Archive for the ‘Oper’ Category

Wagner: Lohengrin

Dienstag, Juli 3rd, 2007

Staatsoper 23.6.
Dirigent: Stefan Soltesz
Inszenierung: Barrie Kosky
Heinrich, der Vogeler: Kwangchul Youn
Lohengrin: Ben Heppner
Elsa von Brabant: Ricarda Merbeth
Friedrich von Telramund: Peter Weber
Otrud: Janina Baechle

Der Abschluss meiner diesjährigen Opernsaison war sehr erfreulich, wie überhaupt dieses Staatsopern-Jahr musikalisch zufriedenstellender war als manche in der Vergangenheit. Die Inszenierung verlegt die Handlung in eine Kunstwelt mit Gegenständen und Räumen, die an überdimensionale Legoinstallation erinnern. Die Distanz zwischen Mythologie und Realität wird dadurch nicht unplausibel zum Ausdruck gebracht.

Das Ensemble war durchgehend erstklassig. Relativieren muss man dieses Lob allerdings bei Ben Heppner (wie oft die berühmtesten Namen enttäuschen!). Er sang bis über die erste Hälfte hinaus sehr auf Sicherheit, um dann am Ende mit seinen Fähigkeiten zu glänzen. Das trübte diesen Opernabend jedoch nur leicht.

Donizetti: Lucia di Lammermoor

Donnerstag, Mai 17th, 2007

Staatsoper 15.5.
Dirigent: Paolo Arrivabeni
Regie: Boleslaw Barlog
Enrico (Lord Henry Ashton): Lucio Gallo
Lucia, seine Schwester: Edita Gruberova
Edgardo (Sir Edgar Ravenswood): Keith Ikaia-Purdy

Im Hinblick auf statistische Wahrscheinlichkeit war ich skeptisch, zwei gute Opernabende hintereinander zu erleben. Erfreulicherweise trog diese Erwartungshaltung. Italienische Oper ist meiner Meinung nach die einzige ästhetisch satisfaktionsfähige Form der Popmusik und “Lucia di Lammermoor” bekanntlich eine der gelungesten Aneinanderreihungen von aparten melodiösen Einfällen.

Auf einer Schauergeschichte Walter Scotts basierend, ist das Libretto naturgemäß weniger subtil als beim “Fliegenden Holländer”. Spätestens bei der ersten Arie der Gruberova trat der semantische Rahmen jedoch in den Hintergrund. Ihre Leistung war sanglich und schauspielerisch schlicht perfekt. Die männlichen Mitsänger schlugen sich ebenfalls tapfer. Ein gelungenes Popkonzert.

Wagner: Der fliegende Holländer

Donnerstag, Mai 17th, 2007

Staatsoper 14.5.
Dirigent:Seiji Ozawa
Regie: Christine Mielitz
Senta, seine Tochter: Nina Stemme
Erik, ein Jäger: Klaus Florian Vogt
Der Holländer: Alan Titus

Oft habe ich mich hier schon über die lähmende Durchschnittlichkeit vieler Repertoireaufführungen in der Staatsoper beklagt. Kaum steht jedoch der Musikdirektor höchstselbst am Pult, geruht sich das Staatsopernorchester plötzlich zu entsinnen, dass es potenziell ein sehr guter Klangkörper ist. Kurz: Musikalisch war der Abend erstklassig. Auch vokal gab es nichts zu bemängeln, Nina Stemme und Alan Titus waren ebenfalls in Bestform. Ein so erfreulicher Opernabend wie schon lange nicht mehr.
Die Vielschichtigkeit dieser Oper finde ich immer wieder anregend. Wagner lässt kongenial die Moderne (in Form des pragmatisch-geldgierigen Vaters) auf die “Märchenwelt” des “Fliegenden Holländer” treffen.

Donizetti: La Favorite

Samstag, Februar 17th, 2007

Wiener Staatsoper 1.2.
Regie: John Dew
Musikalische Leitung: Vjekoslav Sutej
Léonor de Guzman: Luciana D’Intino
Fernand: José Bros
Alphonse XI: Eijiro Kai
Balthazar: Ain Anger

Die französische Urfassung dieser Oper wird selten gegeben, lange wurde vor allem die italienische Version des Stücks aufgeführt. Der Stoff war zur Entstehungszeit heikel: Ein Mönch verlässt aus Liebe das Kloster, nicht wissend dass die Auserwählte die Favoritin seines Königs ist. Enttäuscht kehrt er am Ende ins Kloster zurück, wo es zur großen Versöhnung kommt.

