Archive for the ‘Theater’ Category

Kleist: Amphytrion

Samstag, März 6th, 2010

Akademietheater 28.2.

Regie: Matthias Hartmann
Jupiter, in der Gestalt des Amphitryon: Roland Koch
Merkur, in der Gestalt des Sosias: Oliver Masucci
Amphitryon, Feldherr der Thebaner: Michael Maertens
Sosias, sein Diener: Fabian Krüger
Alkmene, Gemahlin des Amphitryon: Dörte Lyssewski
Charis, Gemahlin des Sosias: Karin Pfammatter

Kleists subtile Identitätskomödie könnte auf der Bühne heutzutage weniger komisch wirken als ursprünglich intendiert. Hartmann beugt dem gekonnt vor, indem er die Spiegelung der Verwechslungskomödie durch Sosias und Charis klassisch komödiantisch inszeniert. Speziell Fabian Krüger liefert hier ein schauspielerisches Bravourstück ab. So sind Klamauk und philosophischer Gehalt erstaunlich gut ausbalanciert.

Michael Maertens darf seine Verzweiflung an seinem Verstandes- und Realitätssinn breit ausspielen. Dörte Lyssewski gewinnt ihrer Verwirrung die nötige psychologische Tiefe ab. Das Bühnenbild besteht aus einer Art breitem weißem Turm der den überwiegenden Teil der Bühne einnimmt und für Amphytrions Anwesen steht. Die einzelnen Elemente fügen sich gut ineinander: Ein gelungener und runder Theaterabend.

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Sonntag, Januar 17th, 2010

Briefwechsel (Suhrkamp)

Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molly“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
„Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

[erscheint in Literatur und Kritik]

Shakespeare: Antonius und Cleopatra

Donnerstag, Januar 14th, 2010

Burgtheater 10.1.

Regie: Stefan Pucher
Antonius: Wolfram Koch
Julius Cäsar/Octavius Cäsar: Alexander Scheer
Lepidus: Marcus Kiepe
Pompejus: Peter Knaack
Enobarbus: Oliver Masucci
u.a.

Es ist schon eine Kunst, so viele schlechte Shakespeare-Inszenierungen zu produzieren wie das Burgtheater in den letzten Jahren. Stefan Pucher reiht sich würdig in diese Reihe ein. Zugegeben: Antonius und Cleopatra ist ein schwieriges Stück. Mehr als 40 Szenen, die im gesamten Mittelmeerraum spielen, mit vielen Protagonisten und einer komplexen Geschichte. Auf der anderen Seite böte es die Möglichkeit, zahlreiche aktuelle Bezüge aufzugreifen, etwa die Okzident/Orient-Thematik.

Pucher inszeniert das Stück mit großem Aufwand. Ständig werden riesige Wagen auf der Bühne bewegt. Cleopatras Gefährt ist mit zwei Elefanten verziert. Das ist wohl ebenso ironisch gemeint wie die Anspielungen auf die monumentalen Historienschinken aus Hollywood. Hinter dieser oberflächlichen Umtriebigkeit herrscht aber geistige Leere. Es wirkt nicht so als hätte Pucher das Stück verstanden. Die Szenen reihen sich ohne intellektuelle Verknüpfung aneinander. Die Theatereffekte verpuffen. Auch das modernen Inszenierungen gewogene Publikum ist peinlich berührt. Die Kostüme sind ebenfalls von peinlicher Sinnlosigkeit.

Ich habe das Burgtheater in der Pause verlassen. Laut Kritikerkollegen sollte die zweite Hälfte ja noch wesentlich schlimmer werden als die erste.

Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Samstag, Januar 9th, 2010

Burgtheater 8.1.

Der Suhrkamp Verlag stellte gestern im Burgtheater den im Dezember veröffentlichten Briefwechsel zwischen Autor und Verleger vor. Der Abend startete mit einer Einführung des Lektors Raimund Fellinger. Es sei an dieser Stelle diplomatisch angemerkt, dass Lektoren nicht notwendigerweise rhetorisch fesselnde Vorträge auf Theaterbühnen halten. Es folgte mit einer weiteren, deutlich prägnanteren Einführung Martin Huber, Mitherausgeber und Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs.

