Archive for the ‘Kunst’ Category

Neulich im MUMOK

Montag, August 2nd, 2010

The Moderns: Revolutions in Art and Science 1890-1935 (bis 23.1.)
Brigitte Kowanz: Now I see (bis 3.10.)

Man sollte meinen, in einer Kulturstadt wie Wien wäre hinlänglich Kompetenz vorhanden, um den Bezügen zwischen Naturwissenschaften und der modernen Kunst nachzugehen. Weit gefehlt! Die Ausstellung The Moderns strotzt vor Oberflächlichkeiten und Halbwahrheiten. Selbst Falschheiten findet man, etwa wenn auf einer Texttafel zu Einsteins spezieller Relativitätstheorie schnurstracks zu seiner berühmten Formel übergegangen wird. Die paar Zeilen zu Nietzsche sind zur Hälfte mit Biographischem gefüllt, als ob inzwischen nicht das letzte Schulkind wüßte, dass der Arme am Ende dem Wahnsinn verfallen ist. Man hätte die wenigen Zeilen vielleicht besser mit geistesgeschichtlicher Substanz angereichert, die über einige Schlagwörter hinausgehen.

Man könnte nun einwenden, ein so ambitioniertes Projekt könne ja nur an der Oberfläche kratzen. Man hätte aber zumindest an einigen Stellen exemplarisch in die Tiefe gehen können. Was man wissenschaftsgeschichtlich über die moderne Physik kolportiert, wird wissenschaftstheoretisch nicht reflektiert. Es wird jeweils die banalste Interpretationsmöglichkeit verwendet, also gedankliche Kurzschlüsse wie: Quantenphysik - Unschärfe - Beobachter - Abschied von der wissenschaftlichen Objektivität. Als ob es den handelnden Personen nicht um eine Beschreibung der Wirklichkeit gegangen wäre und als ob man Naturwissenschaften betreiben könnte, ohne das Ideal der Wahrheit im Hinterkopf zu behalten. Bücherregale zu diesem Thema wurden vollgeschrieben, aber offenbar von den Kuratoren nicht einmal angelesen.

Die den diversen wissenschaftlichen Themen wie “Energie” zugeordneten und ausgestellten Kunstwerke sind entweder mehr oder weniger willkürlich verteilt oder auch fragwürdig zugeordnet, etwa wenn man neue Raumkonzepte mit kubistischen Gemälden illustriert. Deren Formen ja meist mit euklidischer Geometrie gut beschreibbar wären und deren Zweidimensionalität in diesem Zusammenhang auch deplatziert ist.

Übrig bleiben die sehenswerten ausgestellten alten wissenschaftlichen Gerätschaften und die Kunstwerke, die auch ohne dem konzeptuellen Rahmen einen Besuch lohnen. Bedauerlich, dass eines der bekannteren Wiener Museen hier nicht zu mehr intellektuellem Niveau in der Lage war.

Die Lichtinstallationen der Brigitte Kowanz auf der anderen Seite sind sehr sehenswert. Ihr Ansatz ist originell, mit den Mitteln des Lichts auch semantische Fragestellungen zu reflektieren und Bezüge zur konkreten Poesie herzustellen. Gleichzeitig setzt sie ihr Konzept sehr ansprechend um, da die meisten ihrer Arbeiten das Prädikat “schön” im wörtlichen Sinn verdienen. Eine intelligente Augenweide.

Nordkorea in Wien - ein Augenzeugenbericht

Samstag, Mai 29th, 2010

Museum für angewandte Kunst 25.5.

Blumen für Kim Il Sung heißt die seltsame Ausstellung, die Peter Noever nach Wien in sein Museum holte. Der göttliche Kim Il Sung spielt die Hauptrolle, weshalb man natürlich am Eingang einen Metalldetektor passieren muss. Im ersten Stock sitzen zwei fröhlich wirkende Asiaten (gute Tarnung?), und der Gedanke liegt nahe, dass der nordkoreanische Geheimdienst seinen großen Führer (gut, dessen Abbilder) natürlich nicht ohne Begleitschutz ins feindliche Ausland schickt. In der Ausstellung steht sich das Sicherheitspersonal selbst im Weg und man sähe gerne das Vertragswerk, das die Ausstellungsmodalitäten regelt.