Musikalisch wird hier vorzügliches Belcanto geboten, was auch für diese Aufführung gilt. Ein harmonisches Ensemble lieferte eine gute Leistung ab. Die Inszenierung läßt sich mit zurückhaltend modern beschreiben. Durchaus empfehlenswert.

Mozart: Cosi fan tutte

Sonntag, November 26th, 2006

Theater an der Wien 25.11.
Musikalische Leitung; Daniel Harding
Inszenierung: Patrice Chéreau
Mahler Chamber Orchestra
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Fiordiligi: Erin Wall
Dorabella: Hannah Esther Minutillo
Guglielmo: Stéphane Degout
Ferrando: Shawn Mathey
Despina: Marie McLaughlin
Don Alfonso; Ruggero Raimondi

Vor knapp einem Jahr sah ich “Cosi fan tutte” in der Staatsoper Unter den Linden, witzig in die sechziger Jahre verlegt durch Doris Dörrie. Chéraus Regiestil dagegen ist klassisch: Vor einem vergleichsweise kahlen Bühnenbild, auf das die Requisten bei Bedarf von Statisten getragen werden, wird die Oper in zeitgenössischen Kostümen gegeben. Das klingt verzopfter als es ist, denn inszeniert ist es als “Schauspieler-Komödie” nach allen Regeln der Kunst. Das Libretto lebt auch ohne “orignelle” Regieeinfälle, was mit dieser Aufführung einmal mehr bewiesen ist. Diese Produktion war bereits während der Wiener Festwochen zu sehen und wurde mit dem Festival d’Aix-en-Provence koproduziert.

Die Oper wird in der Langfassung mit allen Arien und Wiederholungen gegegeben, was im letzten Drittel etwas ermüdet. Das liegt naturgemäß nicht an Mozarts Musik, sondern hat dramaturgische Gründe: Das Stück schaltet für zu lange Zeit mehrere Gänge zurück, was bei einer temporeichen Komödie strukturell nicht ideal ist.

Musikalisch gab es wenig auszusetzen. Erin Wall ließ vor Beginn Indisponiertheit verkünden, sang aber trotzdem passabel. Ebenso die beiden männlichen Protagonisten des Treuetests Degout und Mathey. McLaughlin als Despina war großartig, eine Ideale Kombination aus Gesangs- und Schauspielkunst. Letztere war für eine Oper ohnehin auf ungewöhnlich hohen Niveau.

Das Mahler Chamber Orchestra gab sich Mühe, keinen 0815-Mozart aus dem Bühnengraben ertönen zu lassen. Sieht man von einigen Patzern der Bläser an “kammermusikalischen” Stellen ab, wurde auch hier überdurchschnittliches geboten. Sollte das Theater in der Wien in Zukunft regelmäßig Aufführungen auf diesem Niveau bieten, wäre das definitiv eine Bereicherung der Wiener Opernlandschaft.

Bellini: La Sonnabula

Sonntag, November 26th, 2006

Staatsoper 22.11.
Inszenierung: Marco Arturo Marelli
Graf Rodolfo: Michele Pertusi
Amina: Anna Netrebko
Elvino: Antonino Siragusa

Anna Netrebko singt die Amina: Die Aufregung derjenigen, die Opern mit Events verwechseln, war groß. Ich kannte sie bisher nur von Aufnahmen und konnte die bisherige Netrebko-Hysterie nicht nachvollziehen. Sie gehört ohne Zweifel zu den talentiertesten Sängerinnen ihrer Generation und hat eine ungewöhnliche Bühnenpräsenz. Sie deshalb zur neuen Callas zu stilisieren, basiert auf einem ähnlichen Kurzschluss mit dem alle einigermaßen geglückten Familienromane zu neuen “Buddenbrooks” erklärt werden.

