Archive for the ‘Literaturwissenschaft’ Category

André Thiele

Samstag, März 13th, 2010

Eine Welt in Scherben. Essays & Historien (VAT)

Dieser kleine Band aus einem kleinen Verlag ist ein Geheimtipp für alle Freunde des 18. Jahrhunderts. Die Essays behandeln überwiegend, wie man nach der Lektüre eigentlich sagen muß, zu Unrecht wenig bekannte Gestalten aus dieser Zeit.
Den Auftakt macht ein Portrait des Bauerndichters Hinrich Janssens, das eine Reihe von bemerkenswerten sozialgeschichtlichen Schlaglichtern auf die erste Hälfte seines Jahrhunderts wirft. Thieles Aufsätze sind exzellent recherchiert, stilistisch erfrischend geschrieben und an einigen Stellen mit treffenden Seitenhieben gegen die Schulgermanistik versehen.
Ebenso amüsant wie plausibel ist auch sein Eintreten für den gerne als Schulmeister verpönten Johann Christoph Gottsched. Wer sich für derlei Dinge interessiert, wird an dem Büchlein seine helle Freude haben.

Musil: Klagenfurter Ausgabe

Sonntag, Februar 28th, 2010

Die NZZ hat dieser neuen Edition eine schöne Rezension gewidmet. Ich werde sie auch ausführlich besprechen.

Der neue Kindler

Samstag, Januar 30th, 2010

Roman Bucheli hat sich für die NZZ die Neuauflage von Kindlers Literaturlexikon angesehen. Er bewertet das Großprojekt in seiner Rezension als eine “verlegerische, editorische und wissenschaftliche Grosstat”.

Literatur der Frühen Neuzeit

Donnerstag, Januar 21st, 2010

Die deutschsprachige Literatur zwischen 1500 und 1700 wird heute fast nur noch von Germanisten gelesen. Das ist schade, da die frühneuhochdeutschen Prosaromane wie Fortunatus nicht unamüsant sind.

Kai Bremer hat nun eine neue Einführung geschrieben, die zumindest nach dieser Rezension “überzeugend” ist.

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Sonntag, Januar 17th, 2010

Briefwechsel (Suhrkamp)

Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molly“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
„Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

[erscheint in Literatur und Kritik]

Marcel Proust Enzyklopädie

Sonntag, Dezember 13th, 2009

Kürzlich ist ein dickes Handbuch rund um Marcel Proust erschienen, auf das an dieser Stelle natürlich hingewiesen werden muss. Es gibt bereits eine Rezension in der FAZ.

The Art of Reading

Montag, November 23rd, 2009

So lautet der Titel eines neuen Kurses der Teaching Company. An bibliomanen Themen naturgemäß interessiert, hörte ich die 12h in den letzten beiden Wochen an. Mein Urteil ist zwiespältig. Wenn jemand gut Englisch kann und sich bisher kaum mit Fragen wie Erzählperspektive, Charaktere, Metafiktionalität etc. beschäftigte, bietet Prof. Timothy Spurgin einen passablen Einstieg an. Zwar hätte ich mir mehr formale Wissensvermittlung und weniger angewandte Hermeneutik gewünscht, aber das muss man wohl in Kauf nehmen.

Teaching Company / Literaturkurse

Samstag, November 14th, 2009

Es ist bekannt, dass ich ein großer (großer!) Freund der Teaching Company bin. Ich erinnere an meine entsprechende Empfehlung.

Leider (leider!) sind die Literaturkurse dort fast durch die Bank schlecht. Bisher habe ich mehrere Anläufe gemacht und war jedes Mal sehr enttäuscht. Jüngstes Beispiel ist Classic Novels: Meeting the Challenge of Great Literature von Prof. Arnold Weinstein. Es handelt sich bei jedem Roman um eine hermeneutische Nacherzählung des Inhalts samt diversen Assoziationen dazu. “Hermeneutik” ist dafür wohl schon zu hoch gegriffen. Das war auch bei Books That Have Made History: Books That Can Change Your Life nicht anders.

Meiner Empfehlung muss ich also eine Warnung nachreichen. Diese bezieht sich aber ausschließlich auf die Kurse über Bücher.