Höhepunkt des Wahnsinns sind die Schnüre, welche die Portraits Kim Il Sungs weiträumig absperren: Niemand soll der selbsternannten Erlaucht zu nahe treten. Zu sehen ist er in allen Situationen des besorgten Landesvaters: Mit Arbeitern, Bauern, Kindern etc., von denen jeweils wohlgenährte Exemplare abgebildet sind, welche die Künstler offenbar trotz der Hungersnöte im Land als Modell auftreiben konnten.

Die Bilder selbst sind so weit vom westlichen Kunstverständnis entfernt, dass man sie zum Anlass für ein längeres kunstphilosophisches Traktat nehmen könnte, mit Schwerpunkt auf dam Verhältnis zwischen Kunst und Macht. Der Sachverhalt ist weniger eindeutig als man denkt. Die Beschäftigung mit der Kunst der Renaissance vor und während der Toskanareise führte deutlich vor Augen, dass viele der größten Maler auch brav ihren Auftraggeber gehorchen mußten. Man hielt sich an den Renaissancehöfen auch gerne gut bezahlte Hofhumanisten.

Diese Art der totalitären Ästhetik erinnerte mich jedenfalls sehr an meine Reise durch Turkmenistan.

Das MAK erlaubt seinen Besuchern also eine Erfahrung zu machen, die man sonst nur auf entlegeneren Reiserouten geboten bekommt. Fakt ist aber auch, dass man mit dieser Kooperation eines der übelsten Regime international aufwertet.

[30.4.]: Der Economist berichtet ausführlich über die aktuelle Situation in Nordkorea.

Vincent van Gogh

Dienstag, April 13th, 2010

Anläßlich der neuen sechsbändigen und illustrierten Ausgabe der Briefe van Goghs, schreibt Richard Dorment in der New York Review of Books ein vorzügliches Portait über den Künstler:

Alienated and depressed, Vincent knew exactly what had gone wrong with his life. “Like everyone else, I have need of relationships of friendship or affection or trusting companionship….” The only person who would ever succeed in fulfilling these needs did so by letter. Theo and Vincent wrote to each other so frequently because the two brothers rarely met, and when they did Vincent’s personality put intolerable strains on their relationship. For all his neediness and affectionate nature, he could also be hectoring and thin-skinned, easily wounded and unable to stand contradiction. Out of necessity, not choice, therefore, this profoundly lonely man lived apart from his family and friends. “If I should have to continue trying to keep further and further out of other people’s way…then I’m overcome by a feeling of sorrow and I must struggle against despair.” By writing letters Vincent was able to converse easily, to marshal his thoughts, to clarify, to revise, and to argue a point without losing his temper—in effect to conduct by post the relationships he couldn’t sustain face to face.

Viel wichtiger ist aber, dass Dorment anhand der Briefe mit den vielen romantischen Mythen aufräumt, die sich um van Gogh ranken. So ist es blanker Unsinn zu behaupten, van Gogh hätte in emotionalem, unreflektierem Schaffensrausch seine Bilder gemacht. In Wahrheit war er ein gebildeter und sehr belesener Künstler, der seine Werke genau plante und darüber reflektierte:

Van Gogh turned his rage upon himself, sliced off his ear with a razor, and handed it to a prostitute. This was the onset of the recurring bipolar illness in which he experienced aural and visual hallucinations, with periods of exaltation alternating with self-harm.
Because of this Vincent is still popularly seen as an inspired madman who wielded his paintbrush instinctively, as though it were a conduit for the feelings roiling through his tormented soul. In this reading of his work, his breakdowns in some way fueled his genius. But the letters show that the exact opposite happened. His mental illness, far from driving his career forward, interrupted it by stopping his ability to paint; and if you didn’t know anything about the artist who painted the pictures during the year he spent in the asylum in Saint-Rémy, I don’t think you would guess that ill health stopped him from working for months at a time. Unlike the schizophrenic Richard Dadd, whose pictures are symptomatic of his madness, it would be hard to detect any trace of Van Gogh’s bouts of insanity in his art.

