Archive for the ‘Zeitgeschehen’ Category

Reise-Notizen: Grenzerfahrungen in Zentralasien

Donnerstag, Mai 7th, 2009

Die Grenzübertritte in Zentralasien sind ebenso mühselig wie eindrucksvoll. Perpetuierte bürokratische Amokläufe, welche dem Liebhaber dieser Dinge unvergessliche Erlebnisse bescheren. Wir fahren auf einem besseren Feldweg durch Niemandsland auf die turkmenische Grenze zu. Es gilt den Bus zu verlassen und mit dem Gepäck durch ein Tor zu schreiten, nachdem ein turkmenischer Grenzbeamter einen ersten Blick auf den Pass geworfen hat. Wir gehen weiter zu einer schäbigen Grenzstation, in der eine mehrköpfige Kommission, angeordnet nach der Anzahl der Sterne auf den Schulterklappen, jeweils die Vielzahl an inzwischen angesammelten Reisedokumenten sichtet. Irgendwann bekommt man den ersehnten Ausreisestempel in den Pass.
Am anderen Ende wartet die Fortsetzung des Feldwegs. Ein pensionsreifer VW-Bus bringt alle im Pendelverkehr zur usbekischen Grenzstation, die in einem überdimensionierten Baustellencontainer angesiedelt ist. Naturgemäß sind auch hier diverse Formulare vorzubereiten, so will der usbekische Staat genau wissen, wie viele Devisen man ein- und ausführt. Angesichts der eigenen, international unbrauchbaren Währung vermutlich eine Notwendigkeit. Wer 20 Euro wechselt bekommt 38 Geldscheine der größten verfügbaren Sorte, weshalb man einen nennenswerten Teil seiner Usbekistan-Tour mit Geldzählen verbringt. Die Gesamtprozedur an der Grenze dauert an die zwei Stunden. Sechsmal hatte ich in Zentralasien dieses Vergnügen.

Gesichter der Wirtschafts-Krise

Sonntag, April 26th, 2009

Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner

Sonntag, Januar 25th, 2009

Dafür sei ihm recht herzlich Hagen Rethers treffendes Portrait gewidmet.

Israel, Ende Februar - Ein Kulturbrief [2006]

Freitag, Januar 23rd, 2009

Pünktlich landet der Flug OS 0857 in Tel Aviv, und die Stewardess spult mit üblicher Routine ihre Hinweise über die möglichen unerwünschten Auswirkungen der Schwerkraft auf das Handgepäck ab. Abweichend vom Standardtext wünscht sie den Passagieren schließlich keine “pleasant”, sondern “a safe journey”. Willkommen im Nahen Osten.

Die Palästinenser entschlossen sich vor wenigen Wochen, ihre politische Zukunft den Islamisten der Hamas anzuvertrauen. Der Karikaturenstreit überschritt den ersten Höhepunkt und man wurde des Flaggenverbrennens langsam überdrüssig. Die mediale Mobilmachung von CNN & Co. noch im Bewusstsein, will ich dieser Inszenierung eigene Erfahrungen entgegen setzen.

Ist man als Europäer tatsächlich das neue Feindbild in der arabischen Welt? Abgesehen vom Gazastreifen und der Westbank, bietet Ost-Jerusalem wohl die beste Gelegenheit, mit Arabern ins Gespräch zu kommen. Mein Hotel “The Olive Tree” liegt im besetzten Osten der Stadt, unweit des arabischen Teils der Altstadt. Die Warnungen der deutschen Obrigkeit in den Wind schlagend, welche große Vorsicht beim Besuch der historischen Viertel dringend ans Herz legte, spaziere ich durch das Damaskustor in das Gassenlabyrinth. Schon bald nähert sich mir eine Gruppe arabischer Jugendlicher. Mich skeptisch musternd kamen sie langsam näher, um mir dann lachend ein “Welcome in Jerusalem” zuzurufen. Animositäten gegen Europäer kann ich trotz ausgiebiger Fußmärsche nicht beobachten. Die Stimmung auf arabischer Seite ist gedrückt, was angesichts der Omnipräsenz des israelischen Militärs wenig überrascht. Größere Gruppen junger Wehrpflichtiger mit ihren Sturmgewehren auf dem Rücken patrouillieren durch die engen Gassen. Die Schaufenster, die ab und zu mit großen Portraits Arafats geschmückt sind, scheinen sie nicht zu stören.

