Archive for the ‘Skeptizismus’ Category
Joel and Ethan Coen: A Serious Man
Sonntag, Februar 7th, 2010Filmcasino 24.1.
Mit ihrem neuen Film ist in den beiden Brüdern ein beachtlicher Wurf gelungen. Im Mittelpunkt steht der junge jüdische Physikprofessor Larry Gopnik, dessen Leben aus mehreren Gründen in die Krise gerät. Nicht nur will ihn seine Gattin verlassen, ein Student versucht ihn außerdem für eine gute Note zu bestechen. Die Karriere ist gefährdet. Sein exzentrischer Bruder Arthur ist bei ihm eingezogen und macht die Situation noch komplizierter.
Im Mittelpunkt steht allerdings die (autobiographische?) Auseinandersetzung mit dem jüdischen Milieu und vor allem der jüdischen Religion. Das wird schon zu Beginn klar: Der Film eröffnet mit einer komplett in Jiddisch gehalten Szene in einem Shtetl in der irrationale Kompenenten im Weltbild seiner Vorfahren in Szene gesetzt werden. Larry Gopnik sucht im Laufe seiner Lebenskatastrophe Rat bei diversen Rabbis, was zu einer ebenso komischen wie bitterbösen Abrechnung mit diesem Religionstheater gerät.
Die Schauspieler sind grandios gewählt und konfrontieren den Zuseher mit furiosen Skurilitäten. Der beste Film der Brüder seit vielen Jahren und eine uneingeschränkte Empfehlung.
Menschenopfer gestern und heute
Donnerstag, Januar 7th, 2010Zufällig stieß ich heute auf zwei Geschichten, die einen weiten historischen Bogen zu einem Thema spannen, das unsere Säugetierart nicht von von ihrer besten Seite zeigt. In der aktuellen Ausgabe von National Geographic (January 2010) ist ein lesenswerter Artikel über Ahnenverehrung und die Begräbnissitten in China. Titel Restless Spirits, leider nicht online verfügbar. Darin heißt es über die religiös motivierten Menschenoper zur Shang-Zeit (1600-1045):
An archaeologist once told me that he counted 60 different ways a person could be killed during a Shang ceremony.
Eine beeindruckende Fantasie beim Töten von Menschen! Zum empörten Naserümpfen besteht aber kein Anlass. In Afrika werden aufgrund eines weit verbreiteten Hexenaberglaubens ebenfalls viele Mitmenschen gewaltsam ins Jenseits befördert. Das war heute bei der BBC im Beitrag Witch-doctors reveal extent of child sacrifice in Uganda nachzulesen:
“They capture other people’s children. They bring the heart and the blood directly here to take to the spirits… They bring them in small tins and they place these objects under the tree from which the voices of the spirits are coming,” he said.
Asked how often clients brought blood and body parts, the witch-doctor said they came “on average three times a week - with all that the spirits demand from them.”
So viel an dieser Stelle zur menschlichen Lernkurve.
John Gray
Sonntag, Dezember 27th, 2009Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia (Penguin)
(Deutsche Ausgabe)
Als “Professor for European Thought” an der London School of Economics ist John Gray natürlich ein Kenner der Geistesgeschichte. Diese Kenntnisse von der Antike bis zur Gegenwart führt er ins Feld, um die These seines neuen Buches zu belegen: Selbst scheinbar säkulare Theorien und Weltanschauungen seien in Wahrheit tief vom Christentum und speziell von den apokalyptischen Elementen dieser Religion geprägt. Diese Prägung sei schuld an fast allen politischen Katastrophen der Moderne.