Hugh Barr Nisbet

Samstag, Oktober 3rd, 2009

Lessing. Eine Biographie (C.H. Beck)

Über ein halbes Jahr hatte ich dieses monströse Buch “in Arbeit”, ist es doch eine der umfangreichsten Klassiker-Biographien, die seit längerer Zeit erschienen sind. Hugh Barr Nisbet, Literaturwissenschaftler aus Cambridge, hatte wohl den Ehrgeiz die Lessing-Biographie unserer Zeit zu schreiben: mehr als 1000 Seiten ist das schwergewichtige Ergebnis.

Ich schließe mich der überwiegenden Mehrzahl der Rezensenten an und bin von Nisbets Buch beeindruckt. Ein Werk von klassischer Gelehrsamkeit, das zwei naheliegende Fehler des Genres vermeidet: Jargon und Hermetik. Zwar ist Nisbet kein außergewöhnlicher Stilist, legt aber einen ausgezeichnet lesbaren Text vor. Seine Lebensbeschreibung ist auf dem Stand der aktuellen Forschung. Er vermeidet das psychologische Wühlen in Lessings Unterwäsche und schafft eine vorbildliche Gradwanderung zwischen Kritik gegenüber seinem Gegenstand und Verteidigung gegen dessen Gegner, wo diese wirklich angebracht ist.

Seine Werkbeschreibungen referieren die wichtigsten Thesen der Forschungen, die dann entweder gestützt oder mit guten, text- und kontextnahen Argumenten hinterfragt werden. Ausgangspunkt jeder Werksbeschreibung ist eine ausführliche Entstehungsgeschichte des jeweiligen Textes. Nisbet hebt Lessing auf kein Podest, weist im Gegenteil immer wieder nach, wie wenig “originell” viele von Lessings Theorien waren, und das ein wesentlicher Teil seiner Leistung in der Synthese diverser Quellen, in der Schaffung von überraschenden intellektuellen Bezügen und natürlich in seiner brillanten Sprachbeherrschung bestand.

Ausführlich wird Lessings Umfeld beschrieben, sei es der historische, sei es der geistesgeschichtliche Kontext. Auch die Biographien von Freunden und Zeitgenossen vernachlässigt Nisbet nicht. Arbeitet man sich durch diesen Buchziegel, bekommt man en passant eine Einführung in diverse Aspekte des 18. Jahrhunderts mitgeliefert (Literatur- und Theatergeschichte, Aufklärung etc.).

Abschließend noch eine hübsche Anekdote über Lessing den Briefeschreiber:

Als Büsch ihn einmal am Neujahrstag aufsuchte, war Lessing gerade damit beschäftigt, einen großen Haufen Briefe durchzusehen, von denen er einen oder zwei aufhob, bei weitem die meisten anderen aber auf den Fußboden warf. Was er da tue, fragte ihn Büsch, “ich beantworte meine Briefe vom vorigen Jahre”, sagte Lessing, raffte sie zusammen und warf sie in den Ofen. [S. 493]

Der neue Kindler

Sonntag, September 20th, 2009

In Zeiten der untergehenden Großlexika wagt es der Metzler Verlag eine Neuauflage des Kindler Literaturlexikons auf den Markt zu bringen. 1950 Euro bis Ende des Jahres. Absurderweise kostet die Online-Ausgabe nicht weniger.

Volker Weidermann schrieb für die FAZ eine ausführliche Rezension.

Goethes frühe Jahre

Sonntag, August 30th, 2009

Glaubt man den ersten Rezensionen wäre Manfred Zittels neues Buch die Lektüre wert: Erste Lieb’ und Freundschaft. Goethes Leipziger Jahre.

Goethes Finanzen

Samstag, August 22nd, 2009

Mit Goethes Finanzen beschäftigt sich Jochen Klauß in einer neuen Studie. Perlentaucher vermeldet erste Rezensionen.

Literaturwissenschaftliche Arbeitstechniken

Donnerstag, August 6th, 2009

Es gibt eine Reihe von Einführungen in die Literaturwissenschaft auf dem Buchmarkt. Eine weitere legt nun Walter Delabar vor: Literaturwissenschaftliche Arbeitstechniken. Eine Einführung. Eine kurze Notiz darüber sei ebenfalls erwähnt.

Helmuth Nürnberger

Sonntag, Juli 26th, 2009

Joseph Roth (rororo monographie)

Unter den lieferbaren rororo monographien finden sich welche mit mehreren Jahrzehnten auf dem Buckel. So auch das Büchlein Nürnbergers über Joseph Roth, das erstmals 1981 erschien. Immerhin wurde es anläßlich der Neuausgabe 2002 um ein Nachwort Nürnbergers ergänzt, das kurz einige neuere Entwicklungen der Forschung beschreibt.