Die Allgegenwärtigkeit von Waffen ist für in Mitteleuropa sozialisierte Menschen verblüffend. Junge Rekruten sind stets in voller Bewaffnung auf der Straße unterwegs. Selbst am Frühstücksbuffet des Ramon Inn, seines Zeichens das einzige Hotel in der verschlafenen Wüstenstadt Mizpe Ramon, holen sich zwei junge Männer mit umgehängtem Gewehr ihr Gebäck. Schulklassen müssen laut Gesetz von mindestens zwei bewaffneten Erwachsenen begleitet werden, so dass es schon Sechsjährigen nicht verborgen bleiben kann, dass sie ihres Lebens nicht sicher sind. Israel erweckt von den Golanhöhen im Norden bis zum vierhundert Kilometer entfernten Eilat am Roten Meer den Eindruck großer Wehrhaftigkeit. Allzeit zu allem bereit scheint das Motto vor allem der Jugend zu sein. In Yad Vashem weist mich ein Angestellter darauf hin, dass es viele Jugendliche nur schwer akzeptieren könnten, dass die europäischen Juden dem Völkermord nicht mehr Widerstand leisteten. In Zukunft nie mehr wehrlos sein zu wollen, ist offenkundig wichtiger Teil der Mentalität der jungen Israeli.

Die ständigen Sicherheitskontrollen verschärfen diesen Eindruck zusätzlich. Selbst beim Besuch eines Dorfgasthauses in En Kerem muss man seine Taschen entleeren und erträgt geduldig das Piepsen des Metalldetektors.

Es lasse sich kaum Geld verdienen, erklärte mir ein junger Jerusalemer Taxifahrer, um anschließend ausgiebig über die schlechte allgemeine wirtschaftliche Lage zu klagen. Ein fliegender Souvenirverkäufer, der trotz der wenigen Touristen in Jerusalem sein Glück versucht, erzählt mir, er komme eigentlich aus Bethlehem, wo angesichts der angespannten Lage nun die Touristen schon wieder ausblieben, und er nicht wisse, wie er seine Familie ernähren soll. In der zweiten Jahreshälfte 2005 kam der Tourismus langsam wieder in Schwung. Es wird sich weisen, ob das nur eine kurze Unterbrechung der jahrelangen Flaute war.

Während der klassische Tourist seit der zweiten Intifada Israel als Reiseziel mied, galt dies nur eingeschränkt für Pilger. Wer mit göttlichem Beistand reist, sieht offenbar potenzielle Gefährdungen weniger dramatisch. Überhaupt dürfte es weltweit kein Land geben, in dem sich eine so große Vielfalt an Religionen samt ihren Anhängern beobachten lässt. Allein in Jerusalem sind die Varianten des Christentums kaum zu zählen. Wer im komplexen Geflecht der feinen theologischen Unterschiede den Überblick verliert, kann sich vertrauensvoll an das “Christian Information Center” beim Jaffator wenden. Die Eifersüchteleien der einzelnen Konfessionen über die Heiligen Stätten sind legendär und wurden mit der religiösen Streitereien eigenen Verbissenheit geführt. 1757 versorgten griechische Mönche beispielsweise ihre Anhänger mit Waffen und metaphysischer Munition, worauf diese in der Nacht vor Palmsonntag nicht nur Vandalenakte in der Basilika des Heiligen Grabes verübten, sondern im Anschluss daran auch noch das Kloster der Minoriten stürmten, um die Mönche zu massakrieren. 1873 und 1901 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und katholischen Mönchen. Wer sich für diese und andere Akte der Nächstenliebe interessiert, dem sei Bernard Wassersteins Monographie “Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt” (München 2002) empfohlen. Der Schlüssel der Grabeskirche wird deshalb sinnigerweise seit vielen Generationen von einer moslemischen Familie verwahrt. Raufereien zwischen kirchlichen Würdenträgern konnte ich nicht beobachten. Sogar die beiden Malteser Ritter mit ihren pittoresken weißen Umhängen hatten ihre Schwerter zu Hause gelassen. Aber trotz der ungeheuren Zahl an Kirchen in der Jerusalemer Altstadt stellt man unschwer fest, dass die konfessionellen Einflusssphären streng abgegrenzt sind. Am augenscheinlichsten schlägt sich das in den verschiedenen Räumen der Grabeskirche nieder. Durch die vielen Anbauten entstand ein architektonischer Moloch, der zwar hintersinnige religionsphilosophische Analogien nahe legt, aber Freunde der Baukunst nur den Kopf schütteln lässt.