Im Zentrum des Abends stand freilich die szenische Lesung aus dem Briefwechsel. Gert Voss las Unseld und Peter Simonischek Bernhard. Sie konnten angesichts des Umfangs der Korrespondenz nur einen kleinen Teil zu Gehör bringen, nämlich 30 von 524 Briefen. Diese waren aber plausibel ausgewählt, nicht zuletzt in Hinblick auf ihren Unterhaltungswert. Ein vergnüglicher Abend, an dem naturgemäß die gesamte Bernhard-Gemeinde des Landes teilnahm.

Thomas Bernhard: Immanuel Kant

Samstag, Dezember 19th, 2009

Burgtheater 18.12.

Regie: Matthias Hartmann
Kant: Michael Maertens
Kants Frau: Karin Pfammatter
Ernst Ludwig, Kants Bruder: Hermann Scheidleder
Millionärin: Sunnyi Melles

Hartmann nahm angeblich seine besten Inszenierungen mit nach Wien, darunter diesen Immanuel Kant. Die Aufführung zeugt leider von einem großen Unverständnis der Theaterkunst Bernhards. Man kann froh sein, dass er sie nicht gesehen hat, ansonsten hätten wir einige giftige Theaterbriefe mehr von ihm.
Auf die Musikalität der Bernhardschen Kunstsprache hinzuweisen scheint banal. Desto seltsamer mutet es an, dass Michael Maertens die Monologe des Professor Kants so unrhytmisch (oft in weinerlichem Ton) vorträgt, so dass von Bernhards Sprachkunst kaum etwas übrig bleibt. Ohne diese ästhetische Klammer kehrt schnell Langeweile auf der Bühne ein, speziell im ersten Drittel.

Die komische Seite des Stücks (alle Werke Bernhards haben sie) ist das tragende Element der Inszenierung und auch des Schauspiels. Sunnyi Melles hat als Millionärin die Lacher berechtigterweise auf ihrer Seite. Hartmann reduziert den Text aber auf diese Komik und zeigt dem Publikum eine oberflächliche Komödie. Die tragische Seite der Bernhardschen Geistesmenschen und die damit verbundenen existenziellen Abgründe werden ignorant ignoriert.

Ein enttäuschender Theaterabend.

Goethe: Faust - Der Tragödie erster Teil

Mittwoch, November 25th, 2009

Burgtheater 21.11.

Regie: Matthias Hartmann

Heinrich Faust: Tobias Moretti
Mephistopheles: Joachim Meyerhoff
Gretchen: Katharina Lorenz
Marthe Schwerdtlein: Maria Happel
Der Herr: Ignaz Kirchner

Unbedingt wollte ich Joachim Meyerhoff noch als Mephisto sehen, der bis Ende November die Rolle des erkrankten Gerd Voss übernommen hat. So pilgerte ich online und offline durch diverse Kartenbüros und kaufte die bis dato teuerste Burgtheater-Karte meines Lebens. Erwartungsgemäß gibt Meyerhoff einen brillianten Teufel. Man müßte lange in der Theatergeschichte kramen, um eine vergleichbare Leistung zu finden.

Doch wer ist sein Pendant? Ein ebenso glanz- wie farbloser Tobias Moretti. Eine Energiesparlampe neben einem Flächenblitz. Das lag nicht nur an der mäßigen schauspielerischen Leistung Morettis, sondern auch an Regisseur Matthias Hartmann, der Faust als gehemmten Stubenhocker anlegte. Dadurch bekam der Abend eine beängstigende qualitative Schieflage und scheiterte auf hohem Niveau.

Die Inszenierung des aus Bühnensicht schwierigen Stücks gelingt Hartmann überraschend gut. Zwar wird die Walpurgisnacht fast komplett ausgelassen, aber sein reduzierter Stil (riesiges Leintuch mit “Himmel”; ein großer Multifunktionswürfel auf der Bühne; ein Chor; Schatteneffekte…) wechselt gekonnt zwischen Ironie und Tragödie.

