Archive for the ‘Theater’ Category

Theater-Twitter-Projekt bei den Festspielen Reichenau

Montag, Juli 12th, 2010

Die Festspiele in Reichenau wollen neues Terrain betreten und haben zehn Blogger / Twitter-Aktive dorthin eingeladen, um einen Theaterabend zu begleiten. Auch ich zähle zu den Auserwählten. Mehr dazu kann man hier im Kurier nachlesen.

[Nachtrag 17.7.]: Projekt-Beteiligte Jana Herwig hat die gestrige Aktion bereits einer ausführlichen Analyse unterzogen.

[Nachtrag 18.7.] Das Fazit von Werner Reiter, eines weiteren Teilnehmers der Aktion, ist nun ebenfalls online.

Lessing: Philotas

Sonntag, Juni 27th, 2010

Vestibül des Burgtheaters 26.6.

Regie: Michael Höppner

Philotas: Simon Kirsch
König Aridäus: Markus Hering
Strato: Bernd Birkhahn
Parmenio: Jürgen Maurer

Viele Dramenentwürfe schrieb Lessing. Philotas gehört zu den wenigen kleineren Werken, die er vollendet hat. “Klein” bezieht sich allerdings nur auf die Länge des Stücks. Es ist ein hochgradig ambivalenter Text, der in der Forschung sehr kontrovers diskutiert wurde. Inzwischen gibt es aber einen plausiblen Konsens, dass das Stück eine Kritik der Heldentragödie ist, und Lessing damit intelligent den preußischen Patriotismus auf den Arm nimmt.

Der junge Philotas gerät in seiner ersten Schlacht aus eigener Schuld in Gefangenschaft und macht sich im Eingangsmonolog große Vorwürfe. Als Prinz ist er natürlich eine wertvolle Geisel, und er fürchtet zurecht, dass sein Vater viele Zugeständnisse für seine Auslösung wird machen müssen. Lessing legt seinen Charakter zwischen kindisch-pubertären Idealismus und fanatischem Patriotismus an. Man muss genau zuhören, um die Nuancen der Figur zu verstehen. König Aridäus und Strato wirken als rationale, humane Gegenpole, ganz im Sinne der Aufklärung.
Als Philotas erfährt, dass spiegelbildlich der Sohn des Königs Aridäus Gefangener bei seinem Vater ist, kommt ihm die rettende Idee: Beginge er Selbstmord, hätte sein Vater alle Trümpfe in der Hand. Der Plan gelingt und am Ende liegt ein toter Teenager am Boden als Beleg für die Dummheit von Patriotismus und irrationalem Idealismus. Die klugen Pläne der Konfliktlösung des König Aridäus scheitern an der Sturheit des jungen Mannes. Das als Reflexion über die Grenzen der Aufklärung zu lesen, scheint mir nicht allzuweit hergeholt. Zumal der König am Ende resigniert abdankt als seine Bemühungen scheitern.

So mancher Regisseure hätte dieses Stück als grelle antimilitarische Parodie angelegt. Höppner war klüger und verlässt sich voll und ganz auf Lessings Text. Die kindisch-heroischen Ambivalenzen des Philotas werden ausgespielt. Das Publikum kann sich ein eigenes Bild über den Jungen machen, anstatt eine fixe Lesart vorgesetzt zu bekommen. Ähnlich inszeniert Andrea Breth und für Klassikerinszenierungen gibt es keine klügere Vorgehensweise.

Das Vestibül des Burgtheaters ist der ideale Ort für dieses zwielichtige Kammerspiel. Die wenigen Zuseher sitzen im Kreis um die Bühne herum. Die Schauspieler sind zum Greifen nah. Sicher ein Grund, warum der Abend so packend ist. Der zweite ist das ausgezeichnete Schauspiel des Simon Kirsch. Er gibt einen kongenialen Philotas, was angesichts der “schwierigen”, sich widersprechenden Charakterzüge eine Meisterleistung ist. Die drei anderen Figuren sind mit Markus Hering, Bernd Birkhahn und Jürgen Maurer ebenso exzellent besetzt.

Angemerkt sei noch, dass der Philotas (wie fast alles “Klassische”) ein hochaktuelles Stück ist, in einer Zeit, wo junge Menschen aufgrund durchaus ähnlicher “heroischer” Motive mit Sprengsstoffgürteln aus dem Haus gehen. Lessing analysiert die Psyche dieser Menschen auf 30 Buchseiten präziser als so manche lange Terrorismus-Studie.