Die Monographie ist sehr informativ und aufgrund der unprätentiösen Schreibweise Nürnbergers auch sehr lesenswert. Er merkt an einer Stelle an, dass er sich zu diversen privaten Problemen Roths nicht äußert, da der Platz nur für eine oberflächliche Behandlung ausreichte. So konzentriert er sich auf das Werk und den kulturgeschichtlichen Kontext, ohne freilich Roths Alkoholprobleme und andere Schrullen völlig zu verschweigen.

Nürnberger findet in seiner Darstellung die richtige Balance zwischen Kritik an den - sagen wir schrägeren - Ansichten in den dreißiger Jahren und deren Erläuterung aus dem biographischen Erlebnissen. Die Beschreibung der Veröffentlichungen Roths könnte ab und an ausführlicher sein. Wer an einer kleinen, kompetenten Einführung in Roths Leben und Werk interessiert ist, liegt mit diesem Buch sicher richtig.

Christoph Martin Wieland historisch-kritisch

Samstag, Juli 25th, 2009

Mark-Georg Dehrmann setzt sich in einem Artikel für Literaturkritik.de ausführlich mit der historisch-kritischen Wieland-Ausgabe auseinander.

Engagement für ein großes Werk

Mittwoch, Juli 22nd, 2009

Der Briefwechsel Martha Musils [1999]

Robert Musils Beziehung zu seinen Verlegern war Zeit seines Lebens eine problematische. Die Publikation seiner Bücher erforderte eine Reihe verlegerischer Tugenden, die damals wie heute Seltenheitswert besitzen, vor allem die Bereitschaft, ökonomische Risiken einzugehen, und den Willen, anspruchsvollen Werken zum Durchbruch zu verhelfen. Musil machte es seinen Verlegern aber auch alles andere als einfach. Die Publikationsgeschichte seines Hauptwerks zeigt das sehr deutlich. Ohne das große Stilbewußtsein und den kompromißlosen künstlerischen Gestaltungswillen des Autors, hätte der Mann ohne Eigenschaften (MoE) nie entstehen können. Doch diese langsame, ästhetisch sorgfältige Arbeitsweise hatte, wenig überraschend, eine ökonomische Kehrseite: Jahr um Jahr mußte Musil seinen Verleger Ernst Rowohlt vertrösten, und die Spannungen zwischen beiden nahmen ständig zu. 1930/31 konnte endlich der erste Band des Romans (Erstes Buch, Kapitel 1-123) erscheinen, zwei Jahre später dann ein Teil des zweiten Buches (Kapitel 1-38). Obwohl von Kennern enthusiastisch begrüßt, gelang Musil damit nicht der ersehnte literarische Durchbruch, was natürlich auch mit der Machtübernahme der Nazis zusammenhing. Bis zum Tag seines Todes, dem 15. April 1942 in Genf, arbeitete Musil weiter an seinem opus magnum und hinterließ eines der vollendetsten Fragmente der Weltliteratur. In den vierziger Jahren war Musil jedoch fast vergessen, seine Wiederentdeckung setzte erst ein Jahrzehnt später mit der umstrittenen Neuausgabe seiner Werke durch Adolf Frisé ein.

Zwei von Marie-Louise Roth herausgegebene Briefwechsel Martha Musils erlauben nun erstmals, sich ein genaueres Bild über die Schwierigkeiten zu verschaffen, die in den vierziger Jahren mit der angestrebten Neuauflage der Werke Musils verbunden waren. Denn nach dem Tod Ihres Gatten setzte Martha Musil alle Hebel in Bewegung, um einen passenden Verlag dafür zu interessieren. Das Buch umfaßt die ausführlich kommentierten Briefwechsel mit dem heute weitgehend vergessenen Schweizer Essayisten und Publizisten Armin Kesser (1906 - 1965), der den größten Teil des Bandes füllt, sowie die Korrespondenz mit Philippe Jaccottet (*1925), dem französischen Übersetzer Musils. Damit liegt freilich nur ein kleiner Teil ihrer Korrespondenz vor, denn sie erwähnt im März 1949 sechs Damen und zweiundzwanzig Herren, mit denen sie in brieflichem Kontakt stünde (S. 275).

