Archive for the ‘Klassiker’ Category

Robert Musil – Die Edition für das 21. Jahrhundert

Samstag, September 4th, 2010

Unter den Autoren der Moderne zählt Robert Musil zu den größten editorischen Herausforderungen. Die jahrzehntelange Arbeit am unvollendeten Mann ohne Eigenschaften hinterließ ein gewaltiges Manuskriptkonvolut. Als wären viele tausend Blätter an Entwürfen nicht genug, muss man noch diverse Bearbeitungsstufen berücksichtigen - die Kapitelentwürfe sind nur die Spitze des Eisbergs. Zusätzlich gibt es Korrekturen, spätere ergänzende Notizblätter zu diesen Entwürfen und Musils Kommentare zu seinen Kommentaren.

Früher hätten es Germanisten mit einer historisch-kritischen Rekonstruktion versucht, die dann mit den anderen Klassiker-Ausgaben in den Bibliotheken der Germanistik-Institute verstaubt wäre. Das Klagenfurter Robert-Musil-Institut entschied sich für den moderneren Weg einer digitalen Edition. Bereits 1992 gab es einen ersten Anlauf auf CD-ROM, der sich allerdings aufgrund des hohen Preises und den schnell veralteten technischen Voraussetzungen nicht durchsetzen konnte.
Die Herausgeber sehen die neuen elektronischen Möglichkeiten als unverzichtbar für die zukünftige Editionswissenschaft an:

Das Medium Buch bringt diese Beziehungen in einfache (oder vereinfachte) lineare Relationen, womit dem Inhalt oft Gewalt angetan wird. Verweissysteme, die in Büchern verwendet werden, haben etwas von Notlösungen an sich und bilden komplexe Relationen immer nur unvollständig und unvollkommen ab. Erst in elektronischen Editionen können komplexe Relationen in Texten und zwischen Texten identisch, gleichsam synchron abgebildet werden.

Unterschieden werden für diese Ausgabe fünf Relationstypen: Verweise zwischen den Texten Musils, Verweise auf Visuelles (Faksimiles), Verweise auf andere Texte, Verweise auf den Kontext und Verweise auf Metainformationen aller Art. Die Kombination dieser Bezüge sowie die globale Suchfunktion macht die ungewöhnliche Reichhaltigkeit dieser Edition aus.

Sie enthält eine komplette Leseausgabe in 20 Bänden, die neben den literarischen Werken auch die Reden, die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die Tagebuchhefte und die Korrespondenz umfasst.
Zum Lesetext gibt es einen Stellenkommentar, der sich auf Personennamen, Werktitel, Orte usw. beschränkt, und damit wichtige Fakten zum Kontext bietet, ohne die Grenze zur Interpretation zu überschreiten. Manchmal wird auch das historische oder biographische Umfeld zur Erläuterung herangezogen. Selbstverständlich fehlen ebenfalls umfangreiche Erläuterungen zur Ausgabe und deren Vorgeschichte nicht.

Zusätzlich enthält die DVD den gesamten digitalisierten Nachlass. Dabei handelt es sich um 56 Mappen in acht Gruppen. Es wurden alle Blätter als Faksimiles integriert und jedes Blatt wurde sorgfältig transkribiert. Damit schließt die Ausgabe an die unter Editionsphilologen in den letzten Jahren breit diskutierte Praxis an, die Manuskripte selbst zu publizieren - man denke etwa an die Frankfurter Kafka-Ausgabe des Stroemfeld Verlags. Erstmals hat damit die an Musil interessierte Leserschaft die Gelegenheit, sich selbst ein Bild über die Nachlass-Situation zu verschaffen. Zumal die Klagenfurter Ausgabe mit 149 Euro wohlfeil zu haben ist.
Man kann die Nachlass-Mappen in Ruhe zu Hause am Computer durchblättern, anstatt sich in der Wiener Nationalbibliothek um die entsprechende Genehmigung bemühen zu müssen. Druckte man das gesamte enthaltende Material wären dafür etwa 50.000 Seiten notwendig.

Walter Fanta war als Projektleiter der Kopf hinter der Klagenfurter Ausgabe. Er verbrachte unzählige Stunden mit dem Nachlass in der Nationalbibliothek und legte bereits eine Reihe von zum Teil sehr umfangreichen Publikationen zum Thema vor.

Die Editionsgeschichte geht fast bis zum Tode Musils zurück. Seine Gattin Martha Musil gab bereits 1943 einen dritten Band des Mann ohne Eigenschaften heraus mit ausgewählten Kapiteln des Nachlasses. Ganze tausend Exemplare wurden von dem Buch gedruckt. Knapp zehn Jahre danach nahm sich Adolf Frisé der Publikationsfrage an und prägte dann über Jahrzehnte hinweg die Edition der Musilschen Werke. 1952 erschien im Rowohlt Verlag die erste von ihm zusammengestellte Ausgabe des großen Romans. Die nachgelassenen Kapitel wurden dabei als quasi „natürliche“ Fortsetzung der veröffentlichten Teile verstanden. Die oben beschriebene Komplexität des Materials wurde von Frisé erst viel später erkannt. Die Bedeutung dieser Buchveröffentlichung lag denn vor allem darin, Musils Hauptwerk vor dem Vergessen zu bewahren.

