Archive for the ‘Oper’ Category

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Samstag, Februar 6th, 2010

Wiener Staatsoper 2.2.

Dirigent: Peter Schneider
nach einer Inszenierung
von: Otto Schenk

Feldmarschallin: Soile Isokoski
Baron Ochs: Kurt Rydl
Octavian: Michaela Selinger
Faninal: Oskar Hillebrandt
Sophie: Daniela Fally

Den Rosenkavalier könnte man als anspruchsvolle Antwort auf die zahlreichen Wiener Operetten bezeichnen. Musikalisch eine spannende Mischung aus moderner Klangsprache und vielen Anklängen an Melodien, die als klassisch “Wienerisch” gelten. Auch die Komplexität der Charaktere ist, bei allem Komödiantentum, weitaus größer als im Genre üblich ist, etwa bei der Marschallin. Deren ausführliche Kontemplation über die Vergänglichkeit wäre ein weiteres Beispiel für die Sonderstellung des Werks.

Musikalisch war der Abend erstklassig. Die Sängerinnen und Sänger agierten durchgehend auf hohem Niveau. Das erstreckte sich speziell bei Michaela Selinger und Kurt Rydl auch auf die schauspielerische Seite. Das Wiener Staatsopernorchester unter Peter Schneider hielt tapferer mit als an manchem anderen Abend.

Der Haken: Die Inszenierung wurde offenbar aus einem Opernmuseum importiert. Otto Schenks naturalistisches Bühnengeschehen ist nicht ohne Charme und Komik. Man hat aber trotzdem ständig das ungute Gefühl, ästhetisch im falschen Jahrhundert zu sitzen.

NZZ über das Wiener Opernpublikum

Donnerstag, Dezember 10th, 2009

Angesichts der Premiere von Macbeth in der Wiener Staatsoper, verliert die NZZ ein paar treffende böse Worte über das Wiener Opernpublikum:

Dass viele Premierenbesucher das nicht sehen und sich schon gar nicht darauf einlassen wollten, wie die Inszenierung alles Wesentliche ganz nahe am Stück entwickelt, war allerdings ein Kapitel für sich. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich während der Aufführung von der Galerie her Störaktionen. Schon nach wenigen Minuten nahmen sie ihren Anfang, in den schlüssigsten Passagen entzündeten sie sich mitten in die Musik hinein oder während poetischer Augenblicke der Stille, schliesslich brachten sie die Vorstellung bis an den Rand des Abbruchs.

[…]

Dass das konservative Wiener Publikum sich leicht irritieren lässt, ist ja nun nichts Neues. Mit seinen blindwütigen Reflexen hat es sich aber diesmal von seiner unsympathischsten Seite gezeigt. So war bei diesem «Macbeth» das Spektakel im Zuschauerraum die eigentliche Tragödie.

Puccini: La Boheme

Samstag, Oktober 17th, 2009

Wiener Staatsoper 12.10.

Dirigent: Constantinos Carydis
Rodolfo, ein Poet: Joseph Calleja
Marcello, Maler: Markus Eiche
Mimì: Krassimira Stoyanova
Musetta: Ildikó Raimondi

Zu sehen und zu hören war eine sehr solide Repertoire-Aufführung, die ich hier mehr der Vollständigkeit halber erwähne. Allerdings sind erstklassige “normale” Opernabende an der Staatsoper keine Selbstverständlichkeit mehr, so dass dieser durchaus Lob verdient.

Das Ensemble sang homogen auf hohem Niveau und auch das Staatsopernorchester war hörenswert. Das Bühnenbild und die Inszenierung gehören freilich längst in ein Museum.

Tschaikowski: Eugen Onegin

Mittwoch, Mai 27th, 2009

Wiener Staatsoper 26.5.