Sieht man es zusammen mit dem zweiten Teil, der stark auf multimediale Effekte setzt, gibt das eine gelungene Kombination und zeigt das weite Spektrum, das Hartmann als Regisseur zur Verfügung steht.

Alfred de Musset: Lorenzaccio

Sonntag, November 22nd, 2009

Burgtheater 14.11.

Regie: Stephan Bachmann

mit
Silvia Fenz
Mavie Hörbiger
Melanie Kretschmann
Sebastian Blomberg
Gerrit Jansen
Daniel Jesch
Michael Maertens
Nicholas Ofczarek
Jörg Ratjen
Martin Schwab

Die Studentenaktion anlässlich dieser Vorstellung sollte die Hauptsache des Abends nicht in den Hintergrund drängen. Ich kannte Lorenzaccio vorher nicht. Während es in Frankreich oft gespielt wird, findet das Historiendrama nur selten den Weg auf deutschsprachige Bühnen.

Mit der Qualität des Stücks hat das nichts zu tun. Es ist eine intelligente und dramaturgisch effektvolle Analyse eines korrupten Machtapparats (Florenz, 16. Jahrhundert) um einen debil-grausamen Potentaten und damit heute so aktuell wie eh und je. Stephan Bachmann hat es als effektvolles Stationendrama inszeniert. Er balanciert ausgezeichnet zwischen der Lächerlichkeit der involvierten Figuren und dem historischen Gehalt. Das Duo Ofczarek / Maertens als Alessandro / Lorenzaccio geben ein hohes Niveau vor und das Rest des Ensembles fällt nicht zurück. Wobei die seit einigen Inszenierungen übliche Praxis beibehalten wird, dass alle Schauspieler diverse Rollen übernehmen. Dazu passt gut, dass die erste Reihe des Zuschauerraums den Schauspielern als Garderobe dient. Bachmann zeigt, dass spannendes und inspiriertes “Regietheater” möglich ist. Bisher läßt sich die Ära Hartmann exzellent an, möge das so bleiben.

Studentenaktion im Burgtheater

Sonntag, November 15th, 2009

14.11.

Lorenzaccio stand gestern auf dem Programm (Theaterkritik folgt), ein Stück über Korruption und die Unfähigkeit der “Elite” im Florenz des 16. Jahrhunderts. Das Publikum wurde in der Pause passenderweise mit der Unfähigkeit der eigenen politischen Eliten konfrontiert, deren Symptom die desaströse und im internationalen Vergleich hochnotpeinliche Bildungs”politik” ist. Schätzungsweise 150 bis 200 Studentinnen und Studenten besetzen im Rahmen der Protestaktion Unsere Uni die Bühne des Burgtheaters um auf Ihre berechtigten Anliegen aufmerksam zu machen. Auch Lehrende waren involviert. Es folgte ein Theater der ganz eigenen Art.

Wie pragmatisch die Protestbewegung angelegt ist, zeigt sich an der Dramaturgie. Zwar waren bereits vor dem Beginn der Vorstellung viele Studierende vor der Burg, aber man wartete doch tatsächlich brav die Pause gegen 21:50 Uhr ab, bevor man zur Tat schritt. Ein Teil zerstreute sich im Zuschauerraum, die meisten versammelten sich auf der Bühne und standen damit aus inszenatorischen Gründen im Dreck (Theatererde). Das Publikum spaltete sich in zwei Teile. Die (meinem Eindruck nach) überwiegende Mehrheit solidarisierte sich mit dem Protest. Es gab Applaus und “Bravo”-Rufe. Eine laut plärrende Minderheit gab sich empört mit “Buuh”-, “Raus hier”-, “Es reicht”-Rufen und ließen damit durchblicken, dass sie nicht verstanden hatten, was sie vor der Pause gesehen hatten. Sie schrieen im Burgtheater ihre eigenen Enkel und Kinder nieder, die für mehr Bildung protestieren, und schienen das Groteske der Situation nicht einmal zu erkennen. Es mag daran gelegen haben, dass die Abonnenten des “Nach der Premiere” - Zyklus im Zuschauerraum saßen, von denen viele wohl mehr aus repräsentativen denn als kulturellen Gründen die Burg heimsuchen.

