, ob der Bus gerade vor der Nase wegfährt, die Schlange an der Kasse bis zum Kühlregal reicht oder das Wartezimmer besonders voll ist: Es läßt mich kalt. Ich nutze die Gelegenheit, um eine Viertelstunde länger eine Lecture über Plato, biblische Textkritik oder jüdische Geistesgeschichte zu hören. Hörzeit pro Tag sind durch Arbeitsweg und andere unverzichtbare Tätigkeit mindestens neunzig Minuten pro Tag (abgerundet also 500h pro Jahr). Da sage noch jemand, neue Technologie ließen sich nicht sinnvoll nutzen.