Die christlichen Stätten im Norden sind weniger beeindruckend. Rund um den See Genezareth gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus der Zeit des Neuen Testaments. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich auf den bequemeren Beruf des Apostels verlegte.

Unweit davon, auf dem Hügel Schech’ Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen singt, nein schreit eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte. An vielen dieser christlichen Stätten sind nur moderne Gebäude mit bescheidenen ästhetischen Qualitäten zu finden. Deshalb ist es oft lohnender, anstatt der Bauwerke die Pilger zu beobachten.

An Nazareth lässt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung demonstrieren. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus’ ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen.

Synagogen gibt es in Jerusalem ebenfalls in großer Anzahl. Nach der Besichtigung unzähliger Kirchen benötigt man etwas Zeit, um sich vom Entblößen des Kopfes als Respektbekundung auf das Bedecken desselben zum selben frommen Zweck umzustellen. Wer sich mit der Geschichte des Synagogenbaus beschäftigen will, sollte unbedingt das Israel Museum besuchen, in dem man drei historische Innenräume mit Originalteilen rekonstruiert hat. (indisch, italienisch und bayerisch).

An der Klagemauer herrscht Hochbetrieb. Neben den zahlreichen Betenden findet dort eine Bar Mizwa statt. Als junger Katholik erhält man als Zeichen der Vollmitgliedschaft von seinem Bischof eine symbolische Ohrfeige, auf das kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse bestehe. Eine Bar Mizwa dagegen läuft als fröhliches Fest ab. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen. Der Junge wird lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere lassen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen.

Nun sind, schon aus Gründen der religiösen Ausgewogenheit, noch ein paar Worte über den Islam angebracht. Während es Juden von ihrem Rabbinat streng verboten ist, den Tempelberg zu besteigen, darf man als Reisender am Morgen dieses berühmte Wahrzeichen der Stadt kurz betreten. Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Leider kann man die Al Aqsa Moschee seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen.

Steht man auf dem Tempelberg mit der Klagemauer unter sich und den zahlreichen Kirchen in der Altstadt vor sich, denkt man zwangsläufig über die Zukunft dieser außergewöhnlichen Stadt nach. Der Blick fällt auf die schwer bewaffneten Soldaten und die Gedanken kreisen um den gordischen Knoten des religiösen und politischen Hasses. Skeptisch steige ich hinab in die turbulente Altstadt und versuche, die Erkenntnis beiseite zu schieben, dass die Jerusalemfrage noch sehr lange die Weltöffentlichkeit beschäftigen wird.

[Literatur und Kritik Mai 2006; © Christian Köllerer]

“The Library in the New Age”

Sonntag, Juni 1st, 2008

So nennt Robert Darnton seinen neuen Essay, der in der aktuellen Ausgabe der New York Review of Books nachzulesen ist.

Über den Menschen

Dienstag, Mai 13th, 2008

Der Economist berichtet als eines der wenigen Medien über den Kongo, wo unsere Gattung wieder einmal zur Hochform aufläuft:

Most [rape] victims, as ever, are women and girls, some no more than toddlers, though men and boys have sometimes been targeted too. Local aid workers and UN reports tell of gang rapes, leaving victims with appalling physical and psychological injuries; rapes committed in front of families or whole communities; male relatives forced at gunpoint to rape their own daughters, mothers or sisters; women used as sex slaves forced to eat excrement or the flesh of murdered relatives. Some women victims have themselves been murdered by bullets fired from a gun barrel shoved into their vagina. Some men, says a worker for the UN’s Children’s Fund (Unicef), have been forced to simulate having sex in holes dug in the ground, with razor blades stuck inside. [The Economist 3.5.]