Die Rezension des Guardian. Interessant darin der Hinweis auf die Webseite Vangoghletters.org, wo man alle Briefe online findet.

Hätte diese Briefausgabe natürlich sehr gerne in meiner Bibliothek, aber 600 Dollar sind doch zu viel des Guten.

Otto Neurath - Gypsie Urbanism

Sonntag, April 11th, 2010

Museum für angewandte Kunst 10.4.

Dem Philosophen Otto Neurath eine Ausstellung zu widmen, ist eine glänzende Idee. Er war Mitbegründer des Wiener Kreises und damit eine wichtige Figur für die analytische Philosophie. Die Stadt Wien würdigt ihn übrigens mit einer scheußlichen Straße in einem noch scheußlicheren Industriegebiet weit weg vom Zentrum der Stadt.

Mein Enthusiasmus für das Projekt ließ etwas nach als ich erkannte, dass sich die Ausstellung nur einem Thema widmet: Seiner “Erfindung” der Isotype, einer normierten Bildsprache nicht nur für Statistiken. Es sind viele Beispiele und Berichte darüber im MAK zu sehen. Nun passt das natürlich im weitesten Sinn in Neuraths philosophisches Konzept, in der klare und eindeutige Kommunikation einen wichtigen epistemologischen Stellenwert einnimmt. Außerdem war deren Wirkung enorm. Man kann sich heute Medien ohne diese stilisierten Symbole gar nicht mehr vorstellen. Man hätte aber die Gelegenheit nutzen können, Neurath über dieses Thema hinaus zu präsentieren.

Man freut sich also, dass endlich etwas für Otto Neurath unternommen wird, und ärgert sich ein wenig darüber, dass man nicht den Mut zu einem größeren Wurf gefunden hat. (Bis 5.9.)

Prinz Eugen - Feldherr, Philosoph und Kunstfreund

Sonntag, März 21st, 2010

Belvedere 14.3.

Philosoph? So mag sich mancher angesichts des Untertitels der Ausstellung im Unteren Belvedere fragen, die dem Bauherrn dieses schönen architektonischen Ensembles gewidmet ist. In den einschlägigen Philosophiegeschichten jedenfalls ist Prinz Eugen zurecht nicht vertreten, was die Kuratoren der Schau aber offenbar nicht stört.

Wobei wir gleich beim Schwachpunkt des Projekts angekommen wären: Es handelt sich um eine Huldigung. Kritische Aspekte der Biographie wie etwa Prinz Eugens Umgang mit Aufständischen werden höchstens am Rande gestreift. Die Räume sind überwiegend chronologisch angeordnet. Dort finden sich Gemälde, die dem familiären und historischen Umkreis zeigen, sowie viele Devotionalien, die mit dem Prinzen in Verbindung zu bringen sind. Das ist alles “state of art”, birgt aber keinerlei Überraschung.

Das ändert sich, wenn man die Orangerie betritt, welche zwei Schwerpunkte hat: Prinz Eugens Gemäldegalerie und dessen Bibliothek. Die ursprüngliche Hängung der Gemälde wurde an die Wand gemalt und die noch vorhandenen Bilder aus der Sammlung an den korrekten Stellen angebracht, während die fehlenden von Zeichnungen repräsentiert werden. Das gibt einen schönen Eindruck über die damalige Anordung der Bilder.

Prinz Eugens Büchersammlung war einer der Grundstöcke der Österreichischen Nationalbibliothek. Leihgaben zeigen eine repräsentative Auswahl. Es sind eine Menge schöner und schön illustrierter Bücher dabei, was alleine den Ausstellungsbesuch rechtfertigt. Erwähnt sei, dass Prinz Eugen den Schwerpunkt auf naturwissenschaftliche Schriften legte. Das zeigt wie vielseitig interessiert er war. So meinte er hübsch auf die Zeit seiner Pensionierung angesprochen: “(…) und ich besitze einen hinreichenden Vorrath guter Bücher, um mich nicht zu langweilen.”

Sandro Botticelli

Sonntag, Februar 14th, 2010

Städel Museum Frankfurt 13.2.