Frisés Ziel war es, eine umfassende Ausgabe der Werke bei Rowohlt zu veröffentlichen. Ihm gelang dies schließlich in den Jahren 1976-1981. Diese Texte prägen bis heute maßgeblich die Musil-Rezeption, sind sie doch die einzigen gedruckten Editionen auf dem Buchmarkt. Im Beiheft der Klagenfurter Ausgabe wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese zweite Edition des Mann ohne Eigenschaften durch Frisé die textphilologischen Fehler seines ersten Versuches vermeidet. Durch den nicht erläuterten Status der entgegen der Chronologie angeordneten Nachlasstexte, sei aber der Ruf des Romans entstanden, niemand hätte ihn je zu Ende gelesen.

Deshalb entschied man sich jetzt bei der neuen Leseausgabe des Romans für eine Aufteilung in vier Bände. Während die ersten beiden Teile die autorisierte Druckfassung wiedergeben, konzentriert sich der dritte auf die Fortsetzung des Romans. Die zahlreichen Vorstufen, welche die Lesbarkeit der bisherigen Ausgaben so erschwerten, wurden in einen vierten Band ausgelagert.

Die Langwierigkeit eines solches Editionsprojekt bringt es mit sich, dass Entscheidungen für eine bestimmte Software unabsehbare Konsequenzen haben. Die Herausgeber entschieden sich für Folio Views, das die besten Verknüpfungsmöglichkeiten und die besten Suchfunktionen biete. Die Benutzerführung ist praktikabel und die Verweise funktionieren so, wie man das aus dem Web gewohnt ist. Die Oberfläche wirkt aber im Vergleich zu aktueller Software etwas antiquiert. Dürfte man einen Wunsch äußern, so wäre dies die Exportmöglichkeit in ein Format, das kompatibel mit Ebook-Lesegeräten ist (ePub oder PDF). Dann könnte man sich die Bände der Leseausgabe auf eines der neuen Geräte laden, die ein einigermaßen bequemes elektronisches Lesen erlauben.

Ab und an findet man kleine Fehler. So stößt man etwa in Über die Dummheit auf Seite 8 auf eine fehlerhafte Verlinkung. Aber die Herausgeber haben bereits regelmäßige Aktualisierungen ihrer Edition angekündigt, wo sich derartige Kleinigkeit leicht beheben lassen.

Trotz der Entwicklung hin zum elektronischen Lesen, bleibt für Musil-Freunde das wichtigste Desiderat: Die druckfertige elektronische Leseausgabe sollte von Rowohlt so schnell wie möglich in eine gute Buchausgabe verwandelt werden. Robert Musil war angesichts seines Ranges in den letzten Jahren viel zu wenig auf dem Buchmarkt präsent.

Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften. Mit Transkriptionen und Faksimiles aller Handschriften. Herausgegeben von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino. Klagenfurt: Robert Musil-Institut der Universität Klagenfurt. DVD-Version 2009

Informationen und Bestellmöglichkeit:

Musil-Edition

[Rezension erscheint in Literatur und Kritik]

Gerd Haffmans über Samuel Pepys

Sonntag, August 15th, 2010

Im Februar berichtete ich in einer Notiz über das ambitionierte Projekt, die berühmten Tagebücher des Samuel Pepys (1633-1703) erstmals komplett auf Deutsch herauszugeben. Links auf Detailinformationen über die Ausgabe finden sich dort.

Anläßlich des bevorstehenden Erscheinungstermins, äußert sich Gerd Haffmans nun in einem ausführlichen Gespräch mit dem Buchmarkt über die Hintergründe dieser Edition:

Bitte, wer mit Bändchen wie “Tafeln mit Goethe”, “Kegeln mit Kant” oder “Nicht-ganz-bei-Trost bei Bohlen“ sein Genüge findet, dem reicht vielleicht “Peepen mit Pepys”, das kann er nämlich auch. Nein, erst der ganze Pepys erzählt den Roman seines Lebens. Mit dieser Einsicht in mehr wuchs die Lust aufs Ganze. Was dieses Tagebuch so einzigartig macht, ist
erstens die einmalige, zuweilen geradezu grausame Ehrlichkeit, zweitens die Regelmäßigkeit und Dauer: kein Tag ohne Eintrag – und das zehn Jahre lang, und schließlich das hemmungslose Mitteilungsbedürfnis eines intelligenten, wachen und vergleichsweise vorurteilslosen Autors.

John Milton (1608-1674)

Samstag, August 7th, 2010

Paradise Lost. Zweisprachig. (2001)
Areopagitica. A speech for the liberty of unlicensed printing to the parliament of England. Zweisprachig. (2001)

Paradise Lost erschien 1667 und ist einer der englischen Klassiker. Milton setzte sich ein unbescheidenes Ziel: Die Darstellung des Sündenfalls samt Vertreibung aus dem Paradies in einem Großepos. Damit stellte er sich in die Tradition von Dantes Göttlicher Komödie. Es geht nichts über ein gesundes Selbstbewusstsein unter Autoren!