Wenn man der Inszenierung denn etwas vorwerfen wollte, könnte das zu große Plaktivität in der Verwendung von Symbolen und bei den musikalischen Einlagen sein. Da das Ergebnis aber ein perfekt funktionierender Theaterabend ist und eines meiner interessantesten Bühnenerlebnisse seit langem, wäre Beckmesserei hier völlig unangebracht.

Euripides: Helena

Samstag, Juni 19th, 2010

Wiener Festwochen / Burgtheater 10.6.

Regie: Luc Bondy
Übersetzung: Peter Handke
Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann

Helena: Birgit Minichmayr

Es ist erfreulich, wenn eine Rarität des Euripides auf die Bühne gebracht wird. Wer um die Bedeutung des trojanischen Krieges als kulturellen Hintergrund für die Athener weiß, versteht sofort die ironische Sprengkraft des Stücks.

Laut Euripides war Helena nämlich nie wirklich in Troja. Der Krieg samt sämtlicher Verwickelungen beruhte auf einem Trugbild. Während Helena in Wirklichkeit nach Ägypten gebeamt wurde, flogen vor den Toren Ilions also wegen eines göttlichen Hologramms die Fetzen. Das ist frühe metafiktionale Spielerei mit der sich Euripides über den kulturellen Horizont seiner Landsleute elegant lustig macht.

In der ersten Hälfte funktioniert Luc Bondys Inszenierung nicht so schlecht, er setzt auf die Schauspieler und man bekommt passables Literaturtheater. Danach läßt er das Stück aber in einen komödiantischen Klamauk umkippen, welcher dem Stück in keiner Weise gerecht wird, und den Zuseher zunehmend ratlos zurück läßt. Daran ändert auch die ansehnliche schauspielerische Leistung des Ensembles nichts.

Erwähnt sei noch, dass der Chor aus einer Gruppe Studentinnen besteht, die sich immer wieder Bücher aus einem großen Turmregal holen. Eine nette Anspielung auf die Metafiktionalität des Stücks. Es bleibt zu hoffen, dass die Zuschauer den faden Theaterabend berechtigterweise Luc Bondy anlasten und nicht dem grandiosen Text des Euripdes.

100 Prozent Wien - Eine statistische Kettenreaktion

Sonntag, Mai 30th, 2010

Wiener Festwochen 29.5.

Regie: Rimini Protokoll

Theater der ganz anderen Art gab es gestern in der Halle E des Museumsquartiers zu sehen. Hundert Wiener wurden nach allen Regel der statistischen Kunst ausgewählt, um alle Wiener zu repräsentieren. Zu Beginn stellten sich alle kurz vor: Vom Kleinkind über den eben sponsionierten Exstudenten mit 37 Jahren bis hin zum ehemaligen Direktor der Nationalbank. Natürlich waren auch viele aus dem Ausland Zugezogene vertreten. Wiens Bevölkerung ist bekanntlich sehr bunt, was eine der großen Stärken der Stadt ist.

Danach ging es dann in medias res, und dargestellte Statistik stand auf dem Programm. Es wurden diverse Fragen gestellt (Wer ist ohne Vater aufgewachsen? Wer ist für die Todesstrafe? usw.), die dann auf unterschiedliche Weise durch die Bewegung der Beteiligten veranschaulicht wurden. Ab und an war das etwas unbeholfen. Bedenkt man aber, dass hier 100 Laienschauspieler auf der Bühne stehen mit nur kurzer Probezeit, funktionierte es ausgesprochen gut.

Rimini Protokoll ist bereits seit längerer Zeit damit sehr erfolgreich, das “echte Leben” ins Theater zu holen anstatt dieses von Schauspielern repräsentieren zu lassen. Das ist eine spannende Sache und rückt den Prozesscharakter und das Performative für alle Beteiligten in den Mittelpunkt. Das Erlebnis der Laiendarsteller zählt hier ebenso viel wie die Eindrücke der Zuschauer. Spontaneität und die Möglichkeit des Scheiterns wird absichtlich in Kauf genommen.

Das Ergebnis ist eine frische, abwechslungsreiche Produktion. Das Konzept ist witzig und stellt die Ambivalenzen (und Absurditäten!) der statistischen Weltbetrachtung ebenso dar, wie deren Verdienste. Wer Wien kennt, merkte natürlich schnell, dass dort oben tatsächlich ein repräsentativer Haufen seiner Mitmenschen stand.

Shakespeare: Othello

Donnerstag, April 22nd, 2010

Burgtheater 21.4.