Anekdotisch möge dies das Ehepaar hinter mir illustrieren, die mir bisher noch nie mit Aktionismus aufgefallen waren. Beide waren bei den aufgebrachten Zwischenrufern. Die Dame schrie wenig damenhaft abwechselnd “Es reicht”, “Es waren nur ein paar Minuten ausgemacht” und “Leere Schlagwörter”. Auf den naheliegenden Gedanken kam sie nicht, dass sich Ihre Forderung nach einer 3-Minuten-Aktion mit der einer komplexen Erörterung der Materie widersprechen könnte…

Die Studierenden hatten ein großes Transparent mit einem Brechtzitat auf die Bühne gebracht: “Schwierigkeiten werden nicht dadurch überwunden, dass sie verschwiegen werden”. Der Vortrag der Forderungen hätte aber etwas origineller inszeniert sein können. Die Bühne des Burgtheaters verlangt nach anderen Kommunikationsformen als eine blockierte Straßenkreuzung.

Nach einer guten halben Stunde war alles vorbei. Martin Schwab nutzte die Bankett-Szene nach der Pause geschickt für eine kurze Solidaritätserklärung mit den Studenten.

Ich berichtete als erster mit Live-Tweets von der Aktion, die schnell die Runde machten (70 Retweets in in 2h). War eine interessante Erfahrung, einmal aktuelle Informationen zu liefern, die sehr stark nachgefragt waren.

Weitere Informationen:

Meine Fotos von der Aktion
Video von der Aktion
Bericht in der Spät-ZIB des ORF (am Ende)

Kommentare?

Struwwelpeter

Montag, Oktober 19th, 2009

Burgtheater 13.10.

Regie: Stefan Pucher
Sängerin / Schauspielerin: Birgit Minichmayr
Mutter: Petra Morzé
Vater: Michael Masula
Theaterdirektor: Jacques Palminger
Musiker: Lieven Brunckhorst, Martin Engelbach, Uwe Frenzel, Marco Schmedtje

Skeptisch ging ich hin, überzeugt ging ich wieder weg. Was dazwischen passierte, ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Ein multimedial aufgepeppter Abend, der sich “inspiriert” durch die schwarze Pädagogik des Struwwelpeters mit der Beziehung zwischen den Großen und den Kleinen auseinandersetzte. Roter Faden waren die von Birgit Minichmayr exzellent gesungenen Geschichten des Buches. Unterbrochen von diversen nur locker zusammenhängenden Szenen mit und ohne Kinder. War selbst erstaunt, wie gut so ein “originelles” Konzept funktionieren kann.

Goethe: Faust - Der Tragödie zweiter Teil

Sonntag, September 6th, 2009

Burgtheater 5.9.

Regie: Matthias Hartmann
Caroline Peters
Yohanna Schwertfeger
Simon Kirsch
Peter Knaack
Dietmar König
Joachim Meyerhoff
Tilo Nest
Stefan Wieland

Aus Gründen, die wohl tief in den Eingeweiden der Abonnementabteilung vergraben sein dürften, bekamen wir “Nach der Premiere”-Zykleninhaber zuerst den zweiten Teil von Goethes Tragödie zu sehen. Das Programmheft stimmte mich zuerst skeptisch, wenig Texte und diese dann von den üblichen Verdächtigen (Sloterdijk, Freud, Futurismus-Manifest…), ebenso stellte ich mir die Frage, wie Hartmann dieses Textmonstrum in nur zwei Stunden auf die Bühne bringen wollte.