Das klingt vergleichsweise krude. Gray schafft es jedoch eine plausible Indizienkette zu erstellen. Sein berechtigter Ausgangspunkt: Das Christentum führt erstmals in der Geistesgeschichte die Idee ein, es gäbe einen zielgesteuerten Fortschritt in der menschlichen Geschichte (Teleologie), ein Gedanke, der den antiken Philosophen fern lag. Diese Idee des Fortschritts führte zur Entstehung des utopischen Denkens in diversen Ausprägungen. Gray zählt auch die Aufklärung dazu. Unter “Utopie” versteht Gray eine Zukunftsvorstellung, welche aufgrund unrealistischer und überzogener Erwartungen an die Natur des Menschen unmöglich in die Praxis umzusetzen ist:
Aristotle and Aquinas held to a teleological view of the world that modern science has rendered obsolete. Each viewed the cosmos as a system in which everything has a purpose. Since Darwin, this view of the natural world has ceased to be available. Nature is ruled by chance and necessity, and natural laws are regularities rather than prescriptions for the good life. If there is a realm of value behind beyond the physical world it cannot be reached by human reason. (186)
Nimmt man noch die seit der Französischen Revolution in Europa eingeführte “Methode” hinzu, solche Utopien mit Gewalt und Terror erzwingen zu wollen, so hat man das Rezept für die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in der Hand. Es erübrigt sich zu schreiben, dass Gray Kommunismus und Nationalsozialismus für politische Religionen hält, was er in zwei Kapiteln begründet. “Modern revolutionary movements are a continuation of religion by other means.” (3)
Ich kann Gray nicht an jedem einzelnen Punkt seiner Argumentation folgen. Seine Kritik der Teleologie reiht ihn jedenfalls selbst in die Reihe der Aufklärer ein. Tatsächlich gibt es keine Belege dafür, dass sich die Menschheit mit einer Art naturgesetzlichen Sicherheit fortschrittlich entwickelt. Lebensbedingungen, Technik etc. entwickeln sich rasant weiter und werden ebenso rasant für Verbrechen in neuen Dimensionen eingesetzt, wie ein Blick auf das letzte Jahrhundert zeigt.
In einigen Kapiteln begibt sich Gray dann in die politische Gegenwart und klopft die amerikanische Außenpolitik der letzten zehn Jahre, die Neokonservativen und -liberalen sowie die Politik des Tony Blair erfolgreich nach diese irrationalen Elementen ab. Am Schluss des Buches beschreibt Gray völlig illusionslos die Natur des Menschen ohne religiösen und metaphysischen Überbau. Das Ergebnis ist wenig erfreulich.
Ein provokantes, aufklärerisches, lesenswertes Buch.
Religion und Evolution
Freitag, Dezember 25th, 2009Seit einigen Jahren wird die Frage heftig diskutiert, inwieweit man das Entstehen der Religion evolutionstheoretisch erklären kann. Nicholas Wade setzt sich damit in seinem Buch The Faith Instinct: How Religion Evolved and Why it Endures auseinander. Eine lesenswerte Rezension findet sich im Economist:
Whatever Darwin’s personal sensibilities, Mr Wade is convinced that a Darwinian approach offers the key to understanding religion. In other words, he sides with those who think man’s propensity for religion has some adaptive function. According to this view, faith would not have persisted over thousands of generations if it had not helped the human race to survive. Among evolutionary biologists, this idea is contested. Critics of religion, like Richard Dawkins and Steven Pinker, suggest that faith is a useless (or worse) by-product of other human characteristics.
[…]
These objections aside, this is a masterly book. It lays the basis for a rich dialogue between biology, social science and religious history. It also helps explain a quest for collective ecstasy that can take myriad forms.
Über aktuelle Ersatz-Religionen
Donnerstag, Dezember 3rd, 2009Theories of modernization are not scientific hypotheses but theodicies - narratives of providence and redemption - presented in the jargon of social science. The beliefs that dominated the last two decades were residues of the faith in providence that supported classical political economy. Detached from religion and at the same time purged of the doubts that haunted its classical exponents, the belief in the market as a divine ordinance became a secular ideology of universal progress that in the late twentieth century was embraced by international institutions.
[…]
Despite its claim of scientific rationality, neoliberalism is rooted in a teleological interpretation of history as a process with preordained destination, and in this as in other respects it has a close affinity with Marxism.
John Gray: Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia S. 105ff.
Gute Nachrichten aus dem Vatikan!
Mittwoch, Oktober 28th, 2009Europa wird zunehmend liberaler. Umfangreiche Reformen in Spanien unter der neuen progressiven Regierung, wurde gegen den heftigen Widerstand der Kirche beschlossen. Die EU-Verfassung findet sich ohne göttliche Hilfe hervorragend zurecht und ein engstirniger katholischer Italiener führt zu einem Veto des EU Parlaments gegen die Kommission.
Der Vatikan sieht seinen Einfluss schwinden, und reagiert mit panischen Stellungnahmen. So wurde von wörtlich von einer antikatholischen Inquisition gesprochen. Eine ausführliche Zusammenfassung der Ereignisse findet sich ebenfalls bei der BBC unter dem Titel Vatican battles for EU influence.