Inszenierung: Falk Richter
Dirigent: Seiji Ozawa
Tatjana, Tochter von Larina: Tamar Iveri
Olga, Tochter von Larina: Elisabeth Kulman
Eugen Onegin: Simon Keenlyside
Lensky, Dichter: Marius Brenciu
Fürst Gremin: Ain Anger

Es war kein erfreulicher Opernabend. Das dürfte vor allem am Stück selbst gelegen haben: Nach dem Ring wirkt “Eugen Onegin” musikalisch substanzlos. Schöne Melodien, ohne Zweifel, aber mehr als diese Oberfläche wird nicht geboten. Ozawa dirigierte die Oper (wie immer) sehr langsam. Gesanglich war eigentlich nichts auszusetzen, herausragend war aber nur Ain Anger, der schon im Ring eine exzellente Leistung bot.
Am besten ist die Inszenierung. Falk Richter ist sparsam mit Requisten und siedelt die Oper in einer russischen Schneelandschaft an. Das ist ein ebenso erfreulicher wie notwendiger Kontrapunkt gegen das Pathos der Komposition und des Librettos. Wird wohl keine meiner Lieblingsopern werden …

Der neue Wiener Ring (4): Götterdämmerung

Freitag, Mai 22nd, 2009

Wiener Staatsoper 21.5.

Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegfried: Stephen Gould
Hagen, Alberichs Sohn, Gunthers Halbbruder: Eric Halfvarson
Brünnhilde: Eva Johansson

Die Götterdämmerung ist der ideale Anlass, noch etwas Positives über Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung zu schreiben. Nicht nur ist sie am besten gelungen innerhalb des Zyklus, sondern es kommt auch die größte Tugend seiner Regiearbeit am besten zu tragen: Die Führung der Sänger als Schauspieler. Während bei Opern die Darbieter oft verloren und hilflos singend auf der Bühne herumstehen, spielen sie bei Bechtolf wie (gute!) Schauspieler. So viel darstellerische Qualität gibt es bei Opern-Aufführungen selten. Beim Finale setzt Bechtolf viel Bühnentechnik ein und es gelingt ihm ein bildnerisch starker Untergang der Götter. An der bereits mehrfach konstatierten Unterkomplexität der Bildsprache änderte sich aber nichts.

Das musikalische und gesangliche Niveau war ebenso exzellent wie bei den anderen Abenden. Welser-Möst zeigte seine Flexibilität dadurch, dass er die Zwischenspiele oft sehr langsam anging, was am rasanten Tempo insgesamt aber nichts änderte. Der Abend war eine Viertelstunde früher zu Ende als vorgesehen.

Eric Halfvarson war der beste Hagen, den ich bisher erlebte. Darstellerisch diabolisch und gesanglich hervorragend. Stephen Gould sang brillant wie immer, nicht schlechter Eva Johansson. Insgesamt war der Ring musikalisch deutlich besser als die letzten Wiener Ringaufführungen. Wenn sich dieses Plateau in den nächsten Jahren halten lässt, hat Wien nun einen exzellenten “Musik-Ring” mit einer mäßigen Inszenierung.

Der neue Wiener Ring (3): Siegfried

Donnerstag, Mai 21st, 2009

Wiener Staatsoper 19.5.

Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegfried: Stephen Gould
Brünnhilde: Nina Stemme
Der Wanderer: Juha Uusitalo
Mime: Herwig Pecoraro

Die Inszenierung dieses Ring ist nicht mehr zu retten, der dritte Teil ist ebenfalls eine große Enttäuschung. Man erwartet eine Vertiefung oder Abstrahierung oder Ironisierung und wird überwiegend mit Plattheiten abgespeist. Wenig originell auch, die theatertechnischen Herausforderungen alle durch Videoprojektionen zu lösen, dem einfachsten aller Wege. Der Zusammenhang der einzelnen Bühnenbilder bleibt meist ein Rätsel.

Siegfried ist meiner Ringerfahrung nach meist der “anstrengendste” Abend, gönnt sich Wagner doch speziell im letzten Aufzug zu viel kompositorischen Auslauf. Wie sehr dieser Eindruck aber von der musikalischen und darstellerischen Qualität abhängt, zeigte diese Aufführung. Noch nie erlebte ich einen so spannenden Siegfried. Das ist vor allem das Verdienst eines fulminanten Stephen Gould als Siegfried, der die fünf Stunden mit beeindruckender Kondition durchhielt. Nina Stemme war als Brünhilde eine kongeniale Partnerin und das (oft “langwierige”) Finale geriet zu einer fesselnden musikalischen Angelegenheit. Uusitalo als Wotan brachte alle seine Vorzüge aus der Walküre wieder mit und auch Pecoraro gab einen hervorragenden Mime.