Regie: Jan Bosse

Othello
Joachim Meyerhoff

Cassio, sein Leutnant
Markus Meyer

Jago, sein Fähnrich
Edgar Selge

Desdemona, Brabantios Tochter
Katharina Lorenz

Emilia, Jagos Frau
Caroline Peters

Für eine perfekte Theateraufführung müssen bekanntlich viele Elemente zusammenkommen: Ein plausibles, aussagekräftiges Regiekonzept; dessen handwerkliche Umsetzung (Bühnenbild, Schauspieler, Musik); die Leistungsfähigkeit der Schauspieler (und auch des Publikums!) allgemein und am jeweiligen Abend usw. Dutzende Faktoren beeinflussen die Qualität eines Theaterabends. So gesehen ist es schon aus probabilistischen Gründen beachtlich, dass doch immer wieder hervorragende Theatererlebnisse möglich sind.

Die neue Othello-Inszenierung des Jan Bosse ist leider ein gutes Negativbeispiel. Meyerhoff und Selge sind schauspielerisch ein exzellentes Team. Meyerhoff, ganzkörperschwarz geschminkt, gibt den Othello zu Beginn zurückhaltend bis desinteressiert und steigert sich bis zum Ende in den Eifersuchtsfuror hinein. Selge ist in seiner Unscheinbarkeit ein subtiler Jago, der seine giftigen Sätze mit einer Gelassenheit spricht, welche ihre Wirkung verstärkt. Katharina Lorenz als Desdemona bleibt mit ihrer eindimensionalen Interpretation weit hinter den beiden zurück. Eine sehr inhomogene schauspielerische Leistung also.

Das Bühnenbild ist ein pittoreskes Chaos mit Erde, Esstisch, Hängematte etc. und wirkte beliebig. Die Musik auf der Bühne ist meist seltsam (”woman is the nigger of the world”). Die Figur des Othello war eindimensional angelegt. Die unterkühlte Interpretation zu Beginn nahm Shakespeare’s Psychodynamik (angesehener, kluger General entwickelt sich zum furiosen Eifersuchtstrottel) den Wind aus den Segeln. Der Versuch am Ende, Othello als schwarzem Dämon zu inszenieren, der nackt mit roten Augen und rotem Mund hinter einem Feuer seine Glieder verrenkt, ist nicht nur konzeptuell fragwürdig. Die Induktion des Dämonischen funktionierte auch nicht.

Eine lobende Erwähnung verdient die Übersetzung durch Bosse und die Burgtheater-Dramaturgie. Der schwierige Spagat zwischen aktuellen Sprachgebrauch und dem klassischen Sprachkunstwerk gelingt gut.

Auch wenn dieser Othello kein großer Wurf ist: Man sollte ihn sich trotzdem ansehen, und sei es nur um das Duo Meyerhoff / Selge in Aktion zu erleben.

Thomas Vinterberg: Das Begräbnis

Montag, April 19th, 2010

Burgtheater 17.4.

Regie: Thomas Vinterberg

Helge, der verstorbene Vater
Michael König

Else, Helges Frau
Corinna Kirchhoff

Christian, Helges und Elses ältester Sohn
Martin Wuttke

Pia, Christians Frau
Dörte Lyssewski

Michael, Christians jüngerer Bruder
Oliver Stokowski

Helene, Christians Schwester
Christiane von Poelnitz

Sofie, Michaels zukünftige Frau
Johanna Wokalek

Besser könnte der Zeitpunkt für Vinterbergs Fortsetzung seines Kindesmissbrauchs-Dramas nicht sein, das vom Burgtheater uraufgeführt wurde. Als hätte es Hartmann geahnt, dass diese Monate von den tausendfachen Verbrechen von Klerikern an Kindern geprägt sein würden. Das Stück greift dieses Thema freilich im Familienkontext auf. Im ersten Teil, Das Fest, kam heraus, dass Christian als Junge von seinem Vater missbraucht worden ist. Jetzt wird er selbst zum Täter und macht sich an den kleinen Sohn seines Bruders Michael heran. Der Sohn wird übrigens tatsächlich von einem Kind gespielt, und ich kann mich nicht erinnern, schon einmal einen so guten “kleinen” Schauspieler gesehen zu haben.

Vinterbergs Stück steht in der Tradition der Familiendramen von Ibsen und Strindberg, aber auch amerikanische Dramatiker wie Eugen O’Neill kommen in den Sinn. Vinterbergs Inszenierung ist entsprechend naturalistisch bis hin zur hübschen Einrichtung des Hauses (Drehbühne), wo sich das Drama abspielt.