Angelegt ist das Epos in zwölf Büchern und bezieht auch die Vorgeschichte des Sündenfalls mit ein: Den Sturz Satans hinab in die Hölle nach einer großen Himmelsschlacht sowie das Schmieden und Ausführen seines Racheplans. Satan ist es, der Paradise Lost in erster Linie zu einer faszinierenden Lektüre macht. Milton schuf mit dieser Figur einen der großen Bösewichte der Weltliteratur. Er tritt in die Fußstapfen der fulminanten Widerlinge bei Shakespeare, wo in erster Linie Iago zu nennen ist. Ohne dessen nihilistische Monologe könnte man sich die rhetorisch brillanten Boshaftigkeiten von Miltons Satan kaum vorstellen. Ist Iagos Rachefeldzug dadurch motiviert, dass er sich von Othello zurückgesetzt fühlte, war bei Satan die Bevorzugung des Christus durch Gott das ausschlaggebende Motiv für die Rebellion. Satan dominiert das Epos literarisch auf vielen Ebenen, weshalb das Bonmot des Romantikers William Blake gar nicht so weit aus der Luft gegriffen ist, Milton sei “of the Devil’s party without knowing it” gewesen.

Strukturell sind die zwölf Bücher sehr geschickt angelegt. Nach einer kurzen Einleitung setzt die Handlung unmittelbar nach dem Höllensturz ein und gibt Satan damit schnell die Gelegenheit, sich rhetorisch in Szene zu setzen. Es folgt eine Höllenvollversammlung auf der die weitere Vorgehensweise kontrovers diskutiert wird. Auch vom Gerücht, dass es eine neue weitere Welt gäbe, wird gesprochen. Die Entscheidung: Satan soll sich alleine als Kundschafter auf den Weg machen, um die Topographie der neuen Lage zu studieren. Anfang des dritten Buches debattieren Gott und sein Sohn die Situation, danach darf der Leser Satan auf seinem Erkundungsgang begleiten. Milton beschreibt die Geographie der einzelnen Stationen ähnlich anschaulich wie Dante seine Höllenkreise, wenn auch weniger ausführlich. Vor dem Paradies angelangt setzt er nach kurzem Zögern seinen bösen Plan in Bewegung, der hinreichend bekannt ist, um ihn hier nicht wiederholen zu müssen. Angemerkt sei aber, dass Milton das dürre biblische Gerüst kongenial mit literarischer Wirklichkeit ausstopft.

Verglichen mit Satan verblassen Adam und Eva als literarische Figuren. An Miltons Darstellung der Eva werden nicht nur Frauen heute keine große Freude mehr haben. Sie können sich aber mit dem dümmlichen Gehabe Adams leicht trösten. Ab dem fünften Buch greift Milton zu umfangreichen Rück- und Vorblenden, die er so souverän und ästhetisch durchdacht einsetzt, dass mir vor Paradise Lost kein ähnlich perfekt konstruiertes nachantikes Werk bekannt wäre. Als Mittel zum Zweck dienen meist eingeschobene Erzählungen, die Adam aufklären oder trösten sollen.

Wer sich für Klassiker der Weltliteratur interessiert, sollte das Epos auf jeden Fall auf seine Leseliste setzen.

Als Abrundung und um Milton besser kennenzulernen, las ich noch dessen Schrift gegen die damals in England geplante Buchzensur. Es ist die erste Antizensur-Publikation dieser Art. Wer nur Paradise Lost kennt, könnte bei oberflächlicher Lektüre auf die Idee kommen, Milton sei ein bigotter Mensch. Nun war er zwar ein überzeugter Protestant mit teils sehr unorthodoxen Ansichten, aber gleichzeitig auch einer der großen Liberalen seiner Zeit. Wortreich führt er in der Areopagitica aus, welche schädlichen Folgen die Zensur auf das geistige Leben Englands hätte. Er argumentiert gegen sie aus unterschiedlichsten Perspektiven, von der Unpraktikabilität der Implementierungen angefangen über die Notwendigkeit “seinen Feind” kennen zu müßen bis hin zu historischen Präzedenzfällen. Auch patriotisches Gedankengut wird bemüht. Sehr amüsant zu lesen ist seine Empörung über Platons staatsphilosophische Ansichten, die bekanntlich ein Verbot der Literatur beinhalten.

Milton scheint eine sehr interessante Persönlichkeit gewesen zu sein. Eine Biographie ist bereits bestellt.

Sir Walter Scott

Montag, August 2nd, 2010

Der Economist stellt das neue Buch Stuart Kellys vor: Scott-land: The Man who Invented a Nation:

SIR WALTER SCOTT was a phenomenon. A poet whose first long poem, published in 1805, was such a success that he received an unprecedented advance of 1,000 guineas for his second, he was offered the post of poet laureate at the age of 42. At the time, an agricultural labourer would have earned about 40 guineas a year, yet Scott declined the honour, and turned to writing novels. These he produced at speed and in quantity: 27 in 18 years, compared with Charles Dickens’s 16 in 34, or George Eliot’s seven in 17. Many of Scott’s works were hugely popular; the first in the “Waverley” series, published anonymously, sold out in two days. He made a fortune from them, built a fairy-tale castle called Abbotsford in the Scottish Borders and, after his death in 1832, was commemorated in central Edinburgh by a colossal monument that would not have looked out of place on the launching pad of a 19th-century Cape Canaveral. […]

Mr Kelly suggests his real interest is not the author’s life but his afterlife, not the phenomenon itself, as it were, but the epiphenomenon. Yet his book is part biography, part literary criticism, part exploration of Scottish identity. It is also part journey of self-discovery. The bite-sized chapters jump from scholarly discussion of Scott’s works to apparently pointless descriptions of the author’s experiences in queues for cashpoints, references to current television shows, marginal figures like Jeffrey Archer and Alastair Campbell, and chatty stuff about his dad. The confusion of aims raises doubts about the seriousness of the endeavour, reinforced by the absence of footnotes and the inclusion of only a most inadequate index.