Welser-Mösts Wagner-Interpretation hat mich zu Beginn etwas irritiert, nach etwa zwölf Stunden kann man seinen Ansatz aber gut erkennen. Dieser ist höchst eigenständig, noch nie hörte ich Wagner so spielen. Zum Teil setzt er auf ein rasantes Tempo und eine große dynamische Spannweite. Er handhabt diesen Stil aber sehr flexibel, was der Interpretation eine große Spannkraft gibt. Weit entfernt von einer Routineaufführung hat sich Welser-Möst offenbar ausführlich mit der Partitur beschäftigt und wollte einen ästhetisch eigenen Weg gehen. Das ist risikant, intellektuell spannend und man freut sich deshalb bereits auf seine Zeit als Kodirektor der Staatsoper ab 2010.

Der neue Wiener Ring (2): Die Walküre

Donnerstag, Mai 21st, 2009

Wiener Staatsoper 17.5.

Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegmund, ein Wälsung: Johan Botha
Hunding, Verbündeter des Geschlechts der Neidinge: Ain Anger
Wotan, der Göttervater: Juha Uusitalo
Sieglinde, Siegmunds Schwester, Hundings Frau: Nina Stemme
Brünnhilde, Wotans Tochter, Walküre: Eva Johansson
Fricka, Wotans Gattin, Göttin der Ehe: Michaela Schuster

Die Inszenierung wird auch beim zweiten Mal nicht besser. Man entdeckt keine Subtilitäten, die man beim ersten Mal vielleicht übersehen hätte, sondern ärgert sich über die intellektuelle Schlichtheit der Angelegenheit. Speziell das Hantieren mit ausgestopften Wölfen überschreitet die Grenze von überflüssig zu peinlich.

Musikalisch sah es erfreulicherweise anders aus. Mit Ausnahme vom mehrmals patzenden ersten Trompeter, offenbar eine Aushilfe vom Kurorchester Bad Hall, war es ein Abend auf sehr hohem Niveau. Im funkelnden ersten Aufzug gaben Stemme und Botha ein hervorragendes Zwillingspaar ab, unterstützt vom hervorragend disponierten Ain Anger als Hunding. Der anschließende Ehestreit zwischen Uusitalo und Michaela Schuster (Wotan/Fricka) war nicht - wie so oft - brav heruntergesungen, sondern die psychischen Nuancen kamen fein nuanciert.

Auf diesem Niveau ging es auch mit der Konfrontation Wotan/Brünhilde weiter. Franz Welser-Möst wurde am Ende wieder zurecht bejubelt.

Der neue Wiener Ring (1): Das Rheingold

Sonntag, Mai 17th, 2009

Wiener Staatsoper 16.5.

Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Wotan: Juha Uusitalo
Loge: Wolfgang Schmidt
Fricka: Janina Baechle
Erda: Anna Larsson
Alberich: Tomasz Konieczny

In der Hoffnung, dass der erste Durchlauf die neue Inszenierung und Einstudierung bereits auf Touren gebracht hat, wollte ich mir erst die zweite Komplettaufführung des neuen Wiener Ring ansehen. Für Das Rheingold war es die dritte Aufführung.
Nachdem ich Die Walküre bereits 2007 sah, lässt sich bereits sagen: Es ist kein großer Wurf geworden. Bechtolf inszeniert die Tetralogie zu unterkomplex. Die strukturelle Vielfältigkeit wird oft durch eine oberflächliche Reduktion auf Gegensätze ignoriert. Ein Beispiel aus “Rheingold” wäre die Darstellung der Götter in weiß (inklusive weißen “Felsen” auf der Bühne) und die Riesen in einem dreckigen Dunkelgrau. Auch in den anderen Szenen ist die Inszenierung ein Understatement, was mir prinzipiell nicht unsympathisch ist, hier aber nicht optimal umgesetzt wurde. Reduktion muss nicht Einfallslosigkeit heißen.
Sehr gespannt war ich auf Franz Welser-Mösts musikalische Einstudierung. Als designierter Co-Direktor der Staatsoper wird er das Haus ästhetisch für die nächsten Jahre prägen. Welser-Möst entschied sich für eine präzis-flexible Interpretation, stets bemüht Wagners Musik nicht in zu viel romantisches Pathos und klangliche Verschwommenheit abgleiten zu lassen. Das ist ein plausibler Ansatz, ging allerdings etwas auf Kosten des Glanzes der Musik. Das Staatsopern-Orchester zeigte sich vor dem neuen Chef naturgemäß von seiner besten Seite.
Gesanglich und darstellerisch war Tomasz Konieczny als Alberich der Höhepunkt des Abends. Stimmlich bis in den letzten Winkel präsent und genau phrasierend, könnte er sich als neue Rollenreferenz etablieren. Nur Wolfgang Schmidt als Loge hielt auf diesem Niveau gut mit. Das Rest des Ensembles sang durchaus passabel, war aber auf keinem Fall herausragend.
Heute Abend geht es weiter mit der Walküre.