Der schriftliche Austausch mit Kesser umspannt den Zeitraum vom Herbst 1942 bis kurz vor ihren Tod am 24. August 1949. Die Beziehung zwischen beiden ist komplex und sie richtig zu rekonstruieren ist nicht einfach, weil für die ersten Jahren nur sehr wenig Briefe Kessers überliefert sind, so daß sich zwangsläufig ein einseitiges Bild ergibt. Martha Musil sah in Kesser einen Geistesverwandten ihres Mannes, weshalb sie großen Wert auf dessen Mitarbeit bei der Neuordnung des Nachlasses und der Konzeption des dritten Bandes des MoE legte. Während Martha Musil häufig und ausführlich an Kesser schrieb, hielt sich dieser auf Distanz, anders sind ihre vielen Klagen über fehlende Antworten und unbeantwortete Fragen nicht zu erklären. Andererseits sind die abgedruckten Briefe Kessers oft durchaus mitfühlend, und es zeugen auch Geschenke und zahlreiche Telefonate für sein Interesse an der Briefpartnerin. Mit der Zeit entwickelte sich jedenfalls ein höheres Maß an Vertrautheit, und Martha Musil brachte ein erstaunliches Verständnis für den schwierigen Charakter Kessers auf. Der Kontakt mit ihm kam bereits zu Lebzeiten ihres Mannes zustande. Es sind auch einige - allerdings unbedeutende - Briefe Robert Musils an Kesser überliefert, und Martha charakterisiert ihn bereits in einem Brief vom 30.1. 1940 an ihre aus ihrer zweiten Ehe mit Enrico Marcovaldi hervorgegangenen Tochter Annina als “einen sehr netten, ernsten jungen Schriftsteller”.

Im Jahr 1943 gelingt es Martha Musil schließlich auf Subskriptionsbasis einen Band mit Nachlaßkapiteln des MoE bei der Imprimerie Centrale in Lausanne herauszubringen, etwas irreführend als “Dritter Band” deklariert. Nachdem ihre weiteren Bemühungen keinen Erfolg zeitigten, verläßt sie im August 1946 Europa und fliegt von Paris aus zu Ihrer Tochter Annina Rosenthal in die USA. Sie wohnt dort bei ihrer Familie in Philadelphia, unterbrochen durch Aufenthalte in New York. Obwohl sie vielversprechende Kontakte knüpfen kann, beispielsweise zu Alfred Knopf, gelingt es ihr nicht, einen amerikanischen Verlag für die Übersetzung und Publikation der Werke Musils zu gewinnen. Diese Mißerfolge führen, zusammen mit familiären Spannungen, im Juli 1947 zu ihrer Rückkehr nach Europa. Die letzten zwei Jahre Ihres Lebens wird sie bei Ihrem Sohn Gaetano Marcovaldi in Rom wohnen.

Obwohl das Buch- und Verlagsgeschäft in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein schwieriges Unterfangen war, ist das Verhalten einiger Verleger gegenüber Martha Musil kein Ruhmesblatt für die Branche. Zwar gab es Angebote kleinerer Häuser, das Werk Musils neu herauszubringen, doch Martha Musil lehnte diese Angebote ab bzw. zögerte definitive Antworten hinaus. Das ist insofern sehr beachtlich, als sie diese Einkünfte dringend notwendig gehabt hätte, sie aber trotz dieser ökonomischen Zwänge keinerlei Kompromisse einging. Als geeignete Verleger erschienen ihr Eugen Classen und Henry Govert, die zusammenarbeiteten und von denen sie vage Zusagen hatte. Anstatt diese aber einzulösen, begann ein unwürdiges Taktieren: Briefe wurde nicht oder sehr spät beantwortet, fadenscheinige Ausreden wurden vorgebracht, auf halbe Zusagen folgten wieder halbe Absagen usw. Das Blatt wendete sich erst im Februar 1949, als Ernst Rowohlt Martha Musil kontaktierte. Doch Ihre Sorgen waren damit noch nicht ausgestanden, denn ein geplantes Treffen kam nicht zustande, und Martha Musil starb am 24. August 1949, bevor eine verlegerische Lösung erreicht worden war, die ihre hohen Ansprüche befriedigt hätte.