Beim Durchblättern diverser Kunstbände zur Renaissance-Malerei fand ich Botticellis Bilder lange nicht übermäßig ansprechend. Die Farben wirkten blass im Vergleich zu Kollegen. Dann sah ich in der National Gallery in London zum ersten Mal Botticelli im Original, fand das hinreißend und stellte fest, dass sich seine subtile Malkunst einfach schlecht für Reproduktionen eignet.

Als ich im Herbst von der Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel las, war der Entschluss für eine Frankfurt-Reise schnell gefasst. Gestern war es schließlich so weit. Ein Notizen-Leser war so freundlich und organisierte mir vorher Eintrittskarten, so dass wir die beeindruckend lange Schlange (270.000 Besucher bisher) umgehen und direkt in die Ausstellung gelangen konnten.

Erwartungsgemäß war sie sehr überlaufen.  Es ergab sich aber trotzdem die Möglichkeit, auf die meisten Bilder einen ruhigen Blick zu werfen. Das Städel hat eine überraschend große Menge an Gemälden zusammengetragen. Viele allerdings aus entlegenen Quellen (Privatbesitz; Provinzmuseen aus den USA…). So sieht man viele seiner Werke, die einem auf absehbare Zeit sicher nicht mehr begegnen werden. Die berühmten Ikonen Botticellis waren vom Städel natürrlich nicht zu bekommen.

Um die Ausstellungsräume zu füllen, waren auch viele Produktionen aus seinem Umfeld bzw. seiner Werkstatt ausgestellt. Trotzdem gibt die in thematisch Räume strukturierte Ausstellung einen guten Überblick über Botticellis Ästhetik und seine stilistische Entwicklung. Ich werde im Mai die Uffizien besuchen und damit die in Frankfurt fehlenden Hauptwerke nachholen können.

Vermeer. Die Malkunst

Dienstag, Februar 9th, 2010

Kunsthistorisches Museum 7.2.

Es handelt sich um eine sehr kleine Ausstellung, die dem wohl berühmtesten Bild der Sammlung gewidmet ist. Während man sonst Vermeers Meisterwerk fast alleine und in Ruhe bewundern kann, drängen sich jetzt plötzlich Trauben von Menschen davor. Schautafeln erläutern diverse Aspekte des Gemäldes, das in den letzten Jahren diverse naturwissenschaftliche Untersuchungen über sich mußte ergehen lassen. Auch auf die Provenienz- und Restaurationsgeschichte wird Augenmerk gelegt.

Es ist erfreulich, dass es Kontextinformationen zu einem so wichtigen Bild gibt. In Summe ist das Gebotene aber doch zu dürftig. Offenbar wollte man in keine passenden Leihgaben investieren.

Michelangelo

Mittwoch, Januar 27th, 2010

Lebensberichte, Briefe, Gespräche, Gedichte (Manesse)

Für eine wirklich intensive Beschäftigung mit der Kunstgeschichte fehlt mir leider die Zeit. Zwar besuchte ich inzwischen die wichtigsten Museen der Welt, aber man bräuchte für dieses weite Feld ähnlich viel Muße wie für die Beschäftigung mit der Weltliteratur.

So greife ich mir als Notbehelf gerne zentrale Figuren der Kunstgeschichte heraus, um mich mit ihnen etwas ausführlicher zu beschäftigten. Pars-pro-toto-Ansatz als Notwehr gewissermaßen. Neben Rembrandt ist Michelangelo einer der Auserwählten.

Dieser bei Manesse erschienene Band eignet sich ausgezeichnet dazu, sich einen Eindruck von der Persönlichkeit Michelangelos zu machen. Neben Auszügen aus den beiden wichtigsten zeitgenössischen Quellen (Condivi und Vasari) enthält er eine umfangreiche Briefauswahl. Sie zeigen Michelangelo von verschiedenen Seiten. Im Umgang mit seiner Familie, in Verhandlungen mit seinen Auftraggebern etc. Die Spannbreite seiner Verhaltensweisen ist enorm. Er kann hart und zornig werden, wenn es um seine Kunst geht. Er kann aber auch so überraschend bescheiden sein, dass es aus heutiger Sicht wie bestürzende Selbstunterschätzung wirkt.