Bizet: Carmen

Freitag, April 17th, 2009

DVD; Carlos Kleiber; Wiener Staatsoper (Amazon Partnerlink)

Zu sehen und zu hören ist ein Livemitschnitt des ORF aus der Wiener Staatsoper (1978). Carlos Kleiber ist einer der brillantesten Dirigenten der letzten fünfzig Jahre. Seine Fünfte von Beethoven ist nach wie vor die Referenzaufnahme, eine unglaublich intensive Interpretation.

Auch bei dieser Carmen Aufnahme sind Kleibers musikalische Tugenden, speziell sein brillanter Balanceakt zwischen Präzsion und Emotion, unschwer zu erkennen. Die Inszenierung ist, wie so oft an der Wiener Staatsoper, sehr traditionell.

Vergleicht man sie aber mit ähnlichen Aufführungen heute, ist man über die Unterschiede überrascht. Herrscht nun meist lähmende Routine auf allen Ebene, sieht man 1978 eine exakte und wohl einstudierte Choreographie. Wer nicht auf moderne Inszenierungen besteht, wird an dieser DVD musikalisch seine Freude haben.

Puccini: La Boheme

Samstag, Februar 28th, 2009

Wiener Staatsoper 24.2.

Dirigent: Constantinos Carydis
Inszenierung und Bühnenbild: Franco Zeffirelli
Kostüme: Marcel Escoffier
Chorleitung: Thomas Lang

Rodolfo: Ramón Vargas
Schaunard: Eijiro Kai
Marcello: Boaz Daniel
Colline: Dan Paul Dumitrescu
Benoit: Alfred Šramek
Mimì: Krassimira Stoyanova
Musetta: Simina Ivan
Alcindoro: Alfred Šramek

Sukzessive arbeite ich mich durch das Schlagerrepertoire der italienischen Oper, weshalb ich mir die 374. Aufführung dieser Inszenierung ansah. Wie diese Zahl dezent andeutet, handelt es sich um keine frische Regie. Im Vergleich mit anderen verstaubten Konkurrenten des Hauses, kann sie aber gut bestehen. Das Elend des Künstlerlebens wird so realistisch im Bühnenbild umgesetzt, dass Gerhart Hauptmann seine Freude daran gehabt hätte. Vermutlich mutig von Zeffirelli damals, dass er einige Szenen in malerischem Halbdunkel spielen lässt.

Musikalisch war der Abend überraschend erstklassig. Zwar sparte das Staatsopernorchester nicht an breiten Klängen, die gesangliche Leistung war aber durchgehend großartig. So kamen die Puccini-Schlager mit dem gehörigen Nachdruck über den Graben, sehr zur Begeisterung des Publikums. Popmusik auf hohem Niveau, die man sich ab und zu gönnen darf.

Modest Mussorgski: Boris Godunow

Sonntag, Januar 18th, 2009

Wiener Staatsoper 17.1.

