Archive for the ‘Sachbuch’ Category

Die Biographie eines Ex-Planeten

Samstag, Januar 31st, 2009

Neil deGrasse Tyson, New Yorks populärster Astrophysiker, hat dem Ex-Planeten Pluto sein neues Buch gewidmet.

Lexikon des Mittelalters als Sonderausgabe

Donnerstag, Januar 29th, 2009

Die normale Ausgabe kostet knapp 2000 Euro, unerschwinglich für die Privatbibliothek. Sehr erfreulich also, dass die Wissenschaftliche Buchgesellschaft jetzt eine gebundende Sonderausgabe für 299.- anbietet.

Kaufempfehlung: Encyclopeadia Britannica

Samstag, Januar 3rd, 2009

An anderer Stelle habe ich mich bereits ausführlich über meine Lieblingsenzyklopädie verbreitet. Wer noch keine in seiner Bibliothek stehen hat, sollte jetzt zugreifen: Bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gibt es die schöne, bibliophile Renaissance Edition aus dem Jahr 2005 nun für 999 Euro. Bestellnummer 21314-6

Max Winter

Donnerstag, Dezember 25th, 2008

Expeditionen ins dunkelste Wien: Meisterwerke der Sozialreportage. Picus Verlag

Die Wiener Literatur der Jahrhundertwende wird zurecht viel gelesen und man weiß zumindest abstrakt, dass es vor dem ersten Weltkrieg in Wien eine große Kluft zwischen Arm und Reich gab. Die Palais und rauschenden Feste des Adels und der bürgerlichen Elite auf der einen Seite, die vollgestopften unhygienischen Wohnungen der Arbeiter auf der anderen Seite.

Max Winter verlieh dieser deprimierenden Schattenwelt wortmächtig eine Stimme und liefert damit spannenden sozialgeschichtlichen Hintergrund zu Schnitzler und Co. Ausführliche Reportagen aus dem Wiener Untergrund waren sein Markenzeichen. “Untergrund” ist hier wörtlich und metaphorisch zu verstehen. Er durchwanderte die Kanäle Wiens mit Menschen, deren Lebensunterhalt darin bestand, in den Kloaken der Stadt nach “wertvollen” Gegenständen zu suchen. Ansonsten gibt es Reportagen aus Obdachlosenheimen, aus der Wiener Halbwelt und ähnlichen Milieus. Immer wieder schlich er sich “undercover” ein (von nächtlichen Gefängniszellen bis hin zu den Kulissenschiebern im Burgtheater), Methode Wallraff vor 100 Jahren.

Interessante Lektüre, sehr empfehlenswert.

Bill Bryson

Freitag, Dezember 5th, 2008

Eine kurze Geschichte von fast allem

Brysons Rundumschlag halte ich für ein sehr erstaunliches Buch, weshalb ich hier gerne auf die neue Besprechung von Marius Fränzel verweise.

Janet Browne

Samstag, November 29th, 2008

Darwin’s Origin of Species: A Biography. (Books That Changed the World). Audiobook

Der Reihenname ist etwas irreführend. Zwar schreibt Janet Browne einiges rund um Darwins berühmtes Buch, im wesentlichen handelt es sich aber um eine Einführung in Leben und Werk Darwins und damit in die Evolutionstheorie. Sie macht das nicht schlecht und man bekommt eine ganz brauchbare Begleitlektüre. Enthusiastische Reaktionen auf das Buch wären aber übertrieben.