Es sind auch Auszüge aus Francisco de Hollandas Gesprächen über die Malerei abgedruckt. In ihnen äußert sich Michelangelo auch zu ästhetischen Fragen, etwa über die niederländische Malerei:

Die Niederländer malen recht eigentlich, um das äußere Auge zu bestechen, entweder durch Dinge, die gefallen, oder durch solche, von denen man nichts Schlechtes sagen kann, wie Heilige oder Propheten. Oder sie malen Gewänder, Maßwerk, grüne Felder, schattige Bäume, Flüsse und Brücken und was sie ‘Landschaften’ nennen, und viele Figuren da und dort, und wiewohl dies alles gewissen Augen wohlgefällt, so fehlt darin in Wahrheit doch die echte Kunst, das rechte Maß und das rechte Verhältnis, die Auswahl und die klare Verteilung im Raum, und schließlich sogar Inhalt und Kraft. Doch malt man in anderen Gegenden vielleicht schlechter als in den Niederlanden. [S. 306f.]

Balkanology

Sonntag, Januar 10th, 2010

Architekturzentrum 5.1.

Wie sehr sich Österreich in Südosteuropa wirtschaftlich engagiert ist bekannt. Es ist sehr begrüßenswert, dass diese ökonomische Expansion auch durch intellektuelle Neugier begleitet wird. Ein Beispiel dafür ist die Ausstellung Balkanology im Wiener Architekturzentrum. Sie setzt sich mit den urbanen Prozessen auf dem Balkan der jüngsten Vergangenheit auseinander. Dokumentiert durch Fachleute vor Ort werden diverse Thesen über die Stadtentwicklung in einer Krisenregion durchgespielt.

Die Schau ist eine sehr akademische Angelegenheit. Auf Schautafeln, Monitoren und in Filmen wird anhand ausgewählter Städte gezeigt, wie sich einzelne Viertel entwickelten. Begleitet ist das von theoretischen Modellen. Wer Architekturfotografie erwartet, wäre fehl am Platz. Ich fand vor allem spannend, dass es angesichts der vielen Alltagsprobleme nach dem Krieg überhaupt Architekturinitiativen gab (gibt), die diese Prozesse so detailliert beobachteten und analysierten. (Bis 18.1.)

Leon Battista Alberti

Mittwoch, Januar 6th, 2010

Die sehr lesenswerte Biographie über den Renaissance-Architekten, geschrieben von Anthony Grafton, gibt es bei Amazon gebunden jetzt für nur 11 Euro. Ich las das Buch 2002.

Edvard Munch und das Unheimliche

Montag, Januar 4th, 2010

Leopold Museum 3.1.

Munch schrieb vor allem aus zwei Gründen Kunstgeschichte: Zum einen war er ein prägender Einfluss auf den deutschen Expressionismus. Seine Ausstellung 1892 im Verein Berliner Künstler löste einen großen Skandal aus und seitdem blieb er im Bewusstsein der deutschen Kunstszene präsent. Zum anderen schuf er ästhethische Maßstäbe setzende Ikonen des modernen Bewusstseins von denen Der Schrei das berühmteste ist - im Leopold Museum mit einem Druck vertreten. Munchs Besessenheit mit Krankheit und Tod dürfte mit seiner Kindheit zusammenhängen, die voller tragischer Ereignisse war.

Die Ausstellung konzentriert sich auf das “unheimliche” Frühwerk und zeigt eine Auswahl davon in zwei Räumen. Darunter sein Portrait August Strindbergs und sein berühmtes Selbstbildnis in der Hölle. Den weitaus größten Teil der Schau macht allerdings die Erkundung des Unheimlichen bei zeitgenössischen Malern aus, deren Werke man in Themenräumen präsentiert. Bei nicht wenigen Bildern scheint aber das Thema (etwa Spiritismus) wichtiger gewesen zu sein als die ästhetische Qualität. Überhaupt wäre bei dieser Exploration des Aberglaubens in der Kunst eine kritischere kuratorische Begleitung angebracht gewesen. (Bis 18.1.)