Boris Godunow, Zar von Russland: Ferruccio Furlanetto
Pimen, Chronikschreiber und Eremit: Kurt Rydl
Grigori Otrepjew, der falsche Dimitri: Marian Talaba
Marina Mnischek, Tochter des Wojwoden von Sandomir: Nadia Krasteva
Rangoni, geheimer Jesuit: Egils Silins
Dirigent: Sebastian Weigle
Regie und Ausstattung: Yannis Kokkos

Mussorgski war ein Wenig-Komponierer und im Kernrepertoire haben sich nur zwei Stücke gehalten: “Die Bilder einer Ausstellung” und “Boris Godunow”. Diese Oper kannte ich bis vor einigen Wochen noch nicht, bis ich mich auf den gestrigen Abend vorzubereiten begann. Ein Versäumnis, denn Mussorksi schuf damit nicht nur eine musikalisch sehr ansprechende Kreation, sondern auch einen neuen Operntyp, was sie musikgeschichtlich und ästhetisch besonders interessant macht.

In den Musikgeschichten wird Mussorksi gerne unter den “Russischen Nationalisten” abgehandelt (gemeinsam u.a. mit Glinka, Borodin, Rimsky-Korsakov und heute weniger bekannten Figuren), welche die akademisch gelehrte Musiksprache an den neu gegründeten russischen Konservatorien ablehnten. Betrachtet man “Boris Godunow”, ist diese Schublade nicht unangebracht. Mussorski schuf ein Werk vollgestopft mit russischer Mythologie und Freunde der russischen Literatur werden sich spätestens beim Auftreten eines Staretz zu Hause fühlen. Wie Dostojewksij oder Tolstoi versucht der Komponist, die russische Gesellschaft als Ganzes einzubeziehen: So tritt nicht nur die Machtelite (Zar, Adlige, Kleriker) auf, auch das hungernde Volk, ein Narr oder Soldaten usw. sind Teil des Bühnengeschehens. Eine Szene spielt in einem Wirtshaus an der litauischen Grenze, die nächste im Zarenpalast.

Ästhetisch war es Mussorksi ein Anliegen, seine Musiksprache so natürlich wie möglich dem gesprochenen Wort anzupassen, also das Gegenteil dessen zu versuchen, was Wagner mit seinen bis heute bespöttelten Stabreimen betrieb. Soweit man das, ohne Russisch zu können, beurteilen kann, gelingt ihm das ausgezeichnet. Er verzichtet auf klassische musikalische Mittel der Oper (Arien, Koloraturen), schafft es aber trotzdem, musikalisch hervorragende Qualität zu liefern. Dieser innovative ästhetische Ansatz dürfte das größte Verdienst der Oper sein.

Die Aufführung selbst gestern war ungewöhnlich gut. Die Inszenierung versucht einen Mittelweg zwischen Kostümoper und moderner Inszenierung zu finden, was überraschenderweise nicht schlecht gelang. Das Ensemble war durch die Bank hervorragend disponiert.  Kurt Rydls Stimme ist immer noch eine Urgewalt, aber auch Ferruccio Furlanetto war hervorragend in Form.

Tschaikovsky: Pique Dame

Sonntag, Oktober 5th, 2008

Staatsoper 4.10.

Dirigent: Seiji Ozawa
Inszenierung: Vera Nemirova
Hermann: Neil Shicoff
Tomski/Pluto: Albert Dohmen
Jeletzki: Markus Eiche
Tschekalinski: Peter Jelosits
Surin: Goran Simic
Tschaplitzki: Benedikt Kobel
Narumow: Dan Paul Dumitrescu
Festordner: Clemens Unterreiner
Gräfin: Anja Silja
Lisa: Martina Serafin
Polina/Daphnis: Elisabeth Kulman
Gouvernante: Aura Twarowska
Mascha/Chloe: Caroline Wenborne