Netrebko stellte die eben beschriebenen Qualitäten auch in La Somnabula unter Beweis. Mit Antonio Siragusa hatte sie aber einen unglücklichen Partner an der Seite. Siragusa agierte wie ein gut funktionierender Gesangsroboter, der auf die Bühne rollt, seine Gesangsdateien ohne technischen Probleme abruft, um dann erleichtert wieder von dannen zu ziehen. Seine Kopfstimme ließ jegliches Gefühl vermissen, kurz ein Auftritt von beachtlicher Leblosigkeit. Da half auch Michele Pertusis überzeugender Graf Rodolfo nichts mehr: der Abend war extrem unausgewogen. Dass sich das Staatsopernorchester nicht mit ästhetischen Ruhm bekleckert, darauf braucht man regelmäßige Besucher der Staatsoper ja nicht mehr explizit hinzuweisen.

Mozart: Cosi fan tutte

Sonntag, November 26th, 2006

Theater an der Wien 25.11.
Musikalische Leitung; Daniel Harding
Inszenierung: Patrice Chéreau
Mahler Chamber Orchestra
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Fiordiligi: Erin Wall
Dorabella: Hannah Esther Minutillo
Guglielmo: Stéphane Degout
Ferrando: Shawn Mathey
Despina: Marie McLaughlin
Don Alfonso; Ruggero Raimondi

Vor knapp einem Jahr sah ich “Cosi fan tutte” in der Staatsoper Unter den Linden, witzig in die sechziger Jahre verlegt durch Doris Dörrie. Chéraus Regiestil dagegen ist klassisch: Vor einem vergleichsweise kahlen Bühnenbild, auf das die Requisten bei Bedarf von Statisten getragen werden, wird die Oper in zeitgenössischen Kostümen gegeben. Das klingt verzopfter als es ist, denn inszeniert ist es als “Schauspieler-Komödie” nach allen Regeln der Kunst. Das Libretto lebt auch ohne “orignelle” Regieeinfälle, was mit dieser Aufführung einmal mehr bewiesen ist. Diese Produktion war bereits während der Wiener Festwochen zu sehen und wurde mit dem Festival d’Aix-en-Provence koproduziert.

Die Oper wird in der Langfassung mit allen Arien und Wiederholungen gegegeben, was im letzten Drittel etwas ermüdet. Das liegt naturgemäß nicht an Mozarts Musik, sondern hat dramaturgische Gründe: Das Stück schaltet für zu lange Zeit mehrere Gänge zurück, was bei einer temporeichen Komödie strukturell nicht ideal ist.
Musikalisch gab es wenig auszusetzen. Erin Wall ließ vor Beginn Indisponiertheit verkünden, sang aber trotzdem passabel. Ebenso die beiden männlichen Protagonisten des Treuetests Degout und Mathey. McLaughlin als Despina war großartig, eine Ideale Kombination aus Gesangs- und Schauspielkunst. Letztere war für eine Oper ohnehin auf ungewöhnlich hohen Niveau.

Das Mahler Chamber Orchestra gab sich Mühe, keinen 0815-Mozart aus dem Bühnengraben ertönen zu lassen. Sieht man von einigen Patzern der Bläser an “kammermusikalischen” Stellen ab, wurde auch hier überdurchschnittliches geboten. Sollte das Theater in der Wien in Zukunft regelmäßig Aufführungen auf diesem Niveau bieten, wäre das definitiv eine Bereicherung der Wiener Opernlandschaft.

Mozart: Die Zauberflöte

Samstag, Oktober 14th, 2006

Theater an der Wien 13.10.
Musikalische Leitung Fabio Luisi
Inszenierung, Bühnenbild & Licht Krystian Lupa
Wiener Symphoniker
Arnold Schoenberg Chor (Ltg: Erwin Ortner)
Sarastro Franz-Josef Selig
Tamino Pavol Breslik
Sprecher / Zweiter Priester Andreas Schmidt
Erster Priester Andreas Conrad
Königin der Nacht Sen Guo
Pamina Helena Juntunen
Papageno Roman Trekel

Kennen Sie schlechte Powerpoint-Präsentationen? Alle Elemente werden langweilig von links in die Folie “hineinanimiert” (Standard-Einstellung), die Auswahl der Farben ist degoutant und die Animationen haben keinerlei Bezug zum Inhalt. Wenn Sie diese Frage bejahen, haben Sie bereits eine sehr genaue Vorstellung von dieser missratenen Inszenierung.