Diese bestand aus mehreren transparenten Flächen, auf die man die Videos projezierte, die überwiegend live auf der Bühne gedreht wurden (Gesichter der Protagonisten, originelle Modellnachbauten etc.). Acht Schauspieler ergänzt durch Musiker und die Kameraleute reichten Hartmann, um sein improvisiert wirkendes Multimedia-Spektakel abzuwickeln. Wobei “improvisiert” hier nicht negativ gemeint ist, sondern auf die entsprechende Bühnenästhetik verweist. Der Text ist natürlich ordentlich abgespeckt und wird maßvoll durch aktuelle Einschübe unterbrochen, wozu sich das Stück geradezu anbietet (Papiergeld und Inflation, Biologische Laboratorien etc.).

Mir gefiel vor allem Hartmanns Mut, das Stück in dieser Form anzugehen. Man probiert aus, was auf der Bühne geht, und siehe da, es funktioniert. Dazu trägt nicht zuletzt die exzellente schauspielerische Leistung bei, wobei jede(r) mehrere Rollen spielt. Die Inszenierung wird zwar nicht ins Pantheon der Faust-Inszenierungen aufgenommen werden, garantiert aber einen intelligenten und kurzweiligen Theaterabend.

Shakespeare: All’s Well That Ends well

Sonntag, Juli 19th, 2009

Olivier Theatre London 4.7.

Director: Marianne Elliot
Bertram: George Rainsford
Helena: Michelle Terry
Parolles: Conleth Hill
u.a.

Ich war sehr gespannt auf den Abend. Wie würde das National Theatre Shakespeares nicht allzu populäre Komödie auf die Bühne bringen? Experimentell oder klassisch-literarisch? Auf einer Skala zwischen diesen beiden Polen war die Inszenierung eher auf der Seite des Literaturtheaters zu finden. So urwüchsig-traditionelles Schauspiel-Handwerk sah ich schon lange nicht mehr, inklusive perfekt besetzten Komödien-Stereotypen wie den komischen Diener der Countess of Rossillion.
Das Gesamtkonzept war mit feinem britischen Humor unterlegt. Als Beispiel dafür möge das märchenhaft-ironische Spukschloss als Bühnenbild dienen. Das Ergebnis war ein runder und sehr erfreulicher Theaterabend. Elliots Regie balancierte so gekonnt zwischen den diversen Abgründen des Stücks (Märchen versus Psychodrama; Komödie versus Problemstück…), dass man sie zu dieser Leistung nur beglückwünschen kann. Nicht zuletzt gehört auch viel Mut dazu, eine solche Regielinie zu vertreten. Ein Fehler, dass ich bisher nicht öfters in London ins Theater ging.

Die deutschsprachige Theaterszene “rotiert”

Freitag, März 27th, 2009

Es stehen zur neuen Spielzeit zahlreiche Intendantenwechsel an. “Der Standard” gibt einen guten Überblick.

Calderon de la Barca: Das Leben ist ein Traum

Sonntag, März 8th, 2009

Burgtheater 2.3.

Regie: Karin Beier
Basilius: Peter Simonischek
Sigismund: Nicholas Ofczarek
Sigismunds Aufseher Clotald: Martin Reinke
Astolf: Johannes Krisch
Estrella: Myriam Schröder
Rosaura: Christiane von Poelnitz

Viel schlechtes Theater sah ich schon, aber diese Inszenierung zu unterbieten dürfte schwierig sein. Unglückliche Regie in Kombination mit mangelndem Textverständnis ist eine Mischung, die nur in eine Theaterkatastrophe münden kann.
Calderons Stücke sind nun für heutige Theaterbesucher eine schwere Kost, im Vergleich zu Shakespeare beispielsweise, dessen Handlungsbögen und Figuren ohne weiteres ein Publikum spannend zu unterhalten vermögen. Grund dafür ist die sehr artifizielle Ästhetik der spanischen Dramatiker des “Goldenen Zeitalters”. Kulturgeschichtlich passt das gut zu den ebenso abstrusen wie abgehoben Ritualen am Hof von Madrid. Diese ritualisierte Dramensprache erschwert naturgemäß die Zugänglichkeit.
Das Stück hat mit dem Traummotiv eine quasi philosophische Kompenente und stellt die beliebte Frage nach der Realität der Realität. Karin Beier konzentriert sich in dem arg zusammengekürzten Text auf den politischen Machtkonflikt zwischen Vater und gekürzt zu Ungunsten der abstrakteren Themen des Stücks.
Wie bei “Leonce und Lena” im Hamburger Thalia Theater frönt leider auch Beier einem völlig unangebrachten Debilitäts-Enthusiasmus. O. muss Sigismund als debiles Frack spielen (und macht dies kongenial), womit viele Motivstränge des Stücks kollabieren, etwa ethischen Fragen rund um Sigismund Verhalten im Regierungsexperiment.
Schon lange keinen so schlechten Theaeterabend mehr erlebt.