“What Have We Learned, If Anything?”

Dienstag, April 22nd, 2008

Wer sich ausführlich mit Geschichte beschäftigt, stellt sich diese Frage zwangsläufig, wenn er die aktuellen weltpolitischen Ereignisse verfolgt. Kluge Antworten darauf sind selten, weshalb Tony Judts Essay in der New York Review of Books 7/08 besondere Beachtung verdient. Seiner Meinung nach hat vor allem Amerika die relevanten Lehren aus dem 20. Jahrhundert nicht gezogen:

With the exception of the generation of men who fought in World War II, the United States thus has no modern memory of combat or loss remotely comparable to that of the armed forces of other countries. But it is civilian casualties that leave the most enduring mark on national memory and here the contrast is piquant indeed. In World War II alone the British suffered 67,000 civilian dead. In continental Europe, France lost 270,000 civilians. Yugoslavia recorded over half a million civilian deaths, Germany 1.8 million, Poland 5.5 million, and the Soviet Union an estimated 11.4 million. These aggregate figures include some 5.8 million Jewish dead. Further afield, in China, the death count exceeded 16 million. American civilian losses (excluding the merchant navy) in both world wars amounted to less than 2,000 dead.

As a consequence, the United States today is the only advanced democracy where public figures glorify and exalt the military, a sentiment familiar in Europe before 1945 but quite unknown today. Politicians in the US surround themselves with the symbols and trappings of armed prowess; even in 2008 American commentators excoriate allies that hesitate to engage in armed conflict. I believe it is this contrasting recollection of war and its impact, rather than any structural difference between the US and otherwise comparable countries, which accounts for their dissimilar responses to international challenges today. Indeed, the complacent neoconservative claim that war and conflict are things Americans understand—in contrast to naive Europeans with their pacifistic fantasies —seems to me exactly wrong: it is Europeans (along with Asians and Africans) who understand war all too well. Most Americans have been fortunate enough to live in blissful ignorance of its true significance.

Reise-Notizen: Bad Ischl und Hallstatt

Sonntag, April 20th, 2008

4.4. - 6.4

Bekanntlich gehört das Salzkammergut zu den idyllischsten Gegenden in Österreich: Beeindruckende geologische Formationen rund um pittoreske Seen verstellen zufrieden wirkenden Kühen und zufrieden wirkenden Einwohnern die Sicht auf die weite Welt. Die Oberflächlichkeit dieser Idylle und die Abgründigkeiten darunter wurden von den österreichischen Literaten zu ausführlich beschrieben, um das hier wiederholen zu müssen.

Das malerisch gelegene Hallstatt hat es inzwischen zum Weltkulturerbe gebracht und damit auch zu einem Museum, genauer zu einem “Welterbemuseum”, in dem die archäologischen und anderen Funde ausgestellt sind. Die historische Bedeutung der Hallstatt-Kultur ist natürlich unbestritten. Trotzdem entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn man die museale Zeitachse entlang schlendert und sich einmal auf Augenhöhe mit der chinesischen Hochkultur sieht oder als zeitliche Verortung ein Buch mit dem Titel “Odysseus” erwähnt wird, das angeblich ein gewisser Homer geschrieben haben soll …

Ansonsten sind die archäologischen Exponate des Hauses passabel präsentiert. Je näher man jedoch der Gegenwart kommt, desto lokalpatriotischer wird die Schau.