Afrikanische Kirchen foltern Kinder
Sonntag, Oktober 18th, 2009Unter dem Vorwand “Hexen” zu sein, werden regelmäßig afrikanische Kinder misshandelt. Ein Beispiel ist hier nachzulesen. Bevor man aber vorschnell die Nase über “Afrika” rümpft, lese man den irischen Bericht über die systematische sexuelle Ausbeutung von Jungen über Jahrzehnte (in Wahrheit: Jahrhunderte) in den katholischen Kinder”heimen” dort. Wer noch nicht aus der Kirche ausgetreten ist, finanziert das alles mit. Ob das der sicherste Weg ist, mit guten Taten in den Katholikenhimmel zu kommen?
Biographisches Wünsch-Dir-Was im Standard
Sonntag, September 6th, 2009Kurzportraits von 50 Atheisten
Mittwoch, Juli 15th, 2009Brainz hat fünfzig Atheisten ausgewählt und stellt diese in chronologischer Reihenfolge vor. Der Schwerpunkt liegt auf dem letzten Jahrhundert, so fehlt etwa der von mir geschätzte Xenophanes.
Bart Ehrman
Sonntag, Juni 14th, 2009Jesus Interrupted. Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (and Why We Don’t Know about Them)
Wer Fakten über das Neue Testament oder das Frühchristentum wissen will, ist mit Bart Ehrman bestens aufgehoben. Das zeigte Misquoting Jesus und bestätigt auch sein neues Buch. Es richtet sich in erster Linie an seine amerikanischen Landsleute deren Religiösität bekanntlich indirekt proportional zu Ihrem Wissen über religiöse Angelegenheiten ist. Mit “Jesus Interrupted” will Ehrman Aufklärungsarbeit leisten. Er beschreibt pointiert die Erkenntnisse der historischen Bibelforschung und vernachlässigt dabei nicht die Geschichte des Frühchristentums. Wer sich bereits mit der Materie beschäftigt hat, wird allerdings nichts Neues erfahren.
Schwerpunkt der Darstellung sind die gerne übersehenen zahlreichen Widersprüche im Neuen Testament und der Unmöglichkeit, den meisten von ihnen mit Hilfe hermeneutischer Verrenkungen beizukommen. Wie alle Bücher von Bart Ehrman ist auch dieses sehr empfehlenswert.
Sehe eben, dass es inzwischen wenigstens eines seiner Bücher auf Deutsch gibt: Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist .
Warum glauben Menschen an “unsichtbare” Einflüsse?
Samstag, Mai 23rd, 2009Ein interessanter Artikel von Michael Shermer in Scientific American, warum so viele Menschen an “invisible agents” glauben:
Souls, spirits, ghosts, gods, demons, angels, aliens, intelligent designers, government conspirators, and all manner of invisible agents with power and intention are believed to haunt our world and control our lives. Why?
The answer has two parts, starting with the concept of “patternicity,” which I defined in my December 2008 column as the human tendency to find meaningful patterns in meaningless noise. Consider the face on Mars, the Virgin Mary on a grilled cheese sandwich, satanic messages in rock music. Of course, some patterns are real. Finding predictive patterns
in changing weather, fruiting trees, migrating prey animals and hungry predators was central to the survival of Paleolithic hominids. […]
Biblische Werte
Freitag, Mai 1st, 2009There is not one word in the Bible in praise of intelligence.
Bertrand Russell
Bart Ehrman
Samstag, April 25th, 2009Ehrman schreibt exzellente Bücher über Religionsgeschichte. Er informiert ohne religiöse Voreingenommenheit über aktuelle Erkenntnisse der Bibelforschung und zeigte bereits in mehreren Büchern - angesichts der textlichen Überlieferungsgeschichte - die Naivität derjenigen auf, welche die Bibel für bare Münze nehmen.
Nun gibt es ein neues Buch von ihm, Jesus, Interrupted: Revealing the Hidden Contradictions in the Bible (and Why We Don’t Know about Them).
Meine Notiz zum letzten Buch von Ehrman findet sich hier.
Robert-Musil-Zitate (11)
Freitag, April 24th, 2009Es gibt schlechterdings keinen bedeutenden Gedanken, den die Dummheit nicht anzuwenden verstünde, sie ist allseitig beweglich und kann alle Kleider der Wahrheit anziehen. Die Wahrheit dagegen hat jeweils nur ein Kleid und einen Weg und ist immer im Nachteil.
Museum der Stadt Bad Ischl oder über das Kulturverständnis der Provinz
Sonntag, März 29th, 200922.2.
Vor gut einem Monat hatte ich das Vergnügen, das “Museum der Stadt Bad Ischl” zu besuchen. Wer in Ischl unterwegs ist, dem fällt schnell auf, dass an allen Ecken und Enden auf das Stadt-Sein hingewiesen wird, ganz so, als sei man sich dessen doch nicht ganz sicher und müsste sich die Verortung auf der Urbanitätsskala, wenn auch ganz unten, ständig selbst bestätigen.