Königin Noor

Sonntag, Oktober 19th, 2008

Im Geist der Versöhnung. Ein Leben zwischen zwei Welten. List

Auf der Suche nach Büchern für die Vorbereitung meiner Jordanien-Reise, wurde mir diese Autobiographie empfohlen. Geschrieben von der in den USA aufgewachsenen Gattin des König Husseins sollte man hintergründige Einblicke in das Land erhalten. Mein Eindruck von dem Buch ist zwiespältig. Es stimmt zwar, dass man einiges zu den Hintergründen der Geschichte Jordaniens seit den sechziger Jahren erfährt, darunter auch Interna über politische Abläufe im Königshaus und der jordanischen Regierung. Man wird aber während der gesamten Lektüre den Eindruck nicht los, nur an der Oberfläche zu kratzen.
Zusätzlich bringt es das Genre mit sich, dass fast alle Handlungen Husseins gerechtfertigt werden, und Königin Noor als treue Gattin ein sehr loyales Bild entwirft. Das wird speziell bei so umstrittenen historischen Ereignissen deutlich, wie Husseins (scheinbare?) Unterstützung Sadam Husseins im ersten Golfkrieg.
Nimmt man doch die unvermeidlichen Passagen hinzu, welche um Heirat, Hof und Kinder kreisen, von denen ich mir erlaubt habe, viele zu überblättern, fällt das Gesamturteil ziemlich negativ aus. Wer nach Jordanien fährt, sollte aus Metainteresse einen Blick hinein werfen, alle anderen können sich die Lektüre sparen.

David Quammen

Montag, Oktober 13th, 2008

The Reluctant Mr. Darwin. An Intimate Portrait of Charles Darwin and the Making of His Theory of Evolution. Audiobook

Im Zuge meines kleinen Darwin-Projekts stieß ich auf dieses kleine Buch, das in bester angelsächsischer populärwissenschaftler Tradion eine Einführung in Darwins Leben und Werk bietet. Keine spektakuläre publizistische Leistung, aber doch ein solider Titel, dessen Lektüre (in meinem Fall Anhören) durchaus lohnt.
Quammen konzentriert sich - mit biographischen Rückblenden - auf die Zeit der Entstehung der Evolutionstheorie. Darwins berühmte Reise auf der Beagle klammert er explizit aus. Man erfährt viel über die Vorläufer von Darwins Theorie, seine Lebensumstände, seine zum Teil skurrilen Experimente und natürlich auch über die Entstehung und Inhalt seiner berühmten Theorie. Auch die Verlagsseite der Angelegenheit (Verleger, Auflagen, Text) kommt dabei nicht zu kurz. Empfehlenswerter Begleiter zur Lektüre von “The Origins of Species”.

Neue Bücher von Philip Roth und Tony Judt

Sonntag, September 28th, 2008

Zwei Autoren, die ich sehr schätze. Philip Roth, bekanntlicher einer der besten amerikanischen Romanciers, hat einen neuen Roman geschrieben, den Charles Simic in der aktuellen New York Review of Books ausführlich rezensiert. Für diese erstklassige Zeitschrift schreibt auch Tony Judt regelmäßig, ein brillanter Publizist, der zu den unterschiedlichsten Themen ebenso intelligente wie inspirierte Artikel schreibt. Eine Sammlung dieser Texte liegen nun seit Mai in einem Band mit dem Titel Reappraisals: Reflections on the Forgotten Twentieth Century vor.

ATLANTICA . Der neue große Satelliten-Weltatlas

Dienstag, April 22nd, 2008

Bertelsmann Lexikon Verlag, gebundene Ausgabe (Amazon Partnerlink)

Wer in Zeiten von Google Earth und Maps nicht darauf verzichten will, ab und zu in einem gedruckten Atlas zu blättern, der ist mit “Atlantica” sehr gut bedient. Zusätzlich zum “klassischen” Kartenmaterial in guter Qualität finden sich immer wieder Satellitenbilder von geographisch interessanten Orten und natürlich von vielen Städten. Habe ihn vor längerer Zeit gekauft und ihn inzwischen nach und nach komplett “gelesen”.

Neue Balzac-Biographie

Samstag, November 17th, 2007

Diogenes Verlag (Amazon Partnerlink)

Johannes Wilms legt eine neue Biographie über diesen schillernden Klassiker vor. Laut Claudius Seidl in der heutigen Ausgabe der FAZ eine solide Arbeit, wenn auch etwas zu zynisch.