Bad Ischl bietet dem Besucher tiefgründige Einblicke in Kakanien. Man glaubt gemeinhin zwar, bereits genügend über Franz Joseph und sein “kulturelles” Umfeld zu wissen, ich garantiere aber, dass ein Besuch der Kaiservilla diesen Kenntnissen viel neues Anschauungsmaterial liefern wird. Schon der Souvenirshop versetzt den Kenner derartiger Etablissements mit der ungewöhnlich hohen Dichte von frappantem KuK-Kitsch in Entzücken. Dadurch gestärkt bricht man zur knapp einstündigen Führung durch das Gemäuer auf. Die meisten Räume sind mit unzähligen Tiertrophäen angefüllt, 2000 an der Zahl. In dieser gespenstischen Tierkörperverwertungsanstalt also pflegte Franz Joseph seine Sommer zu verbringen, und gelegentlich Weltkriege auslösende Kriegserklärungen zu unterzeichnen. Ich bezweifle, dass es in Österreich einen zweiten Ort gibt, an dem die mangelnde Intellektualität dieser Habsburger Generation so augenscheinlich wird wie hier.

Carl Sagan: The Demon- Haunted World. Science as a Candle in the Dark

Sonntag, März 2nd, 2008

Random House (Amazon Partnerlink)

Ein aufgeklärter Mensch, der seine Urteile gerne auf wissenschaftlich abgesicherten Fakten und rationalen Prinzipien basierend trifft, hat es heute wohl nicht leichter als vor 200 Jahren, wenn er als Skeptiker auf die seltsamen Umtriebe seiner Mitmenschen blickt. Ein Blick etwa in den Kleinanzeigenteil des Wiener Falters reicht völlig aus, um sich besorgt zu fragen, was ein paar Jahrhunderte an Aufklärung und ein modernes Bildungswesen eigentlich bewirkt haben, angesichts des alten (Wahrsagerei, Astrologie…) und neuen (Esoterik, modische Psychotherapien…) Aberglaubens, der fröhliche Urständ feiert. Diese weitverbreitete Schizophrenie ist insofern beachtlich als dieselben Menschen, die in Fragen der Weltanschauung sich freiwillig irgendwo zwischen Neolithikum und der wissenschaftlichen Revolution der Neuzeit ansiedeln, sich dieser hier ignorierten Prinzipien dort so gerne bedienen, wenn sie Hightech-Medizin in Anspruch nehmen oder zum Einkaufen nach Paris fliegen.

Aufklärung tut also immer noch not, weshalb es begrüßenswert ist, wenn sich Intellektuelle wie Carl Sagan (oder in letzter Zeit Richard Dawkins) dieses mühseligen Geschäftes annehmen, und mit offenkundigen Unsinn so lange ihre Zeit verschwenden bis sie diesen widerlegt haben. Sagan lässt in diesem Buch die größten Dummheiten der Gegenwart (und auch einige der Vergangenheit) Revue passieren, um diese ebenso kompetent wie süffisant zu widerlegen. Der Schwerpunkt liegt auf amerikanischen Albernheiten (so die Ufohysterie), die freilich zu großen Teilen globalisiert anzutreffen sind. Die Lektüre verrät viel über den geistigen Zustand unserer Welt. Es bleibt aber zu befürchten, dass auch dieses Buch nicht von den Menschen gelesen wird, die etwas Aufklärung dringend benötigen würden.

Die österreichische Presselandschaft …

Sonntag, Januar 27th, 2008

… wird hier hübsch zusammengefasst.

Christopher Hitchens: God is not Great. How Religion Poisons Everything.

Sonntag, Dezember 16th, 2007

(Gehört als Audiobook.)

Twelve, gebunden (Amazon Partnerlink)

Der dritte atheistische Besteller (nach Richard Dawkins und Sam Harris) der letzten Zeit, konnte mich am wenigsten überzeugen. Hitchens trägt zwar die bekannten validen Argumente gegen religiöse Dummheiten zusammen, zeichnet sich aber negativ durch zu viel Selbstverliebtheit aus. Seine autobiographischen Exkurse wirken oft mehr eitel als erhellend. Wer nur ein Buch zum Thema lesen will, sollte also nicht zu diesem greifen. Nebenbei sei bemerkt, dass Hitchens ein vergleichsweise schlechter Vorleser ist. Ich hörte mir seine Gesamtlesung als Audiobook an.

Stift Melk (10.10.)