Büchner: Leonce und Lena

Dienstag, Februar 17th, 2009

Thalia Theater Hamburg 9.2.

Regie: Dimiter Gotscheff
Bühne: Katrin Brack


König Peter: Peter Jordan
Prince Leonce: Ole Lagerpusch
Prinzessin Lena: Katrin Wichmann
Valerio: Andreas Döhler
Die Gouvernante: Viktoria Trauttmannsdorff

Die Beurteilung dieser Aufführung läßt sich auf die Frage zuspitzen: Wie halten Sie es mit dem Regietheater? Gelungenes Regietheater kann sehr spannend sein, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob Gotscheffs Bearbeitung des Büchner Stoffes in diese Kategorie fällt. Das Bühnenbild ist ohne Zweifel ein gelungener Einfall: Auf einer großen Treppe liegen eine Menge geschlossener Schlafsäcke, von denen nicht wenige mit Statisten “gefüllt” sind. Diese Untertanen des Königs Peter drehen und winden sich in regelmäßig, so dass der absurde Eindruck entsteht, als handele es sich um Insektenlarven. Das passt ausgezeichnet zum grotesken Stil des Stücks und zum satirischen Gehalt des Stücks.

Diese Regieidee rettet den Theaterabend. Das übertriebene Gehabe des Ensembles hat man in den letzten Jahren schon so oft gesehen, dass es eigentlich nur noch langweilt. Ole Lagerpusch gibt Leonce als eine mildere Version der Gumbies aus Monty Pythons “Flying Circus”. Er macht das mit großem Einsatz, aber es ist nur sehr bedingt komisch. Peter Jordan gibt den König als eine Art geklonter Urban Priol.

Am Schluss habe ich mich ziemlich gelangweilt, was angesichts des Regieaufwands seltsam ist. Mehr Büchner und weniger Gotscheff wäre aufregender gewesen.

Schiller: Don Carlos

Samstag, Januar 24th, 2009

Burgtheater 19.1.

Regie: Andrea Breth

Philipp II., König von Spanien: Sven-Eric Bechtolf
Elisabeth von Valois, seine Gemahlin: Johanna Wokalek
Don Carlos, der Kronprinz: Philipp Hauß
Prinzessin von Eboli, Dame der Königin: Christiane von Poelnitz
Marquis von Posa: Denis Petkovic
Herzog von Alba: Nicholas Ofczarek
Domingo, Beichtvater des Königs: Cornelius Obonya

Der Großinquisitor: Elisabeth Orth

Großartiges Theater war in Wien die letzten Jahre nur selten zu sehen. Es dominierte das Mittelmaß und es gab einige erstaunlich schlechte Inszensierungen. Zwei Ausnahmen allerdings gab es: Die Stücke, welche Andrea Breth und Martin Kusej auf die Bühne brachten.

Dieser “Don Carlos” gehört zweifellos zum Besten, was die Wiener Theaterwelt in den letzten fünf Jahren zu bieten hatte. Desto erfreulicher die Wiederaufnahme und desto unverständlicher, warum Bachler diese Aufführung aus dem Spielplan nahm. Zum Ende seiner Amtszeit gönnt er den Wiener Theaterfreunden noch einige wenige Gelegenheiten, sich die Inszenierung noch einmal anzusehen.