Sophia Tolstoy

Sonntag, Juli 18th, 2010

Alexandra Popoff schrieb eine neue Biographie über Sophia Tolstoy, an der die Nachwelt bekanntlich kaum ein gutes Haar gelassen hat. In ihrer Rezension meint die New York Times:

What separates this biography from others is Popoff’s access to a trove of unpublished material, including a memoir and countless letters that have been locked away in a vault in Moscow. The memoir, in particular, adds rich detail to what has long been known about Sophia Tolstoy from her brilliant diaries, which were translated into English in the mid-1980s. We learn, for instance, that because her father had sired several children out of wedlock, Sophia feared she herself might not be legitimate. (To prove otherwise, she forced him to produce her birth certificate.) After learning more about her early years, one suspects that in marrying Tolstoy she was reproducing some unhappy but familiar family dynamics.

Who wrote Shakespeare?

Samstag, Juli 10th, 2010

Wer zum ersten Mal auf das neue Buch des James Shapiro mit dem Titel Contested Will: Who Wrote Shakespeare? stößt, könnte vermuten, es handele sich um einen weiteren Beitrag dieser abstrusen Debatte. Weit gefehlt! Shapiro schrieb ein Buch über die diversen grotesken Theorien um die Autorschaft dieses grandiosen Lebenswerks.

Stanley Wells schrieb für die New York Review of Books eine ausführliche Rezension:

Shapiro’s book is a brilliantly researched, highly readable, thoughtful, and wise contribution to the history of Shakespeare’s reputation. Anyone reading it ought to realize that the story that lies behind the anti-Stratfordian movement is one of irrationality and obsession, of a refusal to consider evidence in favor of conjecture, prejudice, snobbery, and a vain desire to create a stir. I wish I could believe that the arguments rationally and temperately rehearsed in Contested Will would do anything whatever to convert the disbelievers or to discourage potential converts. But I don’t.

Das Buch eben bestellt.

Lessing: Philotas

Sonntag, Juni 27th, 2010

Vestibül des Burgtheaters 26.6.

Regie: Michael Höppner

Philotas: Simon Kirsch
König Aridäus: Markus Hering
Strato: Bernd Birkhahn
Parmenio: Jürgen Maurer

Viele Dramenentwürfe schrieb Lessing. Philotas gehört zu den wenigen kleineren Werken, die er vollendet hat. “Klein” bezieht sich allerdings nur auf die Länge des Stücks. Es ist ein hochgradig ambivalenter Text, der in der Forschung sehr kontrovers diskutiert wurde. Inzwischen gibt es aber einen plausiblen Konsens, dass das Stück eine Kritik der Heldentragödie ist, und Lessing damit intelligent den preußischen Patriotismus auf den Arm nimmt.

Der junge Philotas gerät in seiner ersten Schlacht aus eigener Schuld in Gefangenschaft und macht sich im Eingangsmonolog große Vorwürfe. Als Prinz ist er natürlich eine wertvolle Geisel, und er fürchtet zurecht, dass sein Vater viele Zugeständnisse für seine Auslösung wird machen müssen. Lessing legt seinen Charakter zwischen kindisch-pubertären Idealismus und fanatischem Patriotismus an. Man muss genau zuhören, um die Nuancen der Figur zu verstehen. König Aridäus und Strato wirken als rationale, humane Gegenpole, ganz im Sinne der Aufklärung.
Als Philotas erfährt, dass spiegelbildlich der Sohn des Königs Aridäus Gefangener bei seinem Vater ist, kommt ihm die rettende Idee: Beginge er Selbstmord, hätte sein Vater alle Trümpfe in der Hand. Der Plan gelingt und am Ende liegt ein toter Teenager am Boden als Beleg für die Dummheit von Patriotismus und irrationalem Idealismus. Die klugen Pläne der Konfliktlösung des König Aridäus scheitern an der Sturheit des jungen Mannes. Das als Reflexion über die Grenzen der Aufklärung zu lesen, scheint mir nicht allzuweit hergeholt. Zumal der König am Ende resigniert abdankt als seine Bemühungen scheitern.

So mancher Regisseure hätte dieses Stück als grelle antimilitarische Parodie angelegt. Höppner war klüger und verlässt sich voll und ganz auf Lessings Text. Die kindisch-heroischen Ambivalenzen des Philotas werden ausgespielt. Das Publikum kann sich ein eigenes Bild über den Jungen machen, anstatt eine fixe Lesart vorgesetzt zu bekommen. Ähnlich inszeniert Andrea Breth und für Klassikerinszenierungen gibt es keine klügere Vorgehensweise.