Leider läuft die ganze Angelegenheit sehr mechanisch und vorhersehbar ab. Die Handlung entfaltet sich wie am Schnürchen. Es gibt keine Überraschungen, keine inspirierte Abschweifung. So bleibt am Ende vor allem die perfekte schauspielerische Leistung zu loben. Hier zeigt das Burgtheater Ensemble einmal mehr, dass es zu den besten gehört.

Bernhard: Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen

Dienstag, April 13th, 2010

Berliner Ensemble im Akademietheater 11.4.

Hermann Beil
Claus Peymann
Judith Strößenreuter

Das Wiener Theaterpublikum ist anhänglich. Als Peymann zum ersten Mal die Bühne betrat, gab es spontan Szenenapplaus und auch am Ende dieses amüsanten Abends gab es viel Beifall. Das ideale Gastspiel also für Theaternostaliker. Thomas Bernhard schrieb drei Dramolette für Claus Peymann. Dieser spielt sich in der Inszenierung passenderweise selbst, und ich verkneife mir jetzt einen kunstontologischen Exkurs über den Status der Figur auf der Bühne. Der Dramaturg Hermann Beil spielt sich ebenfalls selbst und das Bühnenbild ist selbstverständlich von Karl Ernst-Herrmann. Kurz, das ehemalige Erfolgsgespann ist wieder da.

Die Dramolette sind von witziger Schärfe und angereichert mit viel Selbstironie. Die beiden Laienschauspieler machen ihre Sache exzellent. Wer die Gelegenheit hat, es sich in Wien oder Berlin anzusehen, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Bernard-Marie Koltès: Quai West

Samstag, April 3rd, 2010

Burgtheater 1.4.

Regie: Andrea Breth

Maurice Koch: Sven-Eric Bechtolf
Monique Pons: Andrea Clausen
Cecile: Elisabeth Orth
Rodolphe: Hans-Michael Rehberg
Claire: Merle Wasmuth
Charles: Philipp Hauß
Fak: Nicholas Ofczarek
Abad:Maynard Eziashi

Andrea Breth verdanke ich mit Martin Kusej die besten Theaterabende der letzten Jahre. Beide inzensieren modern, verstehen aber im Gegensatz zu vielen Kollegen die Stücke in ihrer literarischen Vielfältigkeit, was grandiose Inszensierungen ergibt. Quai West kannte ich noch nicht, was dem Abend eine besondere Spannung gab. Das Stück ist düster und diese Düsterkeit setzt Andrea Breth beeindruckend in Szene. Das Bühnenbild zeigte in Grau- und Schwarztönen eine heruntergekommene Hafengegend in einer Stadt. Wobei von Realismus keine Rede sein kann: Die Szene ist quasi abstrakt, was der apokalyptischen Wirkung aber nicht schadet. Wer Anregungen für urbane Slumalpträume benötigt, in diesem Quai West findet er sie. Herausragend die Lichtregie. Von Dunkelheit über fein abgestufte Düsterkeitsgrade zu blendender Helligkeit werden alle Möglichkeiten ausgespielt.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein wohlhabender Finanzbetrüger fährt in dieses trübe Hafenviertel, um seinem Leben ein Ende zu setzen, begleitet von einer ihm bekannten Dame. Die beiden treffen auf die heruntergekommenen Einheimischen dieses Elends, die in den Ankömmlingen eine willkommene Bereicherungsmöglichkeit sehen. Reich trifft Arm wäre also eines der grundlegenden strukturellen Motive des Stücks. Dass am unteren Ende der sozialen Skala auch Familienbande keinen Halt mehr bieten, ist ein weiteres wichtiges Element. Eingebettet in die beschriebene Atmosphäre nimmt dieser erstaunlich subtil durchgeführte Konflikt schnell eine endzeitliche Stimmung an. Man denkt an Beckett, allerdings statt Absurdem gibt es nur grotesk überhöhten Realismus.

Ich wüßte nicht, wie man das Stück hätte besser inszenieren können. Diese apokalyptische Stimmung über einen so langen Zeitraum zu erzeugen zeigt Breths Theaterkunst. Die Schauspieler sind durchgehend auf dem hohen Niveau der Regisseurin. Ein sehr beeindruckender Theaterabend.

Kleist: Amphytrion

Samstag, März 6th, 2010

Akademietheater 28.2.