Statt von links wie bei Powerpoint, schwebt hier alles von oben ein: Die Königin der Nacht, die Knaben (mehrmals in einem lächerlichen Käfig) und einiges mehr. Mich erinnerte das sehr an eine groteske Zauberflöten-Aufführung des Passauer Stadttheaters zu Schulzeiten: so peinlich, dass es wieder komisch war. Die - wie sich in einem Gespräch vor Beginn herausstellte - opernkundige Dame neben mir, hielt diese Zumutung ziemlich genau eine Dreiviertelstunde durch, bevor sie sichtlich indigniert das Theater an der Wien verließ. Eine seltsame Mischung von Märchenkostümen, Regietheater-Elementen und unpassende Videoprojektionen runden diese grandiose Regieleistung ab.

Musikalisch war die Aufführung, sieht man von einigen Ausrutschern und Fehlbesetzungen ab, durchschnittlich im schlechten Sinn. Die Wiener Symphoniker spielten ihren Mozart so langweilig als wollten sie sich dem Niveau der Inszenierung anpassen. Sen Guc als Königin der Nacht, war der Rolle hörbar nicht gewachsen. “Tamino” und “Papageno” konnten sich aber durchaus hören lassen.

Donizetti: Roberto Devereux

Sonntag, September 24th, 2006

Staatsoper 16.9.
Regie: Silviu Purcarete
Musikalische Leitung: Friedrich Haider
Elisabetta I., Königin von England: Edita Gruberova
Duca di Nottingham, Herzog von Nottingham: Roberto Frontali
Sara, seine Frau: Sonia Ganassi
Roberto Devereux, Graf von Essex; Joseph Calleja

Seit einigen Jahren arbeite ich mich in Sachen Opernrepertoire von sogenannten “schweren” Stücken (Wagner, Richard Strauss, viel 20. Jahrhundert) zum italienischen Belcanto vor. Eine ausführliche Beschäftigung mit Verdi panierte den ästhetischen Weg zu “kulinarischeren” Belcanto-Opern.

Ein musikalisch besonders gelungenes Exemplar dieser Gattung ist “Roberto Devereux”, weniger bekannt als etwa “Lucia di Lammermoor”, aber durchaus ebenbürtig (wenn nicht überlegen). Freunde delikater Melodien und italienischer Opernkunst kommen hier voll auf ihre Kosten.

Speziell wenn die Besetzung so vorzüglich ist, wie in dieser Aufführung. Es gab vokal keine einzige Schwachstelle. Edita Gruberova überzeugte auch schauspielerisch in der artifiziellen Anlage ihrer Figur.

Die Handlung braucht hier nicht nach erzählt werden und besteht im wesentlichen aus einer Klatschgeschichte aus dem britischen Königshaus. Die Inszenierung war dem Stück nicht gewachsen. Sie setzte keine Akzente, störte aber immerhin die Darbietung nicht. In Summe ein höchst erfreulicher Abend.

Wagner: Die Meistersinger

Sonntag, September 10th, 2006

Volksoper 9.9.
Regie: Christine Mielitz
Musikalische Leitung: Leopold Hager
Eva, Pogners Tochter: Barbara Haveman
Hans Sachs, Schuster: Franz Hawlata
Walther von Stolzing: Jeffrey Dowd

Die Spezialität der Wiener Volksoper, neben Staatsoper und neuerdings dem Theater an der Wien das dritte Opernhaus der Stadt, ist eigentlich die leichte Muse. “Märchenhafte” Operninzensierungen und vor allem Operetten dominieren den Spielplan. Als man gestern nach fünfeinhalb Stunden Oper das Haus verließ, wurde man bereits durch Zigeunerbaron-Anschläge intellektuell belästigt.

Ab und zu geben sie im Haus am Währinger Gürtel jedoch auch Hörenswertes. Dazu gehört diese Meistersinger Inszenierung von der an dieser Stelle vor knapp fünf Jahren schon einmal die Rede war.