Das Vestibül des Burgtheaters ist der ideale Ort für dieses zwielichtige Kammerspiel. Die wenigen Zuseher sitzen im Kreis um die Bühne herum. Die Schauspieler sind zum Greifen nah. Sicher ein Grund, warum der Abend so packend ist. Der zweite ist das ausgezeichnete Schauspiel des Simon Kirsch. Er gibt einen kongenialen Philotas, was angesichts der “schwierigen”, sich widersprechenden Charakterzüge eine Meisterleistung ist. Die drei anderen Figuren sind mit Markus Hering, Bernd Birkhahn und Jürgen Maurer ebenso exzellent besetzt.

Angemerkt sei noch, dass der Philotas (wie fast alles “Klassische”) ein hochaktuelles Stück ist, in einer Zeit, wo junge Menschen aufgrund durchaus ähnlicher “heroischer” Motive mit Sprengsstoffgürteln aus dem Haus gehen. Lessing analysiert die Psyche dieser Menschen auf 30 Buchseiten präziser als so manche lange Terrorismus-Studie.

Wenn man der Inszenierung denn etwas vorwerfen wollte, könnte das zu große Plaktivität in der Verwendung von Symbolen und bei den musikalischen Einlagen sein. Da das Ergebnis aber ein perfekt funktionierender Theaterabend ist und eines meiner interessantesten Bühnenerlebnisse seit langem, wäre Beckmesserei hier völlig unangebracht.

Euripides: Helena

Samstag, Juni 19th, 2010

Wiener Festwochen / Burgtheater 10.6.

Regie: Luc Bondy
Übersetzung: Peter Handke
Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann

Helena: Birgit Minichmayr

Es ist erfreulich, wenn eine Rarität des Euripides auf die Bühne gebracht wird. Wer um die Bedeutung des trojanischen Krieges als kulturellen Hintergrund für die Athener weiß, versteht sofort die ironische Sprengkraft des Stücks.

Laut Euripides war Helena nämlich nie wirklich in Troja. Der Krieg samt sämtlicher Verwickelungen beruhte auf einem Trugbild. Während Helena in Wirklichkeit nach Ägypten gebeamt wurde, flogen vor den Toren Ilions also wegen eines göttlichen Hologramms die Fetzen. Das ist frühe metafiktionale Spielerei mit der sich Euripides über den kulturellen Horizont seiner Landsleute elegant lustig macht.

In der ersten Hälfte funktioniert Luc Bondys Inszenierung nicht so schlecht, er setzt auf die Schauspieler und man bekommt passables Literaturtheater. Danach läßt er das Stück aber in einen komödiantischen Klamauk umkippen, welcher dem Stück in keiner Weise gerecht wird, und den Zuseher zunehmend ratlos zurück läßt. Daran ändert auch die ansehnliche schauspielerische Leistung des Ensembles nichts.

Erwähnt sei noch, dass der Chor aus einer Gruppe Studentinnen besteht, die sich immer wieder Bücher aus einem großen Turmregal holen. Eine nette Anspielung auf die Metafiktionalität des Stücks. Es bleibt zu hoffen, dass die Zuschauer den faden Theaterabend berechtigterweise Luc Bondy anlasten und nicht dem grandiosen Text des Euripdes.

Apple zensiert James Joyces’ “Ulysses”

Sonntag, Juni 13th, 2010

Es ist seit längerer Zeit kein Geheimnis mehr, dass Apple in seinem App Store mit rigider Hand Zensur ausübt. Betroffen sind davon nicht nur nackte Brüste, die bekanntlich in Amerika im Gegensatz zu Gewalt aller Art als großes moralisches Übel gelten. Auch Religionskritik oder politische Karikatur wurde verboten. Einen Überblick hat die n-tv Onlineredaktion zusammengestellt.

Jetzt ist davon auch die Web-Comic-Adaption eines der besten je geschriebenen Bücher betroffen, was hier nachzulesen ist. Höchste Zeit für alle Leser, sich von den Produkten dieses Konzerns zu verabschieden.

Früher war alles besser?

Sonntag, Juni 13th, 2010

Die Leser alter Bücher wissen, dass seit der Antike die Alten den Jungen ausrichten, früher sei doch alles viel besser gewesen. Eine sehr lesenswerte Reflexion dieses Themas findet sich bereits in Castigliones Book of the Courtier (1528):

I have many times asked myself, not without wonder, the source of a certain error which, since it is committed by all the old without exception, can be believed to be proper and natural to man: namely, that they nearly all praise the past and blame the present, revile our actions and behaviour and everything which they themselves did not do when they were young, and affirm, too, that every good custom and way of life, every virtue and, in short, all things imaginable are always going from bad to worse.
And truly it seams against all reason and a cause for asthonishment that maturity of age, which, with its long experience, in all other respects usually perfects a man’s judgement, in this matter corrupts it so much that he does not realize that, if the world were always growing worse and if the fathers were generally better than their sons, we would long since have become so rotten that no further deterioration would be possible.