Karl der Kühne

Freitag, Dezember 4th, 2009

Kunsthistorisches Museum 29.11.

Dem ambitionierten Herzog von Burgund ist diese gelungene Ausstellung gewidmet. Durch die enge Verbindung mit den Habsburgern waren eine Reihe von passenden Kunstwerken bereits in Wien vorhanden. Ergänzt werden sie durch die “Burgunderbeute”, die quasi erstmals ausserhalb der Schweiz zu sehen ist.

Karl der Kühne ist nicht nur durch seine Rolle beim Aufstieg der Habsburger interessant. Er gründete z.B. seine Herrschaftsmythologie ungewöhnlicherweise auf antike Stoffe. Die Ausstellung ist abwechslungsreich gestaltet und setzt multimediale Inhalte zur Erläuterung nicht nur der komplexen dynastischen Zusammenhänge ein. Die Exponate sind plausibel ausgewählt und an dieser Stelle seien besonders die vielen alten Bücher erwähnt. Die Buchmalerei alleine lohnte den Besuch. (Bis 10.1.)

Karl der Kühne im Kunsthistorischen Museum

Freitag, November 27th, 2009

Die NZZ hat einen sehr informativen Artikel über die aktuelle Ausstellung im KHM veröffentlicht.

Italiens Kulturerbe verfällt

Sonntag, August 23rd, 2009

Die italienische Kulturverwaltung hat viel zu wenig Budget, um die vielen Kunstdenkmäler des Landes fachgerecht zu erhalten. Die Regierung Berlusconi hat natürlich nichts Besseres zu tun, als diese lächerlichen Budgets noch einmal zusammenzukürzen. Das gesparte Geld steckt der Ministerpräsident dann vermutlich in die Dienstleistungen weiterer Prostituierter in seiner Villa …

Die NZZ fasst die desaströse Lage in dem Artikel Pompeji geht zum zweiten Mal unter zusammen. Auszüge:

Gemäss italienischen Zeitungsberichten konnten Professoren in diesem Frühjahr einen Hausmeister stoppen, der dabei war, ein Kunstwerk in Einzelteile zu zersägen. Mit dem Verkauf von einem neoklassizistischen Kopf, Händen und Füssen aus Gips wollte er sein mageres Salär aufbessern. Dabei handelt es sich um keinen Einzelfall. Im ganzen Land verwahrlosen einzigartige Schätze, und täglich wird Kunst geraubt, weil kein Geld für geschultes Wachpersonal vorhanden ist.

[…]

Mit 1,5 Milliarden Euro gibt sie in diesem Jahr nur 0,22 Prozent des Gesamthaushalts für den Kulturbetrieb des Landes aus. Frankreich investiert für weit weniger Kulturschätze doppelt so viel Geld. Nun will Berlusconi bei den Kulturausgaben noch mehr knausern als bisher. 1 Milliarde Euro muss Kulturminister Sandro Bondi bis 2011 einsparen.

[…]

Die antike Stadt am Fuss des Vesuvs, die im Jahr 79 bei einem Vulkanausbruch verschüttet wurde, droht nämlich ein zweites Mal unterzugehen: Touristenansturm, Umweltverschmutzung, mangelnde Aufsicht und Schlamperei setzen dem Weltkulturerbe schwer zu. Die Kanalisation funktioniert nicht, daher stehen bei Regen Villen und Gassen in Pompeji unter Wasser. Auch Besucher sind nicht immer achtsam. Viele können es einfach nicht lassen, Mosaiksteinchen zu stibitzen oder an verblassten Wandmalereien zu kratzen. Bei einem Spaziergang über das 44 Hektaren grosse Gelände kann einem die Lust auf Antike allerdings auch gründlich vergehen. Aufsichtspersonal grunzt unfreundlich im neapolitanischen Dialekt. Nur ab und an sind Informationschilder mehrsprachig verfasst. «Vietato!», Eintritt verboten, steht an vielen sehenswerten Bauten. Geschlossen sind sie wegen Einsturzgefahr.

Das Porträt. Fotografie als Bühne

Samstag, Juli 25th, 2009

Kunsthalle Wien 19.7.