Ernst Piper: Savonarola. Prophet der Diktatur Gottes. Biographie

Samstag, November 3rd, 2007

pendo pocket (Amazon Partnerlink)

Zur totalitären Staatsphilosophie Platons passt vorzüglich der fanatische Mönch Savonarola (1452-1498), der in Florenz als begnadeter Hassprediger wirkte und vor seiner Exekution als Ketzer für einige Jahre eine Art Gottesstaat in dieser lebenslustigen Stadt errichtete. Diese Episode ist für die an Fundamentalismen reichlich gesegnete Gegenwart natürlich aufschlussreich. So fallen schnell die Gemeinsamkeiten über die Epochengrenzen hinweg ins Auge: Plato lässt seinen Sokrates ebenso nach Zensur rufen wie heutige Fanatiker. Die Taliban sprengen Kunstwerke und verbieten Musik als Gefahr für die Sittlichkeit. Im Iran terrorisieren junge Revolutionswächter gerne die Jugend in den Städten.

Savonarola hatte ähnliche Sorgen und verwendete ähnliche Taktiken. Er predigte wortgewaltig gegen Sittenverfall (auch heute noch beliebter Fokus: Homosexualität) und ließ 1497 und 1498 in Florenz “Verbrennungen der Eitelkeiten” abhalten, denen zahlreiche Kunstwerke zum Opfer fielen. Öffentliche Würfelspieler wurden ex cathedra mit dem Scheiterhaufen bedroht. Wie so viele Fanatiker nach ihm, bediente sich Savonarola für die Umsetzung seines Tugendterrors junger Menschen: Er gründete eine Kinderpolizei.

Wie allen Fundamentalisten waren ihm Bildung und Bücher ein Gräuel:

Auch aus der Wissenschaft, oder doch einer übermäßigen Beschäftigung mit ihr, erwuchsen nach Savonarolas Überzeugung Gefahren. Die Lektüre der Klassiker wollte er an den Schulen auf Homer, Vergil und Cicero beschränkt sehen. Bei weiterem Nachdenken kam Savonarola zu der Erkenntnis, daß es am besten wäre, die Kenntnis der Wissenschaft auf einige wenige zu beschränken. Diese Spezialeinheit sollte bereit gehalten werden für Auseinandersetzungen mit feindlichen Gelehrten. Für den Durchschnittsmenschen aber seien die Kenntnis der Grammatik, der guten Sitten und Religionsunterricht ausreichend. [S. 95]

Ernst Piper gibt in seinem kleinen Buch einen Überblick über diese bemerkenswerte Episode der europäischen Geschichte. Die Knappheit ist auch der einzige Kritikpunkt, den man anbringen kann. Zwar kommen alle wichtigen Aspekte zur Sprache, aber von einer “Biographie” wie im Untertitel kann keine Rede sein. Dafür ist zu viel einführend von der Renaissance die Rede und zu wenig über den Menschen Savonarola. Trotzdem eine empfehlenswerte Publikation, die das Thema aber lange nicht ausschöpft.

Ingrid Nowel: London. Biographie einer Weltstadt

Samstag, Oktober 13th, 2007

Dumont Kunstreiseführer (Amazon Partnerlink)

Wie schon Ihr Kunstreiseführer “Berlin”, ist auch Nowels Buch über London ein verlässlicher Begleiter für Kulturreisende. Die ersten fünfzig Seiten sind wie immer (kultur)geschichtlichen Themen entwickelt, während der Hauptteil des Buches einzelne Gegenden der Stadt (nicht nur die “touristischen”) und deren Sehenswürdigkeit auf akademischem Niveau beschreibt. Moderne Architektur kommt dabei ebensowenig zu kurz wie weichere kulturelle Themen (etwa das multikulturelle Eastend).

Bart Ehrman: Misquoting Jesus

Donnerstag, Oktober 11th, 2007

“The Story Behind Who Changed the Bible and Why” HarperOne, Paperback (Amazon Partnerlink)

Vorab sei erwähnt, dass ich dieses Buch als ungekürztes Hörbuch “las”. Ehrman ist mir als exzellenter Vortragender bei diversen Vorlesungen der Teaching Company bekannt.