Es wäre ungerecht, die Briefwechsel auf das publikationsgeschichtlich Verwertbare zu reduzieren, auch wenn dieser As-pekt für die Musil-Forschung besonders aufschlußreich ist. Denn die Briefe haben selbstverständlich auch einen Eigenwert, indem sie dem Leser eine facettenreiche Persönlichkeit vor Augen führen. Martha Musil war eine psychologisch einfühlsame Korrespondentin, intellektuell in ihren Urteilen unabhängig und stand deshalb dem Werk ihres Mannes durchaus nicht unkritisch gegenüber. Ihre Schilderung des öden Philadelphia, denen dann die positiven Eindrücke aus New York folgen, zeugen ebenso von ihrem Talent Briefe zu schreiben, wie ihre kleinen Exkurse zur bildenden Kunst.

Leider kann ich diese Rezension nicht abschließen, ohne auf die Ärgernisse der aktuellen Editionslage hinzuweisen, die ein ausgesprochen trauriges Bild darbietet. Denn der Rowohlt Verlag ist offenbar nicht in der Lage, die Werke eines seiner wichtigsten Schriftsteller vollständig lieferbar zu halten. Zwar liegt das belletristische Oeuvre mehr oder weniger komplett vor; die gewichtigen Essays, Reden und Kritiken jedoch sucht man derzeit in der Buchhandlung vergebens. Angesichts der Bedeutung des Autors wäre auch die Herausgabe einer preislich leserfreundlichen Gesamtausgabe dringend notwendig. Diese sollte selbstverständlich auch die Tagebücher (derzeit DM 160.-) und Briefe (DM 440.-) umfassen, damit man auch sie endlich einem breiteren Lesepublikum zugänglich machte.

Martha Musil: Briefwechsel mit Armin Kesser und Philippe Jaccottet. Herausgegeben von Marie-Louise Roth in Zusammenarbeit mit Annette Daigger und Martine von Walter. 2 Bände. 637 Seiten. Bern: Peter Lang 1997 (Musiliana, Band 3).

[Literatur und Kritik Nr. 333/334, Mai 1999. © Christian Köllerer]

Online-Kindler

Dienstag, Juli 14th, 2009

Anfang September erscheint die Neuauflage des Kindler Literaturlexikons. Die Frankfurter Rundschau konnte schon jetzt die Online-Version testen.

James Wood

Samstag, Juli 11th, 2009

How Fiction Works (Farrar, Straus und Giroux)

Wenige populäre Einführungen in die Werkstatt des fiktionalen Schreibens gäbe es, beklagt James Wood in seiner Einleitung. Womit er Erläuterungen für Leser meint, keine Ratgeber für Möchtegern-Autoren an denen es gerade im angelsächsischen Raum nicht mangelt.

Diese Lücke will Wood mit diesem kleinen Büchlein schließen, der für den New Yorker schreibt und in Harvard Literatur lehrt. Ungern habe ich How Fiction Works nicht gelesen, finden sich doch einige sehr hübsche Passagen darin, wie etwa die hier zitierte über Gustave Flaubert.

Dem nicht literaturwissenschaftlich vorbelasteten kann Wood sicher einige Einblicke geben, wie erzählende Literatur “funktioniert”. Er geht dabei teils romangeschichtlich, teils systematisch vor. So gibt es Kapitel über Flaubert and Modern Narrative, Detail, Character, Language und Dialogue. Wer sich nie theoretisch mit der Materie beschäftigt hat, wird einiges über Erzählperspektive und die ontologischen Probleme des modernen Erzählens erfahren. Zusätzlich bekommt man eine Menge Romanempfehlungen.

Für professionelle Leser liest sich vieles allerdings sehr schlicht und theoretisch unterkomplex, speziell wenn man - wie Wood für sich in Anspruch nimmt - von der russischen strukturalistischen Schule geprägt ist. Man könnte nun einwenden, dass die Schrift für Laien geschrieben sei. Für einige Kapitel sei das zugestanden, aber um am Schluss behaupten zu können, das entscheidende Kriterium guter Literatur sei “truthfulness”, hätte er philosophisch wesentlich subtiler argumentieren müssen.

Lessing Portal

Donnerstag, Juni 18th, 2009

Angeregt von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel wurde das neue Lessing Portal in Zusammenarbeit mit der Herzog August Bibliothek umgesetzt.
Was mich daran erinnert, dass ich Nisbets Lessing-Biographie noch zu Ende lesen wollte…

Neue Biographie über Johann Friedrich Cotta

Donnerstag, Juni 11th, 2009

Peter Kaeding schrieb eine neue Lebensbeschreibung über Goethes Verleger, der auch über diese Funktion hinaus eine wichtige literaturpolitische Rolle spielte. Die ersten Rezensenten sind enttäuscht.