Eine solide Regiearbeit mit ironischen Untertönen, aber ohne moderne Elemente, wurde geboten. Musikalisch war der Abend (guter) Durchschnitt, speziell Jeffrey Dowd als Stolzing und Barbara Haveman waren gut bei Stimme. Auch die “kleineren” Rollen waren gut besetzt. Leider konnte Franz Haweltas Hans Sachs nicht immer mithalten. Im ersten Akt ging er stimmlich fast völlig unter, während er sich im “Kammerspiel” der folgenden Szenen besser bewährte. Das trübte den Hörgenuss doch deutlich.
Die “Meistersinger” zählt als Stück eindeutig zu meinen Favoriten. Wagner verwendet eine raffinierte ästhetische Strategie: An der Oberfläche bietet er eine unterhaltsame bis witzige Handlung. Dahinter behandelt er eine Reihe von spannenden Kunstfragen. Tradition trifft auf Innovation, Regelästhetik auf Kreativität durch Abweichung. Diese Metaebene, die natürlich auch autobiographisch motiviert ist, gibt der “volkstümlichen” Handlung einen wohltuenden Kontrapunkt, ohne jedoch künstlich aufgesetzt zu wirken.

Mozart: Don Giovanni

Sonntag, Juli 30th, 2006

Theater an der Wien 29.7.
Musikalische Leitung Bertrand de Billy
Inszenierung: Keith Warner
Radio-Symphonieorchester Wien
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Don Giovanni: Gerald Finley
Komtur: Attila Jun
Donna Anna: Myrtò Papatanasiu
Don Ottavio: Mathias Zachariassen
Donna Elvira: Heidi Brunner
Leporello: Hanno Müller-Brachmann
Masetto: Markus Butter
Zerlina: Adriane Queiroz

Angesichts der kulturellen Sommerdürre in Wien freut man sich über jede musiktheatralische Abwechslung. Geboten wurde ein passabler Opernabend. Herausragendes gab es aber keiner Stelle. Bertrand de Billy steuerte sein Orchester irgendwo zwischen Wohlklang und historischer Ruppigkeit durch die Partitur. Gesanglich bewältigte das Ensemble das Stück leidlich, einige, wie Heidi Brunner, manchmal mit hörbarer Anstrengung.

Die Inszenzierung ist wenig konsistent. Keith Warner versetzte die Akteure in ein Hotelambiente und zog viele Szenen ins Komische (samt gelungenen Pointen). Dieser Regieansatz wurde jedoch immer wieder durchbrochen, vor allem durch ein ausgesprochen pathetisches Ende mit viel Theaterblut. Sollte das als Parodie gemeint gewesen sein, kam diese Botschaft zumindest bei mir nicht an.

Die Ensembleszenen und die Choreographie war nicht selten diffus. Hier hätte man vielleicht etwas ausführlicher proben sollen. Mit einem Besuch der Aufführung begeht man keinen Fehler, solange man keinen großen Wurf erwartet.

Mozart: Lucio Silla

Samstag, März 11th, 2006

Theater an der Wien 6.3.
Musikalische Leitung: Nikolaus Harnoncourt
Concentus Musicus Wien
Arnold Schoenberg Chor
Inszenierung: Claus Guth
Lucio Silla: Michael Schade
Giunia: Patricia Petibon
Cecilio: Bernarda Fink

Nach der fürchterlichen Mittelmäßigkeit des “Idomeneo”, zeigte die zweite Oper im Theater an der Wien diesmal, dass man dort Musikkunst auf höchstem Niveau präsentieren kann. Es passte alles: Harnoncourt sorgte für einen lebendigen Rahmen, und der Originalklang verhinderte erfreulicherweise jegliches Abgleiten ins “Schönspielen”, der Hauptverfehlung schlechter Mozartinterpreten.

Die Sänger sangen durchwegs auf hohem Niveau und zeigten auch darstellerisch Talent. Der Arnold Schoenberg Chor war erwartungsgemäß ausgezeichnet. Claus Guth führte vor, wie kluges Regietheater aussehen kann. Starke Bilder, plausible Choreographie, intelligentes Bühnenbild (Drehbühne, die viele überraschende Räume schuf), keine billigen Effekte.

Die Oper selbst gibt dem Zuhörer eine Reihe von produktionsästhetischen Rätseln auf. Wie kann ein Jugendlicher mit beschränkter Lebenserfahrung eine emotional so reife Musik komponieren? Mozarts Sonderstatus wird selten deutlicher als im Frühwerk, das man leider viel zu selten spielt.

Nach diesem Abend sehe ich den weiteren Mozartopern an der Wienzeile optimistischer entgegen.