Wer sich einmal darüber informieren möchte, auf welchen verschlungenen Wegen das Neue Testament als Text den Weg in unsere modernen Bibelausgaben fand, ist mit dieser vorzüglich lesbaren Einführung in die Geschichte der Textkritik des NT gut beraten. Frank Schirrmacher schrieb vorgestern einen seltsamen Leitartikel für die FAZ: Im ersten Teil raunte er affirmativ von der Wiederkehr des Religiösen, um dann übergangslos eine kritische Ausgabe des Koran zu fordern. Anscheinend war er beim Schreiben nicht erleuchtet genug, um zu erkennen, dass kritische Ausgabe von religiösen Texten seinem ersten Ansinnen nicht gerade förderlich sind.

Wissen ist des Glaubens größter Feind. Die Kirchengeschichte belegt das ebenso eindrücklich wie die von den Taliban angezündeten Schulen und erschossenen Lehrer. Wieso dies der Fall ist, lässt sich am Thema der Bibelkritik sehr schön zeigen. Religiöse Fundamentalisten nehmen die Bibel wörtlich. Der Text sei göttlich inspiriert und man müsse ihn buchstäblich befolgen. Dieser Unsinn ließe sich natürlich schon durch den Hinweis darauf widerlegen, wie Texte und deren Interpretation funktioniert. Noch schöner tritt die Absurdität dieser Behauptung aber verschämt ans Tageslicht, wenn man sich die Entstehung des Textes ansieht. Die Überlieferung beginnt bekanntlich erst mehrere Jahrhunderte nach der Zeitenwende, von wenigen Fragmenten einmal abgesehen.

Ohne hier ins Detail gehen zu können: Bereits die erste kritische Ausgabe des griechischen Bibeltextes, Anfang des 18. Jahrhunderts, konnte 30.000 Textabweichungen aller Art nachweisen, was damals einen Skandal auslöste. Heute weiß man, dass die Unterschiede in den diversen Manuskripten kaum zu zählen sind: Es sind mehr als das NT Wörter enthält.
Zusätzlich kann man belegen, wie oft die Schreiber der frühen Manuskripte die Texte veränderten. Das reicht von simplen Schreib- und Hörfehlern bis hin zu ideologisch motivierten Eingriffen aufgrund theologischer Präferenzen. Ehrman bringt für jede Kategorie vorzüglich belegte Beispiele.

Wer diese Fakten kennt, für den ist die Absurdität einer wörtlichen Bibelinterpretation evident. Oder wie Ehrman es sinngemäß ausdrückt: Hätte sich Gott der Mühe einer wörtlichen Inspiration unterzogen, hätte er wohl auch sichergestellt, dass diese Manuskripte nicht verschwinden…

Es sei noch erwähnt, dass Ehrman kein Atheist ist. Seine Biographie belegt im Gegenteil, dass sich Wissen und Fundamentalismus ausschliessen. Ehrman startete nämlich als naiver Evangelikaler. Er spezialisierte sich dann auf Bibelphilologie, lernte alle dafür notwendigen alten und neuen Sprachen und sah sich die Manuskripte der Überlieferung an: Aus dem jungen Fundi ist inzwischen einer der kritischsten Bibelwissenschaftler in den USA geworden.

Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie

Sonntag, August 12th, 2007

Fischer Taschenbuch (Amazon Partnerlink)

Es ist kein Geheimnis, dass Thomas Mann zu meinen bevorzugten deutschen Autoren gehört. Seine großen Romane las ich alle mehrfach und werde sie immer wieder lesen. Er brachte die Form des psychologisch-realistischen Romans zu ihrem Höhepunkt, ganz ähnlich wie das Mahler mit der Symphonie gelang. Mehr ging nicht, ohne die Form zu zerbrechen und atonal zu werden.

Kurzkes Biographie hebt sich deutlich vom derzeit vorherrschenden Prinzip (vor allem im angelsächsischen Raum) ab, die prominenten Gegenstände dieser Bücher in irgendeiner Form zu entlarven. Kurzke könnte nicht weiter von diesen Entrüstungsbiographen entfernt sein. Man merkt von Anfang an, dass er Thomas Mann gewogen ist. Nicht unkritisch, aber doch in allen Streitfragen für Thomas Mann argumentierend (etwa, ob er ein Antisemit gewesen sei). Kurzke liest genau und versucht unter die Oberfläche dieser Konflikte einzudringen. Er analysiert diese Fragestellungen aus der Zeit des Entstehens heraus. Eine freundlichere Biographie wird Thomas Mann so schnell nicht wieder bekommen.