[S. 107]

Auf Stifters Spuren: Cesky Krumlow und Böhmerwald

Sonntag, Mai 23rd, 2010

(Ende März)

Lesen wird zwar nicht unberechtigt gerne als “Reisen im Kopf” bezeichnet, trotzdem fahre ich gerne in “literarische” Gegenden, um mir ein eigenes Bild zu machen. So fiel mir bei diversen Zweitlektüren von Stifters Erzählungen auf, dass ich eigentlich noch nie im Böhmerwald war, obwohl keine Weltreise von Wien entfernt.

Ausgangspunkt der Exkursion war Cesky Krumlow (Böhmisch Krumau), eine Kleinstadt mit 14.000 Einwohnern. Mit dem Auto unterwegs fährt man in Tschechien nach der Grenze durch eine Gegend mit dem Charme, wie ihn nur die Überreste des Realsozialismus ausstrahlen können. Von heruntergekommenen Wohnhäusern bis zu idyllisch verrosteten Fabrikhallen. Der Kontrast zum malerisch an einer Moldaubiegung gelegenen Cesky Krumlow könnte nicht größer sein. Die Bausubstanz wurde sorgfältig restauriert, ohne das es aussieht als hätte man es in Las Vegas neu nachgebaut.

Nun bin ich kein Freund von Kleinstädten, weil diese üblicherweise die Nachteile einer Großstadt mit den Nachteilen eines Dorfes kombinieren, ohne einen Mehrwert zu bieten. Desto positiver die Überraschung: Das Städtchen hat einen urbanen Flair, wie ich das in dieser kleinen Größenordnung bisher noch nie gesehen hatte. Es gibt ein reges kulturelles Leben dort. Das beginnt bei kleinen Galerien, die durchaus beachtliche Ausstellungen organisieren (Jan Saudek!), geht über die Dependance einer internationalen Prager Buchhandlung und hört beim Egon Schiele Art Zentrum noch längst nicht auf. Es gibt Bars, die offenbar von Großstädten inspiriert wurden, und auch viel Bobokompatibles wie ein vegetarisches Restaurant.

Auf Stifters Spuren war es noch eisig. Die Gewässer gefroren, die Bäume kahl, der Wind schneidend. Dieses meterologische Umfeld inspirierte offenbar Stifters furiose Schnee- und Eisschilderungen, so dass die eingefangene Erkältung durchaus literarischen Wert hatte. Aus unerfindlichen Gründen öffnen alle Museen und Gedenkstätten dort erst Anfang April, so dass wir Stifters Geburtshaus nur von außen besichtigen könnten. Einem Blick durch die Fenster nach zu schließen, war das aber kein großes Versäumnis.

Mark Twain

Donnerstag, April 22nd, 2010

Der Hanser Verlag setzt seine Reihe mit Klassiker-Übersetzungen fort. Zuletzt ist Tom Sawyer & Huckleberry Finn erschienen. Marius Fränzel hat sich die Qualität der Übersetzung Andreas Pohls näher angesehen und sie für zu leicht befunden.

Vincent van Gogh

Dienstag, April 13th, 2010

Anläßlich der neuen sechsbändigen und illustrierten Ausgabe der Briefe van Goghs, schreibt Richard Dorment in der New York Review of Books ein vorzügliches Portait über den Künstler:

Alienated and depressed, Vincent knew exactly what had gone wrong with his life. “Like everyone else, I have need of relationships of friendship or affection or trusting companionship….” The only person who would ever succeed in fulfilling these needs did so by letter. Theo and Vincent wrote to each other so frequently because the two brothers rarely met, and when they did Vincent’s personality put intolerable strains on their relationship. For all his neediness and affectionate nature, he could also be hectoring and thin-skinned, easily wounded and unable to stand contradiction. Out of necessity, not choice, therefore, this profoundly lonely man lived apart from his family and friends. “If I should have to continue trying to keep further and further out of other people’s way…then I’m overcome by a feeling of sorrow and I must struggle against despair.” By writing letters Vincent was able to converse easily, to marshal his thoughts, to clarify, to revise, and to argue a point without losing his temper—in effect to conduct by post the relationships he couldn’t sustain face to face.

Viel wichtiger ist aber, dass Dorment anhand der Briefe mit den vielen romantischen Mythen aufräumt, die sich um van Gogh ranken. So ist es blanker Unsinn zu behaupten, van Gogh hätte in emotionalem, unreflektierem Schaffensrausch seine Bilder gemacht. In Wahrheit war er ein gebildeter und sehr belesener Künstler, der seine Werke genau plante und darüber reflektierte:

Van Gogh turned his rage upon himself, sliced off his ear with a razor, and handed it to a prostitute. This was the onset of the recurring bipolar illness in which he experienced aural and visual hallucinations, with periods of exaltation alternating with self-harm.
Because of this Vincent is still popularly seen as an inspired madman who wielded his paintbrush instinctively, as though it were a conduit for the feelings roiling through his tormented soul. In this reading of his work, his breakdowns in some way fueled his genius. But the letters show that the exact opposite happened. His mental illness, far from driving his career forward, interrupted it by stopping his ability to paint; and if you didn’t know anything about the artist who painted the pictures during the year he spent in the asylum in Saint-Rémy, I don’t think you would guess that ill health stopped him from working for months at a time. Unlike the schizophrenic Richard Dadd, whose pictures are symptomatic of his madness, it would be hard to detect any trace of Van Gogh’s bouts of insanity in his art.