Regie: Matthias Hartmann
Jupiter, in der Gestalt des Amphitryon: Roland Koch
Merkur, in der Gestalt des Sosias: Oliver Masucci
Amphitryon, Feldherr der Thebaner: Michael Maertens
Sosias, sein Diener: Fabian Krüger
Alkmene, Gemahlin des Amphitryon: Dörte Lyssewski
Charis, Gemahlin des Sosias: Karin Pfammatter

Kleists subtile Identitätskomödie könnte auf der Bühne heutzutage weniger komisch wirken als ursprünglich intendiert. Hartmann beugt dem gekonnt vor, indem er die Spiegelung der Verwechslungskomödie durch Sosias und Charis klassisch komödiantisch inszeniert. Speziell Fabian Krüger liefert hier ein schauspielerisches Bravourstück ab. So sind Klamauk und philosophischer Gehalt erstaunlich gut ausbalanciert.

Michael Maertens darf seine Verzweiflung an seinem Verstandes- und Realitätssinn breit ausspielen. Dörte Lyssewski gewinnt ihrer Verwirrung die nötige psychologische Tiefe ab. Das Bühnenbild besteht aus einer Art breitem weißem Turm der den überwiegenden Teil der Bühne einnimmt und für Amphytrions Anwesen steht. Die einzelnen Elemente fügen sich gut ineinander: Ein gelungener und runder Theaterabend.

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Sonntag, Januar 17th, 2010

Briefwechsel (Suhrkamp)

Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molly“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
„Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

[erscheint in Literatur und Kritik]

Shakespeare: Antonius und Cleopatra

Donnerstag, Januar 14th, 2010

Burgtheater 10.1.

Regie: Stefan Pucher
Antonius: Wolfram Koch
Julius Cäsar/Octavius Cäsar: Alexander Scheer
Lepidus: Marcus Kiepe
Pompejus: Peter Knaack
Enobarbus: Oliver Masucci
u.a.

Es ist schon eine Kunst, so viele schlechte Shakespeare-Inszenierungen zu produzieren wie das Burgtheater in den letzten Jahren. Stefan Pucher reiht sich würdig in diese Reihe ein. Zugegeben: Antonius und Cleopatra ist ein schwieriges Stück. Mehr als 40 Szenen, die im gesamten Mittelmeerraum spielen, mit vielen Protagonisten und einer komplexen Geschichte. Auf der anderen Seite böte es die Möglichkeit, zahlreiche aktuelle Bezüge aufzugreifen, etwa die Okzident/Orient-Thematik.

Pucher inszeniert das Stück mit großem Aufwand. Ständig werden riesige Wagen auf der Bühne bewegt. Cleopatras Gefährt ist mit zwei Elefanten verziert. Das ist wohl ebenso ironisch gemeint wie die Anspielungen auf die monumentalen Historienschinken aus Hollywood. Hinter dieser oberflächlichen Umtriebigkeit herrscht aber geistige Leere. Es wirkt nicht so als hätte Pucher das Stück verstanden. Die Szenen reihen sich ohne intellektuelle Verknüpfung aneinander. Die Theatereffekte verpuffen. Auch das modernen Inszenierungen gewogene Publikum ist peinlich berührt. Die Kostüme sind ebenfalls von peinlicher Sinnlosigkeit.

Ich habe das Burgtheater in der Pause verlassen. Laut Kritikerkollegen sollte die zweite Hälfte ja noch wesentlich schlimmer werden als die erste.

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Samstag, Januar 9th, 2010

Burgtheater 8.1.

Der Suhrkamp Verlag stellte gestern im Burgtheater den im Dezember veröffentlichten Briefwechsel zwischen Autor und Verleger vor. Der Abend startete mit einer Einführung des Lektors Raimund Fellinger. Es sei an dieser Stelle diplomatisch angemerkt, dass Lektoren nicht notwendigerweise rhetorisch fesselnde Vorträge auf Theaterbühnen halten. Es folgte mit einer weiteren, deutlich prägnanteren Einführung Martin Huber, Mitherausgeber und Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs.

Im Zentrum des Abends stand freilich die szenische Lesung aus dem Briefwechsel. Gert Voss las Unseld und Peter Simonischek Bernhard. Sie konnten angesichts des Umfangs der Korrespondenz nur einen kleinen Teil zu Gehör bringen, nämlich 30 von 524 Briefen. Diese waren aber plausibel ausgewählt, nicht zuletzt in Hinblick auf ihren Unterhaltungswert. Ein vergnüglicher Abend, an dem naturgemäß die gesamte Bernhard-Gemeinde des Landes teilnahm.

Thomas Bernhard: Immanuel Kant

Samstag, Dezember 19th, 2009

Burgtheater 18.12.