Samstag, Oktober 20th, 2007

Das als “Perle des Barock” viel gepriesene Stift lohnt in der Tat einen Besuch. Neben erstklassiger Barockarchitektur bekommt man auch ein Lehrstück an ideologischer Geschichtsauffassung geboten, wie man es von der Kirche erwarten darf. Eine Führung durch die Anlage beginnt nach der Kaiserstiege in einer Art Geschichtsmuseum. Dieses führt den Interessenten in manchen Teilen eine (sagen wir) “extravagante” Geschichtsauffassung vor Augen. So findet an einer Wandtafel “Abstieg im 14. Jahrhundert” die gewagte Zusammenfassung “Päpste unter dem Diktat der französischen Könige”. Als hätte sich der Klerus nicht wunderbar in Südfrankreich eingerichtet und sich lange gesträubt in das damals vergleichsweise bescheidene Rom zurückzukehren. Amüsant auch folgende Texttafel über das 18. Jahrhundert:

Textkritik der Heiligen Schrift =
wissenschaftlicher Aufschwung.
Die Bibel wurde immer wichtiger.

Ganz so als hätte man damals mit großer Freude die kritischen Bibelausgaben begrüßt. In Wahrheit war natürlich das Gegenteil der Fall (siehe Notiz über Bart Ehrman weiter unten).
Höhepunkt der Besichtigung ist die großartige Bibliothek, welche alleine schon den Besuch verlohnt. Für Germanisten wird als Zusatzattraktion das neu entdeckte Fragment des Nibelungenlieds ausgestellt.

Kafka in Amerika

Sonntag, Oktober 14th, 2007

Hauled before a military tribunal at the American naval base in Guantánamo Bay, the detainee, picked up in Afghanistan, asked why he was being held. For association with a member of al-Qaeda he was told. Give me his name, the detainee demanded. The tribunal’s president said he didn’t know it. Nor did any of the tribunbal’s other members. “How can I respond to this?” the detainee cried before being taken back to his cell to continue his detention, perhaps for the rest of his life. [Economist 6.10., S. 65]

Ganz unten

Donnerstag, Oktober 11th, 2007

Wienmuseum 11.10.

Deutlich deprimierender als die ironischen Liebesspiele in der Kunsthalle ist die noch bis Ende Oktober zu sehende Ausstellung über das Subproletariat europäischer Städte um 1900. Die Ausstellung beginnt mit den ersten literarischen und künstlerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert zum Thema, etwa die in Slums spielenden Romane Dickens oder die Milieustudien Zolas samt ihren emotionalisierenden Illustrationen. Im Kern der insgesamt etwas zu knapp gehaltenen Schau steht die Ikonographie des Elends, die damals die Sozialdebatte bestimmte. So gab es in Wien diverse Reporter wie Max Winter, die durch Reportagen und Fotos aus dem Wiener Untergrund (was man wörtlich verstehen darf, viele Obdachlose hausten in den Kanälen unter der Stadt) lange vor Wallraff Furore machten. Das Rote Wien nahm sich dieser Slums dann durch die berühmten Gemeindebauten an, die nach dem 1. Weltkrieg entstanden sind.

Francis Bacon, Susan Sontag, das 16. und 17. Jahrhundert und “Faust”…

Freitag, Oktober 5th, 2007

…bemüht heute Werner D’Inka in seinem FAZ Leitartikel, um die Änderungen im Layout zu rechtfertigen. Der Arme muss viel Angst vor seinen konservativen Lesern haben.

Klaus Brinkbäumer: Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee

Montag, Juli 16th, 2007

S. Fischer (Amazon Partnerlink)

Wir kennen sie nur aus panischen Medienberichten, diese Afrikaner, die ihr Leben aufs Spiel setzen und die in kleinen Booten versuchen, die mit allen technischen Finessen geschützte Südgrenze der EU zu überwinden. Die Einzelschicksale verstecken sich hinter abstrakten Zahlen. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass Klaus Brinkbäumer, Afrika Korrespondent des “Spiegel”, in seinem neuen Buch diese Flüchtlingstragödie mit einem Gesicht versieht: John Ekow Ampan. Er war einer der Glücklichen, die es nach Europa geschafft haben. Brinkbäumer konnte ihn überzeugen, seine westafrikanische Fluchtroute mit ihm noch einmal zu bereisen: Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Niger, Algerien, Marokko. Tausende Flüchtlinge sind hier oft Jahre unterwegs, zu teuer und zu mühsam ist die Reise durch den Kontinent.