Pique Dame kannte ich bisher noch nicht. Überhaupt gibt es in Sachen Russischer Oper bei mir Nachholbedarf, weshalb ich diese Saison den Zyklus “Slawische Oper” abonnierte. Vor der Vorstellung gestern habe ich mich “eingehört” und musikalisch hat die Oper - wer hätte das gedacht - alle Stärken und Schwächen, die man von Tschaikovskys Orchestermusik her kennt. Melodisch einfallsreich, emotional zupackend einerseits, sehr pathetisch und durchschaubar auf Effekte hin komponiert andererseits.
In die Liste meiner Lieblingsopern wird das Stück wohl nicht aufgenommen werden, was auch am Libretto liegt. Es basiert auf einer Erzählung Puschkins und man sieht einmal mehr, dass eine Literaturveroperung mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat wie eine Literaturverfilmung.
Nun aber zum angenehmen Teil: Der Abend war musikalisch exzellent. Schon lange nicht mehr bekam ich in der Staatsoper so hohe Qualität geboten. Das lag einerseits daran, dass Seiji Ozawa am Pult stand, der Tschaikovsky ab und zu so dirigierte als sei es Mahler. Andererseits war das Ensemble ohne Ausnahme in Höchstform und legte eine beachtliche Leistung hin.
Das ließ dann auch die überaus langweilige Inszenierung von Vera Nemirova vergessen: eine seltsame Mischung aus klassischer Opernaufführung mit wenigen uninspierten modernen Einschüben.

Verdi: I vespri siciliani

Sonntag, Juni 22nd, 2008

Staatsoper 12.6.
Dirigent: Miguel Gomez-Martinez
Guido di Monforte, Gouverneur von Sizilien: Leo Nucci
Arrigo, ein junger Sizilianer: Keith Ikaia-Purdy
Giovanni da Procida, Anführer der sizilianischen Rebellen: Paata Burchuladze
Herzogin Elena, Schwester des Herzog Friedrichs von Österreich: Sondra Radvanovsky

Richtig war meine Vermutung, dass die Staatsoper einer der wenigen öffentlichen Orte in Wien war, welche von der allgemeinen Euro-Hysterie verschont waren. Falsch hingegen war meine Hoffnung auf einen erstklassigen Opernabend. Das lag nicht an der vokalen Leistung, die durchaus ansehnlich war. Aber das Orchester! Schon bald bekam man Zweifel, ob überhaupt ein Dirigent anwesend war. Gomez-Martinez legte eine dermaßen lahme Leistung hin, das man ständig Angst haben musste, dass die Musiker während der Aufführung einschlafen. Eine befrackte Schlaftablette im Dienst.

Wagner: Der fliegende Holländer

Sonntag, Februar 17th, 2008

Staatsoper 12.2.
Dirigent: Ulf Schirmer
Daland: Walter Fink
Senta: Nina Stemme
Erik: Klaus Florian Vogt
Mary: Janina Baechle
Steuermann: Cosmin Ifrim
Der Holländer: Alan Titus

Schon die Ouvertüre zeigte, dass es sich musikalisch um keine Routineinterpretation handelte, gab es doch eine ungewöhnlich lange Pause vor dem Einsetzen des lyrischen Motivs. Dieser musikalische Gestaltungswille zog sich erfreulicherweise durch die gesamte Aufführung. Der vokale Part war selbst in den Nebenrollen brillant, was (wie im Mai letzten Jahres) erneut einen erstklassigen Opernabend ergab. Soweit ich das aktuelle Repertoire überblicke, gehört der “Fliegende Holländer” musikalisch nun seit längerer Zeit zum Besten, was die Staatsoper zu bieten hat.

Verdi: Aida

Sonntag, Februar 17th, 2008

Staatsoper 13.2.
Dirigent: Zubin Mehta
nach einer Inszenierung von: Nicolas Joel
König: Dan Paul Dumitrescu
Amneris: Marianne Cornetti
Aida: Hui He
Radames: Salvatore Licitra
Ramphis: Ain Anger
Amonasro: Marco Vratogna
Bote: Gergely Németi
Priesterin: Simina Ivan

Diese Inszenierung sah ich zum ersten Mal und man muss bei allen ästhetischen Vorbehalten einräumen: Die Opulenz der Aufführung ist beeindruckend. In bester konservativer Operntradition nimmt man die Ausstattungsmaschinerie der Staatsoper zu Hilfe, um ein naturalistisches altägyptisches Bühnenbild zu entwerfen. Das ist durchaus geschmackvoll gelungen, die Kostüme stehen den Requisiten naturgemäß um nichts nach. Kurz: Ein beeindruckendes Opernspektakel wird geboten.