Regie: Matthias Hartmann
Kant: Michael Maertens
Kants Frau: Karin Pfammatter
Ernst Ludwig, Kants Bruder: Hermann Scheidleder
Millionärin: Sunnyi Melles

Hartmann nahm angeblich seine besten Inszenierungen mit nach Wien, darunter diesen Immanuel Kant. Die Aufführung zeugt leider von einem großen Unverständnis der Theaterkunst Bernhards. Man kann froh sein, dass er sie nicht gesehen hat, ansonsten hätten wir einige giftige Theaterbriefe mehr von ihm.
Auf die Musikalität der Bernhardschen Kunstsprache hinzuweisen scheint banal. Desto seltsamer mutet es an, dass Michael Maertens die Monologe des Professor Kants so unrhytmisch (oft in weinerlichem Ton) vorträgt, so dass von Bernhards Sprachkunst kaum etwas übrig bleibt. Ohne diese ästhetische Klammer kehrt schnell Langeweile auf der Bühne ein, speziell im ersten Drittel.

Die komische Seite des Stücks (alle Werke Bernhards haben sie) ist das tragende Element der Inszenierung und auch des Schauspiels. Sunnyi Melles hat als Millionärin die Lacher berechtigterweise auf ihrer Seite. Hartmann reduziert den Text aber auf diese Komik und zeigt dem Publikum eine oberflächliche Komödie. Die tragische Seite der Bernhardschen Geistesmenschen und die damit verbundenen existenziellen Abgründe werden ignorant ignoriert.

Ein enttäuschender Theaterabend.

Goethe: Faust - Der Tragödie erster Teil

Mittwoch, November 25th, 2009

Burgtheater 21.11.

Regie: Matthias Hartmann

Heinrich Faust: Tobias Moretti
Mephistopheles: Joachim Meyerhoff
Gretchen: Katharina Lorenz
Marthe Schwerdtlein: Maria Happel
Der Herr: Ignaz Kirchner

Unbedingt wollte ich Joachim Meyerhoff noch als Mephisto sehen, der bis Ende November die Rolle des erkrankten Gerd Voss übernommen hat. So pilgerte ich online und offline durch diverse Kartenbüros und kaufte die bis dato teuerste Burgtheater-Karte meines Lebens. Erwartungsgemäß gibt Meyerhoff einen brillianten Teufel. Man müßte lange in der Theatergeschichte kramen, um eine vergleichbare Leistung zu finden.

Doch wer ist sein Pendant? Ein ebenso glanz- wie farbloser Tobias Moretti. Eine Energiesparlampe neben einem Flächenblitz. Das lag nicht nur an der mäßigen schauspielerischen Leistung Morettis, sondern auch an Regisseur Matthias Hartmann, der Faust als gehemmten Stubenhocker anlegte. Dadurch bekam der Abend eine beängstigende qualitative Schieflage und scheiterte auf hohem Niveau.

Die Inszenierung des aus Bühnensicht schwierigen Stücks gelingt Hartmann überraschend gut. Zwar wird die Walpurgisnacht fast komplett ausgelassen, aber sein reduzierter Stil (riesiges Leintuch mit “Himmel”; ein großer Multifunktionswürfel auf der Bühne; ein Chor; Schatteneffekte…) wechselt gekonnt zwischen Ironie und Tragödie.

Sieht man es zusammen mit dem zweiten Teil, der stark auf multimediale Effekte setzt, gibt das eine gelungene Kombination und zeigt das weite Spektrum, das Hartmann als Regisseur zur Verfügung steht.

Alfred de Musset: Lorenzaccio

Sonntag, November 22nd, 2009

Burgtheater 14.11.

Regie: Stephan Bachmann

mit
Silvia Fenz
Mavie Hörbiger
Melanie Kretschmann
Sebastian Blomberg
Gerrit Jansen
Daniel Jesch
Michael Maertens
Nicholas Ofczarek
Jörg Ratjen
Martin Schwab

Die Studentenaktion anlässlich dieser Vorstellung sollte die Hauptsache des Abends nicht in den Hintergrund drängen. Ich kannte Lorenzaccio vorher nicht. Während es in Frankreich oft gespielt wird, findet das Historiendrama nur selten den Weg auf deutschsprachige Bühnen.