Brinkbäumer gelingt es, die ungeheuren psychischen und physischen Strapazen anschaulich zu machen, welche diese Menschen für die geringe Chance auf sich nehmen, nach Europa zu kommen. Viele Beteiligte (Flüchtlinge, Schlepper, Familien) kommen zu Wort. Ein weiteres Verdienst des Buches ist es, die katastrophalen Zustände speziell in vielen afrikanischen Städten zu schildern. Wäre Dante unser Zeitgenosse, er könnte seine Höllenkreise diesmal auf der Oberfläche unseres Planeten ansiedeln. Über Lagos:

Es ist eine erbärmliche Stadt. 15 Millionen Menschen und nichts als Dreck und Müll und Schlamm. Wege durchs Abwasser sind Bretter, die hineingeworfen wurden, damit mal halbwegs trocken rüberkommt - diese Bretter heißen Hauptstraßen

[…]

Lagos ist Stau: eine einzige Masse von Autos, und zwischen den Autos zwängen sich Blinde, Krüppel, zehn.- zwölfjährige Jungs hindurch, auf den Köpfen Eimer mit Getränken. Sie flehen die Fahrer an, manchmal reichen sie die Getränke nach innen, aber dann schließt sich die Scheibe, es gibt kein Geld; sie können nichts dagegen tun, denn würde sie einem Reichen das Auto zerkratzen, hätten sie es künftig nicht leicht in den Straßen der Stadt. Es reicht ja, wenn hier einer ruft: “Ein Dieb, der da ist ein Dieb”, dann kommt der Mob und einer findet immer einen Autoreifen, und einer findet immer Benzin, und dann zünden sie den Dieb an, den angeblichen, und ermorden ihn, und dann gehen sie weiter. Solche Szenen sind viel zu normal in Lagos. [S. 79f]

Wer wollte hier nicht weg?

Brinkbäumer zeichnet ein düsteres Bild des Kontintents. Die Reportage ist immer wieder unterbrochen durch historische und analytische Passagen, die nach meinem Geschmack durchaus ausführlicher hätten sein dürfen. So beschreibt er etwa, dass viele Weiße Westafrika verlassen ohne mit einem Wort zu erwähnen, dass nun viele Chinesen an deren Stelle treten. Ein sehr lesenswertes Buch.

Autoritäre Tendenzen

Samstag, Juli 14th, 2007

In der aktuellen Ausgabe der The New York Review of Books geben zwei Artikel eine bedenkliche Zusammenschau. Der amerikanische Bürgerrechtler David Cole beschreibt einmal mehr das skandalöse Rechtsverständnis der Bush-Administration, speziell des Justizministeriums. Zahlreiche dieser Praktiken zeigen, dass man die USA derzeit nicht mehr als Rechtsstaat im westlichen Sinn bezeichnen kann. Dabei bedienen sich die Behörden teilweiser ähnlicher autoritärer Praktiken wie Putins Verwaltung, die Jamey Gambrell in Putin Strikes Back* an einem Beispiel beschreibt. Gesetze werden gebeugt und bürokratische Vorschriften als Instrumente gegen die Demokratie eingesetzt. Im Fall der USA wurden etwa Immigrationsgesetze zur “Terrorbekämpfung” missbraucht und mehr als tausend Menschen eingesperrt. Keinem einzigen konnte etwas nachgewiesen werden.

Es scheint in der sogenannten ersten Welt eine Entwicklung hin zu einer Aufweichung von Freiheitsrechten zu geben. Dass der deutsche Innenminister seine Mitmenschen auf Verdacht erschießen können lassen will, passt ebenso ins trübe Bild wie der Überwachungswahnsinn in Großbritannien.