Das wirkt in Zeiten des Regietheaters natürlich alles putzig anachronistisch. Musikalisch war der Abend überwiegend gelungen. Die Besetzung war hochkarätig, zu Beginn gab es allerdings unausgewogenen Ensemblegesang. Grandios der Chor der Wiener Staatsoper. Verdis Opernkunst zeigt sich in “Aida” am klassischen Höhepunkt. Eine brillante Melodie folgt drei Stunden lang auf die nächste. So überrascht es nicht, dass Thomas Mann im berühmten “Grammophon” Kapitel des “Zauberbergs” das Finale der “Aida” zur literarischen Verarbeitung auswählte. Verdis Kunst besteht darin, komplexe formale Techniken mit einer scheinbar eingängigen Oberfläche zu versehen. Man kann als Analogie dabei auch an Raffael denken, dessen Gemälde so natürlich wirken, obwohl sie streng geometrisch komponiert sind.

Wagner: Die Walküre

Sonntag, Dezember 16th, 2007

WienerStaatsoper 9.12.

Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegmund, ein Wälsung: Johan Botha
Hunding, Verbündeter des Geschlechts der Neidinge: Walter Fink
Wotan, der Göttervater: Juha Uusitalo
Sieglinde, Siegmunds Schwester, Hundings Frau: Nina Stemme
Brünnhilde, Wotans Tochter, Walküre: Eva Johansson
Fricka, Wotans Gattin, Göttin der Ehe: Michaela Schuster

Eine Woche hatten alle Beteiligten Zeit, ihre verlorenen Stimmen wiederzufinden. Die Premiere am 2. Dezember war vom Pech verfolgt: Uusitalo versagte die Stimme und ein kurzfristig eingesprungener Ersatz sang die Rolle vom Rand aus.

Die dritte Aufführung der lang erwarteten Neuinszenierung durch Sven-Eric Bechtolf verlief ohne musikalische Pannen. Zwar hatte Wotan am Ende Probleme und auch Brünnhilde war keine Referenz, der Abend war aber akzeptabel. Dazu trug nicht zuletzt ein fulminanter Botha bei, dessen Sigmund zwar einige lyrische Nuancen vermissen ließ, den ersten Aufzug aber ebenso brillant sang wie Nina Stemme. Walter Fink als Hunding hielt nicht nur ausgezeichnet mit, sondern hatte auch eine ungewöhnlich starke Bühnenpräsenz.

Wie ist nun die Inszenierung gelungen, mit der wir hier in Wien nun viele Jahre leben müssen? Es ist kein großer Wurf geworden. Bechtolf ging die Angelegenheit sehr vorsichtig an. Das wäre nicht zwangsläufig schlecht. Seine wenigen Regieeinfälle jedoch (Götter, die mit Puppen hantieren) oder ein ausgestopfter Wolf als Requisit (Wölfing!) sind vergleichsweise plump. Wagners Ring ist eines der symbolmächtigsten Kunstwerke der abendländischen Kulturgeschichte! Da ist es mit ein paar platten Symbolen auf der Bühne nicht getan, wenn man einigermaßen auf Augenhöhe zum Werk inszenieren will.

Zumindest stört die Regie nicht weiter, und das ist mehr als man in vielen Fällen sagen kann. Operngeschichte wird mit diesem Ring (man denke an die grandiose Kombination von Gustav Mahler und Alfred Roller vor einem Jahrhundert im selben Haus) wohl nicht geschrieben werden.

Richard Strauss: Arabella

Sonntag, November 18th, 2007

Staatsoper 10.11.
Dirigent: Franz Welser-Möst
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf Arabella: Angela Denoke
Zdenka: Alexandra Reinprecht
Mandryka: Morten Frank Larsen
Matteo: Michael Schade

Arabella war die letzte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hofmannsthal und hat zeitgenösssische Liebeswirren in Wien zum Thema. Interessiert hat mich diese Inszenierung nicht zuletzt, weil Sven-Eric Bechtolf gerade den neuen Wiener Ring auf die Bühne bringt (”Die Walküre” hat am 2.12. Premiere), und ich mir einen Eindruck von seinem Regiestil machen wollte. Um damit anzufangen: Es ist eine elegante, exzellent zur Musik passende Inszenierung. Möge er es auch bei Wagner so gut treffen.