Fotografie-Ausstellungen sind scheinbar leicht konsumierbar, ist man doch ständig von Fotos aller Art umgeben und wird spätestens seit dem Massenphänomen der Digitalfotografie von allen Seiten damit traktiert. Da fällt es nicht leicht, in einer Ausstellung auf den “ästhetischen Modus” umzuschalten, und sich auf die künstlerische Seite der Gattung zu konzentrieren.

Die Austellung Das Porträt hilft einem durch Zweierlei bei der Umstellung der Rezeptionsgewohnheiten. Erstens ist die Schau überschaubar, pro Künstler sind immer nur eine gute Handvoll an Abzügen zu sehen. Die Auswahl der Fotografen ist zweitens derart, dass unterschiedliche Ästhetiken sehr deutlich zu Tage treten. Von der naturalistischen Sozialfotografie bis hin zu surreal anmutenden Fotocollagen ist ein weites Spektrum vertreten. Bis 18.10.

Museen

Dienstag, Juli 21st, 2009

Der Economist startet eine Sommer-Serie über weniger bekannte Museen.

Das Zeitalter Rembrandts

Samstag, Juni 6th, 2009

Albertina 1.6.

Der Titel der Ausstellung ist sprechend: Die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt. Der Betrachter schlendert im Untergeschoss der Albertina durch thematisch zusammengestellte Gemälde, Grafiken und Zeichnungen: Nachtgemälde, Marinemalerei, Stilleben …
Zusätzlich versuchen die Kuratoren, die Veränderung des Realismusbegriffs in dieser Zeit zu veranschaulichen. So die Weiterentwicklung von Fantasielandschaften hin zu genauen topographischen Studien. Formal ging damit das Verlassen der “Vogelperspektive” einher, man legte erstmals die Horizontlinie so tief an, dass man direkt ins Bild hineinblickt, was Unmittelbarkeit suggeriert. Wer die Ausstellung noch ansehen will, möge das bald tun. Sie läuft nur noch bis 21. Juni.

Raum im Bild - Interieurmalerei 1500 bis 1900

Sonntag, Mai 31st, 2009

Kunsthistorisches Museum 30.5.

Sabine Haag, die neue Direktorin des KHM, kündigte bei Amtsantritt an, dass sie mit den eigenen Beständen verstärkt arbeiten wolle. Diese kleine Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür. Sie umfasst nur einen großen Saal und greift bis auf wenige Ausnahmen auf die eigene Sammlung zurück, ermöglicht aber einen interessanten Einblick in die Interieurmalerei. Höhepunkt ist natürlich Vermeers Die Malkunst.

Man findet Bilder mit kirchlichen Innenräumen, Einblicke ins Privat- und Geschäftsleben, und Atelierbilder. Einige Gemälde sind mit protestantischer Moral unterfüttert, was der Kunst damals wie heute mehr schadet als nützt. Bis 12. Juli 2009.

Empfehlungen (10): Teaching Company - die besten Kurse

Freitag, Mai 1st, 2009

Die Teaching Company habe ich hier schon einmal im Allgemeinen empfohlen. An dieser Stelle will ich nun konkreter werden und einige der Kurse auflisten, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Ich habe die meisten als Audioversionen gehört, mit Ausnahmen wie Kunstgeschichte und ein paar anderen.

Vorab noch der Hinweis: Die Listenpreise erscheinen relativ hoch. Es geht aber jeder Kurs regelmäßig “On Sale” und wird dann für einen Bruchteil des Listenpreises angeboten.