*Addendum: Der verlinkte Artikel ist mittlerweile kostenpflichtig.

Richard Dawkins: The God Delusion

Samstag, Juni 16th, 2007

Transworld Publishers, Paperback (Amazon Partnerlink)

Seit einiger Zeit gibt es im angelsächsischen Raum eine Bewegung, die man in eine Schublade mit der Beschriftung “New Atheism” steckt. Die linke amerikanische Zeitschrift “The Nation” hat ihr die aktuelle Titelgeschichte gewidmet.

Prominentester Vertreter der neuen Religionskritiker ist Richard Dawkins. Auch Sam Harris und Christopher Hitchens sind - neben anderen - mit entsprechenden Titel auf dem Buchmarkt vertreten. Ihre Kritiker sind schnell mit dem Vorwurf zur Hand, dass hier Atheismus selbst mit einem quasireligiösen Fanatismus betrieben wird. Darauf kann man mindestens Zweierlei entgegnen: Erstens ist speziell in den USA ein mediales Trommelfeuer der Bigotterie festzustellen, dem man mit höflichem Aufzeigen nicht medienwirksam entgegen treten kann. Zweitens ist die (polemische) Kritik von absurden Behauptungen und Theorien (wobei diese Gebilde meist dergestalt sind, dass sie die Bezeichnung “Theorie” keinswegs verdienen) von einer anderen Qualität als die Hervorbringungen dieser wirren Kopfgeburten.

Dawkins fasst in “The God Delusion” prägnant und rhetorisch gewitzt die wichtigsten Argumente von uns Religionskritikern zusammen und kann deshalb jedem empfohlen werden, der sich einen Überblick darüber verschaffen will. Wer die Materie kennt, dem werden viele Gedankengänge bereits vertraut sein, etwa Dawkins Ausführungen rund um die Wahrscheinlichkeit Gottes versus der Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Entstehung der Welt.

Besonders überzeugend fand ich die Kapitel am Ende des Buches in denen er sich mit den potenziell katastrophalen Folgen von religiöser Erziehung beschäftigt, die er berechtigterweise als geistige Kindesmisshandlung qualifiziert. Jedes Kind solle das Recht haben, kritisches Denken und den aktuellen Stand der Wissenschaft zu erfahren, um sich dann eine eigenständige Weltanschauung bilden zu können.

Dawkins verweist auch auf islamistische Terroristen als Beispiel einer fehlgeleiteten Religionserziehung. Das ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man etwa an die Aktivitäten der Koranschulen in Pakistan und anderen Orten denkt. Es greift aber trotzdem zu kurz, da wir heute wissen, dass viele der “prominentesten” Terroristen Studenten / Akademiker waren, teilweise von technischen Studienrichtungen.

Es handelt sich jedenfalls um eine lohnende Lektüre. Wobei ich das Buch nicht gelesen, sondern angehört habe.

BBC World auf Youtube

Sonntag, Juni 3rd, 2007

Der Sender mit der besten internationalen Fernsehberichterstattung hat nun einen eigenen Kanal bei Youtube bekommen: BBC World News

Die Katastrophe Bush

Samstag, Juni 2nd, 2007

One of the few foreign policy achievements of the Bush administration has been the creation of a near consensus among those who study international affairs, a shared view that stretches, however improbably, from Noam Chomsky to Brent Scowcroft, from the antiwar protesters on the streets of San Francisco to the well-upholstered office of former secretary of state James Baker. This new consensus holds that the 2003 invasion of Iraq was a calamity, that the presidency of George W. Bush has reduced America’s standing in the world and made the United States less, not more, secure, leaving its enemies emboldened and its friends alienated. Paid-up members of the nation’s foreign policy establishment, those who have held some of the most senior offices in the land, speak in a language once confined to the T-shirts of placard-wielding demonstrators. They rail against deception and dishonesty, imperialism and corruption. The only dispute between them is over the size and depth of the hole into which Bush has led the country he pledged to serve.

(Jonathan Freedland: Bush’s Amazing Achievement. NYRB 10/07)