Für eine gute musikalische Leistung sorgte Franz Welser-Möst, der dem Staatsopernorchester ein bewährter Wegweiser durch diese Klangkonglomerate war. Gesanglich gab es auch keinen Grund zur Klage.

Erfreulich.

Verdi: Otello

Samstag, Oktober 13th, 2007

Staatsoper 9.10.
Regie: Christine Mielitz
Dirigent: Asher Fisch
Otello, Befehlshaber der venezianischen Flotte: Johan Botha
Jago, Fähnrich: Falk Struckmann
Desdemona, Otellos Gemahlin: Krassimira Stoyanova

Ich bin geneigt, mich dem Urteil anzuschließen, dass “Otello” Verdis gelungeste Oper ist. Er bringt den Stoff in eine musikalische Form, welche die traditionellen Prinzipien der italienischen Oper (etwa die starre Unterscheidung zwichen Rezitativ und Arie) überwindet. Musiksprachlich scheut er nicht vor Dissonanzen zurück: Einige seiner “Harmonien” weisen schon auf Mahler voraus. Die brutale Handlung und Jago als Erzbösewicht gewinnen dadurch große musikalische Glaubwürdigkeit.

Die Aufführung war erfreulich. Die drei Hauptrollen waren sehr gut bei Stimme. Das Wiener Staatsopernorchester schafft es diesmal nicht, das Niveau auf ein ärgerliches Maß zu drücken. Mielitz inszeniert das Stück (für Staatsopernverhältnisse) modern mit Betonung auf Lichtregie. Einziger Fauxpas: Sie lässt lächerlichweise den Darsteller des Otello auf dunkelhäutig schminken. Ansonsten sehr empfehlenswert.

Wagner: Lohengrin

Dienstag, Juli 3rd, 2007

Staatsoper 23.6.
Dirigent: Stefan Soltesz
Inszenierung: Barrie Kosky
Heinrich, der Vogeler: Kwangchul Youn
Lohengrin: Ben Heppner
Elsa von Brabant: Ricarda Merbeth
Friedrich von Telramund: Peter Weber
Otrud: Janina Baechle

Der Abschluss meiner diesjährigen Opernsaison war sehr erfreulich, wie überhaupt dieses Staatsopern-Jahr musikalisch zufriedenstellender war als manche in der Vergangenheit. Die Inszenierung verlegt die Handlung in eine Kunstwelt mit Gegenständen und Räumen, die an überdimensionale Legoinstallation erinnern. Die Distanz zwischen Mythologie und Realität wird dadurch nicht unplausibel zum Ausdruck gebracht.

Das Ensemble war durchgehend erstklassig. Relativieren muss man dieses Lob allerdings bei Ben Heppner (wie oft die berühmtesten Namen enttäuschen!). Er sang bis über die erste Hälfte hinaus sehr auf Sicherheit, um dann am Ende mit seinen Fähigkeiten zu glänzen. Das trübte diesen Opernabend jedoch nur leicht.

Donizetti: Lucia di Lammermoor

Donnerstag, Mai 17th, 2007

Staatsoper 15.5.
Dirigent: Paolo Arrivabeni
Regie: Boleslaw Barlog
Enrico (Lord Henry Ashton): Lucio Gallo
Lucia, seine Schwester: Edita Gruberova
Edgardo (Sir Edgar Ravenswood): Keith Ikaia-Purdy

Im Hinblick auf statistische Wahrscheinlichkeit war ich skeptisch, zwei gute Opernabende hintereinander zu erleben. Erfreulicherweise trog diese Erwartungshaltung. Italienische Oper ist meiner Meinung nach die einzige ästhetisch satisfaktionsfähige Form der Popmusik und “Lucia di Lammermoor” bekanntlich eine der gelungesten Aneinanderreihungen von aparten melodiösen Einfällen.

Auf einer Schauergeschichte Walter Scotts basierend, ist das Libretto naturgemäß weniger subtil als beim “Fliegenden Holländer”. Spätestens bei der ersten Arie der Gruberova trat der semantische Rahmen jedoch in den Hintergrund. Ihre Leistung war sanglich und schauspielerisch schlicht perfekt. Die männlichen Mitsänger schlugen sich ebenfalls tapfer. Ein gelungenes Popkonzert.