Mozart: Idomeneo

Sonntag, Februar 12th, 2006

Theater an der Wien 31.1.
Dramma per Musica in drei Akten, KV 366 (1781)
Libretto von Gianbattista Varesco
nach Antoine Danchet
Musikalische Leitung Peter Schneider
Inszenierung Willy Decker
Szenische Mitarbeit Karin Voykowitsch
Ausstattung John Macfarlane
Orchester der Wiener Staatsoper
Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner)
Idomeneo: Neil Shicoff
Idamante: Angelika Kirchschlager
Elettra: Barbara Frittoli
Ilia: Genia Kühmeier

Die erste reguläre Oper im “Theater an der Wien”, aus dem man nun erfreulicherweise das Musical zugunsten ästhetisch Anspruchsvollerem verbannte. Szenisch war die Inszenierung durchaus gelungen, speziell die Choreographie war erfreulich intelligent. Musikalisch hingegen herrschte so trostloses Mittelmaß, dass ich es nur bis zur Pause ausgehalten habe. Das Prädikat “Startenor” muss sich Shicoff bereits vor längerer Zeit verdient haben, er sang ständig angestrengt an der Grenze seiner Möglichkeiten.
Die einzige rühmliche Ausnahme: Der brillante Arnold Schoenberg Chor. Es bleibt zu hoffen, dass es bei den nächsten Opernproduktionen musikalisch steil bergauf geht.

Ich werde berichten.

Mozart: Cosi fan Tutte

Samstag, November 5th, 2005

Berliner Staatsoper 28.10.
Musikalische Leitung: Dan Ettinger
Regie: Doris Dörrie

Vernichtende Kritiken musste Döris Dörrie für ihre ersten Operninzenierungen einstecken. Sie verstünde nichts von Musik und solle sich auf Dinge beschränken, von denen sie etwas verstünde, meinten die Großfeuilletons. Entsprechend skeptisch betrat ich die Berliner Staatsoper. Dörrie verlegte die Oper in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, stattete die Protagonisten und die Bühne entsprechend aus, selbst Hippies fehlten später nicht. Das könnte nun hochgradig peinlich sein. Statt dessen ist Aufführung ausgesprochen witzig und voller Selbstironie. Man sieht und hört gerne zu. Eine gelungene Regietheaterleistung.

Musikalisch überzeugte ein ziemlich junges Team an Solisten. Auch die Musiker und der Dirigent sind jünger als man das in anderen Opernhäusern gewohnt ist, und als regelmäßiger Besucher der gut dotierten Wiener Institutionen sieht man auf der Galerie der Berliner Staatsoper den Pleitegeier sitzen und vergnügt Mozart hören …

Das Orchester spielte auf historischen Instrumenten, was klanglich durchaus interessant war. Ästhethisch stellt man sich aber die Frage, warum bei der musikalischen Aufführungspraxis höchster Wert auf (vermeintliche) Authentizität gelegt wird, auf der Bühne jedoch alles möglich sein darf. Offenbar gibt es hier unterschiedliche Maßstäbe. Der Aufführung hat es nicht geschadet und das ist die Hauptsache.

Thomas Bernhard: Der Atem. Eine Entscheidung [2.]

Dienstag, September 13th, 2005

Werkausgabe Band 10 (Amazon Partnerlink)

Der junge, teilweise fiktive Thomas Bernhard holte sich als Lehrling eine Lungenkrankheit und “Der Atem” schildert die erste Phase dieser Krankheit im Landeskrankenhaus Salzburg. Die trostlosen Zustände dieses medizinischen Etablissements werden weit ausgreifend beschrieben. Im Zentrum steht jedoch der Überlebenskampf des Achtzehnjährigen, der nach Erhalt der letzten Ölung die Entscheidung trifft, weiterleben zu wollen.

Die Auseinandersetzung mit Tod und Krankheit läßt einen an barocke Motive denken. Diese existentielle Radikalität ist ausgesprochen erstaunlich, aber das gilt ja für die Autobiographie insgesamt.

Alban Berg: Wozzeck

Sonntag, April 17th, 2005

Staatsoper 7.4.
Dirigent: Seiji Ozawa
Wozzeck: Franz Hawlata
Marie: Deborah Polaski

Wozzeck zählt aufgrund der dichten musikalischen Expressivität zu meinen bevorzugten Opern. Selten jedoch hörte ich sie in solcher Perfektion. “Chef” Seiji Ozawa hatte die musikalische Leitung, was das Staatsopernorchester aus dem routiniert-behäbigem Repertoirspiel riss und zu einem konzentrierten Spielen anspornte, wie man das von guten Philharmonikerkonzerten kennt.