Es wäre nun falsch, aus dieser affirmativen Perspektive einen Vorwurf zu konstruieren. Denn Kurzke verschweigt keine der bekannten politischen oder familiären Eskapaden seines Schützlings. Man bekommt also durchaus ein rundes Bild. Die nicht unplausible Hauptthese des Buches lautet, dass sich hinter Manns spießbürgerliche Fassade ein antibürgerlicher Künstler versteckt, der dieses psychologische Nicht-Hineinpassen brillant in seinen Werken auslebt. Wer diese für Mann notwendige Spannung, wie viele seiner Zeitgenossen, nicht verstand, konnte ihn und seine Arbeiten nur falsch beurteilen.

Als Methode wählt der Biograph einen Mischansatz aus Chronologie und thematischen Kapiteln. Letztere dominieren, denn äußere Ereignisse werden zu Beginn jedes Abschnitts immer nur kurz zusammengefasst, um sich dann ausführlich mit “Juden”, “Krieg” oder “Republikanischer Politik” zu beschäftigen. Wie die meisten Lebensbeschreiber, sucht Kurzke Manns Werke nach biographischen Lesarten ab. Für meinen Geschmack geht er dabei an die Grenze des hermeneutisch zulässigen und überschreitet sie auch in einigen Fällen. Anders als Corino in seiner Musil-Biographie ist er sich aber dieser Problematik bewusst und thematisiert sie auch regelmäßig.

Ich habe diese Biographie jedenfalls sehr gerne gelesen, und kann allen Freunden des Autors nur zur Lektüre raten. Eine Kombination mit einem neutraleren Werk (etwa von Donald Prater) wäre aber ratsam.

Klaus Brinkbäumer: Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee

Montag, Juli 16th, 2007

S. Fischer (Amazon Partnerlink)

Wir kennen sie nur aus panischen Medienberichten, diese Afrikaner, die ihr Leben aufs Spiel setzen und die in kleinen Booten versuchen, die mit allen technischen Finessen geschützte Südgrenze der EU zu überwinden. Die Einzelschicksale verstecken sich hinter abstrakten Zahlen. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass Klaus Brinkbäumer, Afrika Korrespondent des “Spiegel”, in seinem neuen Buch diese Flüchtlingstragödie mit einem Gesicht versieht: John Ekow Ampan. Er war einer der Glücklichen, die es nach Europa geschafft haben. Brinkbäumer konnte ihn überzeugen, seine westafrikanische Fluchtroute mit ihm noch einmal zu bereisen: Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Niger, Algerien, Marokko. Tausende Flüchtlinge sind hier oft Jahre unterwegs, zu teuer und zu mühsam ist die Reise durch den Kontinent.

Brinkbäumer gelingt es, die ungeheuren psychischen und physischen Strapazen anschaulich zu machen, welche diese Menschen für die geringe Chance auf sich nehmen, nach Europa zu kommen. Viele Beteiligte (Flüchtlinge, Schlepper, Familien) kommen zu Wort. Ein weiteres Verdienst des Buches ist es, die katastrophalen Zustände speziell in vielen afrikanischen Städten zu schildern. Wäre Dante unser Zeitgenosse, er könnte seine Höllenkreise diesmal auf der Oberfläche unseres Planeten ansiedeln. Über Lagos:

Es ist eine erbärmliche Stadt. 15 Millionen Menschen und nichts als Dreck und Müll und Schlamm. Wege durchs Abwasser sind Bretter, die hineingeworfen wurden, damit mal halbwegs trocken rüberkommt - diese Bretter heißen Hauptstraßen

[…]

Lagos ist Stau: eine einzige Masse von Autos, und zwischen den Autos zwängen sich Blinde, Krüppel, zehn.- zwölfjährige Jungs hindurch, auf den Köpfen Eimer mit Getränken. Sie flehen die Fahrer an, manchmal reichen sie die Getränke nach innen, aber dann schließt sich die Scheibe, es gibt kein Geld; sie können nichts dagegen tun, denn würde sie einem Reichen das Auto zerkratzen, hätten sie es künftig nicht leicht in den Straßen der Stadt. Es reicht ja, wenn hier einer ruft: “Ein Dieb, der da ist ein Dieb”, dann kommt der Mob und einer findet immer einen Autoreifen, und einer findet immer Benzin, und dann zünden sie den Dieb an, den angeblichen, und ermorden ihn, und dann gehen sie weiter. Solche Szenen sind viel zu normal in Lagos. [S. 79f]

Wer wollte hier nicht weg?