Sieht man Breths Theaterarbeit zum zweiten Mal, fallen einem verstärkt auch die subtileren Regie-Ideen auf. Bekanntlich bedient sich Breth meist eines modernen Bühnenbilds, kombiniert dies aber mit einer heute ungewöhnlichen Texttreue zum Stück und, auch nicht mehr selbstverständlich, mit großem Textverständnis.

Der spanische Hof ist in einem tristen modernen Büroambiente angesiedelt, was ausgezeichnet zum spanischen Hofprotokoll passt. Die geschickt eingesetzte Drehbühne erlaubt immer neue Arrangements und die Übergänge zwischen den Szenen sind immer wieder mit fulminanten Bildideen umgesetzt.

Die Psychologie der Figuren ist differenziert und scharf ausgeleuchtet, so wird der Idealismus Marquis de Posa mit einer subtilen Ironie unterlegt, ohne jedoch seinen Idealismus ins Lächerliche zu ziehen. Besonders beeindruckend ist Sven-Eric Bechtholf als Philipp II, seine Leistung dürfte für viele Jahre Referenzcharakter haben. Philipp Hauß gibt Don Carlos als vergleichsweise zappeligen Jüngeling.

Diese Inszenierung sollte kein Theaterfreund in Wien versäumen, es gibt noch wenige weitere Termine im Februar. Könnte gut sein, dass ich sie mir zum dritten Mal ansehe.

Thomas Bernhard: Der Schein trügt

Sonntag, Januar 11th, 2009

Burgtheater 6.1.

Karl: Martin Schwab
Robert: Michael König
Regie: Nicolas Brieger

Die Kritiken waren nicht sehr vorteilhaft, und tatsächlich lässt sich einwenden, dass es in der Vergangenheit inspiriertere Bernhard-Inszenierungen am Burgtheater gegeben hat. Man wird den Eindruck nicht los als bewege sich die Aufführung immer nur an der Oberfläche.
Was den Abend dennoch rettet ist die fulminante Schauspielleistung von Martin Schwab und Michael König. Schwab gibt den Artisten Karl als verzweifelt-komischen Geistesmenschen und reiht ihn damit passend in die Riege dieser schrägen Bernhard-Typen ein. König spielt dessen Stiefbruder Robert, einem pensionierten Schauspieler, überzeugend kauzig-zurückhaltend.
Es spricht nichts dagegegen, sich diese Inzensierung anzusehen, Bernhards Text trägt gut über die zwei Stunden hinweg. Man sollte aber kein großes Theaterereignis erwarten.

Karl Schönherr: Der Weibsteufel

Sonntag, Dezember 7th, 2008

Akademietheater 2.12.
Regie: Martin Kusej
Der Mann: Werner Wölbern
Sein Weib: Birgit Minichmayr
Ein junger Grenzjäger: Nicholas Ofczarek

Martin Kusejs brillante Theaterarbeit hebt sich vom meist aufs Mittelmaß abonnierte Wiener Theaterleben wohltuend ab. Ein vergleichsweise biederes Stück wie Schönherrs “Der Weibsteufel” in einen fulminanten Theaterabend zu verwandeln braucht mehr als bloßes Talent.
Riesige, kreuz und quer liegende Baustämme bedecken die Bühne und auf ihnen entfaltet sich das psychologische Eifersuchts- und Ehedrama. Kusej inszeniert es als eindringliches Kammerspiel bei dem man ständig den Eindruck hat, also werden hier viel größere Themen behandelt als die Racheintrige einer unterdrückten Ehefrau. Schauspielerische Perfektion rundet die Regieleistung ab.