Antike:

History of Ancient Egypt
Ancient Greek Civilization
Peloponnesian War
History of Ancient Rome
Emperors of Rome
Rome and the Barbarians

Geschichte:

Big History. The Big Bang, Life on Earth, and the Rise of Humanity
Foundations of Western Civilization I & II
Italian Renaissance
War, Peace, and Power: Diplomatic History of Europe, 1500–2000
History of the United States, 2nd Edition

Kunst:

A History of European Art
Great Artists of the Italian Renaissance

Literatur:

Masterpieces of Ancient Greek Literature
Dante’s Divine Comedy

Musik:

Bach and the High Baroque
Great Masters: All 10 Great Masters (Set)
How to Listen to and Understand Great Music
How to Listen to and Understand Opera
Operas of Mozart

Naturwissenschaften:

Einstein’s Relativity and the Quantum Revolution: Modern Physics for Non-Scientists, 2nd Edition
Nature of Earth: An Introduction to Geology
Origins of Life
Understanding the Human Body: An Introduction to Anatomy and Physiology

Philosophie:

Great Minds of the Western Intellectual Tradition, 3rd Edition
Plato, Socrates, and the Dialogues
Plato’s Republic
Machiavelli in Context

Religionswissenschaft:

Old Testament
Historical Jesus
The New Testament
Lost Christianities: Christian Scriptures and the Battles over Authentication

Museum der Stadt Bad Ischl oder über das Kulturverständnis der Provinz

Sonntag, März 29th, 2009

22.2.

Vor gut einem Monat hatte ich das Vergnügen, das “Museum der Stadt Bad Ischl” zu besuchen. Wer in Ischl unterwegs ist, dem fällt schnell auf, dass an allen Ecken und Enden auf das Stadt-Sein hingewiesen wird, ganz so, als sei man sich dessen doch nicht ganz sicher und müsste sich die Verortung auf der Urbanitätsskala, wenn auch ganz unten, ständig selbst bestätigen.

Nun könnte man einwenden: Was in aller Welt hat in einem Hochkultur-Blog ein Bericht über diese provinzielle Entität zu  suchen? Der Grund heißt Heinz Knapp, ein “Künstler”, der hier eigentlich auch nicht erwähnt werden dürfte, stünde er nicht symptomatisch für die kulturelle und ästhetische Rückständigkeit der Provinz. Ihm ist im “Museum der Stadt Bad Ischl” eine Sonderausstellung gewidmet, was mehr über das Kunstverständnis der Verantwortlichen aussagt als man eigentlich wissen will.

Das Museum selbst führt anhand “klassischer” Exponante durch die Stadtgeschichte. Die Räume sind durchaus sorgfältig kuratiert und vermitteln interessante historische Einblicke. Erwartungsgemäß fehlt aber jedes kritische Bewusstsein. Der Franz-Josefs- und Sissi-Kult feiert fröhliche Urständ - an der Museumskasse gibt es sogar Sissi-Handschmuck käuflich zu erwerben - und man ist bereits positiv darüber überrascht, dass die Unterzeichnung der Kriegserklärung in Ischl erwähnt wird.

Der Unterhaltungstonsetzer Franz Lehár wird ständig servil als “Meister Lehár” tituliert, woran Freunde der gepflegten Schnulze sicher ihre Freude haben.

Höhepunkt des Hauses die Sarsteinersammlung. Hans Sarsteiner (1839-1918) tat das Naheliegende: Er flüchtete regelmäßig aus Bad Ischl und unternahm eine Reihe von Weltreisen. Er brachte viele Exponate zurück nach Österreich, die jetzt im Museum zu sehen sind. Das bringt einen tröstlichen Hauch von weiter Welt in diese Räume, denn man erwartet keinen Samurai-Harnisch in einem oberösterreichischen Museum.

Man könnte die Form der Sonderausstellung nutzen, um kritisch einige Mythen der Stadt zu hinterfragen. Man könnte jungen Gegenwartskünstlern ein Forum bieten. Man könnte ein intellektuelles Kontrastprogramm anbieten als Gegenpol für die kulturelle Ödnis der Stadt. Stattdessen lädt man Heinz Knapp ein, seinen “Passionszyklus” auszustellen. Warum ein Mensch mit Verstand im 21. Jahrhundert religiöse Splatterthemen als Sujet wählt, soll hier gar nicht hinterfragt werden. Dass dies aber in einer künstlerisch derartig peinlichen Form geschieht, ist eine Provinzposse ersten Ranges. Die “besten” Bilder zeugen von dreister Klee-Epigonalität und die Skulptur im Raum (Goliath, wenn ich mich recht erinnere) erinnert ironiefrei an die Blechkulissen von Science Fiction Serien aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.