Mit der Qualität des Stücks hat das nichts zu tun. Es ist eine intelligente und dramaturgisch effektvolle Analyse eines korrupten Machtapparats (Florenz, 16. Jahrhundert) um einen debil-grausamen Potentaten und damit heute so aktuell wie eh und je. Stephan Bachmann hat es als effektvolles Stationendrama inszeniert. Er balanciert ausgezeichnet zwischen der Lächerlichkeit der involvierten Figuren und dem historischen Gehalt. Das Duo Ofczarek / Maertens als Alessandro / Lorenzaccio geben ein hohes Niveau vor und das Rest des Ensembles fällt nicht zurück. Wobei die seit einigen Inszenierungen übliche Praxis beibehalten wird, dass alle Schauspieler diverse Rollen übernehmen. Dazu passt gut, dass die erste Reihe des Zuschauerraums den Schauspielern als Garderobe dient. Bachmann zeigt, dass spannendes und inspiriertes “Regietheater” möglich ist. Bisher läßt sich die Ära Hartmann exzellent an, möge das so bleiben.

Studentenaktion im Burgtheater

Sonntag, November 15th, 2009

14.11.

Lorenzaccio stand gestern auf dem Programm (Theaterkritik folgt), ein Stück über Korruption und die Unfähigkeit der “Elite” im Florenz des 16. Jahrhunderts. Das Publikum wurde in der Pause passenderweise mit der Unfähigkeit der eigenen politischen Eliten konfrontiert, deren Symptom die desaströse und im internationalen Vergleich hochnotpeinliche Bildungs”politik” ist. Schätzungsweise 150 bis 200 Studentinnen und Studenten besetzen im Rahmen der Protestaktion Unsere Uni die Bühne des Burgtheaters um auf Ihre berechtigten Anliegen aufmerksam zu machen. Auch Lehrende waren involviert. Es folgte ein Theater der ganz eigenen Art.

Wie pragmatisch die Protestbewegung angelegt ist, zeigt sich an der Dramaturgie. Zwar waren bereits vor dem Beginn der Vorstellung viele Studierende vor der Burg, aber man wartete doch tatsächlich brav die Pause gegen 21:50 Uhr ab, bevor man zur Tat schritt. Ein Teil zerstreute sich im Zuschauerraum, die meisten versammelten sich auf der Bühne und standen damit aus inszenatorischen Gründen im Dreck (Theatererde). Das Publikum spaltete sich in zwei Teile. Die (meinem Eindruck nach) überwiegende Mehrheit solidarisierte sich mit dem Protest. Es gab Applaus und “Bravo”-Rufe. Eine laut plärrende Minderheit gab sich empört mit “Buuh”-, “Raus hier”-, “Es reicht”-Rufen und ließen damit durchblicken, dass sie nicht verstanden hatten, was sie vor der Pause gesehen hatten. Sie schrieen im Burgtheater ihre eigenen Enkel und Kinder nieder, die für mehr Bildung protestieren, und schienen das Groteske der Situation nicht einmal zu erkennen. Es mag daran gelegen haben, dass die Abonnenten des “Nach der Premiere” - Zyklus im Zuschauerraum saßen, von denen viele wohl mehr aus repräsentativen denn als kulturellen Gründen die Burg heimsuchen.

Anekdotisch möge dies das Ehepaar hinter mir illustrieren, die mir bisher noch nie mit Aktionismus aufgefallen waren. Beide waren bei den aufgebrachten Zwischenrufern. Die Dame schrie wenig damenhaft abwechselnd “Es reicht”, “Es waren nur ein paar Minuten ausgemacht” und “Leere Schlagwörter”. Auf den naheliegenden Gedanken kam sie nicht, dass sich Ihre Forderung nach einer 3-Minuten-Aktion mit der einer komplexen Erörterung der Materie widersprechen könnte…

Die Studierenden hatten ein großes Transparent mit einem Brechtzitat auf die Bühne gebracht: “Schwierigkeiten werden nicht dadurch überwunden, dass sie verschwiegen werden”. Der Vortrag der Forderungen hätte aber etwas origineller inszeniert sein können. Die Bühne des Burgtheaters verlangt nach anderen Kommunikationsformen als eine blockierte Straßenkreuzung.

Nach einer guten halben Stunde war alles vorbei. Martin Schwab nutzte die Bankett-Szene nach der Pause geschickt für eine kurze Solidaritätserklärung mit den Studenten.

Ich berichtete als erster mit Live-Tweets von der Aktion, die schnell die Runde machten (70 Retweets in in 2h). War eine interessante Erfahrung, einmal aktuelle Informationen zu liefern, die sehr stark nachgefragt waren.

Weitere Informationen:

Meine Fotos von der Aktion
Video von der Aktion
Bericht in der Spät-ZIB des ORF (am Ende)

Kommentare?

Struwwelpeter

Montag, Oktober 19th, 2009

Burgtheater 13.10.