Die Rezension des Guardian. Interessant darin der Hinweis auf die Webseite Vangoghletters.org, wo man alle Briefe online findet.

Hätte diese Briefausgabe natürlich sehr gerne in meiner Bibliothek, aber 600 Dollar sind doch zu viel des Guten.

Jean Paul

Montag, April 12th, 2010

Jean Pauls Roman Hesperus liegt nun in einer neuen historischen-kritischen Ausgabe vor. Thomas Meissner nahm das zum Anlass, in der FAZ einiges Interessante über das Buch zu schreiben.

Adalbert Stifter

Sonntag, April 4th, 2010

Erzählungen (Aufbau Bibliothek)
Der Kondor, Der Hochwald, Abdias, Brigitta, Der Hagestolz

Stifter hat bei vielen den Ruf ein fader Biedermeier-Schreibling zu sein. Langweilige und langwierige Beschreibungen werden ihm nachgesagt. Ich las schon lange nichts mehr von Stifter, hatte die gelesenen Bücher aber durchweg in sehr guter Erinnerung. Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks.

Inzwischen habe ich fünf Erzählungen und auch Die Mappe des Urgroßvaters (eigene Notiz geplant) noch einmal gelesen. Um es gleich zu sagen: Stifter schreibt erstklassige Literatur, mein Lesegedächtnis bewährte sich in diesem Fall. Er ist aber im Gegensatz zum oben beschriebenen Klischee nicht einfach zu lesen. Das Missverständnis vom Biedermeier-Idylliker kann nur entstehen, wenn man ihn oberflächlich liest. Am Verfänglichsten sind natürlich die Naturbeschreibungen. Stifter zählt hier in der deutschsprachigen Literatur zur Referenz. Es gibt wenige, welche Naturereignisse in allen ihren Schattierungen so genau und stimmungsvoll beschreiben können. Ich selbst bin ja kein großer Naturfreund, weiß diese Literaturkunst aber (deshalb?) sehr zu schätzen. Im Gegensatz zu schlechten Schreiberlingen verklärt Stifter die Natur nur selten und balanciert das Idyllische immer durch das Gegenteil aus. Ja, es gibt die idyllischen Wälder und Bergtäler, aber oft spielen sich dort menschliche Tragödien wie Selbstmorde ab. Ja, es gibt die wunderbaren Frühlingstage samt Frühlingsgefühlen, aber es gibt auch den Winter und Eislandschaften, wo die Welt buchstäblich zufriert.

Man muss Stifter genau lesen, damit einem diese Doppelbödigkeiten auffallen. In gewisser Hinsicht könnte man ihn als subtilen Vorläufer eines Thomas Bernhard verstehen. Sieht man sich bei Zeitgenossen um, wäre er eine subtilere Variante des Wilhelm Raabe. Raabe versteckt seine Abgründe hinter burlesken und komischen Figuren und Geschichten, er hält uns das Biedermeierliche quasi direkt unter die Nase und distanziert sich davon mit starken Mitteln. Stifter dagegen bettet seine menschlichen Dramen in oberflächlich wunderbare Landschaften ein, die oft Kulissen für Katastrophen sind.

Neben den Naturbeschreibungen, deren Treffsicherheit sich übrigens nicht nur auf Böhmen erstreckt, sondern in Abdias auch zu hervorragenden Wüstenschilderungen führt, sind es die Beschreibung menschlicher Schicksale, welche diese Erzählungen interessant machen. Oft leben die Menschen wie im Hagestolz in scheinbar romantischen Umständen, es stellt sich aber schnell heraus, dass sich in der Vergangenheit menschliche Dramen abspielten und man eigentlich das “falsche” Leben lebt. Wie hier der fast noch jugendliche und als Waise aufgewachsene Viktor auf seinen alten, verbitterten und menschlichenfeinden Onkel trifft, ist nicht nur handwerklich großartig gemacht. Der Hagestolz lebt alleine mit zwei Bediensteten auf einer nur per Boot erreichbaren Insel auf einem entlegenen Bergsee und geht dort seinen skurillen Hobbys nach. Das ist ein misanthropischer Geistesmensch und ein so offensichtlicher Vorläufer einer Thomas-Bernhard-Figur, dass alleine diese Erzählung das Geschwätz vom Biedermeier-Idylliker hinreichend widerlegt.

Musil: Klagenfurter Ausgabe

Sonntag, April 4th, 2010

Noch eine Rezension ist zu vermelden. Dieses Mal von Norbert Christian Wolf (Germanist an der Universität Salzburg) in der Presse.

Joseph Roth

Sonntag, März 14th, 2010

Das Spinnennetz. Roman (Insel TB)

Joseph Roth zählt zu meinen Lieblingsautoren und sein Radetzkymarsch zu meinen bevorzugten Romanen. Seltsam also, dass ich einige Romane von ihm noch gar nicht kenne bzw. deren Lektüre schon eine Ewigkeit zurück liegt. Deshalb will ich im Laufe des Jahres alle Romane Roths chronologisch lesen.