Edward Albee: Wer hat Angst vor Virgina Woolf

Freitag, November 7th, 2008

Burgtheater 25.10.
Regie: Jan Bosse
Martha: Christiane von Poelnitz
George: Joachim Meyerhoff
Putzi: Katharina Lorenz
Nick: Markus Meyer

Anstatt der versprochenen Faust-Inszenierung, setzte das Burgtheater Edward Albees psychologisches Ehegemetzel auf den Spielplan. Das Bühnenbild, eine Menge Whiskeyflaschen stehen statt Bücher im Regal, ist originell. Mehr Originalität wird dann freilich nicht mehr geboten. Die erste Hälfte war eine langweilige Durchschnittsinszenierung, die zweite Hälfte musste deshalb ohne mich mich stattfinden. Das lag nicht an den Schauspielern, speziell von Poelnitz und Meyerhoff waren gut in Form. In keinerlei Hinsicht ein Ersatz für den ausgefallenen “Faust”.

Maxim Gorki

Samstag, September 6th, 2008

Nachtasyl. Reclam

Dieses Drama ist speziell im deutschsprachigen Raum sehr bekannt. Max Reinhardts Inszenierung 1903 in Berlin hatte eine große Resonanz und die Rezeptionsgeschichte bis zum zweiten Weltkrieg wäre eine eigene Abhandlung wert.
Das Revolutionäre des Stücks waren dessen “Helden”. Zwar war es in Deutschland nicht zum ersten Mal, dass die Erniedrigten nd Beleidigten die Hauptrollen spielten (Büchner, Hauptmann), aber in dieser geballten Form waren gescheiterte Existenzen am Boden der Gesellschaft noch nicht präsent. Die Bewohner einer letztklassigen Absteige stehen im Mittelpunkt der Handlung. Angesichts der europaweit wieder neu aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich liest sich das heute aktueller als noch vor 15 Jahren.
Gorki zeichnet nicht schwarz-weiss. In den Gesprächen und Erzählungen der Bewohner wird schnell deutlich, dass es nicht nur “die Gesellschaft” ist, welche am Scheitern dieser Existenzen schuld ist. Dieser Faktor spielt im Russland der letzten Jahrhundertwende natürlich eine massgebliche Rolle, es werden aber auch individuelle Faktoren herausgearbeitet, welche an der Misere der Einzelnen mitverantwortlich sind.

Schiller: Die Räuber

Samstag, August 30th, 2008

Salzburger Festspiele 23.8.
Regie: Nicolas Stemann
Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp, Alexander Simon

Wer Stemanns kluge Jelinek-Inszenierungen kennt, durfte auf seinen Versuch gespannt sein, Schillers wildestes Drama auf die Bühne zu bringen. Statt ausgetretene Pfade des Regietheaters zu begehen, wählte Stemann einen originellen Ansatz: Er nahm Anleihen bei einer Sprechoper und ließ die vier Schauspieler Franz und Karl Moor mal gleichzeitig, mal nacheinander sprechen (auch andere Charaktere ab und an). Hervorzuheben ist auch, dass Schillers Text fast unangetastet verwendet wurde.

Das wirkte im ersten Moment irritierend, war dann aber schnell überzeugend und öffnete ein breites Assoziationsspektrum nicht nur psychologischer Natur. Das gemeinsame Sprechen erinnerte stellenweise an den Chor einer antiken Tragödie, speziell wenn in den berühmten Dialogen grundsätzliche moralische Themen abgehandelt wurden.

Auch sonst bediente sich die Regie durchaus überzeugend der Mittel des modernen Theaters. Die Schauspieler verließen immer wieder ironisch ihre Rolle (episches Theater light), improvisierten usw.

Bis zur Pause ging das einigermaßen gut, danach aber stürzte die Inszenierung leider qualitativ merklich ab. Nun ist es notorisch schwierig, den melodramatischen Schluss “Der Räuber” heutzutage glaubwürdig darzustellen. Stemann versuchte einen seltsamen Balanceakt zwischen ironischer Brechung und krudem Realismus (etwa der malerisch naturalistisch verlumpte alte Moor nach der Befreiung aus dem Turm), der ihm in keiner Hinsicht gelang. So ist das Fazit doch sehr zwiespältig: Eine spannend beginnender Theaterabend entwickelt sich am Ende zum Desaster im mehrfachen Wortsinn.