Regie: Stefan Pucher
Sängerin / Schauspielerin: Birgit Minichmayr
Mutter: Petra Morzé
Vater: Michael Masula
Theaterdirektor: Jacques Palminger
Musiker: Lieven Brunckhorst, Martin Engelbach, Uwe Frenzel, Marco Schmedtje

Skeptisch ging ich hin, überzeugt ging ich wieder weg. Was dazwischen passierte, ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Ein multimedial aufgepeppter Abend, der sich “inspiriert” durch die schwarze Pädagogik des Struwwelpeters mit der Beziehung zwischen den Großen und den Kleinen auseinandersetzte. Roter Faden waren die von Birgit Minichmayr exzellent gesungenen Geschichten des Buches. Unterbrochen von diversen nur locker zusammenhängenden Szenen mit und ohne Kinder. War selbst erstaunt, wie gut so ein “originelles” Konzept funktionieren kann.

Goethe: Faust - Der Tragödie zweiter Teil

Sonntag, September 6th, 2009

Burgtheater 5.9.

Regie: Matthias Hartmann
Caroline Peters
Yohanna Schwertfeger
Simon Kirsch
Peter Knaack
Dietmar König
Joachim Meyerhoff
Tilo Nest
Stefan Wieland

Aus Gründen, die wohl tief in den Eingeweiden der Abonnementabteilung vergraben sein dürften, bekamen wir “Nach der Premiere”-Zykleninhaber zuerst den zweiten Teil von Goethes Tragödie zu sehen. Das Programmheft stimmte mich zuerst skeptisch, wenig Texte und diese dann von den üblichen Verdächtigen (Sloterdijk, Freud, Futurismus-Manifest…), ebenso stellte ich mir die Frage, wie Hartmann dieses Textmonstrum in nur zwei Stunden auf die Bühne bringen wollte.

Diese bestand aus mehreren transparenten Flächen, auf die man die Videos projezierte, die überwiegend live auf der Bühne gedreht wurden (Gesichter der Protagonisten, originelle Modellnachbauten etc.). Acht Schauspieler ergänzt durch Musiker und die Kameraleute reichten Hartmann, um sein improvisiert wirkendes Multimedia-Spektakel abzuwickeln. Wobei “improvisiert” hier nicht negativ gemeint ist, sondern auf die entsprechende Bühnenästhetik verweist. Der Text ist natürlich ordentlich abgespeckt und wird maßvoll durch aktuelle Einschübe unterbrochen, wozu sich das Stück geradezu anbietet (Papiergeld und Inflation, Biologische Laboratorien etc.).

Mir gefiel vor allem Hartmanns Mut, das Stück in dieser Form anzugehen. Man probiert aus, was auf der Bühne geht, und siehe da, es funktioniert. Dazu trägt nicht zuletzt die exzellente schauspielerische Leistung bei, wobei jede(r) mehrere Rollen spielt. Die Inszenierung wird zwar nicht ins Pantheon der Faust-Inszenierungen aufgenommen werden, garantiert aber einen intelligenten und kurzweiligen Theaterabend.

Shakespeare: All’s Well That Ends well

Sonntag, Juli 19th, 2009

Olivier Theatre London 4.7.

Director: Marianne Elliot
Bertram: George Rainsford
Helena: Michelle Terry
Parolles: Conleth Hill
u.a.

Ich war sehr gespannt auf den Abend. Wie würde das National Theatre Shakespeares nicht allzu populäre Komödie auf die Bühne bringen? Experimentell oder klassisch-literarisch? Auf einer Skala zwischen diesen beiden Polen war die Inszenierung eher auf der Seite des Literaturtheaters zu finden. So urwüchsig-traditionelles Schauspiel-Handwerk sah ich schon lange nicht mehr, inklusive perfekt besetzten Komödien-Stereotypen wie den komischen Diener der Countess of Rossillion.
Das Gesamtkonzept war mit feinem britischen Humor unterlegt. Als Beispiel dafür möge das märchenhaft-ironische Spukschloss als Bühnenbild dienen. Das Ergebnis war ein runder und sehr erfreulicher Theaterabend. Elliots Regie balancierte so gekonnt zwischen den diversen Abgründen des Stücks (Märchen versus Psychodrama; Komödie versus Problemstück…), dass man sie zu dieser Leistung nur beglückwünschen kann. Nicht zuletzt gehört auch viel Mut dazu, eine solche Regielinie zu vertreten. Ein Fehler, dass ich bisher nicht öfters in London ins Theater ging.

Die deutschsprachige Theaterszene “rotiert”

Freitag, März 27th, 2009

Es stehen zur neuen Spielzeit zahlreiche Intendantenwechsel an. “Der Standard” gibt einen guten Überblick.