Brinkbäumer zeichnet ein düsteres Bild des Kontintents. Die Reportage ist immer wieder unterbrochen durch historische und analytische Passagen, die nach meinem Geschmack durchaus ausführlicher hätten sein dürfen. So beschreibt er etwa, dass viele Weiße Westafrika verlassen ohne mit einem Wort zu erwähnen, dass nun viele Chinesen an deren Stelle treten. Ein sehr lesenswertes Buch.

Business Language aus Stuttgart?

Sonntag, Mai 27th, 2007

Wer das Vergnügen hat, die Phrasen des Wirtschaftslebens regelmäßig genießen zu können, weiß ob deren intellektueller und ästhetischer Qualität. Deshalb kann man nur den Kopf schütteln, wenn sich Reclam (Platon, Sophokles, Shakespeare, Goethe!) nun in die Untiefen der “Business-Ratgeber” verlaufen hat. Muss das wirklich sein?

Jonathan Spence: Mao Zedong

Freitag, Mai 18th, 2007

Penguin Lives; Audiobook, unabridged (Amazon Partnerlink)

Alles Leugnen wäre zwecklos: Das Chinathema lässt mich noch nicht los. Diese kleine Biographie gibt einen knappen, aber fundierten Überblick über das Leben eines der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts. Womit ich auch schon bei meinem Haupteinwand gegen das Buch wäre: Es ist mir etwas zu “neutral”, was Maos Verbrechen angeht. Das bezieht sich weniger auf Beschönigungen irgendwelcher Art, sondern auf den Platz, den Spence diesem Aspekt widmet. Ansonsten eine solide Einführung.

Anke Kausch: China. Die klassische Reise

Samstag, Mai 5th, 2007

Dumont Kunstreiseführer (Amazon Partnerlink)

Die von Dumont herausgegebene Reihe der Kunstreiseführer hat sich bei mir inzwischen zum unverzichtbaren Reisebegleiter entwickelt. So begleitete mich der Band über China ebenfalls dorthin. Die Informationen zu den einzelnen Stätten sind ausführlich und auf akademischem Niveau. Die sorgfältig ausgewählten Fotos und Pläne erfüllten ebenfalls ihren Zweck.
Der allgemeine Teil fällt angesichts der Fülle des möglichen Stoffs naturgemäß zu knapp aus, weshalb man zusätzlich auf andere Bücher zurückgreifen sollte, von denen ich hier ja einige empfahl.

Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung

Dienstag, Mai 1st, 2007

Le monde diplomatique/taz-Verlag (Amazon Partnerlink)

Wie erkenntnisfördernd Karten sein können, zeigt die wöchentliche Arte Sendung “Mit offenen Karten”. In etwa 10 Minuten wird eine überraschend große Menge an geographischen bzw. geopolitischen Informationen gepackt. In Buchform ist der Gehalt natürlich noch dichter und der Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique setzt auf dieses Konzept. In mehreren großen Kapiteln (u.a. Die neue Geopolitik; Gewinner und Verlierer; Der Aufstieg Asiens) wird die aktuelle Lage der Welt analysiert. Jedes Thema wird auf einer Doppelseite mit viel Text abgehandelt und mit zahlreichen intelligent gezeichneten Karten von Philippe Rekacewicz veranschaulicht.
Es dürfte derzeit auf dem Buchmarkt keine andere Möglichkeit geben, sich in dieser kompakten Fülle über die relevanten Vorgänge auf diesem Planten zu informieren. Eine uneingeschränkte Empfehlung zumal zu diesem Schnäppchenpreis (12 Euro).