Hawlata gab einen sängerisch perfekten und emotional glaubwürdigen Wozzeck, Polaski als Marie stand ihm in nichts nach. Toller Abend!

Benjamin Britten: Peter Grimes

Sonntag, März 13th, 2005

Staatsoper 11.3.
Regie: Christine Mielitz
Dirigentin: Simone Young
Peter Grimes: Gabriel Sadé
Ellen Orford: Melanie Diener

Als ich am Freitag routinemäßig in die Oper ging und eine routinemäßige Aufführung erwartete, war die Verblüffung groß als es ein großartiger Opernabend wurde. So musikalisch inspiriert erlebte ich das Wiener Staatsopernorchester schon lange nicht mehr. Vielleicht lag es ja daran, dass dieser Männermusikantenbund von einer Frau dirigiert wurde und sich niemand eine Blöße geben wollte?

“Peter Grimes” kannte ich bisher nur flüchtig. Es dürfte aber auch kunstspartenübergreifend wenige Werke geben, die Verzweiflung und Trostlosigkeit ästhetisch so überzeugend umsetzen. Man kann es förmlich hören, dass dieses Werk am Ende des zweiten Weltkriegs komponiert wurde. Sadés sang Grimes emotional höchst ergreifend. Die Inszenierung war für Staatsopernverhältnisse erfreulich staublos. Tolle Leistung aller Beteiligten.

Alfred Schnittke: Gesualdo

Samstag, Januar 8th, 2005

Staatsoper 26.12.
Regie: Cesare Lievi
Dirigent: Jun Märkl
Don Carlo Gesualdo: Peter Weber
Donna Maria Gesualdo: Nadia Krasteva
Don Fabrizio Caraffa: Jon Dickie

Das Libretto erzählt den “Ehrenmord” des Komponisten Gesualdo (1560-1613) an seiner Gattin und deren Liebhaber. Ein klassischer Opernstoff also, der durch den Beruf des Protagonisten noch durch die Künstlerthematik ergänzt wird.
Zusätzlich erhält der Polystilist Schnittke die Gelegenheit, sich von Gesualdos Musik anregen zu lassen. Musikalisch ist die Oper denn auch sehr komplex, da sich Schnittke aus einem reichen musikhistorischen Fundus bedient, und (im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Opernkomponisten) auch keine Anleihen bei der klassischen Opernästhetik scheut.

Szenisch ist die Aufführung rasant, die schnellen Szenenwechsel erinnern nicht selten an Filmschnitte. Sehr schön, dass die Staatsoper auch solche Werke auf dem Spielplan hat. Sie könnten allerdings öfters angesetzt werden, doch das würde ja der Auslastungsstatistik schaden.

Wagner: Götterdämmerung

Montag, November 15th, 2004

Staatsoper 6.11.
Siegfried: Christian Franz
Brünnhilde: Linda Watson
Hagen: Matti Salminen
Gutrune: Ricarda Merbeth
Alberich: Georg Tichy
Dirigent: Peter Schneider

Ein durchaus gelungener Abschluss des “Ring”. Christian Franz zeigte sich trotz einer verkündeten Indisponiertheit musikalisch akzeptabel in Form. Matti Salminen war als Hagen (wie auch sonst immer) fulminant. Linda Watson gab die Brünnhilde vielleicht etwas zu extrovertiert.

Obwohl dieser Ring nicht von Schwächen frei war (vor allem das Staatsopernorchester könnte mehr Engagement zeigen), war es doch ein akzeptabler Zyklus.

Wagner: Siegfried

Sonntag, November 7th, 2004

Staatsoper 1.11.
Siegfried: John Treleaven
Brünnhilde: Linda Watson
Der Wanderer: Jukka Rasilainen
Dirigent: Peter Schneider

“Siegfried” ist insofern die längste Oper des Ringzyklus als man sich tatsächlich fragen kann, ob jede Minute der viereinhalb Stunden unbedingt dramaturgisch notwendig ist. Musikalisch war der Abend aber durchaus erfreulich. Die Inszenierung schrammt vor allem im zweiten Akt durch übertriebenem Realismus (Stoffwurm Fafner samt ausgestopft falternden Vogel) nicht immer erfolgreich an ungewohnter Komik vorbei.