Nun könnte man einwenden: Was in aller Welt hat in einem Hochkultur-Blog ein Bericht über diese provinzielle Entität zu suchen? Der Grund heißt Heinz Knapp, ein “Künstler”, der hier eigentlich auch nicht erwähnt werden dürfte, stünde er nicht symptomatisch für die kulturelle und ästhetische Rückständigkeit der Provinz. Ihm ist im “Museum der Stadt Bad Ischl” eine Sonderausstellung gewidmet, was mehr über das Kunstverständnis der Verantwortlichen aussagt als man eigentlich wissen will.
Das Museum selbst führt anhand “klassischer” Exponante durch die Stadtgeschichte. Die Räume sind durchaus sorgfältig kuratiert und vermitteln interessante historische Einblicke. Erwartungsgemäß fehlt aber jedes kritische Bewusstsein. Der Franz-Josefs- und Sissi-Kult feiert fröhliche Urständ - an der Museumskasse gibt es sogar Sissi-Handschmuck käuflich zu erwerben - und man ist bereits positiv darüber überrascht, dass die Unterzeichnung der Kriegserklärung in Ischl erwähnt wird.
Der Unterhaltungstonsetzer Franz Lehár wird ständig servil als “Meister Lehár” tituliert, woran Freunde der gepflegten Schnulze sicher ihre Freude haben.
Höhepunkt des Hauses die Sarsteinersammlung. Hans Sarsteiner (1839-1918) tat das Naheliegende: Er flüchtete regelmäßig aus Bad Ischl und unternahm eine Reihe von Weltreisen. Er brachte viele Exponate zurück nach Österreich, die jetzt im Museum zu sehen sind. Das bringt einen tröstlichen Hauch von weiter Welt in diese Räume, denn man erwartet keinen Samurai-Harnisch in einem oberösterreichischen Museum.
Man könnte die Form der Sonderausstellung nutzen, um kritisch einige Mythen der Stadt zu hinterfragen. Man könnte jungen Gegenwartskünstlern ein Forum bieten. Man könnte ein intellektuelles Kontrastprogramm anbieten als Gegenpol für die kulturelle Ödnis der Stadt. Stattdessen lädt man Heinz Knapp ein, seinen “Passionszyklus” auszustellen. Warum ein Mensch mit Verstand im 21. Jahrhundert religiöse Splatterthemen als Sujet wählt, soll hier gar nicht hinterfragt werden. Dass dies aber in einer künstlerisch derartig peinlichen Form geschieht, ist eine Provinzposse ersten Ranges. Die “besten” Bilder zeugen von dreister Klee-Epigonalität und die Skulptur im Raum (Goliath, wenn ich mich recht erinnere) erinnert ironiefrei an die Blechkulissen von Science Fiction Serien aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.
Skeptisches Fundstück
Dienstag, März 17th, 2009All religions are founded on the fear of the many and the cleverness of the few.
Stendhal
Empfehlungen (9): National Geographic
Samstag, März 14th, 2009Keine sehr originelle Empfehlung, handelt es sich doch um eine der populärsten Zeitschriften der Welt. Ich hatte sie nun ein Jahr im Abonnement. Die Anfangshypothese war, so viel Mainstream könne nur enttäuschend sein. So war ich sehr erstaunt, dass es in fast jedem Heft Artikel gab, die mich stark interessierten. Speziell die archäologischen Beiträge sind ebenso intelligent wie unterhaltsam geschrieben. Die vielteilige Reihe über Bibel-Archäologie etwa räumte - auf Augenhöhe mit dem aktuellen Stand der Forschung - mit vielen Mythen auf. Auch an den Länderreportagen gibt es kaum etwas auszusetzen.
Durch die weltweite Verbreitung leistet National Geographic auch einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufklärung. Nicht nur in den USA ist das weiterhin dringend notwendig.
Richard Dawkins
Samstag, März 14th, 2009Dawkins hat seine erfrischende Kampagne gegen religiöse Bigotterie nun auch ins Web 2.0 getragen: Er twittert.
Stammzellen-Forschung
Dienstag, März 10th, 2009Der skeptische Think Tank Center for Inquiry begrüßt naturgemäß die Entscheidung Obamas, die Stammzellen-Forschung erneut zu fördern. Ronald A. Lindsay schrieb schon 2006 ein lesenwertes Positionspapier zum Thema:“Stem Cell Research: An Approach to Bioethics Based on Scientific Naturalism” (PDF).