Auftakt war “Das Spinnennetz” aus dem Jahr 1923. Leider blieb es Fragment, aber trotzdem ist es ein furioses Stück Literatur. Roth versucht die politischen Umtriebe der Rechten nach dem ersten Weltkrieg zu gestalten. Freikorps, Aufstieg der NSDAP, Verschwörungen und Putschversuche. Er wählt dazu Theodor Lohse, einen ebenso verkorksten wie ehrgeizigen Charakter, der in diesem Umfeld Karriere macht. Parallelen zu Adolf Hitler liegen auf der Hand, der auch einmal namentlich erwähnt wird. Veröffentlicht 1923 wohlgemerkt, was Roth einen bestürzenden Weitblick bescheinigt.

Es wäre aber falsch, das Buch nur wegen der klinisch-psychologischen Analyse eines politischen Phänomens zu preisen. In erster Linie schreibt Roth großartige Literatur. Die Innenwelt des traurigen Lohse spiegelt sich in der Sprache. Dem hektischen Ehrgeiz korrespondieren die kurzatmigen Beschreibungen und Aufzählungen. Roth rückt seinen Protagonisten mit einer personalen Erzählperspektive und erlebter Rede so nah an den Leser heran, dass es fast schon unangenehm wirkt.

Ein ausgesprochen gelungener Auftakt meines Joseph-Roth-Projekts.

Wilhelm Raabe

Sonntag, März 7th, 2010

Pfisters Mühle. Ein Sommerferienheft (Insel TB) [2.]

Dieser scheinbar unscheinbare kleine Roman gehört zu den besten Büchern, welche die deutschsprachige Literatur im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, vereinigt er doch eine Reihe offenkundig disparater Elemente mit atemberaubender literarischer Präzision.

Wie alle Bücher Raabes ist es an der Oberfläche drollig, aber unter dieser hübschen Fassade gibt es in Pfisters Mühle noch mehr Abgründe als sonst in seinen Werken. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Eberhard Pfister verkaufte die alte Mühle seines Vaters und verbringt dort zum letzten Mal vier Wochen im Sommer mit seiner jungen Gattin. In seinem Sommerferienheft schreibt er auf 22 Blättern, die Kapitel des Romans, nicht nur Erinnerungen an seine Kindheit nieder, sondern schildert auch den Untergang der Mühle als Wirtschaftsbetrieb. Die intelligente Art und Weise, wie Raabe hier erzählte Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, ist ein großer Vorzug des Buches. Ein zweiter ist die Spiegelung sozioökonomischer Verhältnisse in einer selten eleganten Form. Die sympathische Skurrilität seiner Figuren hält die zerstörerischen Einflüsse der Außenwelt literarisch ausbalanciert. Auf diese Weise verhindert Raabe, dass der Roman ein literarisches Pamphlet wird, was vom Stoff her durchaus angelegt gewesen wäre. Geschichtliche Ereignisse so in Individuen zu spiegeln, dass beide Seiten ausgewogen und authentisch zu Ihrem Recht kommen, gehört ja zum besten, was gute Literatur zu leisten vermag.

Die Außenwelt bricht in die Idylle von Pfisters Mühle in Form der Zuckerfabrik Krickerode herein, welche den kleinen Fluß, an dem die Mühle steht, in eine stinkende Kloake verwandelt. Dem ehemals beliebten Ausflugslokal bleiben die Gäste aus. Vater Pfister strengt einen Prozess an, den er dann aber zu spät gewinnt.

Raabe gehört damit zu den ersten, der die negativen Auswirkungen des Industrialisierungsprozesses auf die Umwelt und auf alte Gewerbe beschreibt. Er enthält sich dabei aber jeder Larmoyanz und jeder Fortschrittsfeindlichkeit. Dieses unaufhaltsame Fortschreiten der Geschichte auf Kosten einzelner Individuen gibt dem Roman eine untergründige tragische Note. Das Buch liest sich exzellent und bereichert die deutsche Literatur nicht nur um die großartige Figur des A.A. Asche, Studiosus der Philosophie und erster Lehrer des Eberhard Pfister zu Beginn, Gründer einer chemischen Reinigungsfabrik am Ende. Auch das zeigt, dass Raabes Geschöpfe die Zeichen der Zeit erkennen.

Der Westermann Verlag wollte dieses kleine Meisterwerk übrigens nicht mehr drucken, da Raabes “Bücher einander doch zu sehr gleichen.” Auch damals saßen schon Literaturbanausen in den Literaturverlagen.

Musil: Klagenfurter Ausgabe

Sonntag, Februar 28th, 2010

Die NZZ hat dieser neuen Edition eine schöne Rezension gewidmet. Ich werde sie auch ausführlich besprechen.

Wielands Werke werden verscherbelt

Mittwoch, Februar 24th, 2010

Wem Wielands Werke noch in der Bibliothek fehlt, der kann jetzt bei 2001 den jüngsten Reprint in 15 Bänden für bescheidene 50 Euro erwerben. Ich habe vor Jahren nach langer antiquarischer Suche 120 Euro dafür bezahlt.

Ausführlicher dazu Giesbert Damaschke.